Liebe Freunde!

Konflikte gehören zum Leben. Es war ein weiser Freund, der mir einmal sagte: "In einer Ehe ohne Streit fehlt der Nährboden für Wachstum und Verbundenheit." Das war ein tröstliches Wort für den jungen Ehemann, der seither weiß, dass es an Nährboden für Wachstum und Verbundenheit in seiner Ehe nicht mangelt. Die Frage ist allerdings, wie gestritten wird, welche Saat wir zwischen uns wachsen und groß werden lassen. Die Andersartigkeit des Anderen birgt immer Konfliktpotential. Sie aufzunehmen und anzunehmen, bereichert aber den gemeinsamen Garten und macht ihn erst lebendig und interessant.

Hähne, Pferd und Esel

Mein Lieblingsdialog zum Thema Konflikte findet sich im Musical Anatevka, einer liebevollen Darstellung des ostjüdischen Alltags in einem kleinen russischen Dorf an der Wende zum 20. Jahrhundert. Der Erzähler vermittelt anschaulich, was das Leben im Dorf atmosphärisch prägt:

"Wisst ihr, wir in Anatevka kommen prächtig miteinander aus. Zwar gibt es manchmal einen Streit, aber was macht das schon... Der-da hat Dem-da mal ein Pferd verkauft, aber einen Maulesel geliefert. Aber das ist lange her und längst vergessen." Sogleich fallen ihm besagte Streithähne heftig ins Wort: "Es war aber ein Pferd!" - "Nein, es war ein Esel!" "Und ich sage, es war ein Pferd!" - "Nein, ein Esel!"

Nicht immer tritt die Sachlage so offen zutage wie in Anatevka. Konflikte schwelen oft untergründig und haben viele Schichten und Beweggründe; und gerade die tieferliegenden können uns manchmal zur Verzweiflung übereinander treiben.

In uns oder zwischen uns?

Konflikte irritieren uns. Wo Menschen sich aufeinander einlassen und einander zumuten, wo also Nähe entsteht, da kommt es mit großer Sicherheit zu solchen Irritationen. Sie entspringen im wesentlichen zwei Wurzeln. Zum einen gibt es da etwas, das zwischen uns steht: eine Meinungsverschiedenheit, eine unterschiedliche Einschätzung, eine Sache, bei der wir verschieden verfahren würden. Zum anderen ist da der Konflikt, den wir in uns tragen und der in unsere Reaktionen mit einfließt, oft ohne dass wir es merken. Solche "Übertragungen" aber machen das Konfliktfeld schnell unübersichtlich, weil sich die Ebenen darin vermischen (S. 72). Darum ist es notwendig, Sach- und Personebene unterscheiden zu lernen und die Stimmen in uns aus der eigenen Vergangenheit zu erkennen und zu benennen. Dieser Weg kann schwer und schmerzhaft sein und braucht normalerweise das "Außenauge", jemanden, der uns hilft, uns selbst auf die Spur zu kommen. Dann aber kann es ein Weg der Befreiung, der Heilung und des Wachsens werden - zu dem Menschen, als den Gott uns gedacht und geschaffen hat.

Adam, Jesus und Gethsemane

Seit Beginn der Menschheitsgeschichte sind wir in Konflikte verstrickt. Nach Gottes Willen konnten sich Adam und Eva - mit nur einer einzigen Einschränkung - froh und frei im Garten des Lebens bewegen. Die Schlange jedoch wusste um ihre "Schwachstelle" und ihre Versuchlichkeit und beschwor das Unheil herauf: Misstrauen gegenüber Gott; Scham und Schuld, Neid, Bitterkeit und Selbstverachtung waren geboren. Eine Kultur des Todes begann sich auszubreiten. Und gerade hier, im Säen des Misstrauens gegen Gott und gegeneinander, liegt die ganze Anstrengung Satans. Spaltung ist sein Werk - die Zerstörung von vertrauender Gemeinschaft sein Ziel. Er versucht, die Ebenbildlichkeit Gottes, zu der wir in unserem Miteinander in Freundschaft, Ehe, Gemeinde berufen sind, zu entwerten und auszulöschen.

