"Nur die Liebe hat mich gerettet!"

Der Drogenszene entkommen. Ein Lebenszeugnis

Angela Ludwig befragt Kike Vivas und Tati Radulich

Luis Enrique Vivas (51), genannt Kike, und seine Frau Graciela (47), genannt Tati, leiten seit 22 Jahren mit großem Engagement das Drogenrehaprogramm El Retoño. Bei ihrem OJC-Besuch im Oktober 2006 erzählten sie uns ihre Lebensgeschichten und davon, wie Gott sie buchstäblich in letzter Minute gerettet und ihnen neues Leben geschenkt hat.

Kike, gibt es ein Bibelwort, das für dich besondere Bedeutung hat?

Ja, das ist Matthäus 25, als Jesus sich mit den Armen und Verwundeten dieser Erde identifiziert: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt! Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht... Das zu tun, war Jesu Auftrag und das ist der Auftrag der Kirche. Uns mit den Bedürftigen zu identifizieren, ist auch die Grundlage unserer Mission.

Tati: Ich war ein so verletzter Mensch - und Gott ist nicht an mir vorübergegangen!

Könntest du mehr davon erzählen?

Als Kind gehörte ich zu einer evangelischen Gemeinde, die sehr eng und streng war. In der Pubertät ging ich zwar noch hin, war aber voller Wut und Rebellion gegen Gott und die Kirche. Als Studentin in den 1970er Jahren habe ich mich für politische und soziale Fragen interessiert. Damals schon lagen mir die Ärmsten sehr am Herzen. Mit 17 habe ich geheiratet. Zwei Monate später begann die Militärdiktatur. Als erstes hat sie alle ihre "Gegner" beseitigt. Die Militärpolizei kam einfach in die Häuser und zerrte die Leute aus ihren Wohnungen, brachte sie an einen geheimen Ort, wo sich ihre Spur verlor.

Eines Tages kamen sie auch zu uns und nahmen uns mit, ich war schwanger. Als der Polizeichef mich sah, rief er spontan: "... aber sie ist ja noch ein Kind, sie sieht aus wie meine Tochter!" Ihm verdanke ich mein Leben. Sie haben mich drei Tage und Nächte geschlagen, verhört und schließlich mit verbundenen Augen zu einem Feld gefahren und dort rausgeworfen. Ich dachte, jetzt erschießen sie mich, aber das Auto fuhr einfach weg.

Was wollten sie denn von dir wissen?

Sie zeigten mir Hunderte von Fotos, wollten Namen wissen, das Netzwerk ihrer "Feinde" herausfinden. Später haben sie es mit Telefonterror versucht, angerufen und gefragt, ob das Kind schon da sei. Das war ihre Art, Angst zu verbreiten. Da habe ich durchgedreht. Nachdem meine Tochter geboren war, habe ich angefangen, in extremem Maß Drogen zu nehmen, auch zu spritzen - bis ich weniger als 40 kg wog.

Erst zehn Jahre später erfuhr ich, dass die Gefangenen normalerweise in eine Zelle gebracht, gefoltert und dann getötet wurden. 30 000 Menschen sind auf diese Weise verschwunden. Auch von meinem Mann habe ich nie wieder etwas gehört. Da erst begriff ich, welches Wunder es war, dass ich überlebt habe. Aber ich war voller Schuldgefühle und Schmerz.

Kürzlich las ich über KZ-Überlebende, die ein Leben lang mit Schuldgefühlen kämpften, weil sie den Horror überlebt hatten, ihre Verwandten und Freunde aber nicht. Dabei erwartete ihre Umgebung, dass sie glücklich sein müssten. Darin habe ich mich wiederentdeckt.

1980 bin ich dann auf das Drogenrehaprogramm von La Lucila gestoßen.

Wie bist du an die Adresse gekommen?

Meine Großmutter hatte davon in der Zeitung gelesen und mir die Adresse gegeben. Ich habe mich auf der Stelle in den Bus gesetzt und bin hingefahren. Es ging mir so miserabel, dass ich eigentlich sterben wollte, aber um meiner Tochter willen habe ich Hilfe gesucht.

