Mich geben wie ich bin

Wie „frau“ in Gemeinschaft Vertrauen lernt

von Margrit Auner

Als Margrit Auner beschloss, ein Jahr lang geteiltes Leben auszuprobieren, ahnte sie nicht, worauf sie sich einließ. In ihrem Jahresteam auf Schloss Reichenberg (2004/05) gab es weder Langeweile noch Einsamkeit, dafür aber jede Menge Herausforderung, Spaß und Lebenstraining.

Schon lange hatte ich mir vorgenommen, vor dem Studium ein „Freiwilliges Soziales Jahr“ (FSJ) zu absolvieren. Ich wollte etwas erleben, mal richtig anpacken und Christsein im Alltag erleben – möglichst zusammen mit an deren jungen Leuten. Als ich die OJC kennenlernte, war ich vor allem von der Atmosphäre und der Aufmerksamkeit im Umgang miteinander fasziniert. Das Leben in einer Wohngemeinschaft auf einem richtigen Schloss und die Arbeit im Hausteam sowie in der hauseigenen Backstube lockten mich.

Ernüchterung im Alltag

„Sieben Frauen auf einem Haufen – wie wollt ihr denn da den Zickenterror vermeiden?“, hatten mich viele gefragt. Es war tatsächlich eine große Herausforderung, die unterschiedlichen Vorstellungen von Leben und Wohnen halbwegs unter einen Hut zu bekommen. Anfangs schien alles zu klappen und wir waren uns in vielem einig: wir brauchen Putzpläne, mit dem Spülen wechseln wir uns ab, wir essen gemeinsam, die Wäsche erledigt jede Woche eine andere...

Doch die Realität war: riesige Spülberge („ich war gestern schon dran!“), die Wäsche nach Farben zu sortieren wurde zum Kampf, die Socken verschwanden auf rätselhafte Weise, jede aß, wann sie grad Hunger oder Zeit hatte, der Kühlschrank war permanent leer...

Ich schluckte meinen Ärger runter, sortierte die Wäscheberge auseinander, ging einkaufen, wenn ich es für nötig hielt, und hielt mich ansonsten zurück. Aber durch Gespräche mit Mitarbeitern, durch Bibelarbeiten und vor allem durch die ständige Konfrontation mit dem WG-Alltag bekam ich eine Ahnung davon, dass schweigende Zurückhaltung auch nicht gerade die optimale Lösung ist.

„Konstruktiv streiten“ – um das zu lernen, war ich ja gekommen. Dem andern sagen, was mich verletzt. Mir wurde klar, wie wichtig es ist, dass ich meinen Gefühlen einen eindeutigen Namen gebe, wenn der andere mich verstehen soll. Auch, wenn das bedeutet, mir dadurch „die Blöße zu geben“, nicht mit jedem einfach so klarzukommen.

Verrückte Erfahrungen

In unserer WG lebten fünf Deutsche, eine Russin und eine Costa Ricanerin – alle sehr unterschiedlich. Doch eines hatten wir gemeinsam: wir waren alle auf der Suche nach einem bewussten Leben mit Gott. Das im Alltag umzusetzen, musste jede von uns üben. Dazu gehörte eben auch, im Streit nicht einfach innerlich und äußerlich davonzulaufen, sondern zu kommunizieren – wenn nötig, auch mal zu schreien - und zu sagen, was wirklich Sache ist, und auch füreinander zu beten.

Anfangs ist es mir unheimlich schwergefallen, den anderen meine Gedanken anzuvertrauen, einfach ehrlich zu sein.

Aber ich wurde trotzdem immer wieder gefragt „Wie geht es dir?“ Es hat mich sehr berührt, dass dies keine Floskel war, sondern eine ernstgemeinte Geste; dass die anderen sich wirklich für das, was ich denke und fühle, interessierten.

Wir haben viele schöne Dinge gemeinsam erlebt: lange Spaziergänge, intensive Gespräche am Kamin oder am Lagerfeuer, fröhliche Geburtstage, gemeinsames Gebet und dann natürlich unsere „verrückten Aktionen“: das Winterschwimmen im kalten Freibad, nächtliche "Alarm-Anrufe" und der Trubel als die Jungs unsere Schuhe entwendet und sie an den Zinnen der Schlossmauern aufgehängt hatten.

Bei all dem ich selbst zu sein und keine Zuneigung vorzutäuschen um der Harmonie willen – das habe ich unter anderem durch eine Mitbewohnerin gelernt. Sie ließ nicht locker, suchte den Kontakt zu mir und scheute die direkte Konfrontation nicht so sehr wie ich. Zuerst habe ich mich innerlich dagegen gewehrt, ihr wirklich zu sagen, was ich denke und sie damit vielleicht zu verletzen. Aber dann habe ich es doch versucht und den unvermeidlichen Konflikt in Kauf genommen – und gemerkt, dass es Erleichterung und Klarheit in unsere Beziehung gebracht hat.

Gott ist in den kleinsten Dingen

Der Weg mit Gott durch das FSJ-Jahr war ein staunendes Kennenlernen, denn vorher war Gott für mich ausschließlich ein Seelsorger in schweren Zeiten, mein „Fels in der Brandung“. Nun wurde er mein Begleiter in allen Lebenslagen. Ich musste oft schmunzeln, wenn ich merkte, wo überall im Alltag ich Gott begegnen konnte, dass er auch die scheinbar unwichtigen Situationen mit kleinen Details versieht, die mir Freude machen.

Die Arbeit im Hausteam und in der Backstube fiel mir recht leicht, auch wenn ich manchmal das Gefühl hatte, anderen Leuten ständig hinterherzuputzen. Das Schloss durch Blumenschmuck und selbstgebastelte Dekorationen kreativ gestalten zu können, hat mich jedoch immer wieder mit dem Putzen versöhnt. Natürlich musste ich mich auch daran gewöhnen, alles mit drei anderen Leuten abzusprechen und viel Geduld mit den Sprachbarrieren in unserem internationalen Team zu haben.

Vor allem durch das Feedback der anderen habe ich mich besser kennengelernt. Ich habe mir viele Gedanken darüber gemacht, andere beobachtet und versucht, dafür Worte zu finden. Es fällt mir nun viel leichter, über mich selbst zu sprechen und das, was ich denke oder fühle, in Worte zu fassen, Probleme konkret zu benennen.

Dieses neue „Selbstbewusstsein“ erleichtert mir nun vieles in meiner neuen Umgebung. Seit über einem Jahr wohne ich in Idstein bei Wiesbaden, wo ich Logopädie studiere und recht schnell eine neue Gemeinde, einen super Hauskreis und nette Leute kennengelernt habe.

Von

  • Margrit Auner

    verbrachte ihr FSJ im Jahresteam 2004/2005 auf Schloss Reichenberg. Nach ihrem Studium der Logopädie lebt sie in der Nähe von Kassel und arbeitet dort als Logopädin in einer Praxis mit Schwerpunkt Stimmtherapie.

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