Berührt von Gottes Wegen

Berührt von Gottes Wegen

Das Erfahrungsfeld "Wege zum Leben" auf Schloss Reichenberg

2006 hat Dominik Klenk unsere Vision für ein religionspädagogisches Erfahrungsfeld beschrieben.

Stellen Sie sich vor: Vor Ihnen steht eine mit Sand bestreute Metallplatte auf einem Ständer. Vorsichtig streichen Sie mit einem Geigenbogen an der Kante der Metallplatte entlang, so dass ein Ton entsteht. Plötzlich geht eine zarte Bewegung durch das Chaos der Sandkörnchen und ein wunderschönes Muster entsteht! Ein Ton vermag das Durcheinander auf der Eisenfläche zu ordnen! Dann setzt Ihr Nachbar "seinen" Ton an: Ein neues Muster entsteht! Jeder Ton erzeugt eine eigene Ordnung!
Erinnert Sie das an etwas? "Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde... und auf der Erde herrschte Chaos (= Tohuwabohu) ... und Gott sprach ... und es wurde..." Der Schöpfungsbericht aus Genesis 1 sagt uns, dass Gott, indem er sprach (und vielleicht sang er ja auch?!) die Welt erschuf und ihr Gestalt und Schönheit gab. Mit dem einfachen Experiment der "Chladnischen Klangfigur" - benannt nach ihrem Entdecker, dem deutschen Physiker Chladni (1765-1827) - kann man das Wunder der Schöpfung nachvollziehen. Was für ein eindrückliches Bild, um die Botschaft von dem Schöpfer-Gott, dessen Wort auch heute noch Ordnung in das Chaos bringt, begreifbar zu machen!

Die Vision

In einer Zeit, in der viele Menschen keinen Zugang zur Bibel und zum christlichen Glauben mehr haben, ist es wichtig, neue Wege zu den Aussagen, Geschichten und Symbolen der Bibel zu ebnen. Deshalb werden wir auf Schloss Reichenberg das Erfahrungsfeld "Wege zum Leben" entwickeln, wo Menschen - junge und alte - lebensnahe und überraschende Erfahrungen mit der Bibel machen können. An den verschiedenen Stationen werden die Besucher schmecken, riechen, hören, sehen, anfassen, ausprobieren und dabei Entdeckungen mit sich selbst und mit der biblischen Wahrheit machen, die im wahrsten Sinne des Wortes "unter die Haut gehen".
Unser Ziel ist es, Menschen anzuleiten, die Spuren Gottes im eigenen Leben zu entdecken und ihre Fragen und Nöte mit den Weisungen und den heilsamen Bildern, die uns die Bibel gibt, in Verbindung zu bringen. Sie sollen erkennen lernen, dass Gott auch heute noch wirkt und dass auch ihr Leben in einem größeren Horizont steht, der ihrem Dasein Würde, Bedeutung und einen tiefen Sinn verleiht.
Wir wünschen uns, dass auf Schloss Reichenberg eine moderne Pilgerstätte entsteht - einerseits ein Ort der Sammlung und der Besinnung auf das Wesentliche, andererseits ein Ort, an dem Menschen aktiv Erfahrungen machen und geistige und geistliche Impulse auf- und in ihren Alltag mitnehmen können. Ein Ort, an dem Schönheit, Ruhe und Begegnung sich die Hand reichen.

Die Vorgeschichte

Gewissermaßen hatte Schloss Reichenberg von Anfang an den Charakter eines Erfahrungsfeldes für uns: Die Erfahrungen des Bauens und Betens in der jetzt über 25jährigen Renovierungszeit, die Erfahrung des gemeinsamen Lebens mit jungen Menschen in den alten Gemäuern, die Erfahrung von Heilung, die viele Menschen gefunden haben, die für kürzere oder längere Zeit bei uns waren - oft auch im Rahmen von Tagungen und Seminaren. Die Männertagungen von Ralph Pechmann etwa sind nach wie vor ein Seminar-Geheimtip und bis heute regelmäßig überbucht.
Und doch haben wir gemerkt, dass die Zeiten sich auch in der Tagungsarbeit gewandelt haben. Die Art der Wissensvermittlung hat sich geändert: Bei vielen (jungen) Menschen besteht ein großes Bedürfnis, nicht nur über den Kopf, sondern über Erlebnisse und Erfahrungen zu lernen. Und das entspricht ja auch der Art, wie wir mit Gott und dem Glauben in Berührung kommen - das Wort Gottes und die Erfahrung dieser Wirklichkeit im eigenen Leben gehören untrennbar zusammen.
Glauben, Leben und Denken miteinander zu verbinden - "Kulturmission zu betreiben" - war von Anfang an Teil des OJC-Auftrages. Mit der Vision des Erfahrungsfeldes "Wege zum Leben" wird dieser alte Auftrag nicht hinfällig, sondern gewinnt eine neue Gestalt, um "die Frohbotschaft in den der Zeit entsprechenden Formen" weitergeben zu können.

