Traum trifft Wirklichkeit

Als Gast auf Schloss Reichenberg

von Hanna Dettling-Gysel

Mehr als dreißig Jahre begleitete mich ein Wunsch, der mich nie ganz losließ: Ich möchte einmal in der OJC mitleben und diese Gemeinschaft von nahem kennenlernen.

Durch Freunde aus dem CVJM Basel, durch die Teilnahme einzelner OJC-Mitarbeiter an Konferenzen in der Schweiz und vor allem durch ihre Publikationen "kannte" ich die OJC. Ihren Rundbrief - das heutige Salzkorn - las ich über all die Jahre hinweg mit großem Interesse und hielt damit meinen Traum am Leben. Vielleicht kann ich mir einen Aufenthalt in der OJC zu meinem 50. Geburtstag schenken?

Doch durch die intensive Mit- und Vollzeitarbeit im CVJM, durch mein hundertprozentiges Engagement und Eingebundensein als Familienfrau mit drei Kindern, Haus, Garten, Hund und meine berufliche Tätigkeit als Jugendarbeiterin und Primarlehrerin schob ich meinen Wunsch immer wieder auf unbestimmte Zeit hinaus.

Erschöpfung wurde zum Ansporn

Einige Wochen nach meinem 50. Geburtstag wagte ich es endlich, meinen Traum wieder hervorzuholen. Ungelöste Fragen, Erschöpfung, der Wunsch nach beruflicher Neuorientierung und das Bedürfnis, mir einmal eine Auszeit von allen Verpflichtungen zu gönnen und gleichzeitig aufzutanken, gaben mir den nötigen Ansporn. Noch teilte ich meinen Plan mit niemandem und fragte erst einmal in der OJC an, ob auch Leute in meinem Alter in der Offensive Junger Christen eine Zeit mitleben könnten. Offensichtlich purzelte meine Anfrage genau im richtigen Moment durch die Computer der OJC-Kommunität, denn es wurde gerade ein Platz zum Wohnen frei und dringend Hilfe für die Küche gesucht.

Nun machte mir mein eigener Mut beinahe Angst, denn jetzt standen schwierigere Schritte bevor: Ich weihte meine Familie in meinen Plan ein, ich musste meine Stelle in Frankreich kündigen, in Basel um Urlaub an der Schule ersuchen und für meine Aufgaben in der Kirchgemeinde Ersatz finden. Mein Mann und die drei Kinder (20, 17, 15 J.) halfen mir über das stärker werdende mulmige Gefühl hinweg, das mich beschlich, je näher der Tag meiner Abreise kam.

Unser 25. Hochzeitstag war Reisetag! Mein Mann begleitete mich nach Reichelsheim. Schon der Mailkontakt, aber erst recht der fröhliche, unkomplizierte und herzliche Empfang bei Sperrs auf dem Schloss nahmen mir meine Bedenken. Ich fühlte mich willkommen und musste nun lernen, für eine bestimmte Zeit loszulassen, was zu Hause passierte.

Perlen meiner Auszeit

Zusammen mit Sr. Ruth, die ebenfalls Gast war, bewohnte ich eine kleine Wohnung auf Schloss Reichenberg. Wir teilten uns Küche und Minibadezimmer und nahmen meist gemeinsam Frühstück und Abendbrot ein. Zum Glück konnte mich Sr. Ruth durch das Labyrinth der Schlossräumlichkeiten und die immer wechselnden Wochenprogramme lotsen, bis ich mich etwas auskannte. Bald teilten wir nicht nur Küche und Bad, sondern auch einen Teil unserer Freizeit, die Hausarbeit, Erlebnisse, Sorgen und Freuden, einen Teil unseres Lebens. "Leben teilen" hieß hauptsächlich, uns mitzuteilen, und das konnten wir in diesen zwei Monaten täglich üben.

