In Freiheit und Würde

Misogynie, ihre Wurzeln, ihre Folgen und wie sie überwunden werden kann

Gwen und Sandy Purdie

Der Begriff "Misogynie" ist ein griechisches Kompositum aus mis = Verachtung, Hass und gyné = Frau. Er bezeichnet den "Hass auf Frauen" oder den "Hass auf alles Weibliche". Die Ablehnung des Weiblichen hat emotionale, soziale und sexuelle Wurzeln und verheerende Folgen in eben diesen Bereichen, bis hin zu sexuellen Funktionsstörungen und missbräuchlichem Sexualverhalten. Von Misogynie können Männer, Frauen und Kinder betroffen sein.
Gwen und Sandy Purdie sind Seelsorger mit dem Schwerpunkt verletzte geschlechtliche Identität. Sie beschreiben den Hintergrund der Misogynie, seine Wirkweisen und einen geistlichen Weg zur Heilung für Opfer und Täter.

Das Phänomen der Misogynie ist tief in unserer Gesellschaft verwurzelt und leider auch in Kirchen und Gemeinden wirksam. Dass auch christliche Kreise anfällig sind, hat verschiedene Gründe: eine falsch verstandene Lehre bezüglich der Unterordnung, männliche Autoritätsstrukturen oder eine ablehnende Haltung gegenüber spezifisch weiblichen Aspekten des Glaubens. Außerdem sind Christen auch nur Menschen und haben daher mit den gleichen Problemen zu kämpfen wie der Rest der Gesellschaft. Einige Gemeinden halten sich an extreme Lehren über die Unterordnung der Ehefrauen unter ihre Männer, ignorieren jedoch die "gegenseitige Unterordnung aller Gläubigen" (Eph 5,21). Das führt zu ungesunden Beziehungen zwischen Männern und Frauen und zu einseitig männlichen Machtstrukturen, die ein Anzeichen für Misogynie sein können. Wertvolle Gaben und Fähigkeiten von Frauen bleiben unentdeckt und ungenutzt, wenn ein Gemeindeleiter autoritär auftritt und Frauen keine andere Aufgabe zugesteht als beispielsweise das Verteilen der Gesangbücher. Ein dermaßen männlich dominierter christlicher Glaube geht oft einher mit einer ängstlichen Abwehr von Glaubensaspekten, die spezifisch "weiblich" sind, wie das Verständnis für seelische Vorgänge, den Bereich der Gefühle und wie die Persönlichkeit eines Menschen geheilt werden kann.

Erscheinungsformen von Misogynie

Misogynie bei Männern wie Frauen äußert sich stets in der Tendenz, Frauen Ablehnung und Argwohn entgegenzubringen, oft einfach deshalb, weil es einem - direkt oder indirekt - so beigebracht oder vorgelebt wurde. In unserer Heimat Schottland beispielsweise wurde die Misogynie landesweit tradiert, sie wurde von einer Generation an die nächste vererbt. So ist es allgemein üblich, dass Männer sich abfällig über Frauen äußern. Man lacht über solche Sprüche, obwohl sie in Wirklichkeit sehr demütigend und verletzend sind.

Ein weiteres Kennzeichen ist eine Scheu vor allem Weiblichen, möglicherweise als Reaktion auf eine innere Zerrissenheit oder auf schuldhaftes Verhalten der eigenen Mutter. Vielleicht ging die Mutter unangemessen mit ihren Grenzen um oder sie erdrückte ihren Sohn oder ihre Tochter als "Übermutter". Das kann später unter Umständen dazu beitragen, dass Männer oder Frauen sich in Richtung Homosexualität orientieren.

Das Wüten mancher lesbisch lebender Frau gegen weibliche Attribute kann in einem tiefen Hass auf das Weibliche überhaupt begründet sein. Auch Transgender-Probleme bei Männern und Frauen (Transvestismus, Transsexualität und Cross-Dressing) haben oft mit einem misogynen Neid auf Frauen und auf das Weibliche zu tun.

Frauenhass, sexueller Missbrauch und sexuelle Funktionsstörungen sind untrügliche Anzeichen für die beginnende Zerrüttung einer Gesellschaft. Diverse kulturell akzeptierte Formen im Sexualverhalten von Männern und Frauen können durch Misogynie verursacht sein. Ein konkretes Beispiel liefert der Pornographie- Konsum, bei dem Männer sich Szenen anschauen, in denen Frauen verletzt und vergewaltigt werden. Dieses Verhalten hat in vielen Ländern alarmierende Ausmaße angenommen, leider ist die Bevölkerung weitgehend blind für diese Gefahr.

