Geh auf's Ganze! Berufung finden

Mit jedem Menschen ist etwas Neues in die Welt gesetzt,
was es noch nicht gegeben hat. (Martin Buber
)

Wir wollen alle das Richtige, aber wir vermeiden eine Art von Lebensstil, die aus unseren Absichten Wirklichkeit werden lässt. (Dallas Willard)

 von Dominik Klenk

Früher waren die Dinge klarer. War der Vater Schuhmacher, war es selbstverständlich auch der Sohn. Heute heißen Leute zwar noch Schuhmacher, doch ihre Söhne werden längst Rennfahrer.

In Form kommen

In den Gestaltungsfragen des eigenen Lebens - Beruf, Ehepartner, Wohnort -  frei wählen und selbst entscheiden zu können, ist eine kostbare Errungenschaft der Moderne. Auf der anderen Seite ist das Angebot der Möglichkeiten und Lebensentwürfe heute schier unüberschaubar und zur Last geworden. "Bleiben Sie dran", ruft man uns per Mattscheibe zu. "Iss mich", lockt das Angebot in den Schokoladenregalen. "Komm und finde dein Glück", werben nicht nur die Partneragenturen.
Was lasse ich an mich heran? Wem schenke ich Gehör? Was nehme ich auf? Das Trainingsgelände unseres Alltags ist voller Herausforderungen und der Parcours bisweilen eng gesteckt. Die Wahrheit ist: Um nicht in der schillernden Vielfalt hängen zu bleiben, müssen wir wählen, denn nur so können wir unserem Leben Form geben. Sportlich ausgedrückt: Wer in Form kommen oder bleiben möchte, muss Entscheidungen treffen.

Mit Grenzen leben

"Wer für alles offen ist, kann nicht ganz dicht sein", lautet ein alter Sponti-Spruch und erinnert an die Notwendigkeit, sich festzulegen und zu begrenzen. Die Crux dabei ist, dass das Ja-Sagen zu einer Sache oder einem Weg zugleich das Nein-Sagen zu allen anderen einschließt. Das ist schwer und oft schmerzhaft, und deshalb versuchen wir gern, konkreten Entscheidungen auszuweichen. Aber wer seinem Leben eine Gestalt geben will, muss "auf's Ganze gehen" und Mattscheiben ausschalten, Schokoladenriegel liegen lassen und vermeintliche Heilsbringer und Glücksspiele ignorieren. Sie führen uns auf den Holzweg, nicht aber auf Wege des Lebens.

Über Grenzen gehen

In jedem von uns wohnt eine tiefe Sehnsucht nach Ganzheit. Eine Sehnsucht nach etwas Großem und Vollkommenem, nach Schönheit und Wahrheit, nach etwas Heiligem, nach Anteil an etwas, was über uns hinausweist. Wenn wir auf sie hören, wird sie uns zum Wegweiser (S. 218). "Ich sehne mich dauernd, ich kann nicht sagen wonach", schrieb der Philosoph und Molekularbiologe Erwin Chargaff (1905-2002) am Ende seines langen Lebens. Der Kirchenvater Augustinus (354-430 n. Chr.) wusste, wohin seine Sehnsucht sich ausspannte: "Unruhig ist mein Herz, bis es Ruhe findet in Dir!"
Dieser Ruhe -  in der Einheit mit unserem Schöpfer -  sehnen wir uns entgegen, bewusst oder unbewusst. Bis wir sie in der persönlichen Verbindung mit ihm finden, fehlt uns der Zugang zu unserer Ganzheit und Bestimmung. Aber wir können ihr entgegenstreben. Einen hilfreichen Fingerzeig für ein Leben in Klarheit und Eindeutigkeit gibt uns Dietrich Bonhoeffer (1906-1945): "Nicht im Möglichen schweben, sondern das Wirkliche tapfer ergreifen."