Die erste Person, der ich begegnete, war Kike. Es folgten schwierige Jahre. Es war sehr, sehr schwer für mich, die Drogen zu lassen und die Wunden meines Lebens brauchten lange, um zu heilen. Und ich musste meine Vorurteile gegen die Kirche überwinden. In meiner früheren Gemeinde musste man perfekt sein. Kike, René und Cathy Padilla und alle anderen in La Lucila aber haben mich angenommen, wie ich war, in mir gesehen, was noch aus mir werden kann. Nur ihre Liebe hat mich gerettet. Ihre Liebe hat mich verwandelt. Zum erstenmal bin ich Gott begegnet - in den Menschen, die mir halfen. Vorher hatte ich ihn nie wirklich erlebt. 1981 haben Kike und ich geheiratet.

Kike, wie bist du in den Suchtkreislauf geraten?

Meine Mutter kam aus einer armen spanischen Immigrantenfamilie, die ein sehr, sehr hartes Leben hatte. Auch mein Vater kam aus einer armen Familie, war Zeitungsverkäufer und ein typischer Argentinier: spielte, trank, liebte die Frauen und kümmerte sich nicht um uns Kinder. Ich war das schwarze Schaf in der Familie. Wo ich auftauchte, gab es Trouble. Überall haben sie mich rausgeschmissen, aus der Kirche, der Pfadfindergruppe, überall.

Mit elf Jahren bin ich von daheim weggegangen und habe mehr oder weniger auf der Straße gelebt, auch wenn ich Zuhause noch ein Bett hatte. Ich habe alles ausprobiert, was es gab, habe angefangen, Alkohol zu trinken, zu stehlen und dann auch Drogen genommen. Die haben mir gefallen und sehr schnell habe ich auch gespritzt. Damit begann eine Abwärtsspirale. Mein Vater musste mich oft bei der Polizei abholen, aber manchmal verbrachte ich auch Wochen im Gefängnis. Mein Leben war ein einziges Rein und Raus aus dem Knast.

Wie bist du dann in einer bürgerlichen Kirche gelandet?

Mein Leben wurde immer komplizierter, mit der Gesundheit ging es bergab, ich lebte nun komplett auf der Straße, schlief am Flussufer oder in Parks, die Militärpolizei war hinter mir her; sie haben mich viel geschlagen. Ich habe ständig gestohlen, um meinen Drogenkonsum zu finanzieren. Eines Tages hörte ich, dass es an einem bestimmten Platz einen Drogenmarkt geben soll und machte mich auf, allerdings war ich schon ziemlich "gedopt" als ich dort ankam und wusste gar nicht mehr, was ich eigentlich da wollte. Auf dem Platz stand auch eine Jugendgruppe, die zur Gitarre sang. Ich sagte zu meinen Freunden: "Kommt, wir klauen ihnen die Gitarre!" Aber als wir uns näherten, begannen sie mit uns zu reden und uns in ihre Kirche einzuladen. Wir gingen tatsächlich mit, waren aber alle völlig "zu" mit Drogen. Wir haben den Gottesdienst ständig unterbrochen und nur Probleme gemacht. Beim Ausgang lud mich der Pastor zum Tee in sein Büro ein und erzählte mir von Jesus. Ich antwortete ihm sarkastisch: "Dein Gott hängt dort am Kreuz, mein Gott ist hier", und dann zeigte ich ihm meine Drogen. "Meiner ist präsent, aber wo ist deiner?" Dann bin ich gegangen.

Aber ich bin wiedergekommen. Ich kam mit der Weinflasche unter dem Arm, habe in der Kirche geraucht, mich auf ihrer Toilette gespritzt. Aber sie haben mir zu essen gegeben, sie haben mir Geld gegeben. Ich dachte mir, die sind ja schön blöd, ging aber immer wieder hin mit meinen Freunden. Überall hatten sie mich rausgeschmissen, aber in dieser Kirche freuten sie sich, wenn ich kam.

Was hat dich schließlich gerettet?

Eines Abends wartete ich in einer Art Halbschlaf auf den Bus. Da hörte ich Geschrei und plötzlich schoss jemand auf mich. Es war die Polizei, sie wollte mich offensichtlich loswerden. Mein Freund, der sich versteckt hatte, kam zurück und brachte mich ins Krankenhaus. Der Schuss war haarscharf am Herzen und an der Wirbelsäule vorbeigegangen. Ein Wunder!

Die ersten, die mich im Krankenhaus besuchten, waren die Leute aus der Gemeinde. Einer von ihnen hat mir ein Neues Testament geschenkt. Ich habe tatsächlich angefangen, darin zu lesen: vorne bei Matthäus, dem Stammbaum Jesu. Aber es war so todlangweilig, dass ich gleich wieder aufgehört habe.