Die Ursünde des Vertrauensbruchs nimmt Jesus auf im Garten Gethsemane (S. 54). Er, der zweite Adam, ringt mit diesem Geist des Todes. Auf dem schmerzvollen Weg nach Golgatha hat er, der bis zum Ende im Vertrauen und im Gehorsam Gott gegenüber geblieben ist, den Tod niedergerungen und ihm den Stachel für immer genommen. Jesus hat der Liebe des Vaters geglaubt und uns in das Vertrauen zu ihm mit hineingezogen: "... durch die Gerechtigkeit des Einen ist für alle Menschen die Rechfertigung gekommen, die zum Leben führt." (Röm 5,18)

Reizklima und Abendmahl

Seitdem ist das Kreuz der Ort, an dem wir immer neu Befreiung finden können von dem, was uns entzweit: vom Gift der Feindseligkeit, Unversöhnlichkeit, Bitterkeit und Rechthaberei. So ist es in unserer OJC-Gemeinschaft ein tägliches Lernfeld, im Konfliktfall zuallererst im Gespräch mit Gott die eigene Angst, Wut, Empörung oder was immer uns umtreibt, auszusprechen und abzugeben. Auf dieser Basis dominieren nicht unsere emotionalen Erstreaktionen, die sich oft zwischen dem Wunsch nach "Exekution des Anderen" oder "Unterwerfung unter den Stärkeren" bewegen, sondern es kommt etwas Neues ins Spiel, was dem Ansprechen und Austragen des Konfliktes eine fruchtbare Wendung gibt.

Dass wir als OJC seit über drei Jahrzehnten in besonders intensiver Weise gemeinsam leben, also auch streiten, hat uns - fast wider Willen - zu Experten in Sachen Konflikte werden lassen. Das Reizklima unserer Gemeinschaft, in der alte und junge Menschen, Familien und Ledige, Männer und Frauen, evangelische und katholische Geschwister das Leben teilen, beschert uns mehr Auseinandersetzungen, als uns oft lieb ist. Und zweifelsohne bleiben wir einander immer wieder viel schuldig. Dabei bleibt es ein Himmelsgeschenk, uns ins gemeinsame Abendmahl als Mitte der Gemeinschaft flüchten zu dürfen und uns von Christus her immer wieder miteinander zu versöhnen.

Ungeheures im Jurassic Park

Was die Gemeinschaft als Ganze betrifft, so haben wir klärende Räume der Entgiftung erschließen müssen, um latenten Irritationen ihre Zerstörungskraft zu nehmen. Immer wieder kursieren in Gemeinschaft unwahre oder halbwahre, in jedem Fall verdrehte Sätze, die - von innen oder außen kommend und in unguter Absicht in die Welt gesetzt - eine üble Sprengkraft haben. Je länger sie unterirdisch wuchern, desto zerstörerischer wirken sie. Diese "Ungeheuer" fangen wir regelmäßig in einer Zeit der Lichtgemeinschaft ein. Sie werden dann miteinander in Ruhe angeschaut und verlieren - bei Lichte betrachtet - meist ihre Monströsität. Sind sie erst auf Originalgröße runtergeschrumpft, können wir über sie und uns auch wieder lachen. Symbolisch sperren wir sie dann in einen kleinen Käfig, den "Jurassic Park" der OJC.

(Ge)Fährten der Heilung

Im Beieinanderbleiben und im Reflektieren des Erlebten sind in unserem Leben Fährten der Heilung sichtbar geworden, die wir heute formulieren und weitergeben können.

