Empfangend und schöpferisch

Über die Bedeutung des Weiblichen im Wesen des Menschen

von Christl Vonholdt

Was ist Weiblichkeit?

Was ist das "Typische" der Frau? Was ist das Weibliche im Menschen?

Zunächst: Weiblichkeit und Männlichkeit entziehen sich einer einfachen Definition. Weiblichkeit ist kein Objekt, das man vor sich stellen könnte, sezieren und analytisch auseinandernehmen, um zum Schluss zu sagen: Das ist es. Sezieren und Auseinandernehmen kann man nur das Tote. Weiblichkeit und Männlichkeit gehören zur Lebendigkeit des Menschen, letztlich erschließen sie sich nur in der Begegnung. Und: Weiblich und männlich können nicht alleine, isoliert, existieren. Sie sind nur in der Beziehung miteinander zu begreifen. Sie sind nur relative Pole im Miteinander, keine Absoluten. Weibliches und Männliches gibt es in beiden, in Frau und Mann. In der Schöpfungsgeschichte in Genesis 2 heißt es ausdrücklich, dass Mann und Frau aus demselben "Stoff" gemacht sind. Weibliches und Männliches sind so eng miteinander verbunden, dass sich das eine nur durch das andere bzw. nur im Vergleich mit dem anderen erklären lässt. Stellen wir uns ein eng umschlungen tanzendes Paar vor: Die Bewegung ist nur eine, auch wenn sie aus zwei Teilen besteht. So ist der "Tanz" zwischen Weiblichem und Männlichem; und er muss zweifach getanzt werden: zwischen Frau und Mann und in jeder Frau und jedem Mann. Die Frau muss ihre männliche Seite integrieren, wenn sie ganz Frau sein will; ebenso muss der Mann seine weibliche Seite annehmen, wenn er ganz Mann sein will. Der Einzelne und die Gesellschaft wird krank, wo Weibliches und Männliches - zwischen Frau und Mann und in jedem einzelnen Menschen - auseinanderfallen, sich trennen.

Die leibliche Verschiedenheit von Frau und Mann

Wenn nun Weibliches und Männliches in beiden, Frau und Mann, vorkommen (wenn auch nicht zu gleichen Teilen), erhebt sich die Frage: Woher wollen wir wissen, was das Weibliche ist? Am klarsten wird das, wenn wir bei der sichtbaren Leiblichkeit des Menschen (auch der miskroskopisch sichtbaren) beginnen, d.h. der biologischen Verschiedenheit von Mann und Frau. Diese ist unabhängig von kulturellen Veränderungen.

Die leibliche Verschiedenheit von Frau und Mann zeigt eine klare gestaltliche Trennung zwischen den Geschlechtern, im seelischen und geistigen Bereich sind die Überlappungen viel größer. Das Leibliche, und dafür gibt es zahlreiche Belege, ist nun nicht einfach etwas Isoliertes, das zufällig um einen abstrakt gedachten Personenkern herumgewickelt wäre, und das genauso gut auch anders sein könnte. Das Leibliche ist nicht ein zufälliges körperliches Anhängsel. Es umfasst nicht einfach beliebige Teile, die man auch auswechseln könnte, was heute zuweilen behauptet wird. Auf der Grundlage eines biblischen Denkens gehen wir von einem ganzheitlichen Menschenbild aus: Nichts existiert isoliert, alles hat sein "Darüberhinaus". Alles hat seine Entsprechung: Im Leiblichen, im Seelisch-Geistigen, ja im Transzendenten. Die leiblichen Unterschiede zwischen Frau und Mann spiegeln psychische, seins- und wesensmäßige Unterschiede wider. Noch heute gilt die Erkenntnis der Scholastik: "Die Seele ist die Form des Leibes."

