Die Braut, die sich traut

Die Gemeinde, die erste Liebe und der Bund

von Írisz Sipos

Das eingängigste Bild für die Bindung der Gemeinde an Christus ist das Bild der Braut - es spricht für sich. Ein Blick auf das Brautzeremoniell des Judentums kann uns helfen, die biblische Metapher besser zu verstehen und die Stellung der Braut verdeutlichen. Denn deren Eigenschaften - Beständigkeit, Hingabe und die Bereitschaft zu empfangen - gelten für Frauen und Männer in der Gemeinde gleichermaßen.

Immer wieder offenbart sich der Gott Israels als ein Gott des Bundes, der nicht müde wird, seine Bündnisse anzubieten, an ihnen festzuhalten und sie zu erweitern, obwohl seine Bundespartner nur zu oft vertragsbrüchig geworden sind.
Warum muss er sich absichern - er ist doch allmächtig! Warum muss er Versprechungen machen - ist er nicht ohnehin immer derselbe? Hat er, der Schöpfer des Universums, diese Bündnispolitik mit seinen Geschöpfen eigentlich nötig?! Nun, er sicher nicht, wir umso mehr!
Indem Gott sich beim Wort nehmen  lässt, offenbart er uns die Grundzüge seines Wesens: seine erstaunlichste Eigenschaft, die Treue, und seinen tiefsten Beweggrund, die Liebe. Dem zersetzenden, spaltenden Ungeist, der uns Menschen korrumpiert und aus lebendigen Beziehungen in tödliche Isolation treibt, setzt Gott den Geist der Verbundenheit und Verbindlichkeit entgegen. So entfaltet sich die Dramaturgie der Heilsgeschichte in einer Reihe von Rück-Bindungen der Menschen an ein Milieu, in dem Leben erst möglich ist: im Bund mit Noah, der eine Zukunft auf der Erde garantiert, im Bund mit Abraham, Isaak und Jakob, der Zugehörigkeit und Wir-Identität stiftet, im Sinaibund, der das Volk im Erez Israel beheimatet.

Der Bund als Ehebund

Dieses "Vertragswesen" umfasst Lebensbereiche, die traditionell der Männerwelt zugeordnet werden: Landnahme, Herrschaftsfolge, Erstgeburt, Militär, Priestertum, Städte- und Tempelbau. Folgerichtig wird auch das Zeichen der Berith (dt.: Bund), die Mila (Beschneidung), an den Männern vollzogen. Je länger aber das Volk Israel mit "seinem Bundesgott" unterwegs ist, desto deutlicher zeichnet sich eine andere Dimension der Verbindung ab: die sehnsuchtsvolle Liebe Gottes, die um Nähe und Zuneigung wirbt wie ein Mann um die Gunst der Geliebten. Die Bildlichkeit wandelt sich: die Propheten vergleichen Israel mit einer Frau, mit der sich der Löser Israels wie in einem Ehebund verbunden weiß und ihr diesen - unbeirrt von ihrer Untreue - hält. Er tut dies aus einem einzigen Grund: aus Liebe.
Die Metapher des Ehebundes bleibt auch in den Evangelien zentral: der Täufer kündigt den Messias als den Bräutigam an, in den Apostelbriefen und in der Offenbarung erscheint die Gemeinde als "eine bereitete Braut". Jesus selbst spricht, wenn er seine Verbundenheit mit jenen zum Ausdruck bringen will, die zu ihm gehören, von sich als dem nahenden Bräutigam. Wir tun uns oft schwer mit diesem Bild, den Zeitgenossen Jesu jedoch erschloss es sich leichter, denn es wurzelt im jüdischen Brauchtum jener Zeit.* Die Jünger wussten also, worauf er deutete, als er am letzten gemeinsamen Abend über die bevorstehende Trennung sprach.

