Der Traum vom Edelstein

Von einer, die auszog, das Frausein zu lernen

von Julia Goldberg

Ich war ein ganz normales Mädchen und hatte eine glückliche Kindheit - so ­jedenfalls habe ich es immer erzählt, wenn ich danach gefragt wurde. Was ich nicht erzählte: neben allem Guten hatte ich auch eine frühe innere Trennung von meiner Mutter und zudem schweren sexuellen Missbrauch erlebt. Die daraus folgende ­innere Einsamkeit und die Erfahrung, ohne Schutz der Übermacht der Stärkeren ausgeliefert zu sein, prägten mich tief.

Ich habe überlebt und lange schien es, als hätte ich mein Leben als ledige, unternehmungslustige Frau und Christin erfolgreich im Griff. Wäre da nicht diese bohrende Sehnsucht nach einem "Zuhause" gewesen, die ich durch nichts zum Schweigen bringen konnte und die mich mehrere Jahre lang ruhelos von einem Ort zum anderen ziehen ließ. Diese unstillbare Sehnsucht war es, die Gott nutzte, um mich auf seinen Weg der Heilung zu "locken". Es war gut, dass ich damals nicht ahnte, wie lang und schwer dieser Weg werden würde - sonst hätte ich niemals den ersten Schritt gewagt.

Ich wusste selbst nicht, wonach ich mich so sehnte - es fühlte sich an wie Durst oder Hunger oder Heimweh. Erst viel später ­begriff ich, dass es die rastlose Suche nach mir selbst war, die mich umtrieb, denn in meinem Leben, in meinem Körper, in mir selbst war ich nicht zu Hause.

Das Ziel

Als Kind wollte ich immer ein Junge sein und trug am liebsten Lederhosen. Als ich ungefähr dreizehn war und es sich nicht ­länger leugnen ließ, dass ich ein Mädchen war und eine Frau werden würde, entschied ich eines Tages, mit dem "Jungsgehabe" Schluss zu machen und "ab heute eine richtige Frau zu sein". Ich hatte Vor- und Nachteile pragmatisch gegeneinander abgewogen und fand den für mich attraktivsten Vorteil auf der Frauenseite: Die können Kinder ­bekommen - das wollte ich auch; eine große Familie haben und ein Zuhause gestalten - das verstand ich unter Frausein und das war seitdem das Ziel meines Lebens.

15 Jahre später war ich diesem Ziel kein biss­chen näher gekommen, auch wenn ich schon wichtige Schritte auf meinem Heilungsweg ­getan, manches aufgearbeitet und vergeben und unglaublich viel über mich und das Leben ­gelernt hatte. Und doch wurde ich das Gefühl nicht los, bei aller Anstrengung in Wirklichkeit keine "richtige" Frau zu sein. Irgend etwas in mir schien anders zu sein als bei den Frauen um mich herum. Dabei gab ich mir solche Mühe! ­Indem ich meine - meist älteren - Freundinnen beobachtete und versuchte, sie nachzuahmen, lernte ich eine Menge darüber, wie man sich als Frau verhält und kleidet, denkt und fühlt. Aber scheinbar reichte das nicht. Jedenfalls ließ sich die ruhelose Sehnsucht in mir damit nicht zufriedenstellen.

Die Wunde

Es war nicht nur der Schmerz darüber, dass meine Lebensplanung nicht in die Gänge kam, sondern viel tiefer das Gefühl, "nicht ganz zu sein". Das spürte ich fast körperlich. Einmal schrieb ich in mein Tagebuch: "Ich habe Sehnsucht - nach mir. Ich spüre eine dicke Wand in mir, die mich von mir selbst trennt. Und dahinter? Eine Wunde. Die Wunde des Nicht-Ich-Sein-Könnens. Ausgeraubt und verschluckt von denen, die mich missbrauchten. Mein Ich war einfach weg und niemand hat es gemerkt. Wo bin ich denn und wer? Natürlich habe ich in meinem ­Leben viel erreicht, aber ein Teil ist im Dunkeln vergessen worden, hat das Leben nicht geschafft. Wenn ich einigermaßen normal leben will, dann nur, wenn alle Teile dabei sind. Wenn auch nur einer zurückbleibt, schaffe ich es nicht."

