Erfolg hat Folgen

Als Christ auf der Karriereleiter. Was zählt, was trägt? - Interview mit Stefan Kemmer

Stefan Kemmer (44) hat keine typisch "fromme" Karriere gewählt. Als Manager und Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens ist er sich seiner Berufung dennoch bewusst. Im folgenden Interview erzählt er, wie das, was von außen als attraktive und begehrenswerte Karriere erschien, durch inneren Zerbruch und Neuanfang gehen musste, um für Gottes Reich fruchtbar zu werden.

Die Fragen stellte Dominik Klenk.

Stefan, was hat dich bewogen, in die Wirtschaft zu gehen?

Eigentlich wollte ich Polizist werden - Uniformen haben mich immer schon begeistert und ich hätte dabei viel Sport machen können. Gleichzeitig hat mich die Firma, in der mein Vater gearbeitet hat, gereizt, darum habe ich letztlich die kaufmännische Laufbahn eingeschlagen. Nach der Lehre habe ich Wirtschaftswissenschaften studiert. Heute bin ich Geschäftsführer von "Wespa", einem Unternehmen mit 120 Mitarbeitern, das zu einem amerikanischen Konzern gehört. Wir stellen Sägebänder für die Metallverarbeitung her.

Wie kamst du in die Position des Geschäftsführers?

Vor 14 Jahren habe ich als Verkaufsleiter für den Inlandverkauf angefangen, nach sieben Jahren wurde mir der Export auch noch zugetragen. Vor drei Jahren bin ich in die Position des Geschäftsführers berufen worden.

Das hört sich nach einer traumhaften Karriere an... Gab es dabei auch Krisen?

Krisen gab es von Anfang an. Als ich 1993 mein Examen machte, war ich längere Zeit arbeitslos. Aber dann auch später in der Firma. Als ich angefragt wurde, den Export zu übernehmen, tauchte die erste große Krise für meine Frau und mich auf, denn diese Aufgabe war mit vielen Reisen verbunden, da unsere Produkte in über 60 Länder verkauft werden. Mich hat das sehr gereizt. Meine Frau war dagegen; ich habe es trotzdem gemacht.

Warum?

Ich bin ein ehrgeiziger Mensch. Mein Chef hatte mir angedeutet, dass er, wenn er zurück nach Amerika geht, mich in seiner jetzigen Position sehen könnte. Wenn ich also diesen Schritt nicht gemacht hätte, hätte das meiner Karriere geschadet. Natürlich habe ich meine Frau gefragt: "Was meinst du dazu?" Aber das war mehr, um mich abzusichern, in Wirklichkeit habe ich ihr nicht zugetraut, das beurteilen zu können. Sie hat ziemlich klar gesehen, dass das nicht unser Weg ist. Ich habe mich darüber hinweggesetzt. Rückblickend denke ich oft: Hätte ich mich damals anders entschieden, wären viele Dinge anders gekommen. Aber jetzt muss ich es so nehmen, wie es ist.

Wohin hat euch deine Entscheidung geführt?

Wir haben uns auseinandergelebt. Ich war 180 Tage im Jahr unterwegs, habe drei Jahre lang aus dem Koffer gelebt. Meine Kinder haben mich kaum noch gesehen. Manchmal kam ich nur für eine Nacht, um frische Wäsche zu holen. Irgendwann hatten wir gar kein Interesse mehr, gemeinsame Zeiten zu finden. Im Prinzip waren nur noch die Kinder unser Bindeglied. Auch der Gemeinde hatte ich mich entfremdet. Man hatte zu funktionieren, so hatte ich das gelernt. Heute würde ich diesen Preis für die Karriere nicht mehr bezahlen.

Was brachte die Veränderung?

Eines Morgens bin ich zusammengebrochen:  Burn-out. Ich kam ins Krankenhaus und hatte auf einmal viel Zeit. Ich begann, meine beruflichen und familiären Probleme und auch Dinge aus meiner Kindheit genauer anzuschauen. Diese Krise hat uns als Ehepaar wieder zusammengeführt, und wir haben uns vor Gott für einen Neuanfang als Mann und Frau entschieden. Auch die Schuld, die zwischen uns stand, haben wir vor Gott bekannt. Darauf konnten wir neu aufbauen. Trotzdem kam ich ein Jahr später noch mal in eine Krise, als ich einen zweiten Burn-out hatte. Im Nachhinein sehe ich, dass das notwendig war für mich und meinen Glauben. Ich habe innere Entscheidungen vor Gott noch einmal neu festgemacht und auch vor einem Seelsorger ausgesprochen.

Das heißt, der Tiefpunkt hat dich weitergebracht?

Ja, ich brauchte wohl diese knallharten Stopschilder, das völlige Ausgebremstwerden, weil ich die Signale vorher nicht wahrgenommen hatte, auch den Hilferuf meiner Frau nicht. Wenn Freunde gewagt haben, mich darauf anzusprechen, habe ich es ignoriert. Als ich das zweite Mal im Krankenhaus lag, habe ich viel in der Bibel gelesen und Gott gefragt: "Zeig mir bitte, ob ich meinen Beruf weitermachen kann, ob das noch der Platz ist, an dem du mich haben willst. Gib mir ein klares Zeichen!" Da war schon Angst in mir, aber Gott hat mir die Bestätigung gegeben, dass ich zurückgehen soll. In der Firma hat sich einiges geändert, das war für mich ein Zeichen. Ich selber habe mich auch verändert. Jetzt kann ich besser hinhören, bin wachsamer und lerne, mich von Gott führen zu lassen.

