Frauen im Aufwind

WINGS - ein Frauen-Netzwek in der Lausanner Bewegung

von Elke Werner

"Du weißt nicht, zu welchen Höhen du dich aufschwingen kannst, wenn du nicht deine Flügel ausbreitest und fliegst." (Unbekannt)

Dieses Zitat redet nicht über Engel. Wir reden über Frauen. Frauen, die Ermutigung brauchen, die mit gebrochenen oder gestutzten Flügeln in ihrem Alltag untergehen und nicht mehr so leben können, wie Gott es sich eigentlich gedacht hat, wie er sie begabt und beauftragt hat. Frauen, die durch Kultur, Reli­gion und theologische Meinungen daran gehindert werden, ihren Platz in dieser Welt einzunehmen. Auch über Frauen, die im Alltagsstress zwischen Kindern und Karriere untergehen und deren Horizont eng wird.

Rückenwind aus Lausanne

Wie geht es eigentlich den Frauen in dieser Welt? Und wie geht es den Frauen in den christlichen Gemeinden? Und was bewegen Frauen, die als Christinnen aktiv sind und Menschen zum Glauben an Jesus einladen? Das sind Fragen, die ich mir in meiner neuen Aufgabe als "Senior Associate for Women in Evangelism", als Leiterin der weltweiten Frauenarbeit der Lausanner Bewegung stelle. Vor einem halben Jahr übernahm ich dieses Leitungsamt. Vor mir hat Robyn Claydon aus Australien 16 Jahre diese Arbeit geleitet.
Die internationale Lausanner Bewegung ist ein Netzwerk von engagierten Leitern aus aller Welt mit dem deutschen Zweig "Koalition für Evangelisation". Bei weltweiten Kongressen und in ständigen Arbeitskreisen werden Aufgabenbereiche und Strategien besprochen, die Welt mit dem Evangelium zu erreichen. Männer und Frauen gehören dieser Bewegung an und engagieren sich, damit das Motto der ­Lausanner Bewegung umgesetzt wird: Die ganze Gemeinde (Männer und Frauen ­aller Konfessionen) soll der ganzen Welt (also allen Völkern, Sprachen und Religionen) das ganze Evangelium (das gepre­digte Wort und die soziale Tat) bringen. 

Der Schrei der Frauen

Angefangen hat es mit der Frauenarbeit beim Zweiten Lausanner Kongress in Manila 1989. Dort hatte Robyn Claydon eine Veranstaltungsreihe von Frauen für Frauen organisiert. Zum ersten Mal hörte sie auf dieser Weltkonferenz "den Schrei der ­Frauen", wie sie selbst es beschreibt. Frauen leiden. Sowohl unter kulturellen und religiösen Grenzen als auch unter Beschneidung ihrer Rechte und Möglichkeiten im öffentlichen Leben­ und in der Gemeinde. Robyn ließ dieser Schrei nicht mehr los und sie beschloss, aktiv zu werden. Sie gab ihre Stelle als Rektorin einer Schule auf und bereiste 16 Jahre lang die Welt. Sie besuchte Frauen, ermutigte sie, vernetzte sie und begleitete sie als Mentorin. Jetzt ist sie selbst über 70 Jahre alt und möchte etwas kürzer treten.

Vor mir liegt ein weites Arbeitsfeld. Und wenn Gott mich nicht so deutlich in diese Aufgabe hineingerufen hätte, hätte ich nie den Mut gefunden, dieses Amt zu übernehmen. Doch jetzt gehe ich fröhlich meine ersten Schritte und fühle mich wie ein Kind am ersten Schultag: Es gibt so viel, was ich noch nicht weiß! Aber ich kann jeden Tag etwas Neues hinzulernen und umsetzen, was ich schon gelernt habe. Doch wo anfangen? Wie soll die Arbeit heißen? Letzten Sommer saß ich mit meinem Mann Roland auf einer Parkbank. Schon viele Tage hatten wir gemeinsam überlegt, wie ich meine Arbeit mit Frauen nennen könnte. Ich schaute auf und sah einen Vogel über uns kreisen. "Ich möchte Frauen­ Flügel­ geben" - dieser Gedanke schoss mir durch den Kopf. Und so wurde der Name meiner Arbeit gefunden: WINGS: Women's Interna­tional Network in God's Service. (Internationales Netzwerk für Frauen im Dienst Gottes).