So stammen nicht zufällig fast alle Beiträge dieses Heftes aus dem Kern der Gemeinschaft und zeigen exemplarisch, wie Konflikte entstehen können, wie sie erlebt werden und wie man konstruktiv damit umgehen kann. Dr. Christl R. Vonholdt und Friederike Klenk tragen aus ihrem jeweiligen Erfahrungshintergrund die Grundlagenartikel bei (S. 72 u. S. 82). Unser Freund und Wegbegleiter Eduard Berger nimmt aus ungewohnter Perspektive den Gemeindehorizont ins Visier (S. 56). Die anderen Berichte veranschaulichen die Hauptartikel durch sehr persönliche Einblicke.

Im globalen Dorf

Den weltweiten Horizont zum Thema reißt Jeppe Rasmussen (S. 87) auf, der am Beispiel vom ganz aktuellen Karikaturenstreit zeigt, wie heute im "globalen Dorf" unseres Planeten inszenierte Emotionen eskalieren können. Mir kam in diesem Zusammenhang eine Bemerkung des Psychohistorikers Lloyd DeMause aus seinem klugen Buch The Emotional Life of Nations (New York 2002) in den Sinn: "Nationen ziehen heute vor allem dann in den Krieg, wenn ihre emotionalen Ressourcen aufgebraucht sind, nicht ihre ökonomischen." Das gibt zu denken - auch für den eigenen Kulturkreis.

Herzlich zu danken haben wir für die vielen Freunde, die unserer Bitte nach Unterstützung für die Cholera-Not im bürgerkriegsgeschüttelten Kongo nachkommen konnten. Inzwischen haben wir weitere 5.000 Euro als Nothilfe an unsere Freunde geschickt.

Albert Baliesima, unser Partner vor Ort, der die Hilfsaktionen leitet, wird hoffentlich am 25. Mai zum OJC-Festival bei uns sein (S. 94) und das Neueste aus diesem Krisengebiet berichten. Wir freuen uns, wenn Sie und Ihre Freunde dabeisein können und sind dankbar, wenn Sie sich mit der beiligenden Karte anmelden.

Hoffen und auferstehen

Allen bedrückenden, schweren Nachrichten und Nöten im Nah- oder im Welthorizont möchten wir das Paradox der Wirklichkeit entgegenhalten, das in einer orthodoxen Osterhymne wunderbar ausgedrückt ist: "Christus ist auferstanden von den Toten und hat den Tod durch den Tod besiegt und denen im Grabe das Leben gebracht!"

Diesen Siegesruf, der dreimal wiederholt wird, werden wir einander in der vor uns liegenden Osterzeit kräftig zusingen. Dass Jesus siegt, bleibt ewig ausgemacht und ist der tiefste Grund unserer Hoffnung.

Ihnen allen wünsche ich frohe Tage, getragen von lebendiger Osterfreude und die Gewissheit, dass im konflikthaften "Aneinanderrüsseln" nicht nur der Tiefpunkt des Alltags, sondern auch der Beginn einer Hoch-Zeit neuer Verbundenheit liegen kann.

Mit der ganzen OJC-Gemeinschaft grüße ich Sie aus Reichelsheim und Greifswald,

Ihr Dr. Dominik Klenk

(abgeschlossen am 18. 03. 2006)

Von

  • Dominik Klenk

    Journalist und Medienpädagoge; Leiter und Prior der OJC von 2002-2012; seitdem Leiter des fontis' Verlags (ehemals Brunnen Verlag), Basel

    Alle Artikel von Dominik Klenk

Das Salzkorn im Abonnement

Jede Ausgabe dieser Zeitschrift können Sie kostenfrei bestellen »

Auch künftige Ausgaben vom Salzkorn (erscheint vier Mal im Jahr) senden wir Ihnen gerne zu. Hier können Sie das Salzkorn abonnieren »

Unsere Veröffentlichungen unterstützen

Helfen Sie uns mit Ihrer Spende, christliche Werte und eine kritisch-konstruktive Auseinandersetzung mit Strömungen der Zeit auf der Grundlage des Evangeliums an nachfolgende Generation zu vermitteln.

So können Sie spenden:

» Bankverbindung
» Spendenformular
» PayPal