Das wirkliche Leben umarmen

Das wirkliche Leben umarmen

Vom Reichtum im Alltäglichen und dem, was unser Leben nährt.

Interview mit Christine Klenk

Christine Klenk, Rhythmik- und Musiklehrerin, kam 2000 mit ihrem Mann Dominik und ihren drei Kindern in die OJC-Gemeinschaft. Kreativ gestaltet sie nicht nur Feste und Gottesdienste, sondern bereichert mit ihren künstlerischen Gaben auch den OJC-Alltag. Sie berichtet über Herausforderungen und Reichtum im gemeinschaftlichen Leben. Rebekka Havemann führte das Interview.

Christine, was für Zukunftsträume hattest du als Kind?

Mich faszinierten Zigeuner- und Zirkusgeschichten schon immer mehr als Prinzessinnengeschichten, und später spielten Reisen und fremde Länder eine große Rolle. Ein Leben, das in die Weite geht, war etwas ganz wichtiges für mich. Ich wollte studieren und die Welt entdecken. An Heiraten und Kinder dachte ich damals nicht.

Heute bist du verheiratet und hast drei Kinder.

Nachdem ich einige meiner Träume verwirklicht und nach meinem Studium noch ein Jahr in Amsterdam gelebt und weiterstudiert hatte, wuchs in mir auch die Sehnsucht nach einem Leben mit mehr Verbundenheit und Beziehungen. Das konkrete Ja dazu entzündet sich natürlich immer an einer konkreten Person. Als ich Dominik kennenlernte, konnte ich mir vorstellen, mit ihm ein gemeinsames Leben zu gestalten. Das ging nicht reibungslos, vor allem als unsere Kinder geboren wurden, haben wir sehr miteinander gerungen, um unsere Formen zu finden, wie wir Familie leben wollen. Wir sind durch einige Krisen gegangen. Dass wir die miteinander durchgestanden haben und uns dabei besser kennenlernen und in ein tieferes Vertrauen wachsen konnten, ist ein Schatz, von dem Dominik und ich bis heute zehren.

Im Sommer 2000 seid ihr zur OJC gekommen - was war für dich der größte Einschnitt?

Dass der maßgeschneiderte Lebensstil, den ich mir vorgestellt hatte, nicht mehr umzusetzen war. Vorher arbeitete ich 30% im Beruf und Dominik 70%. Die Aufgabenteilung, die hier erstmals notwendig wurde, war nicht mein Wunschmodell - dass Dominik so stark in die Leitungsaufgaben der Gemeinschaft eingebunden war, dass nur noch wenig Kraft und Zeit für die Familie übrigblieb. Deshalb war ich sehr dankbar für die Jahre, die wir vorher als Kleinfamilie hatten, in denen er als Vater die Kinder auch mal den ganzen Tag versorgte und wir uns die Arbeiten im Haushalt teilten. Das hat unserer Beziehung gutgetan und mir seine Wertschätzung spürbar gemacht für die herausfordernde Beziehungsarbeit, die ich in unsere Familie investierte. Das half mir dann auch, ein Ja zu der veränderten Situation zu finden, wie sie vor allem in den ersten Jahren hier in der OJC war.

Und wie fühltest du dich in der Rolle als Frau des Leiters?

Ich benutze das Wort "Rolle" nicht gern und es war mir von vornherein klar, dass unser Schritt in die OJC eine innere Berufung ist, die man nicht durch eine Rolle abdecken kann, sondern dass wir als Personen, mit unserer ganzen, eigenen Art in diese Aufgabe treten. Ich kam, um das zu teilen, was ich habe. Das hieß: ich werde keine Bibelarbeiten halten, sondern in "meiner Sprache" mit den Menschen meinen Glauben und meine Hoffnung teilen - zum Beispiel durch Tanz und Musik.

Jeder, der in Gemeinschaft kommt, bringt etwas von dem mit, was sein Herzschlag ist, um es hier hineinzugeben. Gleichzeitig kommt aber auch jeder hierher, um seine Begrenztheit zu teilen. Gemeinschaft lebt eben nicht nur aus den Stärken, sondern auch aus den Begrenztheiten eines jeden.

Das klingt eher ungewöhnlich...

Das Thema "Grenzen" war sehr wichtig in der Zeit, als wir kamen. Weil deutlich wurde, wie viele Mitarbeiter mit großer Selbstverständlichkeit ent-grenzt gelebt haben. Jeder hat sein Bestes gegeben, sich selbst dabei aber auch ausgebeutet. Dadurch entstand ein großer "speed", eine hohe Geschwindigkeit. Wir haben viel geleistet, aber es war nur wenig Gespür für sich selbst vorhanden und dadurch natürlich auch wenig Barmherzigkeit sich und anderen gegenüber.

Du sagst "wir" und "uns" - heißt es, dass du auch so gelebt hast?

