Rolle vorwärts - Rolle rückwärts

Die Rolle der Frau in der Gemeinde: ein schwieriges Projekt

von Dagmar Link

Die veränderte Stellung der Frau in der Gesellschaft, ihr Recht auf ebenbürtige Partizipation an sozialen, kulturellen, politischen und ökonomischen Entscheidungen hat auch christliche Werke, Gemeinden und Kirchen vor die Herausforderung gestellt, über den Zugang von Frauen zu Ämtern in der Gemeinde nachzudenken. Dagmar Link hat in einem Team ihres Gemeindeverbandes über das Thema "Frauen in geistlichen Leitungsämtern" mitgearbeitet und erlebt, dass es um mehr geht, als um theologische Erwägungen: Alle an der Diskussion Beteiligten sind immer auch Betroffene, als Männer oder als Frauen. Im folgenden beschreibt sie ihre persönliche Erfahrung.

Über kaum eine andere Frage ist unter evangelikalen Christen jüngst so viel theologisiert und debattiert worden wie über die Stellung von Mann und Frau in der Gemeinde. Eine "irrelevante" Frage, wenn es um die Heilsgewissheit des einzelnen geht, aber eine Frage, die Mann und Frau in ihrem ganzen "Gewordensein", ihrer Identität und (christlichen) Sozialisierung herausfordert. Wer ist zu welchen Werken berufen? Welche Werke sind welchen Ämtern vorbehalten und wer darf diese bekleiden? Viele Gemeinden sehen sich herausgefordert oder gar angegriffen: Sollte der traditionell den Männern vorbehaltene Zugang zu geistlichen Leitungsämtern nicht Ausdruck einer göttlichen Ordnung sein, sondern eine historisch veränderbare Größe? Hat Gott über die Jahrhunderte nicht viel Segen in die klare hierarchische Zuordnung der Frau zum Mann gelegt? Sollte das in Zukunft nicht mehr gelten?

Über Jahre arbeitete ich in einem Team, das sich dem Thema "Anstellung der Frau in Leitungsämtern der Gemeinde, Berufstätigkeit der Pastorenfrau und die Rolle der Frau aus biblischer Sicht" widmete. Wir recherchierten, sammelten Erfahrungswerte aus der Praxis, sichteten die theologische Fachliteratur und führten eine Meinungsumfrage unter 600 Hauptamtlichen durch. Immer wieder waren wir auch als Team herausgefordert, die unterschiedlichen Positionen der Geschlechter und Generationen zu verbinden und einen gemeinsamen Konsens zu finden. Was die Arbeit erschwerte, war weniger der theologische Disput als die geballte Emotionalität dahinter, die oft im Gewand geistlicher Argumente daherkam. Das überlagerte das Ringen um hilfreiche Antworten auf die Entwicklungen und Fragen unserer Zeit, wie zum Beispiel:

  • Während früher aufgrund der unterschiedlichen Bildungsmöglichkeiten von Frauen und Männern eine männliche Leitungsstruktur selbstverständlich war, gibt es heute eine hohe Zahl hochqualifizierter Frauen in den Gemeinden. Wie reagieren wir darauf?
  • Teambildungsprozesse in der Wirtschaft setzen zunehmend auf gegenseitige Ergänzung von Männern und Frauen, auch in Leitungsaufgaben - warum ist das in den Gemeinden z.T. anders?
  • Ständig steigende Anforderungen in der Arbeitswelt binden die Zeit der "Ernährer" (meist Väter) für die Familie. Wo bleibt noch Raum für ein "christliches Familienleben", wenn die Leitung unserer Gemeinden die verbleibende Zeit derselben Väter absorbiert?

Richtig oder falsch?

Wenn wir über die richtige Einordnung und Auslegung der "strittigen" Paulusstellen zum Verhalten der Frauen im Gottesdienst diskutieren, sind wir stets auch unmittelbar betroffen. Ja, es macht etwas mit mir als Frau, wenn ein Dozent, um seiner theologischen Linie treu zu bleiben, bei meiner Ordination zur Diakonin  vor versammelter Festgemeinde demonstrativ den Saal verlässt. Sachlich gesehen respektiere ich seine Position, achte seine Authentizität, aber ich kann mich des Gefühls der Beschämung nicht erwehren. Die Frage, "Bin ich falsch?" nagt an mir. Es ist auch schwer zu diskutieren und sich über das Verständnis von Bibelstellen auszutauschen, wenn der Vorwurf - ausgesprochen oder angedeutet - im Raum steht, ich sei ja nur mit meiner "weiblichen Rolle" unzufrieden. Sachargumente und emotionales Empfinden sind in diesem Kontext schwer zu trennen. Aber kann und soll bei dieser Frage überhaupt von den Individuen abgesehen werden? Wir sind doch als Einzelne berufen und begabt, das Evangelium weiterzutragen. So werden wir dem Grundauftrag, den Schöpfer in unserer Unterschiedlichkeit als Mann und Frau in der Schöpfung zu repräsentieren, gerecht. Die vordringlichste Frage sollte daher lauten: Was dient dir? Was kann ich tun, um dir bei der Entfaltung deiner Gaben zu helfen? Wie kannst du deine Gaben für das Wachstum der Gemeinde einsetzen?

