Beten und Boxen

Gespräch mit einer, die für Jesus in den Ring steigt: Brigitte Krause

Brigitte Krause stand als Christ in der ehemaligen DDR oft vor neuen Herausforderungen: mit 37 war sie die jüngste Oberin, Jahre später die älteste Studentin. Mit 58 Jahren machte sie das Diplom für Religions- und Gemeindepädagogik und ist heute als ledige Frau "Mutter" im "Fischkutter", einer offenen Kinder- und Jugendarbeit in Rostock-Toitenwinkel. Das Interview mit ihr führte Cornelia Geister.

Brigitte, wie bist du zu deiner Berufung gekommen?

Meine Wiege stand im Norden Deutschlands, da ist man mit dem Christsein eher zurückhaltend. Angesichts der DDR-Situation galt in meiner Familie die Devise: Solange nicht entschieden ist, wer gewinnt, tanze auf verschiedenen Hochzeiten! So hatte ich Konfirmation und Jugendweihe, sang im Kirchenchor und war FDJ-Sekretärin in der Schule. Erst als ich mich siebzehnjährig für ein Leben mit Jesus entschied, begannen sich mein Denken und Tun zu wandeln. Am Abend meines Examens als Physiotherapeutin hörte ich während eines Vortrags über den chinesischen Christen Dr. Sung den Ruf Gottes in den hauptamtlichen Dienst. Dieser Ruf war mir in vielen Situationen und Krisen meines Lebens wie ein Generalbaß, dem sich die verschiedenen Melodien zuordnen konnten und Klangfülle bekamen.

Wie wird aus einer Physiotherapeutin eine Oberin?

Zunächst arbeitete ich in meinem Beruf im Ev. Krankenhaus in Ludwigslust. Für den Dienst im Reich Gottes machte ich eine theologisch-pädagogische Ausbildung in der Bibelschule Malche und war dann für die seelsorgerliche und praktische Begleitung für rund 100 Schwesternschülerinnen zuständig, was mir viel Freude machte. Eines Tages wurde ich gefragt, ob ich in einem Berliner Diakoniewerk Oberin werden wolle. Meine spontane Antwort war: "Wenn Sie wüssten, wie ich bin, hätten Sie mir nicht diese Frage gestellt!" Der Direktor entgegnete: "Wir suchen ja eine unkonventionelle Oberin!" Auf die Frage, wie ich mit Konflikten umgehe, antwortete ich: "Beten und boxen!" Damit war ich die jüngste Oberin im Kaiserswerther Verband. Wenn die anderen mir dieses Amt zutrauten, dann wollte ich die Herausforderung annehmen.

Warum hast du auf die Kirchenwochenarbeit umgesattelt?

Die 7 Jahre in Berlin waren intensiv und sehr interessant. Aber weil diese Arbeit mehr sach- als personenorientiert war, bekam ich den Eindruck, nicht mehr im Zentrum meiner eigentlichen Berufung zu stehen. Das geistliche Leben in mir drohte zu ersticken. In der "Kirchenwochenarbeit"* entdeckte ich viele Möglichkeiten für Verkündigung, Seelsorge und Seminararbeit.  Zwei Jahre lang machte ich beides: wochentags Oberin, an freien Tagen und im Urlaub war ich auf Kirchenwochen, bis die Doppelbeanspruchung zuviel wurde und ich mich entschied, den Dienst im Diakoniewerk zu beenden.

War das ein Opfer?

Ja, denn mit der leitenden Position in der Diakonie war das Privileg verbunden, etwa einmal im Jahr in den "Westen" fahren zu dürfen. Das große Gefängnis öffnete sich, ich erlebte eine andere Welt und konnte frei durchatmen. Dieses Vorrecht aufzugeben, war wesentlich schwerer als der Verzicht auf finanzielle Sicherheit. Ein halbes Jahr nach meinem Weggang aus Berlin fiel die Mauer - ein weltbewegendes Ereignis. Und für mich eine zusätzliche Liebesgabe Gottes. Wenn ich Ihm etwas Großes schenke, schenkt Er etwas weitaus Größeres.

Von Bautzen bist du dann an die Ostsee gezogen.

Meine Mutter, die allein in einem Einfamilienhaus an der Ostsee lebte, wurde manisch-depressiv. Ich wollte als einzige Tochter für sie erreichbarer sein. Eine befreundete Pastorin in Rostock hatte von meinen Veränderungsabsichten gehört und schrieb mir: "Komm herauf und hilf uns!"

In der Gemeinde gab es Evangelisation, Lobpreis, Gemeinschaft in kleinen Gruppen, persönliche Segnung und Seelsorge. Hinzu kam die Möglichkeit zur offenen Kinder- und Jugendarbeit. Ich sah hier die Weiterführung meiner Berufung und erlebte Gott als liebenden Vater, bei dem mein Leben zur Entfaltung kommt und gleichzeitig Zeit für Angehörige ist.

Wie hast du jeweils deine Berufung erkannt?

Meine Grundberufung möchte ich so formulieren: mich von Gott lieben lassen und ihm mit Liebe antworten, indem ich ihm und den Menschen diene. Meine Spezialberufung ist es, Kinder und jungen Menschen zu einer lebendigen Beziehung mit Jesus zu ermutigen. Mit zunehmendem Alter denke ich, dass es auch Lebensabschnittsberufungen gibt. In meiner 3. Lebenshälfte möchte ich mehr Zeit für Seelsorge und Seminararbeit investieren, möchte einfach für andere da sein.

Wie hast du Entscheidungen gefällt?

