... die beste Zeit meines Lebens

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Hoffnung, Heilung, Horizont - deutsch-israelische Begegnung in Reichelsheim

Eindrücke gesammelt von Angela Ludwig / Írisz Sipos

Vor vier Wochen hatten wir 18 junge Israelis für 10 Tage in unserem Jugendzentrum zu Gast. Ihr Aufenthalt in Reichelsheim sollte eine Auszeit von Krankenbesuch und Therapie, von der ständigen Alarmbereitschaft in Stadt und Land sein. Dieser Besuch ist die Fortsetzung einer Geschichte von Versöhnung zwischen Juden und Christen, die in der Gründungszeit der OJC ihren Anfang genommen hat und der ein hoher Stellenwert in unserem Dienst zukommt.

Dominik Klenk erzählt am Tag der Offensive:

1995 haben wir zusammen mit dem Bürgermeister der Gemeinde Reichelsheim, Gerd Lode, Holocaust-Überlebende, die vor ihrer Vertreibung in Reichelsheim gelebt hatten, bzw. deren Angehörige, eingeladen. Fünfundvierzig Personen folgten der Einladung. Sie, denen unvorstellbares Leid zugefügt worden war, durften ein Stück wahrer Versöhnung erleben. Ein jüdischer Mann sagte damals stellvertretend für die andern: "Jetzt kann ich in Frieden sterben. Ich sehe, es gibt ein neues Deutschland, eine neue Atmosphäre in diesem Ort, Menschen, die Brücken bauen wollen - das gibt mir die Chance, mich mit meiner Herkunft auszusöhnen."

So bewegend wie damals mit den alten, so bewegt und bewegend waren auch die Tage, die wir jetzt mit den jungen jüdischen Geschwistern hatten. Begonnen hat das Projekt bereits 1997 in Israel. Dort war Horst-Klaus Hofmann, der Gründer der OJC, Ilan Brunner begegnet, dem Gründer des "DisraeliS"-Projekt. "DisraeliS" steht für "disabled Israelis" - versehrte, behinderte junge Israelis, die während ihrer Wehrdienstzeit durch Attentate oder bei Auseinandersetzung mit Terroristen verwundet worden sind. Ilan Brunner organisiert Treffen zwischen ihnen und jungen deutschen Erwachsenen, um "seinen DisraeliS" einen Urlaub von den bedrückenden Verhältnissen in der Heimat und zugleich einen Horizont der historischen Versöhnung zu eröffnen.

Die Begegnung zwischen Vertretern der jungen Generation soll die Barrieren in den Köpfen und Herzen abbauen. Viele der "DisraeliS" sind Enkel von Holocaust-Überlebenden, ihre Familiegeschichte ist geprägt von Gewalt, Anfeindung und Entwurzelung. Manche haben in den letzten Jahren Angehörige durch den Terror verloren und tragen hart an den seelischen und körperlichen Verletzungen durch die Attentate. Das alles prägt das Bewusstsein tief. Mit politischen Erklärungen und Festtagsreden kommt man dem nicht so einfach bei.

Umso wichtiger sind Begegnungen von Mensch zu Mensch. Durch sie erst wird es möglich, die Geschichte der Versöhnung weiterzuschreiben und trotz des versehrten Lebens einen Neuanfang zu wagen.

Ist das nicht ein ungeheurer Hoffnungshorizont? Ich möchte Ihnen allen, die Sie unsere Arbeit unterstützt und solche Beziehungen möglich gemacht haben, von Herzen danken. In diesen Begegnungen geschieht Heilung in Menschen, Heilung am Leib Christi. Auch Heilung in unserem Volk und unserer Kirche. Es ist etwas ganz Wunderbares, dass wir dazu beitragen können.

Zauberwort "zusammen"

Michael Wolf, Koordinator dieser Begegnungstage, berichtet:

"Zusammen" war das deutsche Wort, das die 18 jungen Israelis noch zuhause gelernt und bei ihrem Besuch Anfang Mai in die OJC mitgebracht hatten. Sie wollten die Tage mit uns ganz bewusst als eine Zeit des Zusammenkommens gestalten und das Ihre dazu beitragen, dass es ein Zusammenwachsen würde. In Deutschland sollten sie eine Zeit der Erholung haben, aber auch der Verständigung und Freundschaft unter jungen Menschen verschiedener Nationen. Nur durch persönliches Kennenlernen können alte Bilder neuen Erfahrungen weichen. Dass das über die Maßen in Erfüllung ging, zeigen die folgenden Echos aus Israel:

Nitzan, 32

Danke für alles, aber besonders für Eure Freundschaft. Ich versuche seit meiner Rückkehr, einige der guten Gedanken und Erfahrungen mit Euch in den Alltag hinüberzuretten. Glaubt mir, es ist keine leichte Aufgabe, mit so einer dunklen Geschichte zu leben. Einige von uns waren überrascht über so viel aufrichtige Gastfreundschaft und Zuneigung von Eurer Seite, von der wir gern etwas an Euch zurückgeben würden.