Die Anstöße

Außer den beschriebenen äußeren Veränderungen gab es drei innere Impulse, die uns bewegt haben, diesen Schritt zu wagen:

1.    "Dieses Schloss ist eine Gabe"

Eduard Berger, in den 90er Jahren evangelischer Bischof der Pommerschen Landeskirche, ist ein guter Freund und Ratgeber der Gemeinschaft. Auf einer unserer Kommunitätstreffen sagte er: "Dieses Schloss ist eine echte Begabung. Ihr solltet überlegen, was ihr damit tut." Das war im Juni 2004 - seitdem ließ mich dieser Satz nicht mehr los: Was ist dieses Schloss: eine nie endende Baustelle - der Finanzschreck unseres Schatzmeisters - ein schönes Ausflugsziel im Odenwald - Herzstück der Kommunität... ?
Was für eine Begabung hat Gott uns mit Schloss Reichenberg anvertraut? Wie gehen wir damit um? Wem geben wir Anteil daran? Was für ein Ort könnte das werden?

2.    Symbole des Lebens wiedergewinnen

Hinzu kam eine intensive Beschäftigung mit dem Phänomen von Symbolen (z.B. unseres Glaubens) und ihrer Wirkung. Es ist eine Realität, dass, wenn Symbole verschwinden oder mit anderen Inhalten besetzt werden, auch die Wirklichkeit, die von diesen Symbolen verkörpert wird, verschwindet. Was es für Folgen hat, wenn das z.T. jahrhundertealte, allgemeinverständliche Wissen um tragende Symbole verlorengeht, zeigt sich schon heute in vielen Bereichen des persönlichen und gesellschaftlichen Lebens.
Ein aktuelles Beispiel dafür ist das Symbol der Ehe, von der wir glauben, dass Gott selbst sie gestiftet hat als Abbild seines Bundes mit den Menschen, denen er "in guten wie in schlechten Tagen" verlässlich und treu verbunden sein will. Mit der Um- und Entwertung des Symbols der Ehe gehen zwar nicht die Treue und Liebe Gottes zu Ende, wohl aber unsere Fähigkeit, sie wahrzunehmen, ihnen zu glauben und unser Leben auf dieses göttliche Bundesversprechen zu bauen. Für eine Generation, die das Symbol der Ehe nicht mehr erleben und deuten kann, wird auch die Wirklichkeit der Ehe verschwinden.
Darum ist es eine dringende Frage: Wo wird uns heute noch das Wissen um heilsame Symbole, die verdichtetes und heiliges Leben in sich tragen, vermittelt? Auf den "Wegen zum Leben" werden die Besucher vielen Symbolen begegnen, ihre Bedeutung im wahrsten Sinne des Wortes be-greifen können und auf diese Weise wichtige Bausteine für eine Kultur des Lebens zurückgewinnen.

3.    Eine Hoffnungswelt entwickeln

Den dritten Impuls bekam ich beim Besuch von Schloss Freudenberg in Wiesbaden. Dort gibt es - in der Nachfolge der Reformpädagogischen Bewegung um Maria Montessori und Hugo Kükelhaus - eine interessante Ausstellung, in der man spielerische und experimentelle Erfahrungen machen kann, die vor allem physikalische und optische Phänomene verständlich machen.

Warum gibt es kein entsprechendes Lernfeld auf biblischer Grundlage? habe ich mich gefragt. Sollte es nicht auch möglich sein, Biographien, Bilder und Aussagen aus der Bibel sowie Phänomene des alltäglichen Lebens, die uns in ihrer Sprache auf Gott als Schöpfer hinweisen, in aktiven Mitmach-Stationen für alle Sinne erlebbar und erfahrbar zu machen?

Die Vorstellung

Das Besondere ist, dass die "Wege zum Leben" kein Museum und kein weiterer erlebnispädagogischer Vergnügungspark sein werden, sondern Teil des Lebensraumes unserer ökumenischen Kommunität. Die OJC-Gemeinschaft öffnet ihren Lebensraum, um Besuchern Anteil an Glauben und Leben zu geben. Dass die gelebte Spiritualität die Atmosphäre auf dem Schloss prägt, ist schon jetzt eine Erfahrung, die viele unserer Gäste bestätigen. Das wird auch in Zukunft ein wichtiger Baustein des entstehenden Erfahrungsfeldes sein; die Besucher sind z.B. zu den regelmäßig stattfindenden Gebetszeiten und festlichen Sonntagsbegrüßungen eingeladen.
Um dabei die geistliche Schwerkraft und die innere Mitte unserer Kommunität nicht zu verlieren, wird es wichtig sein, unserem eigenen geistlichen Leben und Feiern, der Liturgie, den Gebetszeiten und auch der Entspannung und Ruhe einen festen und geschützten Raum jenseits der betriebsamen Öffnungszeiten zu geben.