Am ersten Tag auf der Straße wurde ich erneut festgenommen. Die Polizei fragte mich scheinheilig, was denn passiert sei? "Nichts, ich wurde an der Lunge operiert", antwortete ich wahrheitsgemäß. Darauf haben sie auf meine frischen Wunden eingeschlagen. Ich habe auch das überlebt.

Ich ging weiterhin zur Kirche und traf dort eines Tages Carlos, den ich schon aus meiner Kindheit kannte. Er erzählte etwas von Jesus. Ich dachte, der hat wahrscheinlich was Schlimmes erlebt... Aber für mich war das ganz praktisch, denn er gab mir immer wieder Geld und Essen. Dann gründete er in seinem Haus eine Jugendgruppe. Ich bin mit meinen Junkie-Freunden dort aufgekreuzt, mit 40, 50 Leuten! Da erst habe ich angefangen, wirklich etwas vom Evangelium zu verstehen. Eines Tages habe ich Gott gebeten: Wenn es dich gibt, dann ändere mich, ich kann es nicht!

Das war die Wende?

Am nächsten Tag gab es ein Rockkonzert. Ich kämpfte mit mir, ob ich hingehe, bis ich mich schließlich wieder mit Drogen vollgepumpt habe und zum Konzert gefahren bin. Als ich am nächsten Morgen aufwachte, fand ich mich in Polizeigewahrsam wieder. Was tue ich hier? Hier will ich nicht sein! - war mein erster Gedanke.
An diesem Tag habe ich aufgehört, Drogen zu nehmen!

Die beiden Pastoren der Gemeinde lasen mit uns in der Bibel und unterstützten uns auch sonst, so gut sie konnten. Ich begann zu verstehen, was "ganzheitliche Mission" bedeutet. Gott hat mir durch diese Menschen gezeigt, wer er ist. Niemand hat mir gesagt, lass die Drogen oder mach’ dies oder das... Ich war akzeptiert, wie ich war. Diese Art von Liebe heilt dich und dann, eines Tages, lässt du freiwillig dein altes Leben, hörst auf zu rauchen, zu stehlen, du veränderst dich.

Wir haben angefangen, in Carlos Haus Betten zu bauen für die, die wie ich von der Straße wegwollten. So begann das Program Andrés, benannt nach dem Apostel Andreas, der seinen Bruder zu Jesus gebracht hat. Das war unser "Konzept".

Dieses Drogenprogramm habt ihr entwickelt, indem ihr die Nöte der Straßenkids ernstgenommen und Lösungen gesucht habt?

Ich habe erlebt, dass Gott mich von der Straße geholt und mir neues Leben geschenkt hat, nun wollte ich, dass auch meine Freunde das erleben. Ich habe nie geglaubt, dass Jesus allein mich retten will, sondern Jesus will die Welt retten, das ist mein Verständnis des Evangeliums. Jede Person, die sich verändert, verändert auch die Welt.

Tati: Kike war schon auf der Straße ein Führertyp, deshalb hatte die Polizei es ja so auf ihn abgesehen. Die Freunde beobachteten ihn genau: Warum geht der jetzt plötzlich in die Kirche? Wenn er sich verändern würde, würden sich viele andere an ihm orientieren und sich auch verändern, das war klar. Heute sind einige seiner Freunde von damals Pastoren. Alle seine Freunde, die nicht Christen geworden sind, sind später an Aids gestorben.

Und wie entstand El Retoño?

Program Andrés war das erste nichtstaatliche Drogenprogramm Lateinamerikas. Journalisten und Fernsehleute berichteten über uns, Sportler und Rockmusiker unterstützten uns und plötzlich brachten reiche Leute, Ölbesitzer, Senatoren ihre drogenabhängigen Kinder bei uns unter und wir hatten sehr viel Geld. Das hat die Arbeit verändert. Ich sage nicht, dass es für diese reichen Kinder nicht auch eine Chance geben sollte. Aber sie haben viele Möglichkeiten, Hilfe zu bekommen. Für die Armen gibt es nichts. Weil ich mich in erster Linie für die Ärmsten der Armen einsetzen wollte und es mir wichtig war, dass die Arbeit auf biblischer Grundlage steht, trennte ich mich von Carlos.

