Hört, hört!

Was unsere Ohren für die Stimme Gottes öffnet und was sie verschließt

von Rosmarie Berna

Die Grundbedeutung des Wortes "Berufung" ist "rufen, herbeirufen". Was heißt das, wenn Gott uns ruft? Was macht es uns schwer, ihm zu vertrauen? Dieses Thema beschäftigte uns in einer Retraite mit unseren Assoziierten, die sich auf den Weg gemacht haben, ihre persönliche Berufung zu entdecken. Die Seelsorgerin und geistliche Begleiterin Dr. Rosmarie Berna gab dazu wichtige Anstöße.

Als Jesus von einem Schriftgelehrten gefragt wird, welches das höchste Gebot sei, beginnt er: Höre, Israel! (Mk 12, 29) Das geht auch uns heute an, jeden und jede von uns: Höre auf die Stimme Gottes! Sein Anruf erreicht uns auf ganz verschiedene Weise - durch ein Wort aus der Bibel, ein Lied, ein Gespräch, das uns nahegeht, oder durch irgendein Ereignis. Oft ist es ein leises Wort, darum der eindringliche Ruf: Höre! Horche! Wer Ohren hat, der höre! Und der Psalmbeter weiß: Die Ohren hast du mir geöffnet. (Ps 40,7) Gott will uns die Ohren öffnen. Er erreicht uns, wenn wir einen Moment innehalten. Dann ist unser Ohr wie ein offenes Gefäß, das aufnehmen kann, was es hört. Wir können das dann in unserem Herzen bewegen und in uns wirken lassen. So geht es in unser Denken und Handeln und in unsere Beziehungen ein.

I. Ausgangspunkt Beziehung

Und das ist es, das wir zuerst vernehmen: Der Herr, unser Gott, ist allein Gott. (5. Mose 6,4) Unser Gott, mein Gott, euer Gott, unser Vater -von Anfang an leben wir in einer Beziehung zu Gott, in der grundlegenden, umfassenden Beziehung, ob uns das bewusst ist oder nicht. Von ihm her bricht sie nie ab.
Das Volk Israel wird ermahnt, diese Beziehung nicht zu vergessen, wenn es ihm gut geht und es im Wohlstand lebt: Hüte dich, dass dein Herz sich nicht überhebt und du den Herrn vergisst, der dich aus Ägyptenland geführt hat aus der Knechtschaft. Und dich geleitet hat durch die große und furchtbare Wüste, wo feurige Schlangen und Skorpione und lauter Dürre und kein Wasser war und ließ dir Wasser aus dem harten Felsen hervorgehen. (5. Mose 8,14f)
Mit eindrücklichen Bildern werden sie daran erinnert, wie Gott sie durch die Gefahren der Wüste hindurchgeführt und wie er ihren Durst gestillt hat. Wenn wir uns ein wenig Zeit nehmen und auf unser bisheriges Leben zurückschauen, werden wir auch sehen, dass Gott uns durch manche Schwierigkeiten, Gefahren, Ängste und wohl auch Durststrecken hindurchgeführt hat. Wir werden dabei erkennen, wo wir gerade stehen. Gott ist da - auch im Ungelösten. Er führte das Volk Israel aus dem "Sklavenhaus Ägypten" und er führt auch uns aus Abhängigkeiten, Unterdrückung, Erniedrigung und Ausbeutung "ins Weite", in das Land seiner Freiheit. Irgendwo auf diesem Weg befinden wir uns, jeder an seinem Ort.

Der Bund der Treue

Damit das Volk Israel sich immer wieder daran erinnert, in welcher Beziehung es zu Gott steht, bietet er ihm am Sinai - noch mitten auf dem Weg in das versprochene Land - an, einen Bund mit ihm zu schließen. Dessen wichtigster Inhalt waren die 10 Gebote, dazu ergänzende Vorschriften. Israel erklärt sich bereit, "alles was der Herr gesagt hat", zu halten. Somit ist der Bund zwischen Gott und dem Volk geschlossen. (2. Mose 24,1-8) Auf dem langen, schwierigen Weg durch die Wüste vermag es sein Vertrauen in die Zusagen Gottes nicht immer durchzuhalten. Immer wieder wird es untreu und wendet sich Götzen zu. Aber Gott gibt es nicht auf, seine Liebe ist stärker. Er sucht Wege, sein Herz, seine Liebe, seinen Verstand zu erreichen.  