Manchmal hasste ich Gott dafür, dass er mir diesen Schmerz nicht ersparte, dass er diesen Teil meines Wesens nicht einfach betäubte oder ganz absterben ließ.

Der Traum

Welcher Teil war es eigentlich genau, der mir verlorengegangen war und ohne den ich nicht ­leben konnte? Das war mir lange nicht wirklich klar. Bis ich eines Nachts folgenden Traum hatte:

Vier Kinder wurden beauftragt, einen Diamanten zu finden. Es gelang ihnen auch, aber ­eines der Kinder starb dabei. Der Edelstein verschwand.

Und dann sah ich mich selbst in einem Krankenhaus als Pflegerin. Liebevoll versorgte ich die Patienten. Darunter auch eine alte Frau, die besonders viel Zuwendung und Hilfe brauchte.

Nebenbei war ich immerzu damit beschäftigt, den Diamanten zu finden, von dem ich keine Vorstellung hatte, wie er aussah, denn ich hatte noch nie einen echten Diamanten gesehen. Und doch schien es meine wichtigste Aufgabe zu sein.

Als ich einige Behandlungen bei der alten Frau durchführte, veranstaltete sie plötzlich ein großes Chaos und riss sich die Infusionen und alle Schläuche ab. Dabei schien sie viel Kraft zu haben. Ihre Kinder und Enkel standen schweigend um ihr Bett herum. Dann ging ich ins Schwesternzimmer zurück und hatte auf einmal einen Geistesblitz: alles war nur vorgetäuscht! Der Diamant war im Besitz der Alten. Sie hatte ihn und wollte ihn in dem nun herrschenden Durcheinander an die anderen weitergeben. Schnell lief ich über den langen Klinikflur zu ihrem Zimmer zurück und suchte dort den Diamanten, aber ich fand ihn nicht. Ich wusste, dass dieser Edelstein mir gehörte, dass ich ein Recht auf ihn hatte - doch ich kam zu spät. Voller Enttäuschung wachte ich auf.

Das Erbe

Auf einmal verstand ich, worum es ging: Der kostbare Stein war meine weibliche Identität und es war die Aufgabe meines Lebens, diesen Diamanten zu finden. Er gehörte mir: Gott hat mich als Frau gewollt und gemacht! Als Kind war ich - wie jedes andere Mädchen - ausgezogen, ihn zu suchen. Ein Teil starb dabei, unbemerkt und unbetrauert. Jetzt lebte ich im Körper einer ­erwachsenen Frau, aber ein grundlegender ­Baustein fehlte in meinem inneren Fundament - meine mir zugesprochene Identität als Frau. Das war der tiefste Grund, weshalb mein Leben nicht zur Ruhe kommen und ich nicht "nach Hause" finden konnte.

Der Traum ließ mich noch mehr verstehen: Um Weiblichkeit empfangen zu können, muss die ­innere Verbindung zur Mutter bestehen. Die Frau in meinem Traum war sehr alt. Ich fragte mich: könnte es sein, dass "Frau-Sein" in unserer ­Familie schon über Generationen hinweg wenig bestätigt und nur bruchstückhaft weitergegeben wurde? Wenn ich die Lebensgeschichten meiner Eltern und Großeltern anschaute - die Dritte-Reich-Ideologie, Krieg, Flucht, Entbehrungen - schien das naheliegend. Ich konnte froh sein, dass sie unter diesen menschenfeindlichen Umständen überhaupt in der Lage gewesen waren, so viel Leben und Liebe weiterzugeben. Und vielleicht hätte es ja auch gereicht, wenn es mir nicht durch die sexuelle Gewalt geraubt worden wäre.

