Liebe Freunde!

"Haste was, biste was", sagt der Volksmund.
Wir haben keinen Fernseher. Darum erleben wir viele Abende ohne vorgefertigtes Programm. Wir sparen da-durch Zeit und sogar Geld. Manchmal allerdings kostet es uns auch etwas - Nerven, wenn unsere Kinder nach heißen Diskussionen wissen wollen, ob wir tatsächlich so arm sind, dass wir uns keinen Fernseher leisten können. Meistens lächeln wir dann (an guten Abenden) und versichern ihnen, dass wir wirklich keinen brauchen - denn wir haben doch zwei junggebliebene Damen im Haus: Conny und Angela. Und die haben einen. Und so sitzen wir dann immer mal wieder zu viert oder auch zu siebt bei den beiden oben, belagern ihr Wohnzimmer, essen ihre Chips, verkrümeln ihr Sofa und freuen uns gemeinsam an einem Fußballspiel oder einem schönen Film. So gut haben wir's - eben weil wir keinen Fernseher haben und sie ihren einfach mit uns teilen. Die anderen in der Gemeinschaft könnten von ähnlichen "Kooperationen" berichten.

Haben und Horten

Wie erleben Sie das mit dem Teilen? Es ist seltsam - aber in unserer Gesellschaft scheinen uns die Möglichkeiten des Teilens geradezu abhanden gekommen zu sein. Wo jeder alles hat, ist man nicht mehr aufeinander angewiesen. Wer ist schon gern bedürftig oder von anderen abhängig? Wir brauchen niemanden mehr zu bitten und keinem mehr zu danken.
Hier zeigt sich eine der Schattenseiten unseres Wohlstandes. Eine Kultur des Habens und Hortens verkleinert die Schnittmenge des Teilenmüssens und damit auch die Freude des Teilenkönnens. Dabei ist die Armut auch in unserem Land gegenwärtig, die materielle, aber auch die seelische. Oft gleich nebenan, schamvoll verborgen hinter den Wohnzimmergardinen. Doch was hat die Armut unseres Nachbarn mit uns zu tun? Die Bibel gibt uns darauf eine eindeutige Antwort.

Teil-Habe in der Urgemeinde

Die erste Jerusalemer Gemeinde setzte sich vorwiegend aus Leuten zusammen, die aus einfachen Verhältnissen kamen. Dem Bericht des Lukas zufolge "hatten sie alle Dinge gemeinsam. Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie unter alle, je nachdem es einer nötig hatte" (Apg 2,44f). Dieses Teilen war keine Pflicht, es geschah freiwillig. Privatbesitz war nicht verboten (Apg 12,12).

Als unter dem römischen Kaiser Claudius (41-54 n. Chr.) die große Teuerung einsetzte, kam die Gemeinde in wirtschaftliche Not. Auf Initiative der Apostel legten die Christen in den heidenchristlichen Gemeinden zusammen, um die Geschwister in Jerusalem zu unterstützen (Röm 15,26). Das griechische Wort, das hier für die eingesammelten Opfergaben verwendet wird, lautet koinonia und bedeutet zugleich Gemeinschaft und Teilhabe. Das drückt wunderbar aus, welches Selbstverständnis die frühen Gemeinden hatten: Das ganz praktische Teilen ihrer Geldmittel war Ausdruck ihrer inneren Verbundenheit und Einheit - über die sozialen, ethnischen und nationalen Grenzen hinweg. Das war die Frucht von Pfingsten: die Frucht des geistlichen Lebens, das sie so zusammenschweißte, dass sie "ein Herz und eine Seele waren" (Apg 4,32). Die Fürsorge füreinander, insbesondere für die Armen, war für sie wesentliches Kennzeichen der Nachfolge Jesu und ein Zeichen des anbrechenden Gottesreiches. Das machte sie ungeheuer anziehend (Apg 2,47).

Vom Segensstrom ...

An diese Erfahrung der ersten Christen dürfen auch wir uns anschließen; an den Strom des Segens, der uns aus ihrem Zeugnis und aus dem Leben vieler Christen aller Jahrhunderte entgegenfließt. Und wir dürfen uns am Zuruf Jesu orientieren: "Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit, dann wird euch alles andere zufallen" (Mt 6,33). Geht uns diese Reihenfolge verloren - und sie geht uns immer wieder verloren - wird das Teilen zur großen moralischen Anstrengung. Deshalb brauchen wir immer neu den Anschluss an Gottes guten Geist, damit unsere Herzen, unsere Häuser und unsere Geldbeutel füreinander offen bleiben und wir wahrnehmen, wo er uns "auf die Schulter tippt" und uns zur vertrauenden Selbstvergessenheit herausfordert. Und wir brauchen die Nähe zu unseren Nächsten, um ihre Nöte überhaupt wahrzunehmen und sie uns wirklich nahegehen zu lassen.

