Ob man's Berufung nennt?

Ob man's Berufung nennt?

Wenn Elternschaft zum Auftrag wird

von Susanne und Arne Gericke

Susanne und Arne Gericke leben mit ihren sechs Kindern zwischen 6 und 16, von denen sie zwei in Pflege genommen haben, in Tessin/Mecklenburg. Auf unsere Frage, ob sie so etwas wie eine "Berufung zur Elternschaft" erlebt haben, entspann sich folgendes Gespräch.

Susanne:    Ich kann nicht sagen, dass ich mich je zu etwas berufen gefühlt hätte. Bevor ich mich an diesen Artikel setzte, habe ich das Wort Berufung mindestens zehn Jahre lang nicht verwendet. Man scheint es im Alltag nicht zu brauchen, jedenfalls nicht in so einem wie meinem. Ich kann mich nicht erinnern, ob ich als Kind oder als Jugendliche einen Plan für mein Leben, ein großes Ziel hatte. Wie viele andere Ost-Pastorentöchter bin ich - mangels ansprechender Alternativen - Krankenschwester geworden. Beim Bewerbungsgespräch im Diakonissenmutterhaus erzählte ich der verdutzten Oberin, dass ich auch gern im Pferdestall arbeiten würde, falls man mich hier nicht nähme. Man nahm mich trotzdem - und so wurde ich eben Krankenschwester.
In der Ausbildung hatte ich nicht nur Gelegenheit, meine raumpflegerischen Fähigkeiten zu vervollkommnen; ich lernte auch, Verantwortung zu tragen, Entscheidungen zu treffen, trainierte meine Belastbarkeit und Teamfähigkeit und übte mich in Geduld und Fürsorge für andere. Es war eine gute Vorbereitung für mein späteres Mutterdasein - nur wusste ich das damals noch nicht so zu schätzen.
Wie war es bei dir, Arne? Deine Eltern waren in der Mission, da liegt es doch nahe, sich berufen zu fühlen...

Arne:    Berufung, das hat schon was. Sicherlich habe ich in meinem Elternhaus früh gelernt, für andere da zu sein, mich für andere einzusetzen, "Geben ist seliger als nehmen" und so. Aber eine Berufung - zum Beispiel selbst in die Mission zu gehen - habe ich nie verspürt.Berufung in letzter Konsequenz habe ich erst in unserer eigenen Familie erlebt. Zuerst war da das Wünschen, das Planen: Wir wollen ein Kind! Anfangs träumte ich noch von einer Fußballmannschaft, aber nachdem unser erstes Kind geboren war, haben wir - nach durchwachten Nächten und einer intensiven Trotzphase - die "Planzahl" nach unten korrigiert.
Die Berufung zur Elternschaft fing schon an, als das erste Kind auf dem Weg war. Bei dir als werdender Mutter vielleicht sogar noch früher als bei mir. Ist das denn keine Berufung: da wächst ein Kind in dir, das deinen ganzen Lebensalltag auf Jahre umkrempeln wird?!

Susanne:   Allerdings! Die Kinder haben seither unser Leben im wahrsten Sinne des Wortes "in Anspruch genommen". Seit 16 Jahren beanspruchen sie unsere Zeit, unsere Nerven, unseren Geldbeutel und unser Inventar. Und so eingeschränkt wir zeitlich, räumlich oder finanziell manchmal waren und sind, hat sich doch mein Horizont durch unsere Kinder enorm geweitet. Ich war angerührt von der Hilflosigkeit und dem Angewiesensein des Neugeborenen, ich staunte über das grenzenlose Vertrauen und die enorme Energie eines Kleinkindes, ließ mir vom Schulanfänger Gott und die Welt erklären und begleite jetzt schon unsere Großen in die Selbständigkeit. In jeder Phase durfte ich eine Menge über mich selbst und über Gott lernen.

Arne:    Gott erfahren, ihn noch einmal neu entdecken, das empfand ich besonders, als wir vor vier Jahren zu unseren eigenen Kindern Pflegekinder aufgenommen haben. Sie hatten noch nie etwas von Gott gehört.
Abends habe ich ihnen aus der Kinderbibel vorgelesen und irgendwann kam die große Frage: "Arne, wer ist Gott?" Ich versuchte es mit: "So groß wie ..., aber auch so klein wie ..." - es erschien mir selbst kaum greifbar. "Gott ist wie ein Vater im Himmel, der immer bei uns ist, wenn wir ihn brauchen!" erklärte ich schließlich. Und Michael meinte: "So wie du, Arne?" Gott möge mir verzeihen, dass ich ihm mit: "Ja, so ähnlich!" antwortete. Diese Frage So wie du? hat mich ganz tief bewegt. Was für eine Verantwortung habe ich da! Ist das Berufung?

Susanne:     Eine Herausforderung ist es ganz bestimmt! Aber Berufung? Irgendwie sträube ich mich noch immer gegen dieses Wort. Es klingt ein bisschen hochtrabend für das, was wir hier täglich machen, finde ich. Wir haben uns Kinder gewünscht und Gott hat uns welche geschenkt. Da waren keine Voraussetzungen oder Eigenschaften, die uns vielleicht besonders zur Elternschaft befähigt hätten. Da war nur die Bereitschaft, Neuland zu betreten, das Herz zu öffnen. Für jedes Kind neu, für jedes Kind anders.