Gebrochene Flügel

Einige statistische Angaben: 70% der Armen dieser Welt sind Frauen. Eine von drei Frauen weltweit ist geschlagen worden, zu Sex gezwungen oder anderweitig missbraucht worden. 75 bis 80 % der Flüchtlinge auf der Welt sind Frauen. Im weltweiten Durchschnitt kommt auf jede Frau eine Abtreibung. 120.000 Frauen und Kinder werden jedes Jahr durch Sex-Handel nach West-Europa gebracht. 150 Millionen Frauen sind genital verstümmelt. Es gibt ca. 5.000 sogenannte Ehrenmorde jedes Jahr. Von den weltweit 1 Milliarde Analphabeten sind Zweidrittel Frauen. In asiatischen Ländern werden besonders oft Mädchen abgetrieben. In China ist durch die 1-Kind-Politik die Anzahl der Geburten von Mädchen drastisch gesunken. In Indien werden jährlich 5.000 Bräute verbrannt, damit die Männer noch einmal heiraten und noch eine Mitgift bekommen können. (Quellen: 30 days of Prayer for the voiceless, Youth with a Mission und Deborah Meroff, True Grit, Women taking on the world for God's sake; Jane Crane: Gender Map)
Diese Liste ist bedrückend, aber sie ist nur die Spitze des Eisberges. Frauen werden unterdrückt, geschlagen, ausgebeutet, verschleppt, verletzt, vertrieben und verlassen. Oder sie ­werden als Lustobjekte missbraucht, zu Barbie-Puppen stilisiert und in gestörtes Essverhalten getrieben. Gebrochene Flügel. Ohne Freiheit, ohne Freude, ohne Würde. Das kann uns Christen nicht kalt lassen.
Diese Statistik bricht Gott das Herz! Er ist auf der Seite der Frauen. Er hat sie doch erschaffen - als ebenbürtiges Gegenüber des Mannes und als Ebenbild für sich selbst. Was wir in diesen Fakten weltweit sehen, ist die Folge der zerstörten Beziehung zwischen Mensch und Gott, ­zwischen Mann und Frau. Mann und Frau können nicht mehr in der Harmonie der guten Schöpfung Gottes miteinander leben. Herrschaft und Unterdrückung, Gewalt und Terror halten Einzug, wo Gottes gute Lebensordnung auf­gelöst wird.

Gestutzte Flügel

Doch nicht nur in der "bösen Welt da draußen" wird Frauen Unrecht getan. Auch in Kirchen und Gemeinden leiden Frauen. Frauen ­dürfen in manchen Gemeinden nicht predigen, dürfen nicht leiten, ja sie dürfen nicht einmal laut beten. Das alles wird biblisch begründet. In manchen Kreisen wird sogar Gewalt gegen Frauen in der Ehe verharmlost. So habe ich selbst bei einem Vortrag einer bekannten christlichen Autorin gehört, dass eine Frau, deren Mann sie schlägt, dankbar sein soll. Es sei nicht der Mann, der sie schlägt, sondern Christus in dem Mann. Denn der Mann ist ja das Haupt und setzt nur das um, was Gott ihm als Auftrag gibt: über seine Frau zu herrschen.
Was ist hier schief gelaufen? Warum haben Frauen geistliche Gaben von Gott bekommen, die sie nicht einsetzen dürfen? Wie kann man die Wertschätzung, die Jesus und Paulus Frauen zukommen lassen, übersehen? Warum beauftragt Jesus nach seiner Auferstehung Frauen damit, seine Auferstehung zu verkün­digen, wenn sie heute nur noch in der Frauenstunde und im Kindergottesdienst aktiv sein dürfen?

Mut zum Fliegen

Hier gibt es viel zu tun, auch von Seiten der Lausanner Bewegung. Die feministische Theologie hilft hier nicht, denn sie wendet sich in letzter Konsequenz oft gegen Männer. Es muss eine neue, biblisch ­begründete und Frauen befreiende Theologie her, die aufzeigt, was Erlösung für Männer und Frauen be­deutet und auch für ihr Miteinander in Gemeinde und Familie. In meinem Buch: "Frauen verändern diese Welt" (Brunnen Vlg.) habe ich versucht, die Grund­linien der Bibel aufzuzeigen: Wie hat Gott sich das gedacht mit Mann und Frau. Ich bin mit gutem Grund und nach intensivem Studium der Überzeugung, dass Männer und Frauen als Gottes Ebenbild geschaffen wurden, ohne Rangordnung, Hierarchie, Unterschied in Begabung und Berufung. Deshalb möchte ich mit WINGS Frauen Mut machen, sich von Gott heilen zu lassen, mutige Schritte zu gehen, die Flügel auszu­breiten und frei wie ein Vogel im Wind zu segeln und die Welt zu entdecken. "Der Vogel hat ein Nest ­gefunden. Deine Altäre, Herr Zebaoth!"

Von

  • Elke Werner

    gründet mit ihrem Mann, Roland, den das Christus-Treff in Marburg. Von 2005-07 war sie stellvertretende Direktorin (Westeuropa) des internationalen Lausanner Komitees für Weltevangelisation. Seit 2006 ist sie Senior Associate for Women in der internationalen Lausanner Bewegung.

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