Brücke über den Sund

Bibelstudie über 1. Johannes 3,8

von Maria Kaißling

Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstöre.    
1. Joh 3,8
 
Dieser Vers ist das Losungswort der OJC-Gemeinschaft für 2006. Wenn ich den 1. Johannesbrief lese, wird mir immer warm ums Herz. Zuerst malt uns Johannes, der Schreiber, die Liebe Gottes mit leuchtenden Farben vor Augen, dann die Liebe von und zu den Geschwistern. Bei der dritten Art von "Wärme" wird es eher etwas ungemütlich: weil diese Liebe manchmal wie Feuer erfahren wird, das in uns wegbrennt, was nicht zum Leben mit Gott und nicht ins geschwisterliche Miteinander passt. Diese Hitze weist uns auf das hin, was Johannes die "Werke des Teufels" nennt.

Die Werke des Teufels

"Opera diaboli" heißt das in der lateinischen Übersetzung. Das weckt in mir zunächst die Vorstellung von Oper, Illusionen, Bühnenstück, das der Böse aufführt, um Leben und Beziehungen zu zerstören. Zwischen den Zeilen des Briefes lesen wir, was dazu gehört: Ängste, Vorbehalte, Verrat aneinander, Neid, Missgunst, Hass bis hin zum Mord, Beziehungsabbrüche und die nachfolgende Verzweiflung, Sinnlosigkeitserfahrungen - das ist der Stoff für tragische Opern, das ist unser Leben.
Doch der rote Faden, den Johannes in seinem Schreiben legt, ist von anderer Qualität: "Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen..." (Kap. 3,1). Davon leben wir und davon leiten wir unsere Identität ab: Wir sind geliebte Kinder Gottes.
Der Brief sagt aber noch anderes, Tragisches: Es gibt Menschen, die nicht "Kinder Gottes" heißen. Er nennt sie ¬sogar: "Kinder des Teufels": ...wer nicht recht tut und seinen Bruder nicht lieb hat. Wer Sünde tut, der ist vom Teufel. Der Teufel tut Sünde von Anfang an (Vers 8 und 10).

"Sünde tun" - das ist zwar kein gutes Deutsch, aber ich gebrauche es trotzdem - bedeutet hier nicht "mal wieder ein Eis zuviel" oder dem Partner gegenüber ausgerastet zu sein. Nein, hier ist die Rede von einer grundsätzlichen, absichtlichen, bewusst gewählten Verletzung der Gebote Gottes. Wo Luther "recht tun" und "unrecht tun" schreibt, heißt es in der jüdischen Übersetzung: "Verletzung der Thora", also der Weisungen, die Gott uns zum Leben gegeben hat. Wer "Sünde tut", d.h. wer sich dafür entscheidet, ohne und gegen die Weisungen Gottes zu leben; wer sich nicht dafür interessiert, wie Gott sich das Leben gedacht hat und welche Hilfsmittel, welchen Beistand, welchen Trost er uns in diesem Leben gibt, der tut unrecht und der ist (noch) nicht von Gott.
Gibt es denn Kriterien, anhand derer wir prüfen können, ob wir uns nicht selbst betrügen, ob wir uns nicht gegenseitig etwas vormachen? Wer seinen Bruder, seine Schwester nicht liebt, der ist nicht von Gott. Die Liebe ist der Maßstab, denn Liebe und Retterwille, Sehnsucht nach dem Menschen sind Ausdruck der Wesensart Gottes, die Er in uns hineingesät hat. Wir sind der Acker, auf dem diese Saat aufgeht und Frucht bringt.
Was es bedeutet, in diesem Sinne zu lieben, lesen wir in Vers 16: Er hat sein Leben für uns gelassen und wir lassen unser Leben für die Geschwister. Als ich jung war, dachte ich, es wäre ganz einfach, mein Leben für die gute Sache zu lassen und als Märtyrer zu sterben. Aber inzwischen weiß ich, dass es viel mehr darum geht, mein Leben für die Geschwister und noch mehr mit den Geschwistern zu leben. Lieben, also sein Leben zu lassen, beweist sich im alltäglichen Miteinander. Heute heißen meine Nächsten Rudi und Renate, Thomas und Sabine, Ludmilla, und die Kinder - sie zuerst sind mir von Gott gegeben, um Lieben zu üben und sie merken auch zuerst, ob genießbare Frucht wächst.

Der Sund

Im deutschen Begriff Sünde steckt das Wort Sund. Wie Sie vielleicht wissen, heißt unsere Nachbarstadt Stralsund. Sie liegt am Strelasund, dem Ostseearm, der das Festland und die Insel Rügen voneinander trennt.
Ein Sund trennt zwei Teile Land voneinander; Sünde ist das, was uns beziehungsmäßig von Gott und von Menschen trennt.
In der frühen Kirche nannte man Jesus, den Gekreuzigten, den Pontifex, zu deutsch Brückenbauer. Der Pontifex hat diese Trennung aufgehoben. Mit seiner eigenen Existenz schlägt Jesus die Brücke über den Sund und macht den Weg frei zum Vater im Himmel. Wer diese zuverlässige Brücke betritt, der kommt nicht nur zu Gott, sondern immer auch zu seinen Brüdern und Schwestern. Und miteinander werden wir Leben haben wie der Vater (Vers 2)!

