Alles beginnt mit der Sehnsucht

Was willst du, dass aus deinem Leben herauskommt?

von Angela Ludwig

Warum lebe ich eigentlich? Wofür will oder soll ich leben? Die persönliche Berufung zu entdecken, ist ein Weg mit vielen Schritten, die ihre Zeit haben. Oft erkennen wir erst im Nachhinein die himmlische Regie dahinter.

Die Berufung begann mit der Sehnsucht nach mehr, nach etwas, das über mich hinausweist; mit meiner inneren Unruhe über den Ist-Zustand und dem tiefen Wunsch, das Leben ganz für etwas Großes, etwas Größeres einzusetzen: "Es muss doch mehr geben als ein mittelmäßiges bürgerliches Leben mit Beruf, Ehe, Häuschen und Kleinwagen", war meine Hoffnung mit 16 Jahren. Die Sehnsucht nach Hingabe, nach ungenormtem Leben und Abenteuer hatte schon "im Herzen Raum" (Nelly Sachs), Inhalt und Richtung waren aber noch reichlich diffus und die Motive eher gemischt: Neben der aufrichtigen Suche nach dem Sinn meines Lebens nährten auch unbewusste Lebenswunden mein inneres Fragen.    
Das Großartige an Gott ist, dass seine Berufungen nicht an unserer Lebensgeschichte vorbeiführen, sondern mitten in sie hinein. Er selber steht hinter unserem Suchen und möchte unsere tiefsten Sehnsüchte öffnen für sich - ob wir das wissen oder nicht. Ich wusste es damals nicht. Er legt die heilige Unruhe in uns hinein, die der Kirchenvater Augustinus einmal in die berühmten Worte kleidete:
Du hast uns zu dir geschaffen, o Gott,
und unruhig ist unser Herz,
bis es Ruhe findet in dir!

Er ruft dich!

Doch um aus all den Stimmen, die in uns sind und die von außen auf uns eintrommeln, seine Stimme herauszuhören, brauchen wir Beistand - wie einst der junge Samuel, der Schüler des Priesters Eli (1. Sam 3). Als er eines Nachts von Gott angerufen wird, erkennt er seine Stimme nicht. Er braucht die Hilfe des erfahreneren Eli, damit er den Anruf Gottes heraushören und darauf antworten kann.
Um die eigene Lebensspur zu finden, sind vertrauenswürdige Begleiter von großer Bedeutung. Sie können uns helfen, das, was wir erleben und was uns innerlich bewegt, zu verstehen und zu deuten.
Wegweisung erfahren wir aber auch durch Erlebnisse, die uns ins Herz treffen und blitzartig etwas aufleuchten lassen von unserer inneren Wahrheit.

Sehnsucht bekommt Richtung...

Eine Begegnung solcher Art widerfuhr mir mit siebzehn auf der ersten Schüler- und Studentenkonferenz der OJC. Hier traf mich der Anruf des Evangeliums sehr persönlich und sank tief ins Innere. Von dieser Tagung eingeprägt hat sich mir - neben der atemberaubenden Ehrlichkeit der Mitarbeiter und der aufregend revolutionären Atmosphäre - vor allem der Horizont der Hoffnung: Unser Leben läuft nicht ins Leere, sondern auf ein Ziel zu! Meine Sehnsucht bekam hier eine erste Richtung, auch wenn die Saat dieser Tage noch lange im Verborgenen schlummerte und in den folgenden Jahren von eher an der Oberfläche liegenden Sehnsüchten überlagert wurde - wie dem Wunsch, politisch auf der Höhe (der 68er) zu sein und in jedem Fall zu den Avangardisten zu gehören - keinesfalls zu den "Schwachen", die Gott brauchten, um an eine ehrlichere, gerechtere und friedlichere Welt glauben zu können.

Die Frage eines guten Freundes am Ende des Studiums katapultierte mich endlich aus meinem universitären Idealismus in das wirkliche Leben. In unserem Gespräch ging es um unsere berufliche Zukunft und plötzlich stellte er die Frage in den Raum: "Was willst du, dass aus deinem Leben herauskommt: Brot oder Edelsteine?" Ich wusste sogleich: das ist meine Frage und weit mehr als die nach dem zukünftigen Beruf. Sie forderte mich heraus, mein Leben einen Augenblick lang vom Ende her zu denken. Was ist mir so wichtig, dass ich meine Lebenszeit dafür einsetzen möchte? Die Antwort stieg in mir auf, noch ehe ich richtig nachdenken konnte: Brot  für andere will ich werden und nicht Brillanten sammeln (etwa in Form von akademischen Titeln).