Herrschen oder dienen?

Wie oft wurde 1. Kor 11,3+9 herangezogen, um die männliche Vormachtstellung in Gemeinde und Familie zu stützen und weiblichen Entfaltungsdrang in die Schranken zu weisen. Bei unseren Untersuchungen wurde immer wieder deutlich, dass sich hinter den zementierten Diskussionsfronten oft eine tiefe Angst verbirgt: Angst, eine Frau könnte begabter sein, mehr bewegen, etwas besser machen als "Mann" selbst. Angst, eine Frau könnte die Freiheiten missbrauchen und Tor und Tür für Unmoral und falsche Lehre öffnen. Angst, sich von einer Frau abhängig zu machen und selbst nicht mehr Herr der Lage zu sein. Epheser 5,21ff beschreibt, wie eine Zuordnung gelingen kann, in der sich Gaben entfalten können, Autorität in gutem Sinne gestaltet werden kann und Menschen ihre Bestimmung als Mann bzw. als Frau finden können.
Der Lehrmeister in punkto Herrschen und Dienen ist Christus selbst. An ihm muss sich geistliche Leitung und geistliches Leben messen lassen. Wir leben in dem großen Experimentierfeld der neuen Schöpfung (Gal 3,28; Joel 3). Es braucht weniger Kampf und mehr gemeinsames Training, damit etwas von der "neuen Kreatur" in unserer Welt sichtbar werden kann. Es braucht so viele Gaben und so viele Hände, so viele Männer und so viele Frauen!

Begabt oder unbegabt?

Die Bitte um Gaben führt zu neuen Fragen: Gießt der Heilige Geist seine Gaben geschlechterspezifisch aus? Werden die Charismen des Lehrens und Leitens nur Männern zuteil? Wer dient der Gemeinde mehr: ein Mann ohne ausgeprägte Begabung in diesem Bereich oder eine Frau mit dem Talent zur Lehre bzw. Leitung? Pauschalantworten bringen da nicht weiter. Es macht mich als Frau befangen, wenn meine Aufgaben in ein angebliches Männerterrain hineinragen, in dem die Frau keine Gaben haben darf. Es nimmt mir die Ungezwungenheit, wenn ich bei einer Predigt manchen männlichen Kommilitonen etwas "beweisen muss". Das ist sicher keine ermutigende Grundlage, um etwas Neues zu wagen (1. Petrus 4,10).  Ich kann John Stotts Feststellung nur zustimmen: "Wenn Gott Frauen mit geistlichen Gaben ausrüstet (was er tut) und sie dadurch aufruft, ihre Gaben zum allgemeinen Wohl auszuüben (was er tut), dann muss die Kirche Gottes Gaben und Ruf anerkennen und Frauen angemessene Dienstbereiche im Team mit anderen zur Verfügung stellen. Die christliche Lehre von der Schöpfung und Erlösung sagt uns: Gott möchte, dass seine von ihm mit Gaben beschenkten Menschen erfüllt und nicht frustriert werden und dass seine Kirche durch ihren Dienst bereichert wird."

Geistlich oder ungeistlich?

Leider konnten die Ergebnisse unserer Untersuchung nicht mehr ausgewertet und die Anregungen nicht umgesetzt werden. Unser Projekt stockte und endete, als einige begannen, anderen die "biblische Sicht" abzusprechen. Mir ist folgende Einsicht besonders wichtig geworden: Biblische Auslegung ist - bei allem redlichen Bemühen um Texttreue - immer auch subjektiv, gefärbt durch die Geschichte und Erfahrungen des Betrachters. Darin liegt eine gewisse Gefahr, aber auch eine große Chance: Wenn ich beim Ringen um theologische Richtigkeit die Würde des Gegenübers achte und ihm Redlichkeit zugestehe, wird sich uns der biblische Text gemeinsam neu und lebendig erschließen. Jede Generation steht vor der Herausforderung, mit "frischen Augen" an den Bibeltext heranzugehen, um Gottes lebendige Wahrheit im Hier und Jetzt zu entdecken. Das gilt besonders für das Miteinander von Frauen und Männern.
Ich will darauf vertrauen, dass Gottes Schöpferkraft, die den Kosmos ins Leben gerufen hat, dem "adam" neben mir seinen wegweisenden Odem zukommen lassen kann, genauso wie er es bei mir als "adama" tun kann.

Das ist ein Projekt mit Zukunft!

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