Hinhören und hingeben

Bonhoeffers Rat entspricht dem Geist der Aufforderung des Paulus an die Gemeinde in Rom: "Ich ermahne euch nun, durch die Erbarmungen Gottes eure Leiber hinzugeben als ein lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges Opfer. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst." (Röm 12,1)
Hier geht es um's Ganze. Alles ist gottgeschenkt. Darum ist es vernünftig, ihm mit allem, was wir sind und haben, zu antworten. Nicht gemeint ist, dass wir uns als Sühnopfer bringen sollen, um Gottes Barmherzigkeit zu erlangen! Die hat Jesus Christus für uns erwirkt. Nein, das "lebendige Opfer" ist unsere freie und beherzte Antwort auf die erfahrene Barmherzigkeit in unserem Leben. Wir sind herausgefordert, dieses Geschenk Gottes staunend wahrzunehmen und anzunehmen (S. 246). Dann wird es sich in uns verwandeln in eine antwortende Hingabe. Wenn wir beginnen, Gottes Stimme in unserem Leben aufmerksam zu hören, wächst die Sehnsucht nach Entschiedenheit. Und die braucht es auch, denn unsere Antwort auf seinen Anruf hat Folgen: für unser Leben und unser Denken, für unser Reden und Handeln und unser Herz. Denn, so fährt Paulus in der Schlüsselstelle Römer 12 fort, "passt euch nicht den Schemata dieses Äons an", lasst euch nicht schematisieren, sondern "lasst euch 'transformieren' - umwandeln - durch die Erneuerung eures Sinnes, damit ihr Gottes Willen erkennen könnt".

Mitweg und Wagnis

Es ist spannend zu sehen, in welcher Reihenfolge Paulus die Schritte eines von Christus Berufenen hier beschreibt: Zuerst kommt das aktive Wahrnehmen (des Empfangenen) und die Dankbarkeit. Daraus folgt das Tun, die Hingabe (des Lebens). Dann erst kommen das Erkennen und die Neuprägung unserer Denkmuster. Das zeigt den Weg-Charakter des Christenlebens: Erkennen und Verstehen sind die Folgen und Früchte der Vertrauensentscheidung für Christus, nicht deren Voraussetzung.
Der Weg mit Gott bleibt ein Wagnis. Gott hat keinen fertigen Plan für unser Leben, aber er gibt uns seine Hand. Er geht den Weg mit, den wir - oft genug mit zitterndem Herzen - wählen.

Mit Gott und den Gefährten

Welcher Anruf unser Leben trifft und uns zu beherzten und "ganzen" Entscheidungen bringt, kann völlig unterschiedlich sein (S. 228 und S. 236). Entscheidend ist, dass wir mehr und mehr die Stimme unseres Herzens kennenlernen und mit unserer Leidenschaft in Berührung kommen - mit dem, was unserer Ursehnsucht entspricht (S. 222).
Der Weg mit Gott ist kein Weg gegen den eigenen Willen. Wir sollen ihn kennen und einsetzen - aber nicht einfach durchsetzen! Vielmehr gilt es, Gottes Willen zu erkennen und mit dem eigenen vertrauensvoll zu einer zweifach gewundenen Schnur zu verbinden. Nur wer einen eigenen Willen hat, kann diesen auch für etwas Größeres hingeben und einbinden lassen.
Zu den großen Geschenken unseres Daseins gehört es, Gefährten zu haben, mit denen wir unseren Glauben und unsere Herzens-Berufung teilen können. Das Glück einer solchen Gemeinschaft brennender Herzen ist voller menschlicher Herausforderungen, aber es vibriert auch vor "konspirativer" Dynamik. So führt die eigene Berufung idealtypisch immer in das Knüpfen eines dreifachen Bandes: Gottes Wille, mein Wille und der Wille der Gefährten. Ein solches Band hat Kraft zu tragen, zu ertragen und viele andere mitzutragen: "Wo aber aus Liebe um andere gerungen und für andere gelitten wird, dort wachsen Hoffnung und Zukunft für viele." (Charles de Foucauld)

