Miteinander atmen

Miteinander atmen

Was uns blüht, wenn Frauen und Männer die Kraft von Pfingsten entdecken

von Dominik Klenk

Pfingsten, das ist das Geheimnis vom Überströmen des Geistes. Pfingsten, das ist das Geschenk Gottes an seine Freunde, an Frauen und Männer, die miteinander und mit Jesus auf dem Weg sind. Die Apostel waren die ersten, die in der Kraft dieses Überströmens Gemeinschaft miteinander hatten.

Aber wo Pfingsten nur ein historisches Ereignis aus der biblischen Apostelgeschichte bleibt, macht sich in Gemeinde und Gemeinschaft über kurz oder lang Aggression oder Depression breit. Aggression dort, wo man ständig über Konflikte und Machtspielchen stolpert; Depression dort, wo Langeweile und eingefahrene Wege keinen kreativen Zustrom erfahren.

Von "Pfingstkillern" ...

Pfingstereignisse sind immer ein Geschenk. Wir können sie uns nicht selber machen. Aber wir können sie zielsicher verhindern. Dadurch entgeht vielen Teams, Gemeinden und Gemeinschaften, wonach sie sich eigentlich sehnen: nach Einheit, Inspiration, Überraschendem, Veränderung, Wachstum. Stattdessen kultivieren sie Pfingstkiller. Pfingstkiller, das sind z.B. Abläufe im Miteinander, die nur noch mechanisch funktionieren. Pfingstkiller sind Sitzungen, die mit einem TOP beginnen und beendet sind, wenn der letzte Tagesordnungspunkt abgearbeitet ist. Pfingstkiller sind vorbereitete Präsentationen, die Sachverhalte darlegen, ohne eine Gesprächsatmosphäre zu eröffnen. Pfingstkiller sind unbereinigte Beziehungen, die eine vertraute Gesprächsatmosphäre erst gar nicht ermöglichen.

Es steht einer Gruppe frei, sich mehr oder weniger kraftlos über lange Zeiten in bekannter Weise durch Sitzungen und Zusammenkünfte zu bewegen. Sie hat aber auch die Freiheit, sich nach kraftvoller Bewegung auszustrecken, nach Wachstum und Wirkung, die die Kraft von Pfingsten empfängt und entfaltet.
Ob Pilgerwege, Erfahrungen oder persönliche Berichte aus dem Gebetsleben: Handreichungen zu Fragen des geistlichen Lebens haben derzeit Konjunktur. Das ist eine schöne Entwicklung. Biographien sind wichtige Lehrer des Glaubens. Was fehlt, sind allerdings die Geschichten von Gemeinschaften, die biographischen Geschichten von Gruppen. Vom Überschwang des Geistes, von kleinen und großen Pfingstfesten im gemeinsamen Erleben als Teil am Leib der Kirche wissen wir zu wenig.

... und guter Wegbereitung

Wenn Pfingstereignisse verhindert werden können, dann stellt sich für uns die Frage, ob sie - obwohl sie immer Geschenk bleiben - auch vorbereitet werden können?
Nach sieben Jahren intensiven Lebens in einer Gemeinschaft zählt für mich das Erleben von kleinen und großen Pfingstereignissen zu verschiedenen Anlässen und Jahreszeiten zu den stärksten, wichtigsten und tragenden Erfahrungen dieser Zeit. Und ich bin heute überzeugt davon, dass solche Erfahrungen zwar immer etwas Besonderes sind, dass Gott uns aber gern öfter damit segnen möchte, als wir zu hoffen wagen.
Blicken wir kurz auf die Meilensteine unserer Heilsgeschichte: Im Alten Testament hat Gott immer wieder große Propheten berufen, um sich Gehör zu verschaffen, um Weisung zu geben, um sein Volk zu führen. Und er hat sich große Führer berufen, mit denen er in intensivem Gespräch stand. Er hat Mose berufen und ermächtigt, sein Volk aus der Sklaverei zu führen. Es war Gottes Anliegen, sein Volk zu befreien.
In Christus ist Gott selbst Mensch geworden, denn es war sein Anliegen, jeden einzelnen Menschen zu befreien und allen die Tür ins Vaterhaus Gottes aufzustoßen.

