Bei Freunden im Heiligen Land

Ungewöhnliche Begegnungen in Israel und Palästina

von Michael Wolf

In den Jahren 2003 und 2006 hatte die OJC je eine Gruppe von jungen Israelis nach Reichelsheim eingeladen, die bei Terrorattentaten oder im Militärdienst Verletzungen erlitten haben. Die Zeit miteinander diente der Erholung von den traumatischen Erfahrungen. Ebenso wichtig war die wachsende Verständigung und Versöhnung zwischen jungen Deutschen und Israelis. Im März dieses Jahres war eine kleine Gruppe unter der Leitung von Michael und Monika Wolf in Israel, um die "Disraelis" in ihrem Land zu besuchen.

Uns sind diese Begegnungen besonders kostbar, weil sie vor Augen führen, wie wichtig der Kontakt mit Israelis gerade für uns Deutsche ist. Viele junge Israelis kommen zum ersten Mal und mit Misstrauen in unser Land. Sie stammen oft aus Familien, die Opfer des Holocaust zu beklagen haben. Mit der Initiative "Disabled Israelis", kurz "Disraelis", sollen durch persönliches Kennenlernen der Menschen aus beiden Völkern Vorurteile schwinden.

Das ist gerade heute sehr wichtig, denn nicht nur die Vergangenheit in der deutsch-jüdischen Geschichte ist belastet; in Israel nimmt man sehr wohl auch die ablehnende Haltung gegen die Politik des israelischen Staates wahr, die in westlichen Medien, auch in Deutschland, häufig zum Ausdruck kommt. Die Israelis erleben sich dadurch isoliert, alleingelassen und mit neuen Vorurteilen belegt.

Den politischen Konflikt können wir nicht lösen, aber wir können Menschen beistehen und ihnen zu verstehen geben, dass wir dem Volk Israel als dem Volk der biblischen Verheißungen in besonderer Weise verbunden sein wollen. Dass unser Bemühen Herzen anspricht und Vertrauen weckt, erleben wir manchmal auf unerwartete Weise.

Wir waren überrascht von der großen Wertschätzung, die uns die "Disraelis" entgegenbrachten. Mehr als die Hälfte der Teilnehmer der beiden Begegnungen kamen. Das hatten wir nicht erwartet. Einige von ihnen waren zwei Stunden unterwegs gewesen, um einen Abend mit uns zu verbringen.

Am zweiten Abend unserer Reise, beim Treffen mit unseren einstigen Gästen in Tel Aviv, geschah folgendes: Kobi öffnete seine Brieftasche und zeigte mir das einzige Foto, das er immer bei sich trägt. Es war aus einem Passfotoautomaten. Zu sehen waren drei Köpfe, dicht zusammengerückt, Kobi mit einer israelischen und einer deutschen Teilnehmerin der Disraelis-Begegnung von 2003. "Dieses Foto bedeutet mir sehr viel, es gibt mir Kraft und Hoffnung für meinen zeitweise nicht leichten Alltag. Bis heute telefonieren wir in Israel miteinander und erinnern uns an den unvergesslichen Besuch in Deutschland. Die Begegnungen von damals sind bei uns lebendig und sehr kostbar, und wir sind dankbar, dass wir die Tage bei der OJC erleben konnten."

Erlebt haben wir auch die Gegensätze des Landes und der Menschen. In einem Kibbuz am See Genezareth besuchten wir einen "unserer Disraelis", der dort vor einigen Monaten als neues Mitglied aufgenommen wurde. Er hat uns interessante Einblicke in das aktuelle Kibbuzleben ermöglicht und wir erfuhren, wie sehr sich die Menschen dort von feindseligen Nachbarn bedroht erleben.

Die andere Seite dieses Konfliktes begegnete uns bei unseren palästinensischen Freunden in der lutherischen Gemeinde in Beit Jala. Pfarrer Shihadeh berichtete uns, wie die Menschen dort mit der Abriegelung ihrer Gebiete durch die Israelis leben müssen. Wir haben etwas vom Leiden dieser Menschen, ihrer Ohnmacht und ihrer Wut mitbekommen.

Tief beeindruckt waren wir, wie sie an ihrem Glauben und an der Hoffnung auf Versöhnung festhalten, auch wenn es wenig Aussicht auf Veränderung gibt. Ein großes Zeugnis ihrer Versöhnungsbereitschaft haben sie gesetzt: Während des Raketenbeschusses und der Kampfhandlungen zwischen Israelis und Hisbollah im vergangenen Jahr haben sie Israelis aus dem Norden des Landes in ihrem Versöhnungszentrum, der Abrahamsherberge, aufgenommen. Die hohe Anspannung der Flüchtlinge legte sich allmählich und es entwickelten sich unerwartete Solidarität und freundschaftliche Beziehungen zwischen Menschen, die sich bis dahin als Fremde oder gar Feinde betrachtet hatten. Jetzt planen Mitglieder der Gemeinde einen Gegenbesuch in einem Kibbuz im Norden, zu dem sie Kontakt gefunden haben.

Stephanie

Israel ist für mich durch die Begegnungen ein Land mit Herz und besonderer Ausstrahlung geworden. Es war sehr interessant, mit den gastfreundlichen Israelis zusammen zu wohnen und etwas mit ihnen zu unternehmen. Sie haben uns ihr Land mit Stolz gezeigt und waren stets darauf bedacht, dass wir uns wohlfühlen.