... und Wurzelboden des Teilens

Den theologischen Wurzelboden für eine Kultur des Teilens haben unsere Freunde Cathy und René Padilla für uns umgepflügt (S. 282). Sie machen einsichtig, dass es beim Teilen nicht um einen Verzicht um des Verzichts willen geht. Unsere Bereitschaft zum Verzicht empfängt ihre Bedeutung allein durch unsere Beziehung zu dem, der - obwohl er reich war, für uns arm wurde, damit wir durch seine Armut reich werden: Jesus Christus. (2. Kor 8,9) Aufgrund der erfahrenen Barmherzigkeit im Stall von Bethlehem, wo er uns die Fülle des himmlischen Lichtes und seine ganze Liebe und Zugewandtheit mitteilt, können wir weiterschenken, was uns geschenkt ist. (S. 266) Von daher können wir es wagen, unsere kostbare Zeit zu teilen, unser Wissen, unsere Gastfreundschaft, unseren Rasenmäher (der Kreativität des Teilens sind keine Grenzen gesetzt) und andere dazu ermutigen.

Ein väterlicher Freund hat es einmal so beschrieben: "Teilen ist eine Auswirkung erfahrener Liebe. Wer sich von Gott geliebt weiß, kann teilen, großzügig teilen, denn er weiß: Gott ist mein Vater, ihm gehört die ganze Welt und ich bin sein Kind."

Darüber hinaus ist das Hergeben auch eine lebenswichtige Übung für unsere geistliche Gesundheit, denn es schneidet die Wucherungen der Habgier und des Geizes in unseren Herzen immer wieder zurück.

Durst nach Orientierung

Die vergangenen Wochen waren für die OJC-Gemeinschaft eine bewegte Zeit. Der Nachhall des letzten Salzkorns zum Thema Gender-Mainstreaming hat uns in Atem gehalten. Mehrere tausend Hefte wurden nachbestellt und es gab viele Bitten um weitere Informationen zur Auflösung der Geschlechterordnung. Wer sich tiefer mit der brisanten Thematik, ihren Hintergründen und den politischen Strippenziehern befassen will, dem seien die beiden Artikel des FAZ-Redakteurs Volker Zastrow "Politische Geschlechtsumwandlung" und "Der kleine Unterschied" wärmstens empfohlen. Beide Texte können aus dem Internetarchiv der FAZ (http://fazarchiv.faz.net) nach Eingabe des Autorennamens ins Suchfeld heruntergeladen werden.

Kommen, gehen, bleiben

Im September hatten wir wieder unsere jährliche Mitarbeiter-Retraite. Es ist uns sehr bewusst geworden, dass - nach den Jahren des Leiterwechsels und der Erneuerung der Strukturen - nun die Phase des Generationswechsels ins Haus steht. Wir haben gestaunt und uns riesig gefreut, dass in den vergangenen sechs Jahren 46 neue Mitarbeiter (ohne die FSJler!) zur OJC dazugestoßen sind. Über die Hälfte von ihnen sind geblieben, einige sind weitergezogen.  Es ist bewegend zu erleben, wie sich auch heute noch Einzelne und Familien von Gott rufen lassen - auch in unseren "modernen Bettelorden". Es zeigt uns, dass Gott mit dieser OJC noch etwas vorhat. Aber es ist auch eine große Herausforderung, die verantwortlich gestaltet werden will. Integration von jungen Mitarbeitern braucht Zeit und  Begleitung. Das darf uns Kraft kosten und uns verändern.

Auf den Bilderseiten stellen wir Ihnen unser verjüngtes und gewachsenes Team vor, nach dem Motto: Die Jungen kommen und die Alten bleiben.

Beten, bauen, bewegen

Im Oktober hatten wir die ersten beiden Bauwochen auf Schloss Reichenberg (S. 302) und haben gute Erfahrungen im miteinander Beten und Arbeiten gemacht. Es war ein Auftakt, der Mut macht für den Fortgang des Erfahrungsfeldes "Wege zum Leben". 2007 werden diese Bauwochen fortgesetzt. Fühlen Sie sich heute schon herzlich eingeladen und willkommen geheißen!