Misogynie projiziert extreme Bilder auf Frauen: sie erscheinen als Heilige oder als Hure - dazwischen gibt es nichts. Es richtet viel Schaden an, wenn junge Frauen beginnen, sich mit einem dieser beiden Extreme zu identifizieren, anstatt sie selbst zu sein. Dabei kann sich Weiblichkeit in vielen unterschiedlichen Formen ausdrücken. Die eine trägt gerne Pink, die andere fühlt sich in Jeans wohl. Keine ist damit weniger weiblich als die andere, jede hat eine andere, legitime Art, ihr Frausein auszudrücken.

Misogynie bei Frauen

Misogynie bei Frauen

Wenn Frauen misogyn empfinden, lehnen sie oft ihre weibliche Identität ab und haben folglich Schwierigkeiten im Umgang mit beiden Geschlechtern. Wenn sie sich zu sehr mit ihrem männlichen Anteil identifizieren, können sie eine männliche Identität entwickeln.

Eines Tages kam eine junge Frau zu uns in die Beratung, die ihre eigene Weiblichkeit ablehnte, weil ihr Vater Frauen hasste. Die durch ihn erlittene Zurückweisung war so bedrohlich für sie, dass sie ihr Frausein zunehmend verleugnete, sich wie ein Mann kleidete, die Haare sehr kurz schnitt, Schmuck und Make-up mied und ihre weiblichen Formen verbarg. Sechs Monate später war sie in der Lage, die Schuld ihres Vaters, sein zerstörerisches Verhalten ihr gegenüber, beim Namen zu nennen und ihm zu vergeben. Erst jetzt konnte sie beginnen, ihre Weiblichkeit zu entdecken. In ihrem Wachstums- und Heilungsprozess war sie jetzt frei, z.B. Parfum zu benutzen.

Sie hat sich eine neue Frisur zugelegt und konnte endlich lächeln!

Es gibt auch Frauen, die für ihre scheinbar schwachen Geschlechtsgenossinnen nur Verachtung und Misstrauen übrig haben oder die ihren Müttern für alles die Schuld zuschieben. Auch das kann an starke Neidgefühle Frauen gegenüber gekoppelt sein, die in ihren Augen Erfolg bei Männern haben. Wieder andere hängen feministischen Ideologien an, die besagen, Frauen und Männer wären "gleich". Im Wunsch nach einer solchen "Gleichheit" spiegelt sich in Wirklichkeit eine verletzte Sehnsucht.

Misogynie hat also vielfache Auswirkungen, die nicht nur das Gefühl und das Denken bestimmen, sondern auch das Verhalten beeinträchtigen, das zunehmend verletzter und verletzender wird.

Besonders tragisch ist es, wenn Frauen, die selbst Opfer von Misogynie geworden sind, die Meinung von Männern im allgemeinen höher schätzen als die von Frauen oder in unangemessener Weise mit Männern konkurrieren. Sie neigen auch dazu, Söhne ihren Töchtern gegenüber vorzuziehen. Oder sie haben ein Bedürfnis nach Anerkennung und Verständnis von Seiten der Männer, während sie dies von Frauen nicht im gleichen Maße brauchen. Wir kennen eine Frau, die jetzt zum vierten Mal vor dem Scheitern ihrer Ehe steht, weil sie verzweifelt nach Bestätigung durch verletzte Männer sucht. Sie selbst versteht nicht, warum sie es so schwer hat, eine gesunde Beziehung zu einem Mann zu entwickeln. Im Grunde erwartet sie von diesen Männern, dass sie "Gott" für sie spielen und in ihrem Leben wiedergutmachen, was der misogyne Vater, der ihr Leben dominierte, durch seine Frauenverachtung zerstört hat.

Misogynie bei Männern

Männer, die an Misogynie leiden, haben möglicherweise Angst vor Frauen bzw. sind ihnen gegenüber ambivalent eingestellt und wenden sich oft Männern zu, um ihr Bedürfnis nach emotionaler Nähe zu befriedigen. Diese Angst kann aus unterschiedlichen dysfunktionalen Beziehungen zu Frauen herrühren. Die gänzliche Abwendung von Frauen deutet womöglich auf ein ungestilltes emotionales Bedürfnis in einer frühen Phase des Lebens hin. Eine andere Form der Misogynie ist die ambivalente Haltung, einerseits die Frau(en) kontrollieren zu wollen, sie andererseits auf Distanz zu halten. Es kommt vor, dass der Mann der Frau verübelt, wenn sie Hilfe oder angemessene Aufmerksamkeit einfordert, während er selbst von ihr erwartet, dass sie allen seinen Bedürfnisse nachkommt. Ein Ehemann, der zu uns in die Beratung kam, sprach in der Öffentlichkeit über seine "wunderbare Frau", zuhause war er ihr gegenüber kritisch, hart und unversöhnlich: das klassische Beispiel für einen ambivalent empfindenden Mann, der nach außen hin Wertschätzung für die Meinung seiner Frau zeigt, sie aber in Wirklichkeit ignoriert und ihre Ansichten herablassend behandelt. Solche Beispiele gibt es zuhauf. Sie geben uns eine Vorstellung davon, wie Frauenhass sich ausdrückt. Das vor Augen zu halten hilft, die Misogynie als zerstörerisches Denk und Beziehungsmuster zu erkennen und dagegen vorzugehen.