An Pfingsten hat Gott uns, Männer und Frauen, mit seinem Geist beschenkt, dem Geist des Trostes und der Inspiration, der Versöhnung und der Veränderung. Mit Pfingsten bricht eine neue Epoche an. Es ist die Zeit nach den großen Propheten und es ist die Zeit nach Jesu Geburt, Tod, Auferstehung und Himmelfahrt. Es ist die Zeit des Heiligen Geistes und derer, die in seinem Namen beieinander sind. Nicht mehr einer allein ist auserwählt, Gottes Stimme zu hören und danach zu handeln. Alle sind eingeladen zu hören und alle sind eingeladen, Gottes Geist zu empfangen. Die Erfahrungen der vergangenen Jahre hier in der OJC haben uns gelehrt, dass Problemlösungen und Richtungsentscheidungen, die zu kraftvollen Bewegungen führen, nicht "von oben" verordnet werden können, sondern dass es Zeiten und Räume, Männer und Frauen, Spannkraft und Vertrauen braucht, damit ein Geist der Einheit und des Wachstums entstehen kann.

Geist braucht Zeiten und Räume

Wer die Kraft von Pfingsten in einer Gemeinschaft erleben will, der muss Räume schaffen und Zeiten reservieren, in denen der Geist empfangen werden und sich entfalten kann. Wer mit Gott rechnen möchte, muss wissen, dass wir alle zuerst Hörende, nicht Wissende sind. Der Heilige Geist will eingeladen sein. Wenn unsere Herzen auf Empfang stehen und wir uns gegenseitig vergewissern, dass wir auf Gottes Geist angewiesen sind und fest mit seiner Gegenwart rechnen, dann wird er auch dasein. "Komm Heiliger Geist" ist das Gebet, so versichert uns Jesus, das immer erhört wird. Es ist die Zeitnot unserer Tage, die uns oft drängt, nach einem Proforma-Gebet "zur Sache" zu kommen. Menschen und Gruppen verändern ihre Tragkraft, wenn die Freude am "Gemeinsam-mit-unserem-Gott-sein" im Zentrum steht und sich um diesen Mittelpunkt alle anliegenden Fragen positionieren dürfen.

Geist braucht Männer und Frauen

Gott hat Menschen geschaffen als Männer und Frauen. In die Polarität dieser beiden Geschlechter hat er das Potential der Gottesebenbildlichkeit hineingelegt. Geist entfaltet sich, wenn viele Stimmen hörbar werden, wenn also Menschen befähigt werden, zu ihrer eigenen Stimme zu finden. Nicht der Monolog des "Propheten", sondern der Dialog der Gefährten und Gefährtinnen eröffnet den Raum, in dem es Pfingsten wird. Das mag den Prozess zunächst verlangsamen. Es mag Dinge komplizierter und vielstimmiger erscheinen lassen. Es mag ein gewisses Unbehagen bei denen auslösen, die bereits vor dem Zusammenrufen der Gruppe eine fertige Problemlösung in der Tasche hatten.

In der OJC haben wir uns in den letzten Jahren immer wieder wie beim inspirierten Puzzlespielen erlebt: keiner hatte das ganze Bild vor Augen, aber viele hatten ein Puzzleteil, das sie ins Gespräch bringen konnten. Plötzlich wurde - zuerst schemenhaft und dann immer deutlicher - aus den vielen ein Bild sichtbar, das uns geholfen hat, den nächsten Schritt miteinander zu tun. Es gehört zu den kostbaren Erfahrungen dieser Jahre, dass insbesondere das achtsame Miteinander von Männern und Frauen in einem Team den "Raum des Geistes" hat wachsen lassen.
Nach meiner Erfahrung verpassen Teams, die besonders homogen besetzt sind (z.B. nur verheiratete Männer zwischen 50 und 60) die Chance, das Potential, das in die Polarität der Geschlechter und der verschiedenen Lebensalter gelegt ist, zum Schwingen zu bringen. Darum sollten Teams sich von Zeit zu Zeit die Frage stellen, ob ihre Besetzung den Vielklang der Stimmen ermöglicht, der gebraucht wird.

Geist braucht Spannkraft und Vertrauen

Gemeinsame Pfingsterlebnisse sind Momente des Wachstums und des Durchbruchs in eine neue Tiefe des Miteinanders einer Gruppe. In der OJC haben wir sie als Momente der Versöhnung oder als Momente der Befreiung erlebt, in denen sich Wahrheit unter uns offenbaren konnte. Das können Momente sein, in denen Menschen "sichtbar" werden, die vorher als Person (lat. personare = hindurchklingen) eher unsichtbar und unhörbar waren. Pfingststunden, das kann auch bedeuten, dass auf der gemeinsamen Suche nach dem nächsten Schritt plötzlich ein Weg auftaucht, wo vorher nur Wildnis zu sehen war. Weil wir im Vertrauen auf Gott und im Vertrauen zueinander stehen, schenkt Gott uns seinen Geist. Wenn wir lernen, im Horizont und in den Verheißungen seiner Heilsgeschichte zu denken, zu sprechen und zusammenzurücken, schickt er plötzlich Licht ins Dunkel und Klarheit in den Nebel unserer Möglichkeiten.