Wir sind sehr verängstigt und traurig weggegangen - eine Familie mit drei kleinen Kindern, ohne Wohnung, ohne Möglichkeit, etwas zu verdienen. Wir mussten wieder bei Null anfangen. In dieser Phase war La Lucila sehr hilfreich. Sie haben uns Geld geliehen, damit wir auf dem Land Wohnraum mieten konnten und haben auch beim Neuanfang mit El Retoño geholfen.

Wir nahmen junge Männer aus der Drogenszene in unser Haus auf und ich versuchte, diesen vaterlosen Jungen ein väterliches Gegenüber zu sein - und bin es bis heute, auch wenn es jetzt ein eigenes Haus für die Arbeit gibt.

Tati: Lange habe ich Gott gefragt, was meine Aufgabe sei. Nach einem Jahr hatte ich den Eindruck, dass Gott mich ermutigte, Sozialarbeit zu studieren. Auf der Straße konnte ich den Leuten meine Arme zeigen und sagen: schaut mal, ich bin eine von Euch. Und wenn ich mit den offiziellen Ämtern zu tun hatte, konnte ich ihnen meinen Uniabschluss zeigen und sie mussten mich ernst nehmen. Wir wurden bald als gemeinnütziger Verein anerkannt und begannen, mit den Betroffenen in den Armenvierteln zu arbeiten und mit Frauen, die auf der Straße lebten. Drei bis vier Jahre lang haben wir etwa 5000 Leute betreut, neben denen, die wir in unser Haus aufgenommen hatten. Wir haben über Aids aufgeklärt und waren eine Brücke zwischen Armenvierteln und Unikrankenhaus, haben Blut analysieren lassen, die Leute medizinisch versorgt. Wenn wir ihr Vertrauen hatten, konnten wir auch mit ihnen ins Gespräch kommen über ihre Hoffnungslosigkeit, über den Sinn des Lebens und ihnen vom Evangelium erzählen.

Was war in den 22 Jahren eure Kraftquelle?

Kike: Wir haben das Evangelium, das uns täglich nährt, und wir sind gemeinsam mit anderen unterwegs, mit denen wir unsere Hoffnung teilen. Manchmal sind wir müde. In der Zeit, als wir noch 5000 Drogenabhängige auf der Straße betreuten, kamen wir in eine Krise. Wir hatten vielen Hoffnung gemacht, jetzt kamen sie mit all ihren anderen Nöten: Krankheiten, Hunger, Kindersorgen, Arbeitslosigkeit. Gib mir, gib uns, war ihr Schrei. Der Staat kümmerte sich nicht. Wir haben gemerkt, wir gehören an die Front, aber wir brauchen Mitkämpfer, die wir ausbilden und instandsetzen müssen. Ich möchte gern unsere 30-jährige Erfahrung an Gemeinden, Gruppen, soziale Einrichtungen weitergeben, denn viele Gemeinden bei uns machen gute Sozialarbeit, aber keine andere macht Drogenarbeit.

Was bedeutet es für euch, euer Leben mit den Armen zu teilen?

Tati: ...das weiterzugeben und nicht bei mir enden zu lassen, was mich gerettet hat. Wir sind ständig umgeben von Menschen, die viele Nöte haben, denen es schlechter geht als uns. Da kann man nicht einfach nein sagen. Der Wert eines Menschen, der im Armenviertel aufgewachsen ist, ist nicht geringer als der Wert dessen, der das Glück hatte, in einem reichen Viertel aufzuwachsen. Beide haben die gleiche Würde vor Gott.

Kike: Ich habe das Gefühl, ich bin wie der Mensch, von dem die Bibel sagt, er hat die kostbare Perle gefunden und gibt alles andere dafür dran. Ich will nichts lieber, als dass andere sie auch finden.

René Padilla spricht oft von der restitutiven Gerechtigkeit. Er meint damit, dass Gerechtigkeit nicht heißt, dass alle das Gleiche bekommen, sondern dass jeder bekommt, was seiner Not entspricht, was er braucht. Und die Armen brauchen mehr, weil sie viel weniger Möglichkeiten haben. Alles gehört Gott und jeder soll das bekommen, was ihm von Gott her zugedacht ist, um ein menschenwürdiges Leben zu führen.

Von

  • Angela Ludwig

    Germanistin und Romanistin, Mitglied des OJC-Redaktionsteams und geistliche Begleiterin für viele innerhalb und außerhalb der OJC-Gemeinschaft.

    Alle Artikel von Angela Ludwig

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