Erfahrung und Aufbruch

Die Suche nach dem "Was" der eigenen Berufung ist kein einfacher Weg. Mühe macht auch die Entscheidung nach dem konkreten Ort unserer Sendung. Wo will Gott mich haben? Die verschiedenen Facetten der Beiträge in diesem Salzkorn möchten diesen Such- und Hörweg unterstützen. Dabei ist das Zusammenkommen der verschiedenen Artikel vor allem eine Frucht der Erfahrungen in der Gemeinschaft und in der Begleitung junger Menschen auf der Suche nach ihrer Lebensspur.  

Beherzt zur nächsten Etappe aufgebrochen sind im August die zwölf jungen Männer und Frauen, die ein Jahr auf Schloss Reichenberg und im Jugendzentrum mit uns gelebt, gebetet und gelernt und unser Leben reich gemacht haben. (S. 252) Die Lebensgeschichten von jungen Menschen in dieser Phase erleben und prägen zu dürfen, ist immer noch Auftrag und Privileg. Es fordert uns heraus und verändert uns selbst. "Es ist unglaublich zu erleben, dass es hier Menschen gibt, die soviel Gutes in mir sehen, obwohl sie soviel Schlechtes von mir wissen", sagte eine junge Frau aus dem Jahresteam in ihrem Rückblick auf das vergangene Jahr.

Verbunden mit der Welt

Dass sich immer wieder Menschen mit den unterschiedlichsten Erfahrungshorizonten in unser Leben hineinweben lassen, bleibt ein Geschenk für die OJC. Auch in diesem Sommer sind vierzig junge Leute aus elf Ländern zum Internationalen Baucamp (S. 214) bei uns gewesen, haben sich von unserer Vision für das Erfahrungsfeld "Wege zum Leben" anstecken lassen und an der Realisierung auf Schloss Reichenberg mitgearbeitet. Gefestigt wurden dadurch nicht nur die Mauern um das Burggelände, sondern auch die Gewissheit, dass wir alle miteinander an etwas Großem und Lohnendem bauen dürfen, weil auch Gott an unserem eigenen Lebenshaus mitbaut.
Auf Schloss Reichenberg nehmen die baulichen Maßnahmen zur Realisierung des erlebnispädagogischen Erfahrungsfeldes weiter Gestalt an. Viele Steine wurden in den vergangenen Monaten erneuert und bewegt. Berufen ist das missionarische Projekt inzwischen - allerdings noch nicht ganz finanziert. Unsere letzte Seite zeigt, wie es um das Projekt finanziell bestellt ist. Mehr als ¼ der notwendigen Mittel ist binnen 6 Wochen zusammengekommen. Das ist ein starker Anfang, der bis Jahresende noch kräftig Nachschub braucht, damit wir weiter auf's Ganze gehen können. Danke für Ihr Mittragen!

Als Geschenk für Sie liegt mit diesem Salzkorn auch der OJC-Gebetskalender für 2008 bei. Fein und festlich ist er geworden und sogar "gülden", dem kommenden Festjahr für 40 Jahre OJC gemäß. Er ist aber vor allem auch ein "goldener Dank" an Sie, an Euch, unsere Freunde. Jeder von Euch und Ihr alle zusammen habt durch Gaben und Gebete dafür gesorgt, dass die OJC ihren Auftrag in Kirche und Gesellschaft seit 1968 wahrnehmen und offensiv bleiben kann.

Herzlich und mit der ganzen OJC grüße ich Sie, Ihr Dominik Klenk, OJC, Reichelsheim, den 7. September 2007

Von

  • Dominik Klenk

    Journalist und Medienpädagoge; Leiter und Prior der OJC von 2002-2012; seitdem Leiter des fontis' Verlags (ehemals Brunnen Verlag), Basel

    Alle Artikel von Dominik Klenk

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