... und einen Namen

Diese kleine Episode in der Caféteria unserer Mensa, die vordergründig noch nichts mit Gott, aber schon viel mit Berufung zu tun hatte, half mir, meiner Sehnsucht näherzukommen. Ich wusste nun intuitiv, welche der zwei guten Möglichkeiten, die ich hatte, ich wählen wollte. Ich entschied mich für die Arbeit mit jungen Menschen und gegen den universitären Wissenschaftsbetrieb. Die Wahl des Freundes verlief genau umgekehrt, denn es ging ja nicht um eine objektiv "richtige" Wahl, sondern darum, den jeweils ureigenen Impuls aus der Mitte unserer Person zu erspüren und ihm zu folgen.
Unsere Entscheidung bedeutete, Weichen für die Zukunft festzulegen und damit zugleich Abschied zu nehmen von dem, was wir nicht leben würden. "Das Leben wächst bei Ja und Nein",  sagte ein lebenskluger Mann einmal. Mit den Worten des Novizenbegleiters Stefan Kiechle ausgedrückt: "Mit meiner Entscheidung schaffe ich Identität!"

Das "Mehr", nach dem ich mich sehnte, hatte nun einen Namen und einen Inhalt: "Brot werden", Lebens-Mittel, drückte für mich den Wunsch aus, dass mein Leben Bedeutung für andere haben und fruchtbar werden möge.
In dem Bild von Weinstock und Rebe bezeichnet Jesus das als die grundlegende Berufung der Jünger: Mein Vater wird dadurch verherrlicht, dass ihr reiche Frucht bringt... (Joh 15,8)  Gott denkt groß von unserer Berufung. Der Ertrag unseres Lebens sollen nicht ein paar vertrocknete Beeren sein, sondern eine reiche Ernte und guter Wein, der zu anderen weiterfließt und sie erfreut. Das ist es, was ihn ehrt und groß macht. Allerdings nennt er auch die Voraussetzung, wie das geschieht: Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt. (Joh 15,4) Die enge Verbindung, die lebendige Beziehung zwischen ihm und seinen Jüngern bezeichnet Jesus als die Grundlage für ein erfülltes, schöpferisches und sinnvolles Leben. Dieses Geheimnis blieb mir noch zu entdecken.  

Würde und Bürde der Entscheidung

Nicht immer liegt unser Weg so klar und eindeutig vor uns, viel öfter liegen Kopf und Herz im Widerstreit und wir wissen nicht, welche Richtung wir einschlagen sollen. Die persönliche Berufung lässt sich nicht auf direktem Weg ansteuern. Sie muss Stück um Stück auf uns zukommen und sich uns offenbaren - als Anruf von außen und Stimme von innen. Wenn ich darauf höre, führt mich das tiefer ins Verstehen, wo meine Bestimmung liegt. So verstehe ich auch die Zeile aus Nelly Sachs' Gedicht: Wo Sehnsucht sich erfüllt, dort bricht sie stärker auf. Wo etwas in mir anspricht, korrespondiert, respondiert, finde ich immer mehr heraus, was "Meines" ist. Unser Tasten bleibt in der Spannung zwischen "ich werde geführt" und "ich wähle".

Gott hat uns in einen Raum der Freiheit gestellt, in dem wir herausgefordert sind, im Gespräch mit ihm herauszufinden, was uns anspricht und entspricht, um dann Verantwortung dafür zu übernehmen und eine Entscheidung zu wagen. Diese Mündigkeit gehört zur unserer Würde als Menschen und Gotteskinder und schließt das Risiko, sich zu irren, nicht aus. Aber wir dürfen das in großem Vertrauen und in der Gewissheit tun: Gott stellt sich dazu. Ihm ist es nicht schwer, jeden Weg, den wir einschlagen, weil er der Sehnsucht unseres Herzens entspringt, für sein Reich fruchtbar zu machen. Das meint wohl der Satz aus dem Talmud: "Der Mensch wird des Weges geführt, den er gewählt hat".