Arne:    Das stimmt! Sie sind alle so unterschiedlich. Jedes braucht etwas anderes, jedes schenkt etwas anderes, jedes rührt eine andere Seite in einem an.
Und noch etwas kam durch sie in unser Leben hinein. Ich werde oft erstaunt gefragt: "Was, das machst du auch noch - trotz der vielen Kinder?!" Nein, wegen der Kinder! Plötzlich komme ich nicht umhin, mich gesellschaftlich zu engagieren, die Welt ein klein wenig zu verbessern, wo ich kann. Denn ich habe ja ein ureigenes Interesse daran, weil ich meine eigenen Kinder vor Augen habe. Und so kam es wohl, dass du, Susanne, mit deinen Mitstreitern vor einigen Jahren eine christliche Schule gegründet hast und ich eine Partei, die die Familie politisch in den Mittelpunkt ihrer Bemühungen stellt.

Susanne:    Die Evangelische Grundschule in Walkendorf ist immer genau so alt wie Joseph, unser viertes Kind. Es begann im Januar 1999. Wir fanden uns mit einer Handvoll Eltern zusammen und überlegten gemeinsam, wie man für unsere Kinder eine Schule schaffen könnte, in der sie in Freiheit und mit Freude, selbstbestimmt und in einer guten Atmosphäre lernen können. Während wir versuchten, ein Konzept zu schreiben, das unseren z.T. sehr unterschiedlichen Vorstellungen von "guter Schule" gerecht würde, entwickelte das Ganze eine lawinenartige Eigendynamik. Innerhalb kürzester Zeit musste ein Gebäude gefunden und renoviert, eine geeignete Lehrkraft engagiert und genügend Schüler geworben werden, dazu der Papierkrieg und der ungewohnte Umgang mit Behörden, Ministerien und Kirchenobersten. Und das alles in einem so kirchen-entfremdeten Land wie Mecklenburg! Vieles ging nicht, vieles ging schief. Manchem wurde es zu "heiß" und er zog sich zurück. Manchmal waren wir so am Ende! Und die ganze Familie war in Mitleidenschaft gezogen...

Arne:    Ja, das war hart und du hast oft gesagt, du würdest damit aufhören, wenn du wüsstest, wie. War das nicht noch öfter so in unserem Ehe- und Familienleben? So manches Mal sind wir im persönlichen wie auch im beruflichen Leben hart an unsere Grenzen gestoßen. Aber immer wieder haben sich uns Wege geöffnet. Ich erinnere mich noch sehr gut an einige Gebete, in denen ich dringend um Gottes Kraft bat und sie auf wunderbare Weise hautnah spüren konnte.
So kamen auch bei der Schulgründung immer wieder neue Mitstreiter hinzu mit Ideen und frischem Mut und manche unerwartete Hilfe und so wurden Joseph und "unsere" Schule im Sommer 1999 geboren.

Susanne:    ...und damit fing der Stress erst richtig an, eben wie bei einem Baby!

Arne:    Inzwischen ist die Schule aber aus den Kinderschuhen heraus, Joseph allerdings noch nicht... Gestern feierten wir mit Sebastian in einer überfüllten Kirche unsere fünfte und letzte Einschulung. Der Kraftakt hat sich doch für uns gelohnt, oder?

Susanne:    Trotzdem: Gut, dass ich vorher oft nicht wusste, was genau auf mich, auf uns zukommen würde, sonst hätte ich viele Dinge niemals so unbefangen begonnen.

Arne:    Also doch keine Berufung?

Susanne:     Genausowenig wie ich mich zunächst zur Krankenschwester oder Mutter berufen fühlte. Viele Möglichkeiten, das Leben zu gestalten, sich einzubringen, sich für etwas zu entscheiden ergaben sich einfach so im Alltag. Und dann haben wir manche Herausforderung angenommen und manche auch nicht. Für einige Menschen mag es dieses ganz große "Berufensein" geben, das Wissen, dass man genau zu diesem und jenem auf der Welt ist. Ich selbst habe meist erst im Nachhinein gesehen, wohin Gott mich geführt hat, wo er mich vielleicht gebraucht hat, und dass es gut für mich war, weil es meinem Wesen, meinen Begabungen entsprach - ein ganz behutsames Hineinlocken und -wachsen in eine Berufung, eine Entwicklung.

Und letztlich haben wir durch die Elternschaft auch viele Talente entdecken und entwickeln können, von denen wir vorher nicht einmal ahnten, dass wir sie haben. Ich glaube, was ich aus dieser Zeit mitnehmen werde, wenn unsere Kinder nach und nach flügge werden, ist ein riesengroßer Schatz: So viel Lebendigkeit, so viele Begegnungen und Erlebnisse, so viele Freunde, so viel Liebe. Aber noch stecken wir mittendrin, noch ist keine Zeit, sentimental zu werden.

"Berufung zur Elternschaft"? - ja, wenn ich es nicht so sehr als Aufgabe, als Bewährung oder Pflicht verstehe, sondern eher: Gott traut mir Enormes zu, wenn er mir Kinder anvertraut. Er sieht mein Potential, er fördert meine schlummernden Talente und kennt auch meine Grenzen. Er weitet mein Herz und meinen Blick und wird mir durch unsere Kinder immer näher und vertrauter.

Wie ein guter Vater.

Von

  • Arne Gericke

    er lebt mit seiner Frau Susanne, in Mecklenburg und arbeitet als Trauerredner und Seelsorger. Seit 2006 ist er Bundesvorsitzender der Familien-Partei und seit 2014 Mitglied des Europäischen Parlaments.

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  • Susanne Gericke

    lebt mit ihrem Mann, Arne, in Mecklenburg.

    Alle Artikel von Susanne Gericke

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