Ja, Dominik und ich sind in diesen "speed" eingestiegen und haben auch erlebt, was das mit uns, auch als Familie, macht. Der Umbruch in der Gemeinschaft, Leitungsverantwortung, geteiltes Leben mit den jungen Leuten der Jahresmannschaft im Quellhaus, eigene kleine Kinder - es war die totale Überforderung.

Ich habe bald gemerkt, dass ich so nicht leben kann, aber ich habe länger gebraucht, um diese Signale ernstzunehmen. Bis ich richtig krank wurde - Körper und Seele haben gestreikt. Das wurde sehr existentiell. Natürlich dachte ich immer: das geht wieder vorbei, bald kann ich wieder. Aber der Einbruch war viel größer, als ich zuerst wahrhaben wollte. Es ist mir nicht leichtgefallen, dazu zu stehen, denn ich war es gewohnt, viel Energie zu haben und mich über meine Stärke zu definieren.

Was passierte dann?

Eine Konsequenz war, dass wir aus dem Quellhaus, und damit aus der Mitte des pulsierenden Lebens - was übrigens für mich etwas sehr reizvolles war - ausgezogen sind und jetzt hier im Tannenhof wohnen. Die neue Wohnung hat eine Haustür und eine Klingel. Damit gibt es auch Grenzen und nicht nur die Spontaneität des ständigen Rein und Raus unzähliger Menschen. Denn das verträgt sich nicht mit der Last der Gesamtverantwortung für die Gemeinschaft. Das war damals ein schmerzlicher Abschied, auch für die Kinder, aber auch das Bejahen, dass wir ein Leben mit Grenzen, Rückzugsmöglichkeiten und einem gesunden Rhythmus brauchen. Viel Heilsames ist seitdem in unser Leben geflossen. Es kann ja nicht das Ideal von Gemeinschaft sein, rund um die Uhr mit möglichst vielen Menschen zusammenzusein. Ich musste selbst dazu stehen lernen, dass die Zahl der Menschen, die ich in meinem Beziehungsnetz beherbergen kann, begrenzt ist.

Was ist denn das Ideal von Gemeinschaft für dich?

Wenn es das überhaupt gibt, dann ist es das Bild des Leibes, an dem jedes Glied befreit seine Aufgabe tun kann und nicht selbst das Ganze sein muß oder will. Eine Gemeinschaft, in deren Mitte kein Mensch steht, sondern Christus. Und aus dieser Mitte wird jedes Glied gespeist und genährt. Da können die Gaben und die Grenzen wahr sein. Am Anfang war es für mich wahnsinnig anstrengend, in eine Gemeinschaft zu kommen, in der so viele Leute so viel können. Da spürte ich sofort die innere Anforderung: Das muss ich alles auch können! Es war wie eine Geburt, dahin durchzudringen, mich selbst als einen Teil dieser Gemeinschaft anzunehmen, mich nicht für alles zuständig zu fühlen, sondern mich daran zu freuen, was andere einbringen können. Seitdem empfinde ich es als befreiend und nicht mehr beengend, dass es hier so viele wunderbare, begabte Menschen um mich herum gibt.

So wie du von "Grenzen" sprichst, hört sich das Wort richtig positiv an.

Es ist natürlich etwas Wunderbares, stark zu sein und Energie zu haben. Aber manchmal rennt man dabei auch an den stilleren Kostbarkeiten vorbei. Für mich ist es deshalb zu einer besonderen Aufgabe geworden, die Grenzen, die ich in mir und auch bei anderen erlebe, liebzuhaben; sie so zu umarmen, dass sie zu meinem Leben dazugehören. Dass ich mich dafür nicht schäme, sondern mich dazu stelle und mich damit in meiner Geschöpflichkeit annehme.

Welche Kostbarkeiten meinst du denn?

Diesen Raum der bedingungslosen Liebe, den ich vor allem aufsuche, wenn ich nicht mehr so stark und funktionstüchtig bin. Am deutlichsten spüre ich es in Zeiten, in denen ich mich kraftlos oder krank fühle. Zuerst habe ich immer den Impuls, diesen Zustand loszuwerden, um möglichst schnell wieder zu funktionieren. Und dann merke ich, wie diese Zeiten mich in die Nähe und in das Gespräch mit Gott führen. Da höre ich dann seine Aufforderung: Sei ganz du. So wie du bist, bist du o.k. Es ist in Ordnung, dass du jetzt schwach bist. Und ich darf mich entscheiden: Will ich mich von Gott umarmen lassen, wenn ich schwach bin oder ziehe ich mich nur zurück? Es ist leicht, mich zu zeigen, wenn ich gut drauf bin - aber wer hält mich aus, wenn ich nicht in Topform bin? Und halte ich es selber mit mir aus? In diesen Zeiten kann ich mich in besonderer Weise von Gottes bedingungsloser Liebe und Annahme berühren lassen.