Der Diabolos

Und doch leben wir alle, auch wir Christen, in einer Welt voller Trennungen, voll zerbrechender und gestörter Beziehungen. Um das Bild vom "Sund" noch einmal zu gebrauchen: Es scheint, als ob der Teufel immer wieder versuchen würde, diese Brücke zu sprengen. Johannes weist uns auf diese Lebens-Gefahr hin: wer die Beziehung zum Bruder, zur Schwester abbricht, verneint, sich innerlich distanziert, sich vorenthält, der bricht auch die Beziehung zu Gott ab. Interesse daran, dass wir von Gott und voneinander getrennt bleiben, hat eigentlich nur einer - der Diabolos.

Seine Namen sprechen für sich: der Durcheinanderbringer, Durcheinanderwerfer und Verleumder, der Halbwahrheiten und Gerüchte über andere verbreitet, Menschen gegeneinander aufbringt, Familien aufmischt, in Gemeinden Neid und Streit sät. Diabolos ist der, der trennen will; der die Beziehungen zwischen Menschen, in Gemeinwesen, zwischen Völkern sabotiert und zerstört; er steht für die Un-Kultur des Todes. Darum schimpft Jesus ihn "Mörder von Anfang an". In unserer Gesellschaft ist das aktuell in vielen Bereichen schmerzhaft spürbar - denken wir nur an die Millionen abgetriebener Menschen, die überall fehlen. Die Trennung, das Aufmischen, das Kaputtmachen von Vertrauen - das sind "opera diaboli von Anfang an".

Jesus ist gekommen, die Werke des Teufels zu zerstören, schreibt Johannes. Wenn wir das griechische Wort übertragen, dann schwingt Unterschiedliches mit: losmachen, losbinden, einen Sklaven freikaufen, erlösen, auch aufheben, umstoßen, entkräften, entrechten, vereiteln, beenden. Jesus kam auf die Welt, um die Werke des Teufels - die dieser noch vorhat und die er schon vollbracht hat - zu entkräften, umzustoßen und zu beenden.

Zwischen noch nicht und schon jetzt

Aber - seien wir ehrlich: Wo sind denn die Werke des Teufels zerstört? Leben wir nicht in einer Welt, in der Unfriede und Ungerechtigkeit, Trennung und Tod allgegenwärtig sind?! Erleben wir nicht andauernd im Großen und im Kleinen unsere eigene Zerbrochenheit und die der anderen?!

Karl Heim, ein Theologe des letzten Jahrhunderts, gibt uns in seinem Buch "Jesus, der Weltvollender" eine Verstehenshilfe: Durch Jesu Leben, Tod, Auferstehung und Himmelfahrt ist die widergöttliche Macht entrechtet. Der Böse hat kein Recht mehr, wir sind freigekauft. Das sagt Jesus am Kreuz mit dem Wort: Es ist vollbracht! Wir haben gesiegt! Aber der Böse ist noch nicht entmächtigt. Das geschieht bei der Wiederkunft Christi.

Horst-Klaus Hofmann hat uns in seinen Bibelarbeiten immer wieder dieses Paradox vom "Schon jetzt und noch nicht" illustriert: Die Schlacht von Stalingrad 1942/43, die mehr als eine Million Menschenleben gekostet hat, war die Wende im II. Weltkrieg. Danach war klar, dass die Deutschen diesen Krieg nicht gewinnen würden. Trotzdem dauerte er noch zwei Jahre und tötete noch Millionen von Menschen. Der Sieg für die Alliierten stand schon jetzt fest, aber der Angreifer war noch nicht entmachtet und entwaffnet. Übertragen heißt das: Wir sind aus der Herrschaft des Bösen freigekauft, seine Werke sind entrechtet, aber erst, wenn Jesus wiederkommt, wird die Herrlichkeit der Gotteskindschaft allen offenbar und der Böse endgültig entmachtet. Noch leben wir in diesem spannungsvollen Zwischenzustand und Gott mutet uns zu, in dieser Spannung unsere Beziehungen zu gestalten. An dieser Herausforderung wachsen und reifen wir in unserer Liebe zu Gott und den Menschen!