Der Zusammenhalt der Menschen aus den verschiedenen Kulturen hat mich tief beeindruckt, und auch der Besuch in Beit Jala bei den palästinensischen Freunden der OJC war ein besonderes Erlebnis. Die Abrahams-Herberge scheint mir ein Beweis dafür, dass es Menschen in Palästina gibt, die echte Versöhnung zwischen den Kulturen anstreben und trotz ihrer schwierigen Lage an ihren Überzeugungen festhalten.

Benjamin

Auf unserer Reise durch Israel haben mich vor allem die israelische Gastfreundschaft und der Zusammenhalt des israelischen Volkes beeindruckt.

Mit Ilan Brunner, dem Initiator des Disraeli-Projekts, haben wir die Golan-Höhen und die israelischen Grenzen zum Libanon und zu Syrien besucht. Wir hörten vom jüngsten Libanon-Krieg und der wachsenden Bedrohung durch die Hisbollah, Syrien und den Iran.

In einem Militärlager an der Nordgrenze Israels haben wir junge Soldaten getroffen, die uns Einblick in ihren Dienst und ihr Leben gegeben haben. Ich war sehr beeindruckt und überrascht, dass der Altersdurchschnitt in diesem Stützpunkt ca. 20 Jahre beträgt. Junge Israelis in meinem Alter bekleiden bereits höhere militärische Ränge und tragen eine große Verantwortung für ihr Land und ihr Volk. Sie wissen um die existentielle Gefährdung ihres Staates. Das prägt auch ihr Geschichtsbewusstsein und lässt die Generationen zusammenrücken.

Während unseres Besuches in Yad Vashem sahen wir etwa 100 junge israelische Soldaten in Uniform. Keiner von ihnen zeigte verächtlich oder argwöhnisch auf uns, weil wir Deutsche waren, obwohl mich das angesichts des unglaublichen Unrechts, das Juden durch Deutsche erfahren haben, nicht gewundert hätte. Im Gegenteil, auf unserer Reise begegneten uns die Menschen mit herzlicher Gastfreundschaft und echtem Interesse. Sie nahmen sich Zeit für uns und zeigten uns 14 Tage lang voller Freude ihr Land.

Matthias

Während des Besuches der Disraelis im vergangenen Jahr in Reichelsheim hatte ich eine Ahnung von der Atmosphäre Israels und seiner Bewohner bekommen. So wurde die Reise für mich zu einem Besuch bei Freunden. Die Begegnung mit Alex, einem "Einwanderer" aus Aserbeidschan, der Besuch bei seiner Mutter und seine Führung durch Nazareth ließen uns diese Menschen in ihrem Umfeld erleben und etwas von ihren Sorgen, Nöten und Hoffnungen erfahren. Beeindruckt haben mich ihre herzliche, unbeschwerte Freundlichkeit und ihre Lebensfreude trotz der anhaltenden Bedrohung. Die Schönheit der Landschaften, der Sonnenaufgang auf Massada, die herrlichen Ausblicke und eine Fülle von Eindrücken haben mein Leben bereichert. Ich werde bestimmt wieder nach Israel reisen.

David

Diese Reise war für mich in vielerlei Weise ungewöhnlich. Ich war gespannt auf die Orte, von denen ich schon so oft in der Bibel gelesen hatte. Im Nachhinein kann ich sagen, dass es die Mischung aus historischen Orten, wunderschönen Landschaften, gemeinsamen Unternehmungen und den persönlichen Begegnungen mit den Disraelis war, die mein Herz für Israel gewannen. Unzählige Eindrücke und die aufrichtige Gastfreundschaft haben bei mir einen Bezug zum Land entstehen lassen, der weit über ein kulturelles Interesse hinausgeht. Ich werde Land und Leute in Gedanken und im Gebet behalten. Hier in Deutschland stelle ich erstaunt fest, dass ich mich nach dieser Reise mit neuer Motivation den Herausforderungen stelle, die mich an meinem Platz erwarten.

Judith

Mir war vorher nicht bewusst, dass in Israel auch so viele Muslime wohnen! Vor allem in Jerusalem war es unglaublich, wie viele unterschiedliche Menschen auf so engem Raum zusammen sein können. Auch die Mischung von "modernen", westlich geprägten Menschen und anderen, die ganz ihre "alten" Traditionen leben, etwa die orthodoxen Juden, war beeindruckend.

Ein Höhepunkt war für mich die Reise auf die palästinensische Seite. Bei unserem Besuch in der lutherischen Gemeinde in Beit Jala haben wir junge Leute getroffen. Ich versuche mir seither immer wieder vor Augen zu führen, dass sie in meinem Alter sind. Sie sind mir einerseits so ähnlich in ihren Interessen und ihren Träumen. Andererseits ist ihr Leben so völlig verschieden von meinem. Ihre Bitte, sie nicht zu vergessen, von ihrem Ergehen zu berichten und für sie zu beten, habe ich als ein wichtiges "Andenken" mit nach Hause gebracht.

Seit unserer Reise lese ich täglich mit Interesse und Anteilnahme die Nachrichten über Israel, Palästina und die Konflikte dort. Auch wenn mir manches unverständlich bleibt, sind mir das Land und die Menschen dort nun viel näher und wichtiger.

Von

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