Die Welt an meiner Seite

11 Nationen beim Internationalen Baucamp 2007 in Reichelsheim

von Gabriella Molnár (Ungarn)

Vierzig junge Menschen aus elf Ländern kamen zum Internationalen Baucamp auf Schloss Reichenberg. Mit festen Schuhen, Arbeitskleidung und den gelben Baucamp-Handschuhen stiefelten sie über das Burgareal, legten im Hof Kanalrohre frei, spachtelten an der Ringmauer neuen Mörtel zwischen die Fugen, zogen Stützmauern hoch, wo die Wand einzusinken drohte. Im Burggarten war das "Gelände-Team" im Einsatz, ebnete den überwucherten Boden und säte Rasen ein.
Kaum einer von ihnen hat ein Handwerk gelernt: die meisten noch in der Ausbildung, im Studium, manche in der Schule; dennoch waren alle engagiert bei der Arbeit. Gemeinsam am Entstehen des Erfahrungsfelds "Wege zum Leben" in der romantischen alten Burganlage beteiligt zu sein, spornte sie an. Die Baucampler lebten und arbeiteten zweieinhalb Wochen auf engem Raum miteinander. Jeder hatte außer seiner eigenen Geschichte auch die Geschichte und die Kultur seiner Nation im Marschgepäck. Die Begegnungen miteinander waren nicht immer einfach, aber auf jeden Fall herzerweiternd. Eine junge Frau aus Ungarn lässt uns an ihrem Erleben teilhaben.

Meine Studienkollegin Ágnes erzählte mir vom Baucamp. Das Abenteuer schien verlockend: neue Leute kennenlernen, mit ihnen leben und in einem Schloss arbeiten, klang vielversprechend. Als es konkret wurde, kamen mir Zweifel: Werde ich mich in einem fremdartigen Umfeld zurechtfinden, kann ich mich dort wohlfühlen, wo gläubige Menschen sich mit einem "Wesen" befassen und zu ihm beten, dessen Existenz mir zweifelhaft scheint? Werde ich Anschluss finden? Ich befürchtete, mitten in der Gruppe allein zu bleiben.

Schließlich siegten Neugier und Abenteuergeist. Zum Glück, denn ich habe mich unbeschreiblich wohlgefühlt und bin um viele kostbare Erlebnisse reicher! Die Baucampler haben mir Einblicke in das Leben und die Mentalität ihrer elf Nationen verschafft, die ehrlicher und echter nicht hätten sein können. Wir haben zueinander gefunden: miteinander gelacht und geweint, gesungen und gespielt. Wir sind gleichzeitig in die Stille gegangen, haben gemeinsam gearbeitet und geruht und einander an unserem Leben Anteil gegeben.

Ich durfte auch erfahren, dass Glaube frei sein kann, ehrlich, menschennah und mitreißend! Das hatte ich nie vorher so gespürt. Zum ersten Mal schien er mir kein Gefängnis zu sein: niemand wollte mir meine Freiheit nehmen. Gespannt erwartete ich jeden neuen Tag auf die Gebetszeiten und Impulse und merkte, wie mich alles tief berührte, in meine Seele sickerte. Mir wurde klar, dass unsere Vergangenheit, auch wenn vieles in ihr schwer ist, zu uns gehört, dass wir der Geschichte Respekt schulden, denn ihr verdanken wir unser Sein. Zugleich gilt es, die Gegenwart, in der wir leben, zu ergreifen. Wir dürfen die sein, die wir sind, und können unser Geschick nach unserer Sehnsucht formen, wenn wir nur glauben ... an das Gute, das Verstehen, an die Liebe und die Vergebung.

Ich merke, wie der hektische Alltag mir diese Erkenntnis wieder verstellt und ich in alte Fallen tappe. Aber ich weiß jetzt auch, dass die Menschen an meiner Seite mich an das Wesentliche erinnern können und dass der Glaube hilft, die Richtung wiederzufinden, den Weg zur Fülle. Ich bin allen, die ich in Reichelsheim kennenlernen durfte, unendlich dankbar dafür, dass sie mich das gelehrt haben.     

Budapest, August 2007

Gabriella Molnár, Pharmaziestudentin

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