Diese Einsichten waren nicht gerade ermutigend. Wie sollte ich denn jetzt an diesen Stein kommen? In mein Tagebuch schrieb ich: "Gott, du sagst, ich soll leben. Du sagst, ich soll als Frau leben. Mir ist, als ob du mir befiehlst, Marathon zu laufen und mir vorher beide Beine brichst. Ich wäre gern Marathon gelaufen - das kannst du mir glauben. Aber wenn ich dazu jetzt unendlich lange üben, lernen, an mir arbeiten, besser werden, nachreifen muss ... schaff ich das nie. Du hast viel Zeit, aber ich nicht. Ich bin 30 Jahre alt und habe noch nicht mal das Grundlegendste ­geschafft."

Die Realität

Ich wunderte mich, dass mein Traum vom "Frau-Sein" im Bild eines wunderschönen, kostbaren Diamanten sprach. Im Wachzustand hätte ich "weiblich sein" eher als "minderwertig" und alles andere als erstrebenswert beschrieben. Mich mit meinem Frau­sein auszusöhnen, war ein Akt des Gehorsams und bedeutete für mich so viel wie mich damit auszusöhnen, einen Hinkefuß zu haben. Setzte ich nicht deshalb so viel Energie ein, allen zu beweisen, dass ich auch stark bin? In einer Stillen Zeit sah ich in einem inneren Bild ein tiefes Wurzelwerk der Verachtung für ­alles Weibliche, Verletzliche und Schwache, das sich durch alle Bereiche meines Lebens hindurch zog und viel älter war als ich selbst: tief eingebrannter Frauenhass. Ich merkte erschrocken, dass ich das nicht "einfach wegmachen", ja, dass ich es nicht einmal wirklich verstehen konnte. Aber ich wollte verhindern, dass es sich in ­meinem Leben, Denken und Fühlen weiter ausbreitet.

Die Verheißung

Es war mir sehr ernst damit, doch innerlich stöhnte ich: Noch eine neue Aufgabe, für die ich mich anstrengen, noch etwas, was ich besser ­machen und üben musste - wie sollte ich das auch noch schaffen?!

Sollte diese nie endenwollende Anstrengung "Leben" sein? Wo waren denn die Fülle und die Freude und das Sattsein, das Jesus denen verheißen hat, die zu ihm gehören?

Immer wieder schüttete ich Jesus meine Enttäuschungen und Verzweiflung vor die Füße - wem sonst sollte ich zumuten, sich das immer und immer wieder anzuhören? Ich kam mir dabei vor wie die "blutflüssige Frau", von der in Markus 5 erzählt wird, die von hinten an Jesus herantritt und ihn an den Quasten seines Gebetsschals festhält. Wenn ich in meiner inneren Dunkelheit Gott und seinen Verheißungen nicht mehr glauben konnte, blieb mir nur, mich bei Jesus "festzuklammern" und so mit all meinen Schmerzen in seiner Gegenwart zu bleiben. Und ich habe erlebt, dass er bei mir blieb, mit mir litt und mich immer wieder ermutigte, nicht aufzugeben. Die Bibel war ohnehin mein stärkster Trost. Das 54. Kapitel des Jesajabuches hatte ich schon Jahre zuvor als eine persönliche Verheißung vernommen, besonders den Vers 11: "Du Elende, über die alle Wasser gehen, die keinen Trost fand. Siehe, ich will deine Mauern auf Edelsteine stellen und will deinen Grund mit ­Saphiren legen und deine Zinnen aus Kristallen machen und deine Tore von Rubinen und alle deine Grenzen von erlesenen Steinen."  

Der Schrei

Auch die Geschichte vom blinden Bettler ­Bartimäus, der laut nach Jesus schreit und den die umstehenden Leute zum Schweigen bringen wollen, bekam Bedeutung für mich. In mir rief eine Stimme hartnäckig nach Jesus und seiner Heilung, aber es gab auch die andere Stimme: Gib auf, du bist nicht gemeint! Du musst zufrieden sein mit dem, was du hast!

