Sich verschenken macht reich

Erfahrungen aus der OJC-Gemeinschaft in Greifswald

von Renate Böhm

Meine Kindlein, lasset uns nicht lieben mit Worten noch mit der Zunge, sondern mit der Tat und der Wahrheit. Dieses Wort haben wir zu unserem Einzug ins Haus der Hoffnung geschenkt bekommen und es hängt nun in unserer Greifswalder Kapelle. Die Stelle aus 1. Joh 3,18 fiel mir ein, als ich gefragt wurde, was wir denn als Greifswalder Zelle teilen.

Wir teilen unser Leben nach innen mit denen, mit denen wir zusammenwohnen; nach außen mit denen, die unsere Gemeinschaft suchen. Wir teilen Freud und Leid miteinander, Sehnsüchte und Hoffnungen, Ideen und Fragen und die Nöte der Menschen aus unserer Region. Wir teilen unsere Zeit und unsere Räume, den gedeckten Tisch, an dem Menschen unsere Gastfreundschaft erfahren und genießen können. In einem Satz: Wir teilen, was wir sind und was wir haben.

Wie sieht das in unserem alltäglichen Leben aus?

Teilen in der geistlichen Gemeinschaft

Beim gemeinsamen Montagsfrühstück teilen wir einander mit, was wir am Wochenende erlebt haben und was an Terminen, Aufgaben, Begegnungen vor uns liegt. Einmal in der Woche am Hausabend sind es inhaltliche Impulse und Perspektiven für unser gemeinschaftliches Weitergehen. Im Austausch (Männer und Frauen getrennt) geben wir einander Anteil daran, wie es uns persönlich geht, was uns bewegt, was wir mit Gott und Menschen erleben. Unser geistlicher Sammelpunkt ist das Bibelteilen mit anschließendem Abendmahl am Mittwochvormittag. Beim Mittagessen als gesamte Hausgemeinschaft erzählen die Kinder von ihren Erlebnissen in Kindergarten und Schule.

Schließlich stehen wir gemeinsam im täglichen Mittagsgebet in der Fürbitte ein für die Nöte, die Gott uns aufs Herz gelegt hat.

Das Zentrum unseres Anteilgebens und Anteilnehmens ist die Gegenwart des Auferstandenen. Von ihm empfangen wir, was wir miteinander teilen: Die Liebe, die sich in der Tat und in der Wahrheit bewähren will. Die Wahrheit sieht manchmal so aus, dass ich im Licht Gottes entdecke, wo ich Hindernisse aufgebaut habe, die mich am Teilen mit den anderen hindern: Neid und Eifersucht, Rivalität und die Angst, zu kurz zu kommen. Manches verberge ich - aus Angst, abgelehnt zu werden; oder ich verschließe mich, weil mich die Art des anderen nervt.

In der Abendmahlsgemeinschaft begegnen wir der Liebe Christi, die es uns möglich macht, uns gegenseitig in unseren Schwächen (Mangel an Liebe, Ungeduld, Rachegelüste, usw.) zu erkennen und dennoch anzunehmen, wie er uns annimmt. Die Abendmahlsgemeinschaft ist die Mitte unseres gemeinsamen Lebens, die uns im Zusammenleben die Kraft gibt, immer wieder neu aufeinander zuzugehen und beieinander zu bleiben. Wenn wir im Lichte wandeln, wie ER im Licht ist, so haben wir Gemeinschaft untereinander und das Blut Jesu macht uns rein von aller Sünde (1. Joh 1,7). Von dieser Mitte aus kann ich den anderen als Geschenk sehen, den Gott mir zur Seite stellt, um mir in meinem Mensch-Sein zu helfen und in der Liebe weiterzuwachsen - gerade durch das, was mir beim anderen schwerfällt, vorausgesetzt ich nehme es als Chance an. Solches Hinsehen und Wahrnehmen ist nicht leicht. Dazu eine konkrete Situation aus der letzten Woche:

Ich biete Sabine meine Hilfe an, weil Thomas, ihr Mann, verreist ist. Sie lehnt dankend ab. Meine normale Reaktion: ich ziehe mich verletzt zurück. Soll sie sehen, wie sie alleine zurechtkommt... Mir fällt ein Wort aus meiner Gebetszeit am Morgen ein: "Hilf uns heute, deine Liebe weiterzugeben." Wie könnte das jetzt aussehen? Mir kommt der Gedanke, die zwei Jungs von Sabine am Nachmittag zum Spielen einzuladen. Es wird ein vergnügter Nachmittag: Simon, unser Patenkind, ist gerade zu Besuch und auch Eva-Maria spielt mit. Sabine bringt uns noch Kuchen ... Unsere Beziehung ist entspannt. Gott sei Dank!

Teilen mit Gästen von nah und fern

Einige Beispiele dazu: Als Gemeinschaft feiern wir regelmäßig eine Sonntagsbegrüßung und laden dazu Alleinlebende und Familien von außerhalb ein. Das wird sehr freudig angenommen: eine liturgische Feier mit gemeinsamem Essen, Tanzen, Singen, Spielen, Erzählen, Austauschen, was wir mit Gott erlebt haben - inzwischen ein sehr beliebtes Fest des miteinander Teilens.

Da ist Angela, Mutter von zwei erwachsenen Töchtern. Vor zwei Jahren ist sie zum Glauben gekommen: eine Kehrtwendung um 180 Grad, die ihr Leben verändert hat. Sie ließ sich taufen und arbeitet nun engagiert in einer Gemeinde mit. Ein wandelndes Wunder. Wir treffen uns seit zwei Jahren regelmäßig, teilen miteinander, was uns bewegt, lesen in der Bibel, beten mit- und füreinander. Neulich haben wir mit einem Festessen ihren Tauftag und die erste feste Anstellung nach fünfzehn Jahren Arbeitslosigkeit gefeiert.

Im Hauskreis, der sich jeden Montag bei uns zusammenfindet, behandeln wir gerade das Thema "Gottesbilder - Vaterbilder". Wir tauschen uns darüber aus, welche Erfahrungen wir mit unserem eigenen Vater gemacht haben und wie das unser Bild von Gott geprägt hat. Bewegend, herausfordernd und ermutigend für alle.

Zwei Freunde unserer erwachsenen Kinder luden sich gestern zum Abendessen bei uns ein. Sie erzählten drei Stunden lang von ihren teilweise sehr schmerzlichen Erfahrungen in den letzten Monaten. Es ist ihnen wichtig, uns daran teilhaben zu lassen. "Was es heute immer weniger gibt, sind Familien, in denen man das Gefühl hat, angehört und verstanden zu werden,"  sagt einer der beiden mehrmals während des Abends. Auch wir fühlen uns beschenkt.

Bei unserem Mittwoch-Mittagessen bringt Dorothea Kittel aus dem Kindergarten ein Lied mit, das sie zum bevorstehenden St. Martinstag gerade gelernt hat. Sie sitzt am Tisch und singt uns fröhlich vor: "Du kannst alles, alles teilen, mir fällt auch schon etwas ein. Denn teilen kann was Wunderbares, ganz Besonderes sein." Schöner könnte ich es auch nicht zusammenfassen.

Von

  • Renate Böhm

    Gemeindepädagogin, ist seit 1991 Mitarbeiterin in der OJC. Sie lebt mit ihrem Mann Rudi im Haus der Hoffnung in Greifswald.

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