Die veränderte Wirklichkeit

Wir dürfen in unserem Alltag vom Sieg Jesu leben. Darum: Ein jeder, der diese Hoffnung hat, der reinigt sich, wie jener (Jesus) auch rein ist. (Vers 3)

Das Stichwort "sich reinigen" erinnert mich an das Wort, das wir zum Umzug nach Greifswald bekommen haben: Bekennt einander eure Sünden und betet füreinander, dass ihr gesund werdet. Das Gebet des Gerechten vermag viel, wenn es ernstlich ist (Jakobus 5, 16). Ich hätte lieber eine andere Losung gehabt. Doch sie wurde ganz real für uns, kurz nachdem wir im Sommer 2005 ins neue "Haus der Hoffnung" eingezogen waren. Ich hatte mich gefreut: Endlich alle unter einem Dach, jetzt krempeln wir die Ärmel hoch und werden miteinander die Stadt "erobern". Es dauerte keine drei Monate, da wären wir am liebsten schon wieder auseinandergezogen. Von "Stadt erobern" und "miteinander" war jedenfalls keine Rede mehr. Was war passiert?

Der Alltag war mit uns eingezogen. Seit wir einander täglich begegneten, häuften sich Missverständnisse, Kämpfe um Anerkennung, enttäuschte Erwartungen, Unmut und Frust. Plötzlich schienen unsere Unterschiedlichkeiten unüberbrückbar; die Eigenarten, die eigenen und die der anderen, fielen nun stärker ins Gewicht und machten das Zusammenleben fast unmöglich. Die Mitarbeiter aus Reichelsheim standen uns in vielen Gesprächen und Gebeten geschwisterlich bei. Wir mussten einander ganz neu entdecken und als Geschenke annehmen, die Gott selbst gemacht hatte. Dieser Perspektivwechsel ist gar nicht so leicht. Viel naheliegender erschien es uns in einigen Stunden, das Geschenk dankend abzulehnen. Das gegenseitige Annehmen geht nie von heute auf morgen. Gott setzt uns dabei miteinander auf einen Weg.

Der alltägliche Weg

Früher nannte man so etwas einen "Bußweg". Da kann es mühsamer sein, die Treppe zum andern hochzugehen, als bis ans andere Ende der Stadt zu laufen. Und doch: sich immer wieder auf den Weg zum andern zu machen, auszusprechen, was mir schwerfällt, anzufragen, was ich nicht verstehe, um Verzeihung zu bitten oder auch Grenzen zu setzen - das bedeutet es, über die Brücke zu gehen, die Jesus über den trennenden Abgrund geschlagen hat. Dietrich Bonhoeffer schreibt in seinem Buch "Gemeinsames Leben": Das ausgesprochene Wort, die ausgesprochene Sünde, das Trennende hat alle Macht verloren und der Bann wird gebrochen.

Auch die zweite Aufforderung "Betet füreinander, dass ihr gesund werdet", buchstabieren wir täglich. Füreinander beten heißt eben nicht, den lieben Gott zu bitten, dem anderen endlich zu zeigen, dass ich recht habe. Nein, wir bitten Gott um wachsende Beziehungsfähigkeit und Wahrhaftigkeit, auch darum, dass ich dem anderen sein Glück und seine Freiheit gönne, ihm seine Eigenart lasse, dass ich mit ihm leide, wenn er leidet und mich ihm nicht vorenthalte.

Sich reinigen, sich heiligen heißt umkehren, von sich weg zum anderen gehen. Es ist dann auch egal, ob ich schnell oder langsam gehe - Hauptsache, ich gehe auf den anderen zu. Das ist für keinen von uns einfach, aber das ist das Abenteuerliche und Beglückende: über die Brücke zu gehen, die der Sohn Gottes selbst über den Abgrund geschlagen hat. Am Brückenaufgang ist zu lesen: "Seht, welche Liebe hat uns der Vater erwiesen... Wir sind schon Gottes Söhne und Töchter, auch wenn jetzt noch nicht alles sichtbar ist..." (vgl. 1. Joh 3,1). Die lähmende Macht der Trennung ist gebrochen. Christus teilt jetzt schon sein Leben und seinen Sieg mit uns.

Von

  • Maria Kaißling

    Religionspädagogin. Sie lebt in der OJC-Auspflanzung in Greifswald und ist vorwiegend als Seelsorgerin tätig.

    Alle Artikel von Maria Kaißling

Das Salzkorn im Abonnement

Jede Ausgabe dieser Zeitschrift können Sie kostenfrei bestellen »

Auch künftige Ausgaben vom Salzkorn (erscheint vier Mal im Jahr) senden wir Ihnen gerne zu. Hier können Sie das Salzkorn abonnieren »

Unsere Veröffentlichungen unterstützen

Helfen Sie uns mit Ihrer Spende, christliche Werte und eine kritisch-konstruktive Auseinandersetzung mit Strömungen der Zeit auf der Grundlage des Evangeliums an nachfolgende Generation zu vermitteln.

So können Sie spenden:

» Bankverbindung
» Spendenformular
» PayPal