Brautgemach: Chuppah

Die israelitische Ehe begann - genau genommen - mit der Trennung der Brautleute. Mit dem Aufsetzen der Ketuba, des Ehevertrags, und der Zahlung des Brautpreises war die Verbindung der Brautleute bereits rechtsgültig - um diese zu lösen wäre eine reguläre Scheidung vonnöten gewesen. Bevor das junge Paar aber das Eheleben begann, musste der Bräutigam im Hause seines Vaters das Brautgemach, die Chuppah errichten.
Warum tat er das nicht schon, bevor er auf Brautschau ging? Weil er seine Braut kennen sollte, wenn er sich auf das neue Leben im neuen Zuhause vorbereitete. Es ging nicht darum, für irgendjemanden zu bauen, sondern für eine ganz bestimmte! Die Liebe zu ihr sollte seine Arbeit bestimmen und beflügeln. Diese Liebe braucht einen Raum. Das deutet Jesus am letzten gemeinsamen Abend mit seinen Jüngern an: In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen. ... Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, will ich wiederkommen und euch zu mir nehmen, damit ihr seid, wo ich bin. (Joh 14,2-3) Es stand im Ermessen des Vaters, die Zeit für die Heimführung der Braut zu bestimmen und den Termin für das Hochzeitsmahl anzusetzen. Auch darauf weist Jesus die Jünger mehrfach hin, zuletzt vor der Himmelfahrt: Nur der Vater weiß die Stunde.

Brautpreis: Mohar

Ein spannendes Ereignis - vor allem für die Braut - war im Vorfeld die Verhandlung über den Brautpreis, hebr. Mohar. Von dessen Höhe konnte man auf die Wertschätzung durch den Bräutigam schließen. Je mehr ihm an der jungen Frau lag, desto mehr war er bereit zu geben. "Ihr seid teuer erkauft!", mahnt Paulus die Gemeinde in Korinth zum geheiligten Lebenswandel. (1. Kor 6,20) Christus hat für die, die er liebt, alles hergegeben: seine Vorrechte als Sohn des Höchsten und sogar sein Leben.

Der Fürsprecher: Nacham

Die Rückkehr des Bräutigams konnte dauern. Wenn er sichergehen wollte, dass die Braut nicht mutlos wurde, sorgte er durch Boten für Ermutigung. Einen solchen kündigt Jesus seinen Jüngern an, den Nacham (gr.: paraklethos), der als Fürsprecher seine Liebe bezeugt: Wenn aber der Tröster kommen wird, den ich euch senden werde vom Vater, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, der wird Zeugnis geben von mir. (Joh 15,26)

Brautgeschenk: Mattan

Der Bräutigam ließ seiner Braut Geschenke zukommen. Das waren meist kostbare Stoffe, Öle und Schmuck, mit denen die Braut dann, wenn das große Hochzeitsmahl bevorstand, geschmückt wurde. Der prächtige Brautschmuck war daher auch immer ein Beweis der liebevollen Zuwendung des Bräutigams. Das wussten auch die Leser der johanneischen Offenbarung, in der die "bereitete Braut" in ihrer Pracht beschrieben wird: sie ist schön, weil sie geliebt wird! Die Gaben des Geistes, die charismata des ersten Korintherbriefes gehören auch in diesen Kontext, sie dienen der bräutlichen Gemeinde bei ihrer Arbeit und zur Vorbereitung für ihr Amt: so wie die Braut Mitregentin im neu etablierten Haushalt wurde, ist der Gemeinde verheißen, einst mit Jesus zusammen zu regieren.