Mir wurde bewusst, dass ich selbst eine Bettlerin war: Ich bettelte bei Menschen - vor allem bei Frauen, die mich mütterlich begleiteten und unterstützten - um Nähe, Kraft und um Sinn, bei ihnen suchte ich mein Frausein. Natürlich machte­ mich das Zusammensein mit ihnen relativ reich und satt - aber es war eben nie mein Reichtum!

Damals betete ich: "Gott, ich will nicht mehr bei Menschen betteln, das ist demütigend. Vielleicht bin ich unverschämt, aber ich kann und will mich nicht mit weniger zufriedengeben, als mir von dir her zusteht. Ich will alles - die ganze Heilung, mein ganzes Leben, mein ganzes Frau-Sein."

Die Antwort

Einige Monate später nahm ich an einem großen Heilungs-Seminar teil. Am dritten Tag fand ich unter meinem Stuhl einen kleinen glitzernden Stein. Ich hob ihn auf und wollte ihn in die Tasche stecken, aber er fiel mir aus der Hand. Und weil er so klein war, fand ich ihn zwischen all den Stuhl- und Menschenbeinen nicht wieder. Am folgenden Tag ging es um das Thema Misogynie - Frauenhass. Es war mir nicht leicht, den Vortrag über Ursachen und Auswirkungen von Frauenhass zu hören, denn schmerzliche Erinnerungen kamen dabei wieder hoch. Doch auch meine eigene Verachtung für alles Weibliche und Verletzliche fiel mir wieder ein. Während der folgenden Gebetszeit bat ich Gott um Vergebung für diese Sünde und ich vergab den Frauen und Männern, die mich durch ihren Frauenhass so verletzt hatten. Als ich wieder auf meinen Platz zurückging, sah ich auf dem Boden etwas Glitzerndes liegen. Instinktiv hob ich es auf, steckte es in die Hosentasche - und vergaß es.

Wieder zu Hause angekommen, leerte ich die Taschen meiner Hose, bevor ich sie in die Waschmaschine steckte. Dabei fiel ein kleiner glitzernder Stein auf den Boden. Ich hob ihn auf und plötzlich war es, als ob jemand ein Licht in mir anknipste und ich begriff: das war ja mein ­Diamant, den ich so lange verzweifelt gesucht hatte!

Dieser kleine Glitzerstein war das Symbol für den Stein, der in das Fundament meines Leben gehört: mein Frau-Sein. Ich hatte ihn wieder! ­Alles in mir jubelte: Ich bin eine Frau, eine richtige Frau - vollständig und vollwertig. Tief innen wusste ich auf einmal mit staunender Gewissheit: Gott selbst hat diesen Edelstein zurück in mein Leben gelegt, nun kann er mir nie mehr verlorengehen.

In mir breiteten sich Freude und Lobpreis aus, wie ich sie noch nie zuvor erlebt hatte: "Gott, du bist wahrlich ein Gott des Rechts, denn du hast mir wiedergebracht, was mir gehörte, was du von Anfang an für mich gedacht hattest. Du bist ein heiliger Gott."

Das Fest

Am nächsten Morgen sah ich während meiner Gebetszeit in einem inneren Bild einen überreich gedeckten Tisch, von dem ich so viel essen und trinken durfte, wie ich wollte. Jesus war der strahlende Gastgeber und ich trank und trank und hatte das Gefühl, nie mehr damit aufzu­hören, denn jetzt endlich hatte ich lebendiges Wasser - und ich mußte nichts dafür tun. Das war ein Fest.

Beinahe hatte ich mich an den quälenden Durst und das nagende Hungergefühl in mir ­gewöhnt, beinahe hatte ich aufgehört zu hoffen, dass "Fülle" und "Sattsein" Wirklichkeit werden können. Ich hatte kaum noch etwas empfangen können, so gefangen war ich in meinen Schmerzen, Sünden und Bindungen. Aber Gott hat mich befreit und geheilt und jetzt erst bin ich in der Lage, seine Liebe zu empfangen und daran satt zu werden.

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