Einfach da sein dürfen - das ist die Sehnsucht vieler Menschen heute...

Ja, das ist das Leben, nach dem wir uns sehnen und oft nicht wissen, wie es geht.

In meiner Generation sind viele Ideen und Ideologien ausprobiert worden. Es ging darum, die besten Theorien über das Leben zu finden. Dahinter ist nur zu oft das Leben selbst verschwunden. Oder es wurde verkrümmt oder verneint, weil es nicht zu den Idealen passte. Auch bei mir selbst habe ich das so erlebt. Doch in meinem Umgang mit Musik und Tanz ist mir die Frage nach der Kreatürlichkeit des Menschen wieder neu entgegengetreten. Dass ich das Wesen vieler Dinge nicht erkenne, indem ich es analysiere und seziere, sondern indem ich es wahrnehme und bestaune. Wir sind gewohnt, alles mit Worten zu begreifen und uns dessen zu bemächtigen, aber das Wunderbare ist oft "im Dazwischen", als Klang hörbar. "Die Dinge singen hör ich so gern...", heißt es in einem Gedicht von Rilke. Dieses mehr intuitive Verstehen und das analysierende Denken, in dem ich großgeworden bin, auf dem Hintergrund meines Glaubens zusammenzubringen, hat meinen Weg stark geprägt. Dass das wirkliche Leben, das Geschöpf-Sein, zurückgewonnen wird, ist für mich eine Bewegung des Glaubens, in der etwas Heilendes geschieht.

Aber wie kann man das im geschäftigen Alltag bewahren?

Mir ist wichtig, dass das wirkliche Leben das Übergewicht behält und nicht unsere Produktivität, die Ideale oder die besonderen Goldkörner, die nach außen sichtbar werden. Sondern dass unser Sein als Mensch und als Gemeinschaft sich aus dem ganzen Leben mit allem, was dazugehört, nährt. Das gibt dem Alltäglichen eine tiefe Bedeutung und Sinn. Natürlich ist es Teil des Auftrags der Gemeinschaft, nach außen zu wirken, Erfahrungen und Ermutigungen zu vervielfältigen und weiterzugeben. Aber diese "Veräußerung" darf eben nur ein Teil sein, damit wir unser Leben nicht "verzwecken". Sonst ist es nicht mehr echt. Wir wollen etwas von dem weitergeben, was wir selber empfangen haben. Um empfangen zu können, muss man eben immer wieder auch stillehalten und zur Quelle kommen. Dazu braucht es einen gesunden Lebensrhythmus, in dem auch Muße und die Freude am Schönen ihren Platz finden.

Fällt es dir nicht doch manchmal schwer, im Alltag festzustecken und weniger nach außen zu wirken?

Ich habe vorher vom Leib als Bild für Gemeinschaft gesprochen. Darin liegt ein tiefes Geheimnis: Wenn wir verbunden leben, hat jeder Anteil auch am Ganzen. Es gibt Wirksamkeit in verschiedene Richtungen - nach außen und nach innen -, die sich wunderbar gegenseitig befruchten können, wenn man sie nicht gegeneinander ausspielt oder sich darauf festlegt. Ich freue mich z.B. oft daran, wenn ich wahrnehme, wie Dominik sich von dem, was im gemeinsamen Leben und Ringen unserer Ehe und Familie entsteht, inspirieren lässt und das in seine Themen und in den Prozess der Gemeinschaft einfließt. Das heißt für mich nicht, dass es nicht auch Frauen mit großem Führungspotential gibt, die gern nach außen gehen und darin ihre Gabe haben. Aber das ist nicht so sehr meins. Ich bin ein Mensch, der lieber nach innen, im direkten Augenkontakt spricht und wirkt. Das entspricht meinem Wesen mehr. Ich möchte das leben, was ich mit meiner Person abdecken kann, was ich bin und was ich gern mache. Ich denke, Berufung hat immer etwas damit zu tun, wohin es einen lockt, wohin die Freudigkeit zieht.

Welchen Schatz hast du hier in der Gemeinschaft entdeckt?

In Gemeinschaft bin ich immer wieder herausgefordert, das zu leben, wozu wir andere ermutigen: Lebt das, was euer ist, was eurem Wesen entspricht, was euch lebendig macht, anstatt Erwartungen und Idealen hinterherzulaufen. Das Eigene auf einem verbindlichen Weg mit anderen zu entdecken, ist die große Chance des Wachstums in jeder Art von Gemeinschaft.

Von

  • Rebekka Havemann

    Krankenschwester, lebt seit 1999 in der OJC. Seit Sommer 2014 verstärkt sie das Team vom Haus der Hoffnung in Greifswald. Seit 2016 gibt sie die Zeitschrift Brennpunkt Seelsorge heraus.

    Alle Artikel von Rebekka Havemann

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