Die Mitarbeit in der Küche trug wesentlich dazu bei, mich schnell als Mitglied der Schlossfamilie zu fühlen. Hier pulsierte ein Teil des Schlosslebens, hier lernte ich alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen "life" kennen. Weil ich während meiner Auszeit endlich einmal keine größere Verantwortung trug, genoss ich es, einfach da mitzuhelfen, wo ich gebraucht wurde - noch nie habe ich mit solch innerer Ruhe Riesenberge von Salat gewaschen oder singend im muffigen, dunklen Keller kiloweise Kartoffeln geputzt. Freizeit und Arbeit hielten sich die Waage und Elisabeth, die Küchenverantwortliche, achtete streng darauf, dass ich meine freien Zeiten auch einhielt. Ich konnte mich entspannen, loslassen, erleben...

Zu diesem Erleben gehörten weitere Perlen meiner Auszeit in der OJC: Intensive stille Zeiten, anstrengende, befreiende und hilfreiche Gespräche, Gottesdienste und Abendmahlsfeiern, deren Botschaft und Atmosphäre ich aufsog wie ein Schwamm, Begegnungen mit Menschen unterschiedlichen Alters oder verschiedener Herkunft.

Feste feiern zu jedem Anlass

Endlich erlebte ich auch den "Tag der Offensive", das alljährliche Freundestreffen, aus nächster Nähe mit! Tagelange Vorbereitungen in jedem OJC-Haus, Herstellung von Unmengen von Getränken und Salaten bei uns in der Küche, Stress, Sorgen wegen des Wetters, unkompliziertes gemeinsames Anpacken und die große Erleichterung und Begeisterung nach dem guten Gelingen - diesmal konnte ich diese Erlebnisse mit den anderen teilen und nicht nur die farbigen Fotos im Salzkorn bestaunen.

Erstaunt stellte ich fest, wie viel in der OJC gefeiert wird: Wenn Gäste kommen, wenn Gäste gehen, Geburtstage, Fußballspiele, Abschiede, Sonntage, Hochzeiten und Abendmahlsfeiern. Immer fand sich ein Grund, Freude zu teilen, mitzuteilen, zu vervielfachen, zu besingen, andere daran teilhaben zu lassen.

Schönes und Schweres teilen

In schweren Momenten wurde auch die Not geteilt: Krankheit, Ungewissheit, Sorgen brachten wir gemeinsam vor Gott und die Last wurde merklich leichter.

Ich habe meine Auszeit in der OJC in vollen Zügen genossen, ich konnte mich körperlich und seelisch erholen und durfte einen reichen Schatz an Gedanken, Impulsen, Wünschen, ja reichen Segen mit nach Hause nehmen.

Mein inneres Gleichgewicht sollte ich auch bald dringend nötig haben: Wenige Stunden nach meiner Rückkehr aus Reichelsheim erlitt mein Mann einen schweren Badeunfall. Ein kurzer Augenblick genügte, um mich aus dem "erlebten Traum" in die zu bewältigende Realität zu katapultieren. Dankbar zehre ich noch jetzt aus der Fülle der Erlebnisse und Begegnungen, aus dem Teilen eines fröhlichen, lebensbejahenden Glaubens. Acht Wochen sind eine kurze Zeit, verglichen mit den 30 Jahren, in denen ich die OJC von Ferne wahrnahm. Aber diese Wochen in der Schlossgemeinschaft waren ein großes Geschenk und werden mich noch länger begleiten.

Von

Das Salzkorn im Abonnement

Jede Ausgabe dieser Zeitschrift können Sie kostenfrei bestellen »

Auch künftige Ausgaben vom Salzkorn (erscheint vier Mal im Jahr) senden wir Ihnen gerne zu. Hier können Sie das Salzkorn abonnieren »

Unsere Veröffentlichungen unterstützen

Helfen Sie uns mit Ihrer Spende, christliche Werte und eine kritisch-konstruktive Auseinandersetzung mit Strömungen der Zeit auf der Grundlage des Evangeliums an nachfolgende Generation zu vermitteln.

So können Sie spenden:

» Bankverbindung
» Spendenformular
» PayPal