Der Geist will wohnen, wo wir konspirieren. Con-spiratio (lat.), das bedeutet miteinander atmen. Wo wir - auf Gottes Geist hoffend - miteinander atmen, Raum und Zeit teilen, miteinander sprechen, einander zuhören und aufeinander acht geben, da spricht der Christus im Bruder und in der Schwester zu uns. 

Dabei geht es nicht darum, dass alle gleich klug, gleich geschliffen, in gleicher Tonlage oder sich in sonstiger Weise uniform geben. Das schöpferische Potential einer Gemeinschaft entfaltet sich nicht, indem alle das Gleiche denken oder sagen, sondern indem sich Vielstimmigkeit kundtut und Spannungen ausgehalten werden. Es ist eine der großen Unfähigkeiten unserer Zeit, dass es uns oft unglaublich schwer fällt, Polaritäten bestehen zu lassen. Ein Vater muss anders sprechen als ein Sohn, eine Tochter anders als eine Mutter. Das gilt in allen weiteren Tonlagen für jede schöpferische Gruppe. Nicht die eine Tonlage muss von allen eingeübt werden, sondern die Spannung der vielen Tonlagen muss ausgeübt und ausgehalten werden. Freilich nicht vor dem Hintergrund gegenseitiger Bevormundung, sondern im gemeinsamen Glauben, dass Gottes Geist sich im gemeinsamen Gespräch zeigen möchte. Nach einer echten Begegnung in "Conspiratio" gehen Menschen verändert auseinander. Bereichert. Es ist etwas Neues entstanden, was vorher keiner hatte und was nur zustande kam, weil wir geteilt haben, was wir hatten: unseren Reichtum und unsere Armut, jedenfalls unsere Eindrücke, die wir im Vertrauen darauf ausgesprochen haben, dass Gottes Geist unter uns wohnen will.

Gemeinsam Geschichte schreiben

Das Potential einer Gruppe liegt eben gerade hierin: in dem Dialog, der etwas wagt. In dem Raum des Vertrauens, der den Umweg über den anderen riskiert und nicht den kürzesten Weg zwischen zwei Punkten als Ideallinie anstrebt. Nicht die Geschwindigkeit einer Bergbesteigung macht ihren Reiz aus, sondern die Frage, ob alle, die miteinander losgegangen sind, auch ans Ziel kommen. Und ob das unterschiedliche Erleben, die Sichtweisen und Aussichten der anderen unterwegs meine Sicht der Dinge weiten konnten. Die Besteigung eines Gipfels mag das eine sein. Das miteinander Vorbereiten und Absprechen, das aufeinander Hören und einander Unterstützen, das miteinander Wagen und Ankommen, das gemeinsame Erzählen und Rückblicken aber ist es, was aus den objektivierbaren Fakten gemeinsame Geschichte macht. Menschheitsgeschichte. Es ist das Miteinander in den Ereignissen, die wir gemeinsam erleben und einander erzählen, mit denen Gott Geschichte schreibt.

Das erste Pfingsten war die Geburtsstunde der Kirche. Wir leben in der Zeitrechnung nach Christus, was für uns auch bedeutet: mit dem Geist, der seit Pfingsten unter uns wohnen will. Der Raum, in dem er wohnt, besteht aus "lebendigen Steinen" - es ist der Raum der versammelten Gemeinschaft. "Der neue Mensch ist die Gemeinschaft", sagt Dietrich Bonhoeffer keck und weist damit eindrücklich auf das tragende Gefäß der Gemeinschaft hin. "Die Zeit auszukaufen" bedeutet nicht noch mehr Aktionismus, sondern jenen Kairos zu ergreifen, der uns als Gemeinschaft geschenkt wird. Die Chance der sich verwandelnden Gemeinde, das ist die Chance des aufeinander Hörens und miteinander Redens. Es ist das Gespräch der Geschlechter und Generationen, die einander nicht fürchten, misstrauen und bedrohen, sondern ergänzen und sich begeistern lassen.

Von

  • Dominik Klenk

    Journalist und Medienpädagoge; Leiter und Prior der OJC von 2002-2012; seitdem Leiter des fontis' Verlags (ehemals Brunnen Verlag), Basel

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