Der neue Bund

In dem Menschen Jesus kommt Gott uns in einer neuen Weise nahe. Jesus selbst lebt in einer uneingeschränkten Offenheit zu Gott, den er liebevoll "Abba" nennt, so wie in aramäischen Familien der Vater genannt wird. Er lehrt uns beten: Unser Vater im Himmel -  und möchte uns so in seine zärtliche Liebesbeziehung mit hineinnehmen.
Die ganze Antwort Jesu auf die Frage nach dem wichtigsten Gebot lautet: Das erste ist: Höre, Israel, der Herr unser Gott ist allein Herr und du sollst den Herrn, deinen Gott lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und deinem ganzen Verstand und mit all deiner Kraft. Das zweite ist dieses: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Höher als diese beiden steht kein anderes Gebot. (Mk 12,28-31) Und wenn Jesus in der Bergpredigt sagt: Ich bin nicht gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben. Ich bin gekommen, um sie zu erfüllen (Mt 5,17), so sagt er damit, dass schon der Sinn des alten Bundes und auch der Mahnreden und Verkündigung der Propheten war, dass die Menschen die väterlich-mütterliche Liebe Gottes erkennen und dadurch in der Liebe zu Gott und zu den Mitmenschen leben könnten.
Die Sehnsucht nach solch einer Liebe hat Gott uns tief ins Herz gelegt. Sie ist die Antwort in uns auf seine Sehnsucht nach uns. Er sehnt sich danach, in uns als erwachsene Söhne und Töchter ein Gegenüber zu haben. Wenn wir auf unsere Sehnsucht hören, wird sie uns zu ihm hinführen.

II. Hindernisse auf dem Weg

Wir kennen wohl alle Momente, in denen wir die freundliche Zuneigung und Güte Gottes ganz nah erfahren. Wenn wir ehrlich in uns hineinhören, spüren wir aber auch Hindernisse und Widerstände. Vielleicht, ohne dass es uns ganz bewusst ist, halten wir an inneren Konflikten, an Wünschen, Kränkungen und altem Groll fest und sind nicht bereit, sie in unsere Beziehung zu Gott mit hineinzunehmen und sie in seine Hände zu legen. Es ist gut, wenn wir uns ab und zu die Zeit nehmen, uns zu fragen, was das für Gefühle, Erfahrungen, Vorstellungen und Enttäuschungen sind, die uns hindern, uns der Liebe Gottes ganz zu öffnen.

Empfangen oder Habenwollen

Es gibt einen Unterschied zwischen Empfangen und Habenwollen. Empfangen ist nicht etwas Passives. Es ist ein aufmerksames Hören und Erkennen, ein sich Einlassen und Vertrauen wagen. Was ich empfange, ist stets Geschenk, nicht eigene Leistung. Dass wir das Geschenk annehmen, dass wir ihm in uns und in unserem Alltag Raum geben, das ist die Herausforderung für jeden und jede von uns. Habenwollen bedeutet, dass wir etwas ganz Bestimmtes von Gott haben wollen. Wir bitten um etwas, was wir uns wünschen, vorstellen und erreichen möchten. Das ist ganz in Ordnung. Wir dürfen unsere Bitten und Wünsche vor Gott bringen. Aber es gibt eine feine Grenze, die wir oft unmerklich überschreiten. Denn die Gefahr ist, dass wir unsere Bitten nicht mehr in Gottes Hände legen - im Vertrauen, dass er tiefer und weiter sieht als wir, - sondern dass wir versuchen, Gott für unsere Ziele und Wünsche einzuspannen. Wir sind dann nicht mehr empfänglich für das, was Gott uns aus seiner Sicht geben möchte. Wir verschließen uns seiner Liebe und auch einer offenen Beziehung zu unseren Nächsten. Empfangen ist immer mit Loslassen und Hingabe verbunden. Habenwollen ist viel mehr der Anspruch, etwas als Besitz oder Recht anzusehen. Manchmal verbirgt sich dahinter eine Leistungsfrömmigkeit, die das, was sie von Gott erbittet, als gerechten Lohn für eigenen Verdienst ansieht.