Gemeinsam mit Vertretern vieler geistlicher Gemeinschaften und Kommunitäten haben wir am 30. Oktober auf dem Schwanberg den Beauftragten der EKD für die Kommunitäten Bischof Christian Zippert im Gottesdienst und mit einem Festnachmittag offiziell verabschiedet (S. 262). Im Anschluss daran, am Reformationstag, trafen sich erstmals Vertreter des Treffens Geistlicher Gemeinschaften (TGG) und der Konferenz evangelischer Kommunitäten (KeK). Diese beiden Gruppen repräsentieren die 60 größten evangelischen Gemeinschaften in Deutschland. Der Austausch war spannend und bereichernd und eine gute Frucht am Ende der Amtszeit des Kommunitätenbischofs Zippert.

Anfang November ging es weiter mit dem spannenden Austausch - diesmal bei uns in Reichelsheim: 70 Pfarrer, Pastoren und Unternehmer aus dem Rhein-Main-Gebiet waren gekommen, um sich geistlich neu auszurichten, miteinander für die Region zu beten und einander zu ermutigen. Entstanden ist dieses Treffen nach einer großen Entlassungswelle bei Opel in Rüsselsheim. Es war wunderbar zu erleben, wie die Sorge um Menschen in der Region Verantwortungsträger überregional zusammenbringt. Kontakt: Pfarrer Bernd Oettinghaus (bernd.oettinghaus@gmx.de).

Wird die Wanne voll?

Mit diesem Salzkorn schicken wir Ihnen wieder unseren farbig-frohen Dank für Ihr Mitgehen mit der OJC ins Haus: den Jahreskalender 2007. Wir hoffen, dass Wort und Bild auch im kommenden Jahr zu Ihnen sprechen und Sie geistlich stärken werden.

Wer das OJC-Finanzbarometer in den vergangenen Monaten in den Blick genommen hat, hat bemerkt, dass die Differenz zwischen unseren Einnahmen und Ausgaben seit Januar stetig angestiegen ist. Ein OJC-Freund kommentierte das kürzlich so: "Was ich sehe, ist vor allem, dass die OJC kontinuierlich über ihre Verhältnisse lebt." Nun, das ist eine Frage des Blickwinkels. Wahr ist, dass wir auf Vertrauen hin leben und in den Monaten Januar bis Oktober tatsächlich mehr ausgegeben als eingenommen haben (s. Säulendiagramm). Aber ein Drittel unserer Jahresspenden fallen auf November und Dezember. So war das nahezu jedes Jahr in der Vergangenheit. Das Kurvendiagramm umfasst diesen Zeitraum und zeigt die klassische "Badewannenkurve". Zehn Monate im Jahr leben wir gewissermaßen "über unsere Verhältnisse", besser: im Vertrauen auf Gottes Treue.

Die Erfahrung dieser "Zumutung" lehrt uns aber, dass bis Ende Dezember unser finanzielles Defizit - Gott sei Dank - ausgeglichen wird. Das ist jedes Jahr ein Wunder für uns, das wir keineswegs für selbstverständlich nehmen. Das braucht unsere ganze Vertrauenskraft und unser Gebet - und das braucht die bewegten Herzen von Ihnen, unseren Freunden, die auch in diesem Jahr wieder großzügig mit uns teilen.

Jetzt kommt's drauf an: Wird unser Glaubensziel erfüllt und die "Wanne" auch in 2006 wieder voll? Wenn Sie können, helfen Sie mit, dass wir weiter mit anderen teilen können und unser Dienst in der Kirche, der Gesellschaft und der Welt weitergehen kann. Von Herzen Dank!

In der Gewissheit, dass wir im Segenskreislauf des Teilens alle königlich Beschenkte sind, grüße ich Sie herzlich mit der bunten Schar der OJC-Mitarbeiter in Reichelsheim, Greifswald und anderswo,

Ihr

Dr. Dominik Klenk

abgeschlossen am 10. November 2006

Von

  • Dominik Klenk

    Journalist und Medienpädagoge; Leiter und Prior der OJC von 2002-2012; seitdem Leiter des fontis' Verlags (ehemals Brunnen Verlag), Basel

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