Brautzeit: Kidduschin

Die Braut als "Anvertraute" hatte eine existentielle Spannung zu tragen und zu gestalten. Ihr Tun und Trachten zog sie aus dem alten Umfeld bereits heraus: Alles, was sie nun bewerkstelligte, webte, töpferte und erwirtschaftete, gehörte bereits in ihren neuen Hausstand, in dem sie sich aber noch nicht einrichten konnte. Die Zeit der Erwartung war angefüllt mit Vorbereitung. Zu den Pflichten der Braut gehörte in dieser Zeit die Aussonderung und die Reinigung. Durch den Schleier war sie als Getraute zu erkennen, niemand durfte mehr um sie werben. In rituellen Bädern, Mikven, reinigte sie sich von allen Erinnerungen, Bindungen und Ansprüchen, die noch zwischen ihrem Ehemann und ihr stehen könnten. Darauf weist Paulus hin, wenn er nach Korinth schreibt: Ihr seid rein gewaschen, ihr seid geheiligt, ihr seid gerecht geworden durch den Namen des Herrn Jesus Christus und durch den Geist unseres Gottes. (1. Kor 6,11)

Die Sehnsucht der Gemeinde

Bei aller Freude an Geschäftigkeit, Ritual und Regeln: der Sinn der Brautzeit lag darin, die Sehnsucht des eigenen Herzens zu verstehen und zu läutern, in der Erwartung zu reifen und in der Liebe zu erstarken. Genau das ist auch der eigentliche Dienst, zu der die Gemeinde im "Zeitalter der Kirche" berufen ist. Sie kann ihn erfüllen, weil sie sich von dem, der sie erwählt hat, geliebt, umsorgt und sehnsuchtsvoll bedacht weiß. Wo ihr diese Gewissheit abhanden kommt, erlöscht der Glanz, der sie umgibt. Es liegt an uns, ob die Brautzeit der Gemeinde zur "schönsten Zeit" wird oder zum zeremoniellen Pflichtenmarathon, bei dem wir unser Glück durch das Erfüllen von Vorgaben zu sichern suchen.

Gott hält Glück, unbeschreibliches Glück für uns bereit und hat unsere Lebensrealität mit einer Fülle von prophetischen und poetischen Bildern durchwirkt, damit wir überhaupt eine Ahnung davon bekommen! So verstanden dienen die Regeln der Brautzeit einem Spiel mit heiligem Ernst. In ihnen erhält unsere Sehnsucht Richtung und Gestalt: eine bräutliche Gestalt.

Nur so herum wird ein (Braut-)Schuh daraus, in dem man tanzen kann - und kein Fußeisen der Gesetzlichkeit. Wir haben allen Grund zu tanzen: Der Brautpreis ist entrichtet und abgegolten, er war atemberaubend hoch, aber wir waren es dem Werbenden wert. Die Braut wird überhäuft mit Liebesgaben - wir dürfen sie auspacken und uns des Herrn rühmen! Die Mikveh ist gefüllt und sauber - warum so wasserscheu? Die reinen Gewänder liegen bereit, wozu in Lumpen laufen? Der Fürsprecher ermutigt uns, dem Bräutigam entgegenzurufen: "Maran ata!"

Das bräutliche Herz der ersten Liebe ist so wenig eine Frage von Geschlechtszugehörigkeit wie die Gaben des Geistes oder die tätigen Hände im Weinberg Gottes. Die Gestaltung der "Brautzeit der Gemeinde" ist die gemeinsame Aufgabe, wird also nicht an die Frauen delegiert. Gleichwohl können sie, weil sie Frauen sind, in einzigartiger Weise zum Verständnis des "großen Geheimnisses", wie Paulus es nennt, beitragen. Dieser Beitrag ist ihr Vorrecht und wie er auszusehen hat, ihr Geheimnis. "Mann" tut gut daran, das nicht zu reglementieren - dann wird die Choreographie des Brauttanzes um einige Schrittfolgen reicher sein.    


* Eine kundige und ausführliche Darstellung der jüdischen Hochzeitszeremonien und ihrer christologischen Bezüge gibt Bill Risk in The Ultimate Wedding. Ancient Jewish Marriage Traditions and Their Fulfillment in Jesus the Messiah. 1996, publiziert unter www.ldolphin.org/risk/ult.shtml

Von

  • Írisz Sipos

    ist stellvertretende Chefredakteurin des Salzkorns und mitverantwortlich für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der OJC-Kommunität.

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