Der Wahrheit begegnen

Zu meiner generellen Entscheidung, mit jungen Menschen zu arbeiten, kam bald der Ort, an dem das konkret Gestalt annehmen konnte. Von der Gemeinschaft, bei der ich zehn Jahre zuvor der Botschaft von der Hoffnung für Hoffnungslose begegnet war, wurde ich angefragt, in der pädagogischen Arbeit mitzuhelfen. Ich sagte zu, obwohl ich mich noch nicht als Christ verstand. Doch das Tor der Sehnsucht stand weit offen und in einer der ersten Abendmahlsfeiern erreichten mich Worte, die mich aufwühlten: Seht doch, liebe Brüder und Schwestern, auf eure Berufung. Nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Angesehene sind berufen. Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, ...das Geringe und Verachtete,... damit sich kein Mensch vor Gott rühme. (1. Kor 1, 26-29)

Mein Stolz und jugendlicher Idealismus hatte es bisher nicht zugelassen, zu diesen "Geringen" und Verachteten in den Augen der Welt, zu den auf Gott Angewiesenen zu gehören.

Mit einem Mal ging mir auf: Ich bin gar nicht die, die ich zu sein meine - selbstsicher, heldenhaft revolutionär und stark genug, die Welt zu verändern. Ich konnte noch nicht einmal mich verändern! Und die anderen um mich herum auch nicht. Ich bin ja nicht anders als die Jünger Jesu - eine Mischung aus Licht und Finsternis, Stärken und Schwächen, ein versehrtes und bedürftiges, gottbedürftiges, Menschenwesen.

Erst im Moment der Begegnung mit der eigenen Wirklichkeit, dem ernüchternden Erkennen meiner Begrenztheit und Heimatlosigkeit, kam ich in Berührung mit der tiefsten Sehnsucht in mir: nach Erkanntwerden, Angenommensein und Zugehörigkeit. In der annehmenden und vergebenden Gegenwart Gottes konnte ich die Wahrheit über mich zulassen, auch wenn es noch viele Nachgespräche brauchte, bis es zur dauerhaften Aussöhnung mit mir und der eigenen Geschichte kam.

Berufung hatte ich als das Tun von etwas Großem verstanden. Aber jetzt leuchtete mir auf, dass Berufung zuallererst ein Sein ist, ein In-Beziehung-Sein mit dem, der "Sehnsucht nach dem Menschen hat". Er bejaht mich, so wie ich bin, mit bedingungsloser, vorleistungsfreier Liebe. Er ruft mich in die Lebensgemeinschaft mit sich. Mich ihm ganz anzuvertrauen und mich von ihm in Dienst nehmen zu lassen, war meine Antwort auf dieses Geschenk.

Gott hatte meine Sehnsucht ganz ernst genommen, noch ehe ich ihn kannte, und dafür Sorge getragen, dass sie auf verschlungenen Wegen tiefer und radikaler beantwortet wurde, als ich es mir je hätte träumen lassen. Vor dem Weitergeben an andere, sollte ich selbst Lebensbrot empfangen dürfen und satt werden. Wir beginnen als Suchende, aber am Ende sind wir es, die gefunden werden. Das Wunder der Berufung ist ganz und gar ein Geschenk.

Von

  • Angela Ludwig

    Germanistin und Romanistin, Mitglied des OJC-Redaktionsteams und geistliche Begleiterin für viele innerhalb und außerhalb der OJC-Gemeinschaft.

    Alle Artikel von Angela Ludwig

Das Salzkorn im Abonnement

Jede Ausgabe dieser Zeitschrift können Sie kostenfrei bestellen »

Auch künftige Ausgaben vom Salzkorn (erscheint vier Mal im Jahr) senden wir Ihnen gerne zu. Hier können Sie das Salzkorn abonnieren »

Unsere Veröffentlichungen unterstützen

Helfen Sie uns mit Ihrer Spende, christliche Werte und eine kritisch-konstruktive Auseinandersetzung mit Strömungen der Zeit auf der Grundlage des Evangeliums an nachfolgende Generation zu vermitteln.

So können Sie spenden:

» Bankverbindung
» Spendenformular
» PayPal