Natürlich wird die pädagogische Konzeption, die wir in den letzten zwei Jahren erarbeitet haben, nicht nur durch die geistige Atmosphäre und die didaktisch-inhaltlichen Komponenten gestaltet, sondern vor allem auch durch den Schatz der vorhandenen Räume im Innern und in den Gartenanlagen des Schlosses selbst. Die Weitläufigkeit des Geländes läßt es zu, viele verschiedene Räume mit je unterschiedlichem Charakter zu gestalten. Es ist uns wichtig, dass es sowohl kreative Toberäume für Kinder gibt, als auch geschützte Orte der Stille und Besinnung. Auch der Renaissance-Ziehbrunnen, das Burgverlies, die Kletterwand an der Burgmauer, die Gewölbekeller und der Kloster-Kräutergarten sind Teil des Konzepts.

Die Umsetzung

Inhaltlich haben wir uns für eine Drei-Gliederung der "Wege zum Leben" entschieden, die sich an den grundlegendsten Fragen junger Menschen orientiert. Und weil es für den Zugang zu den Jungen heute wichtig ist, haben wir das auch "neudeutsch" formuliert.

1.    Woher komme ich?

"Touch your history." Hier geht es um unsere Herkunft und Geschichte.
Um die Wurzeln von Glauben und Kultur aufzuzeigen, wollen wir den Besuchern die biblischen Urgeschichten erzählen und die Kirchengeschichte anhand von Biographien lebendig werden lassen. Jeder kann Teil des Dramas werden und selber z.B. in die Schuhe des Mose schlüpfen. Und natürlich erzählt die mittelalterliche Burganlage von Schloss Reichenberg selbst Geschichte(n) zum Anfassen.

2.    Wer bin ich?

"Contact your identity." Die zweite große Frage ist die nach der eigenen Identität.
Was macht mich aus? Warum? Wer oder wie will ich sein? Das sind urmenschliche Fragen, für die die Bibel uns weise Verstehenshilfen und Wegweisung bietet, mit deren Hilfe unser Verständnis von uns selbst, von Gott und dem Leben gesunden kann. Das jüdisch-christliche Menschen- und Gottesbild wollen wir hier in verschiedenen Aspekten anschaulich und erfahrbar machen.

3.    Wohin gehe ich?

"Trust your future." Hier geht es um die Zukunft.
In einem "Garten der Verheißung" z.B. kann der Besucher die Zusagen der Bibel ganz persönlich erfahren und sich zusprechen lassen. Auch um Berufung wird es gehen und um Hilfestellungen, den eigenen Weg in die Zukunft zu finden. Wir wünschen, dass hier jeder Besucher positive Impulse und Orientierung für die Gestaltung seiner Zukunft gewinnen und Mut und Zuversicht schöpfen kann.

Die Unmöglichkeit

Wir planen, die "Wege zum Leben" auf Schloss Reichenberg im Lauf der nächsten Monate und Jahre intensiv voranzutreiben. Unser Selbstverständnis ist, dass sich das Projekt in einem lebendigen Prozess neuer Ideen ständig fort- und weiterentwickelt und in dieser Hinsicht nie fertig und abgeschlossen sein wird.
Trotzdem liegen gewaltige arbeitsmäßige und finanzielle Anstrengungen vor uns, um in den kommenden zwei Jahren als erste Schritte die Schlossmauern und Zinnen zu sichern, die obere Burg auszubauen, Brunnen und Verlies zu restaurieren, den Burgspielplatz zu bauen und die Gärten anzulegen bzw. zu erhalten.

Das Wunder

Dass wir diese Arbeiten nicht aus eigener Kraft schaffen können und die Geldmittel nicht bereits in der Kasse haben, ist klar.
Wir haben ein wunderbares Schloss, eine große Vision, kreative Mitarbeiter, begabte Handwerker und einen inspirierten Architekten - doch wir brauchen auch die Freunde, die diese missionarische Vision zu ihrer eigenen machen und von ihrem Platz aus mithelfen, sie mit ins Leben zu ziehen.
Wir sind darauf angewiesen, dass Sie uns im Gebet mittragen und mit und für uns um Schutz, Wegweisung und die nötige Hilfe bitten. Wir brauchen Unterstützer, die uns finanziell den Rücken stärken und damit helfen, die Kosten für den erhöhten Mitarbeiterbedarf und die verschiedenen Bauabschnitte zu decken.
Und wir brauchen "handgreifliche Freunde", die Lust und Zeit haben, ganz konkret vor Ort mitzuarbeiten. Denn die "Wege zum Leben" beginnen nicht erst mit der Eröffnung in zwei Jahren, sondern schon jetzt mit den Bauwochen! (siehe Rückseite) Wir laden Sie ein, einige Tage auf dem Schloss zu wohnen, unser gemeinschaftliches und geistliches Leben zu teilen und unter fachmännischer Anleitung an der 700 Jahre alten Burganlage mitzubauen. Das gemeinsame Leben und Arbeiten, Feiern und Beten und das konkrete Anteilnehmen an der Verwirklichung dieser großen Vision eines kulturmissionarischen Projektes werden in jedem Fall starke und sinnstiftende Erfahrungen auf den "Wegen zum Leben" sein.

Von

  • Dominik Klenk

    Journalist und Medienpädagoge; Leiter und Prior der OJC von 2002-2012; seitdem Leiter des fontis' Verlags (ehemals Brunnen Verlag), Basel

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