Was sind deine Herausforderungen als Geschäftsführer?

Personalverantwortung fordert mich permanent heraus, aber zum Glück arbeite ich sehr gern mit Menschen. Spannungen treten zum Beispiel auf, wenn klare Zielvereinbarungen, nicht eingehalten werden und das gesteckte Ziel nicht erreicht wurde. Meinen Mitarbeitern dann mit Bestimmtheit und Wertschätzung zu sagen, was ich sehe, ist eine Herausforderung. Dabei kann ich sehr ungeduldig sein.

Wie gehst du mit Macht um?

Statt Macht sage ich lieber Verantwortung. Mir ist es wichtig geworden, Verantwortung auf viele Schultern zu verteilen. Natürlich bin ich im letzten verantwortlich und muss Entscheidungen treffen, aber ich bin jetzt nicht der Direktor im klassischen Stil, sondern führe das Unternehmen mit einem Team. Mit Macht umzugehen wird dann schwierig, wenn man Grenzen ziehen, z.B. auch Mitarbeiter entlassen muss. Das tut weh. Auch deshalb, weil ich in die Leute investiert habe, weil ich die Lebensgeschichten und Familiensituationen kenne. Das sind Fragen, die mir manchmal schlaflose Nächte bereiten. Da hilft es, mir bei Freunden oder bei meinem Mentor Rat zu holen.

Wie lebst du mit der Herausforderung einer großen Verantwortung?

Ich muss um meine große Verantwortung wissen, meine Pflichten und Rechte, aber ich male mir nicht jeden Tag aus, was alles passieren könnte. Mir ist klar, dass ich die Verantwortung für 120 Mitarbeiter gar nicht allein tragen kann. Es hilft mir, dass ich sie im Letzten an Gott abgeben kann. Dadurch bekomme ich innerlich Frieden.

Welchen Versuchungen bist du ausgesetzt?

Ich weiß, dass Verantwortung, Geld und Sex die Angriffsflächen des Teufels vor allem bei uns Männern sind, dazu zählt auch Zeitplanung und Tempo. Nach Geld und Anerkennung und Statussymbolen zu haschen - das ist auch in meinem Leben ein Angriffspunkt. Ich habe aber gelernt, in diesen Dingen authentisch zu leben und meiner Frau und Gott Rechenschaft zu geben.

Kann man heutzutage als Unternehmer überhaupt ehrlich bleiben?

Das ist eine gute Frage, mit der ich täglich konfrontiert werde. Bestes Beispiel: ich sitze am Schreibtisch, die Sekretärin will ein Telefongespräch durchstellen. Bin ich "da", lasse ich mich verleugnen? Im Kleinen beginnt es. Ehrlichkeit am Arbeitsplatz ist ein wichtiges Thema für mich, gerade wenn man Exportgeschäfte im Mittleren Osten macht. Ich habe mich von einigen Praktiken getrennt, allerdings haben wir dadurch Umsatz verloren. Mir ist wichtig, dass ich nicht lügen muss. Oft ist man ja in größere strategische Entscheidungen eingebunden, aber wenn ich merken würde, dass die Konzernleitung in Amerika etwas entscheidet, was ich nicht mittragen kann, würde ich auch diese Berufung infragestellen.

Wie kannst du deinen Glauben weitergeben?

Ich versuche, meine Werte und Maßstäbe zu vermitteln. Die Mitarbeiter wissen, dass ich Christ bin. Sie kennen auch meine Geschichte und meine Krisen, weil ich es, zumindest in groben Zügen, erzählt habe. Transparenz ist mir wichtig und die Offenheit hat sich ausgezahlt.

Wie schaffst du es, Familie, Beruf und Gemeinde im Gleichgewicht zu halten?

Durch die Krisen habe ich ein neues Bewusstsein für meine Familie bekommen, sie ist für mich zu einer neuen Priorität geworden. Seitdem stimme ich meinen Terminkalender als erstes mit meiner Frau ab. Aber natürlich bleibt die Zeiteinteilung ein Spannungsfeld und birgt das größte Krisenpotential. Gewisse Termine lassen sich einfach nicht verschieben. Früher hab ich gedacht, ich muss alles selbst erledigen, auch meinen Terminkalender. Jetzt habe ich eine Assistentin, die meine beruflichen und privaten Termine koordiniert und mir Fingerzeige gibt, wenn Überschneidungen sind. Das ist hilfreich.

Was ist deine Kraftquelle?

Morgens, bevor ich in die Firma gehe, mache ich Stille Zeit. Seit einem Jahr habe ich einen Mitarbeiter, mit dem ich mich einmal in der Woche in der Firma zum Beten treffe. Er arbeitet in der Produktion, ich bin sozusagen drei Hierarchiestufen über ihm, aber wir sind Brüder im Herrn. In Sitzungen, vor Reisen, vor schwierigen Aufgaben und Telefonaten gibt es die Stoßgebete. Seit ich euer Leben in Reichelsheim kenne, versuche ich auch, das 12-Uhr-Mittagsgebet im Blick zu haben, das schaffe ich zwar nicht immer, aber ich weiß, dass es solche Rhythmen braucht.

Von

  • Dominik Klenk

    Journalist und Medienpädagoge; Leiter und Prior der OJC von 2002-2012; seitdem Leiter des fontis' Verlags (ehemals Brunnen Verlag), Basel

    Alle Artikel von Dominik Klenk

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