Frei werden von Misogynie

Frei werden von Misogynie

Heilung von tiefen Persönlichkeitswunden und -fehlern ist nur durch das Kreuz Jesu Christi möglich. In seinem Blut ist die vollständige Heilung von Misogynie möglich - ganz gleich, ob sie in der Gegenwart wirksam ist oder es in der Vergangenheit war, gleich ob es Einzelne, Generationen oder eine Nation betrifft. Gottes Wort lehrt uns, dass wir erst in die richtige Beziehung zu Gott, der Quelle unseres Lebens, treten müssen, um heile Beziehungen zueinander haben zu können. In Ihm leben, weben und sind wir (Apg 17,28). Betrachten wir das Leben vom Schöpfergott her, erkennen wir, dass die Geschlechter einander komplementär zugeordnet sind: Gott hat den Menschen als Mann und Frau erschaffen (1. Mose 1,26-28). Die Unterschiede zwischen ihnen sind Anlass für gegenseitige Wertschätzung und freudiges Staunen. Frauenhass steht in absolutem Widerspruch zu Gottes Herz, das voller Liebe für beide von ihm geschaffenen Geschlechter ist.

Heilung hat zwei Seiten

Zum einen braucht der durch Misogynie verletzte Mensch Heilung. Andererseits ist seine Umkehr von eigenen frauenverachtenden Gedanken und Taten notwendig, unabhängig davon, ob er sie bewusst oder unbewusst gepflegt hat.

Wenn Sie Opfer geworden sind...

Wenn Sie frauenfeindliche Übergriffe erlebt haben, müssen Sie dieses Vergehen genau benennen.

Es ist wichtig, der Person, die sich Ihnen gegenüber so verhalten hat, die Schuld in angemessener Form auch zuzuweisen - im direkten Gespräch oder, wenn das nicht möglich ist, in der Seelsorge. Wenn das erfolgt ist, kommt es darauf an, dem zu vergeben, der auf diese Weise gegen Sie gesündigt hat. Sie sind nicht dazu verdammt, den Schmerz immer wieder zu durchleben oder Rache dafür zu nehmen - Sie können Jesus bitten, dass er Sie von allen Folgen der zerstörerischen Übergriffe freisetzt. Es steht Ihnen sogar frei, für alle noch lebenden Familienmitglieder zu beten, dass auch sie von den Auswirkungen befreit werden. Das geht auch, wenn Sie keinen Kontakt zu Ihrer Familie haben. Unser Herr kann wunderbare Heilung schenken und jedes Denken, alle Verhaltensweisen und Überzeugungen bezüglich Frauen und Weiblichkeit in Seine, von Ihm vorgesehene Ordnung zurückführen. Der Heilungsprozess braucht in den meisten Fällen viel Zeit. Wo Beziehungen durch Misogynie beschädigt worden sind, können noch weitere Probleme auftauchen, daher kann es notwendig sein, sich durch Abgrenzung emotional vor weiteren Verletzungen zu schützen. Es gibt Menschen, die erkannt haben, dass der Hass auf das Weibliche die Kultur ihres Volkes geprägt hat und die für die Heilung ihrer Nation beten.

Sexuellem Missbrauch kann Misogynie beim Täter zugrundeliegen. Jesus Christus hält auch für Opfer von Missbrauch vollständige Heilung bereit. Das ist meistens ein langer Prozess, indem es hilfreich sein kann, den Frauenhass als eine Wurzel des Missbrauchs zu benennen. Das bedeutet nicht, dass der Täter keine Verantwortung für sein schuldhaftes Verhalten trägt.

Wenn Sie Täter geworden sind...

Am Kreuz gibt es auch Heilung für jeden, der wissentlich oder unwissentlich der Misogynie schuldig geworden ist. Tun Sie Buße für die Sünden des Hasses und der Verachtung Frauen gegenüber und sagen Sie sich davon los. Empfangen Sie Gottes Vergebung (1. Joh 1,9) und vergeben Sie auch sich selbst und bitten Sie um besondere Heilung, dass Sie mit alten Gewohnheiten brechen und neue Wege im Umgang mit Frauen finden können. Die inneren Zusammenhänge sind bei jedem Menschen unterschiedlich, daher braucht es besondere Erkenntnis, in welcher Weise man für Heilung beten soll. Aber auch um Erkenntnis dürfen Sie bitten. Der Herr ist treu, Er führt jeden in die Freiheit, der sie ernsthaft sucht.

Von

  • Gwen und Sandy Purdie

    arbeiten als Gebetsseelsorger in Schottland und weltweit. Sie gehören zum internationalen Seelsorgeteam ­„Pastoral Care Ministries“. Seit Jahren begleiten sie die OJC-­Gemeinschaft.

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