Abwendung von Gott

Wenn ein besonders inniges, von ganzem Herzen ausgesprochenes Gebet nicht in Erfüllung geht, kann unser Vertrauen tief erschüttert werden. Eine gute Bekannte von mir stammte aus einer nicht religiösen jüdischen Familie. Als sie acht Jahre alt war, brach der erste Weltkrieg aus. Das Mädchen, das einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn hatte, war tief betroffen und betete inständig, Gott möge diesen Krieg stoppen. Es dürfe doch nicht sein, dass unschuldige Menschen wegen der Machtansprüche der Großen leiden müssten. Und - Gott griff nicht ein! Der Krieg entwickelte sich und verlangte viele Opfer. Da entschied das Mädchen in seiner Enttäuschung ganz bewusst: mit diesem Gott will ich nichts zu tun haben! Sie hat es ihr Leben lang durchgehalten und sich immer als Atheistin bezeichnet. Sie wurde Sozialistin und Sozialarbeiterin, setzte sich für Flüchtlinge, Asylsuchende und Menschen ein, die von der Gesellschaft vernachlässigt und verachtet waren. In ihrem 90. Lebensjahr - altersschwach und auf den Rollstuhl angewiesen - brach in ihr ein heftiger Hass auf ihren kraftlosen, abgemagerten Körper auf. Sie konnte mit der Faust auf ihren Arm einschlagen und klagen: "Warum darf ich nicht sterben? Warum diese Strafe?" Ich verstand lange nicht, bis ich sie endlich fragte: "Glaubst du, dass Gott dich straft, weil du dich von ihm losgesagt hast?" Da war sie lange still. Dann sagte sie: "Ich habe immer gedacht, ich weiß selber, was recht ist. Aber jetzt ist es zu spät." Ich erwiderte: "Gott stößt keinen zurück, der zu ihm kommt." Das wollte sie in den kommenden Monaten immer wieder hören. Sie ist schließlich im Vertrauen, dass Gott sie aufnimmt, friedlich gestorben. Gott hatte sich nie von ihr losgesagt.

Unsichtbare Mauern

Auch unser Sicherheitsbedürfnis kann ein Hindernis in unserer Beziehung zu Gott - und zu Menschen - sein. Aus einer ängstlichen Abhängigkeit heraus möchten wir von Gott ganz genaue Anweisungen bekommen. Es ist die Angst vor der eigenen Verantwortung, Fehler zu machen und zu versagen. Dahinter steht, von Gott und der menschlichen Gemeinschaft verurteilt und fallengelassen zu werden. Mehr oder weniger bewusst tragen wir da ein böses oder mindestens ambivalentes Gottesbild in uns.
In der Seelsorge zeigt sich immer wieder die Erfahrung, dass eine schlechte Meinung von sich selbst ein besonders hartnäckiges Hindernis ist, der Liebe Gottes zu vertrauen. Das zeigt sich in Äußerungen wie: Ich bin zu klein, zu jung, zu alt, zu ungeschickt, ich kann nicht reden oder ich bin dem Leben nicht gewachsen. Das heißt, wir stoßen uns an unseren Grenzen. Erst wenn wir dieses minderwertige Bild von uns selbst vor Gott bringen, uns ihm damit anvertrauen, werden wir uns mit unserer Begrenztheit versöhnen und - im Bewusstsein, dass wir auf ihn angewiesen sind - einen neuen Zugang zu seiner Liebe finden.
Oft leben wir auch zu unbewusst, um für die Liebe Gottes empfänglich zu sein. Wenn wir in einem vagen Gottvertrauen leben, beschäftigt es uns nicht, wer Gott für uns ist und wo wir stehen. Wir haben dann auch kein Gehör dafür, wohin er uns ruft. Darum ergeht der Ruf: Wach auf, der du schläfst! (Eph 5,14) Und von Jesus her: Kehrt um! Denkt anders von Gott! Werdet wach und seht, wer Gott für euch ist, und wo ihr in der Beziehung zu ihm steht!