Dana, 31

Ich finde nicht genug Worte, um meine Dankbarkeit auszudrücken für diese 10 Tage. Es war eine wunderbare Zeit für mich, ich habe ganz neue Dinge kapiert und habe angefangen, Grundlegendes in meinem Leben zu ändern. Jeden Tag denke ich an Euch und vermisse Euch sehr, sehr. Bitte lasst uns in Verbindung bleiben.

Nir, 23

Ich möchte Euch von ganzem Herzen danken für den wunderbaren Aufenthalt in Deutschland, der viel mehr für mich bedeutete, als ich mir je hätte vorstellen können. Es war die schönste Reise meines Lebens. Alles war schlicht und einfach perfekt, vor allem die bunte Mischung der Gruppe. Ihr tut einen heiligen Dienst. Er ermöglichte uns, unsere körperlichen und seelischen Probleme, an denen jeder in der Gruppe leidet, beiseite zu legen. Ich werde diese Zeit immer im Gedächtnis behalten und wünsche Euch Gottes Segen.

Gal, 27

Vor 2 Jahren kam seine Schwester bei einem Terroranschlag ums Leben. Am ersten Abend in Reichelsheim sagte er: "Mein Leben ist zweigeteilt, in eine Zeit vor und eine nach dem Tod meiner Schwester."

Ich bin immer noch aufgeregt wie ein junger Teenager über jede Sekunde, die Ihr mir ermöglicht habt und fühle mich Euch herzlich verbunden. Alle Teilnehmer sind derselben Meinung: Unser Leben ist in zwei Teile geteilt, in einen vor der Reise nach Deutschland und einen nach der Reise. Diese Begegnung mit Euch brachte auch unsere Herzen tief zusammen, so dass wir in Israel nun einer gemeinsamen neuen Zukunft entgegensehen. Ich wünsche dem DisraeliS-Projekt, dass es nie aufhöre.

Alon, 23:

Der Besuch bei Euch war meine beste Zeit seit langem - vielleicht die beste Zeit, die ich in meinem ganzen Leben hatte. Die meisten von uns hatten gemischte Gefühle über den Aufenthalt in Deutschland. Wir waren uns nicht sicher, ob es eher ein Urlaub würde oder eine überwältigende Begegnung mit den dunklen Schatten der Vergangenheit, die kein Israeli je vergisst, auch wenn sie schon 60 Jahre zurückliegt. Zwei Ereignisse waren besonders bewegend: der Besuch in Dachau und die Führung durch Reichelsheim, also die Konfrontation mit dem, was man Juden angetan hatte.

Die Begegnung mit den Menschen vor Ort war jenseits all meiner Erwartungen. Mit ihnen zu sprechen, zu spielen, zu feiern, Zeit zu verbringen, war das wichtigste.

Manuela, xx

Der gemeinsam verbrachte Gedenktag für die Gefallenen in Israel und der Besuch in Dachau - ich war zum ersten Mal dort - war für mich bewegend und aufregend. Das Engagement von Esti und Ilan Brunner ist so wertvoll und unterstützungswürdig und eine große Bereicherung für unsere beiden Völker.

Janina, 24

Es ist mir selten so schwer gefallen, einen Ort, den ich eigentlich kaum kannte, und Menschen, die ich gerade erst kennengelernt habe, wieder zu verlassen. Es hat sich in unglaublich kurzer Zeit schon ein bisschen wie Familie angefühlt, obwohl wir ja doch sehr unterschiedlich sind. Aber das Verbindende war stärker als das, was getrennt hat. Die Gesichter und Geschichten werden mir im Gedächtnis und im Herzen bleiben.

Ilan Brunner (Initiator des DisraeliS-Projekt)

Wie ich aus den Gesprächen beurteilen kann, hatten es einige der Gruppe nicht leicht, in den Alltag zurückzufinden. Medizinische Behandlungen, physiotherapeutische Maßnahmen, Schwierigkeiten am Arbeitsplatz und sogar familiäre Probleme waren der Grund dafür. Dennoch weiß ich, dass keiner von den jungen Menschen auf den Besuch bei der OJC und auf die wunderbaren Leute, die daran teilnahmen, hätte verzichten wollen. Ich freue mich, den Kontakt mit Euch zu haben und aufrechtzuerhalten. Mit einem herzlichen Schalom und Gottes Segen.

Von

  • Angela Ludwig

    Germanistin und Romanistin, Mitglied des OJC-Redaktionsteams und geistliche Begleiterin für viele innerhalb und außerhalb der OJC-Gemeinschaft.

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  • Írisz Sipos

    ist stellvertretende Chefredakteurin des Salzkorns und mitverantwortlich für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der OJC-Kommunität.

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