Das Ja zum Oberinnenamt war eine Vernunftentscheidung: Ich erstellte eine Plus-Minus-Liste: Was spricht für, was gegen eine Veränderung? Welche Gaben habe ich? Wo muss ich dazulernen? Mit wem kann ich über diese Fragen sprechen? Beim Weggang aus Berlin hörte ich auf mein Herz, sah auf die Umstände, hatte Bestätigungen von etlichen Freunden und wagte den Sprung ins Ungewisse. Der Umzug nach Rostock war wieder mehr von der Vernunft, von den Umständen, aber auch von dem Ja zu den Geboten Gottes bestimmt: ehre Vater und Mutter.

Hast du auch Scheitern und Abbrüche erlebt?

Ja, da war zum einen eine Verlobung, eine Beziehung, die gescheitert ist. Hatte ich mich in Gottes Führung geirrt, sein Reden falsch gedeutet? Ich bin Gott und Menschen sehr dankbar, dass sie mich in meinem Schmerz ge- und ertragen haben und mich nicht mit Trostworten oder Ratschlägen überschütteten. Inzwischen weiß ich, dass Gott auch unsere Schattenseiten und Scheitern für unsere Berufung nutzen kann. Früher dachte ich, Schatten müssen zu Licht werden. Heute würde ich sagen: sie müssen ins Licht. Manche wird Gott verwandeln, andere wird er gebrauchen, vielleicht damit wir demütiger und wahrhaftiger werden. Meine schwierigen Seiten haben mir ermöglicht, andere besser zu verstehen, liebesfähiger und geduldiger zu werden.

Ein anderes Erlebnis des Scheiterns war subtiler, aber umfassender. Vor ein paar Jahren stellten sich Unsicherheit, Zweifel, Ängste ein: War ich bei meinen Entscheidungen gehorsam gewesen oder egoistischen Motiven gefolgt? War ich zu sehr auf Erfolg, Abenteuer und Anerkennung aus? Ich kam ins Grübeln: Ist alles falsch und umsonst gewesen? Ich wurde durch ein Gebet von Kierkegaard getröstet: O Du unendliche Liebe, die niemals aufhört, allzeit hilfreich auszuhalten mit mir. Wenn ich schlafe, wachst Du, und wenn ich wachend mich irre, so machst Du den Irrtum zu dem noch Besseren, als das Richtige gewesen wäre. Und ich? Ich habe mich nur zu verwundern über Dich, Du unendliche Liebe. Mit dieser Aussage kann ich leben und sterben!

Was bleibt dann noch von der "Berufung"?

Der rote Faden bleibt, und dass ich - mit allem, was zu mir gehört - im Willen Gottes bleibe. Auch darin kann ich mal nach rechts und links raustreten, Dinge ausprobieren, anderes abbrechen, ohne aus der Liebe Gottes herauszufallen. Bei einer Berufung kommt immer eine Person ins Ziel, nicht nur ein Werk. Gott denkt bei meiner Berufung an mich.

Hat jeder eine Berufung?

Ja, jeder hat die Berufung, ein Mensch zu sein, der beziehungsfähig, vergebungsbereit, fröhlich, dankbar, kreativ, kommunikativ ist.

Damit wir dazu fähig werden, ist Jesus Mensch geworden, mein Freund und Bruder. Darüber hinaus darf jeder seine ganz eigene Berufung erwarten. Gott sehnt sich nach denen, die Sehnsucht danach haben, mit ihrem Leben Antwort auf seine große Liebe zu geben. Ich habe mir eine Liste von Worten aus der Bibel aufgestellt, die von dieser Liebe sprechen: "Du bist meine geliebte Tochter" (Mt 3,17) oder "Meine Liebe ist ausgegossen in dein Herz" (Röm 5,5). In der Stille verweile ich bei diesen Zusagen bis ich "satt von Liebe" bin.

Was rätst du den Jungen auf der Suche nach ihrer Berufung?

Jungen Leute erzähle ich gern von der Seefahrt: Bei der Einfahrt in den Hafen müssen die Positionslichter alle in einer Linie stehen. Dann kann der Kapitän das Schiff in den Hafen führen. Das heißt übersetzt:

Was sagt das Wort Gottes?

Was sagt mein Herz, meine Seele?

Was wünsche ich mir?

Was sagen die "Brüder und Schwestern"?

Welche Sprache sprechen die Umstände, Situationen?

Wenn diese Kriterien übereinstimmen, steht die Ampel auf Grün, dann heißt es, nicht mehr warten, sondern starten! Irgendwann gibt Gott keine weiteren Zeichen, dann ist man selbst dran. Erst im Vertrauen und Losgehen erfahre ich seine Führung.

Aber auch das Warten auf den richtigen Zeitpunkt ist wichtig. Zwischen meiner Berufung und meiner Ausbildung für den vollzeitlichen Dienst lagen drei Jahre. Als ich ungeduldig wurde und Gott damit in den Ohren lag, war mir, als lege er seine Hand auf meine Schulter und sage: Das Warten der Gerechten wird Freude werden. Damals wusste ich noch nicht, dass das in der Bibel steht. (Spr 10,28).

Was gibt dir neue Energie?

Freundschaften, Musik, Hobbys, die Geborgenheit meiner eigenen vier Wände - bei mir selbst und bei Gott zuhause zu sein. Gott selbst ist mir dann genug. Aber ich brauche dabei auch meinen Balkon und einen Capuccino. Gott gönnt und schenkt mir gerne die kleinen Freuden rechts und links.

Von

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