III. Liebe und Selbsterkenntnis

Wo Gott auf uns zukommt, lernen wir uns im Licht seiner Wahrheit zu sehen, denn Liebe und Wahrheit gehören bei Gott zusammen. Die Geschichte von der Samariterin, die allein in der Mittagshitze zum Brunnen kommt (Joh 4,1-26), machte mir das einmal ganz deutlich. Jesus spricht die Frau an, lässt sich auf ein Gespräch mit ihr ein und fordert sie auf, ihren Mann zu holen. Sie gesteht, sie habe keinen Mann. Jesus antwortet: "Richtig, fünf Männer hast du gehabt, und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann." Das ist eine unerwartete, harte Konfrontation mit der Wahrheit. Aber offenbar hat er sie ihr in einer Art gesagt, die sie nicht erniedrigt, sondern ihr das Herz geöffnet hat. Ganz erfüllt läuft sie zu den Frauen, die sie sonst meidet, und ruft ihnen zu: "Kommt, kommt, ich habe den Messias gesehen."
Die Liebe deckt der Sünden Menge heißt es im 1. Petrus 4,8 - zuerst deckt Jesus sie auf, um sie dann mit Liebe und Vergebung zuzudecken, damit sie kein Hindernis mehr sind in der Beziehung zu Gott und zu unseren Mitmenschen! Mir selber wurde das nach einer Augenoperation klar. Ich durfte eine Woche lang nicht lesen. Ein guter Freund meinte: "Du weißt genug Bibelstellen oder Liedverse für die morgendliche Stille." Das war die ersten Tage auch so. Aber eines Morgens war bei mir einfach alles blank und ich bat Gott, mir irgendein Wort zu geben. Da kam: "Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Gottes." In meiner Naivität sagte ich: "Lieber Gott, es ist gut, alles ist offen vor dir da!" Doch auf einmal wurde mir bewusst, mir muss es offenbar werden! Seither wird mir immer wieder etwas aufgedeckt, eine Unachtsamkeit, eine Lieblosigkeit, eine Überheblichkeit, ein Versäumnis. Das ist zunächst schmerzhaft und beschämend; allmählich merke ich: Es ist schlimm, aber es ist wahr, so bin ich! Inzwischen erlebe ich es als ein Zeichen von Gottes Liebe, wenn er mir etwas aufdeckt. Nicht im ersten Moment, aber dann kann ich es ihm hinhalten, es in seine Hand legen und mich ihm damit anvertrauen.

Hinwendung zu Gott

Als Abraham von Gott den Ruf hörte, seine Heimat zu verlassen und sich aufzumachen "in das Land, das ich dir zeigen werde", verließ er den Ort, an dem er seit Jahren gelebt und wo er ein gutes Auskommen hatte. Mit Sara und Lot und mit der Verheißung reichen Segens, der über seine Nachkommen alle Völker der Erde erreichen sollte, folgte er dem Ruf Gottes - seiner persönlichen Berufung! Auf einem langen Weg lernte er die treue, persönliche Zuwendung Gottes zu ihm kennen und lernte vertrauen.  Er erlebte, wenn er ungeduldig wurde, zweifelte oder klagte: Gott ist da, spricht zu ihm, richtet ihn auf. Dabei lernte er auch sich selbst kennen mit seinen Stärken und Schwächen, mit guten und weniger guten, auch hässlichen Seiten -  im Umgang mit Sara, mit seinem Neffen Lot und mit den Menschen, denen er unterwegs begegnete.  

Das ist das Land, das Gott ihm zeigen will, das Land seiner Beziehungen. Auf dem Weg hin und her in diesem Land wird er durch den Segen Gottes allmählich der, den Gott gerufen und den er schon immer in ihm gesehen hat. Das ist der Weg der Berufung: wie immer er sich im einzelnen gestaltet, es ist der Weg in die persönliche Beziehung mit Gott und an den Ort und in die Aufgabe, die er jedem von uns zeigen will, verbunden mit der Verheißung eines Segens, der weit über uns hinaus wirken wird.

Von

  • Rosmarie Berna

    Romanistin und Psychoanalytikerin, ist heute als Seelsorgerin und Exerzitienleiterin tätig. Seit Jahren begleitet die Assoziierten in der OJC.

    Alle Artikel von Rosmarie Berna

Das Salzkorn im Abonnement

Jede Ausgabe dieser Zeitschrift können Sie kostenfrei bestellen »

Auch künftige Ausgaben vom Salzkorn (erscheint vier Mal im Jahr) senden wir Ihnen gerne zu. Hier können Sie das Salzkorn abonnieren »

Unsere Veröffentlichungen unterstützen

Helfen Sie uns mit Ihrer Spende, christliche Werte und eine kritisch-konstruktive Auseinandersetzung mit Strömungen der Zeit auf der Grundlage des Evangeliums an nachfolgende Generation zu vermitteln.

So können Sie spenden:

» Bankverbindung
» Spendenformular
» PayPal