Ausdruck des Leiblichen im Denken

Der Psychoanalytiker Erik Erickson führte ein Experiment mit zahlreichen, etwa 11jährigen Mädchen und Jungen durch.1 Er bat sie, mit Bauklötzen eine "spannende Szene" zu bauen und war verblüfft über die Ergebnisse:
Von wenigen Ausnahmen abgesehen, bauten alle Jungen immer wieder Szenen mit zahlreichen hochaufragenden Gebäuden, zwischen denen Autos flitzen (siehe Abb. 1). Die Mädchen dagegen bauten kreisförmige Szenen mit einem Tor, wobei das Tor sehr verschieden und nicht selten aufwendig ausgeschmückt war, zum Teil näherten sich wilde Tiere dem Tor. Im Kreis selbst saßen Menschen nebeneinander, die miteinander verbunden waren und nach innen in den Kreis schauten (siehe Abb. 2).

Offensichtlich waren die Jungen mit der Außenwelt und mit schnell sich bewegenden Objekten beschäftigt. Die Mädchen beschäftigten sich mit der Menschenwelt, mit Kommunikation, mit ruhiger Verbundenheit untereinander.
Erickson folgerte aus den Spielen, dass im Denken und Erleben der Jungen und Mädchen etwas verankert sein muss, das einen Bezug zur jeweiligen weiblichen oder männlichen Leiblichkeit herstellt. Morphologisch, d.h. von Gestalt und Form her, erinnern die Spielkonstruktionen der Jungen an den Penis und an die zahlreichen keilförmigen, schnellen Samenzellen. Bei den Mädchen erinnern sie an die runde, ruhende Eizelle, das Tor erinnert an die Vagina. Erickson war der Auffassung: Im Denken und Erleben spiegelt sich eine unbewusste Repräsentanz des eigenen Körpers wider, etwas davon, was es heißt, ein Mädchen oder ein Junge zu sein.
Neue Forschungen weisen in dieselbe Richtung. Die Ergebnisse sind zu "biologisch", als dass man sie einfach durch Sozialisation erklären könnte.

Das Weibliche ist ein Doppelprinzip

Das Charakteristische der Frau sind Vagina und Brüste; auf der mikroskopischen Ebene sind es die beiden gleichen X-Chromosomen und die Eizelle, die in einem festen zeitlichen Rhythmus heranreift.

Die Eizelle ist relativ groß, rund; sie verhält sich ruhig und ist dadurch zum Empfangen bereit. Sie ist bereit, sich zu öffnen und die männliche Samenzelle und DNS (Erbgut) aufzunehmen. Was sie dann aufnimmt, behält sie nicht einfach passiv. Vielmehr gibt sie aktiv aus der eigenen Mitte heraus die eigene DNS hinzu, damit diese mit der eingedrungenen DNS verschmelze. Das Ergebnis ist neues Leben.
 
Das weibliche Prinzip, können wir folgern, ist ein Doppelprinzip: Die Fähigkeit, sich zu öffnen, aufzunehmen und gleichzeitig durch Hinzugabe des eigenen Lebens eine neue Antwort zu geben. Diese "Antwort", in der das Aufgenommene und das Eigene verschmolzen sind, ist etwas völlig Neues. Im Biologischen ist es das Kind, das durch die Vereinigung der DNS von Vater und Mutter entsteht: Neues, nie vorher so dagewesenes Leben.

So steht Weiblichkeit für diese Doppelbewegung des passiven Empfangens und der schöpferischen Antwort aus der eigenen Mitte heraus. Das können wir auch auf das Weibliche im Mann übertragen: Das Weibliche ist die Fähigkeit der menschlichen Seele (männlich oder weiblich), sich zu öffnen und von Gott, von anderen Menschen, von der Natur zu empfangen, aufzunehmen, und in einem zweiten Schritt durch die Hinzugabe des eigenen Lebens eine nie vorher dagewesene schöpferische Antwort zu geben.

Im Vergleich zu den männlichen Samenzellen ist die weibliche Eizelle groß und rund. Sie hat Raum zum Aufnehmen. Sie kann warten, ist ruhig (anders als die flinken Samenzellen). Sie ist bereit, sich zu öffnen und verwunden zu lassen. Das Eindringen ist eine Verwundung.
Das gilt nun wiederum für die Frau allgemein - und für das Weibliche im Mann: Weiblichkeit ruht und lädt zum Ausruhen ein. Sie macht sich nicht undurchdringlich, sie versteckt sich nicht (sie kann auch abweisen), sie stellt sich zur Verfügung.2
Weiblichkeit (bei Frau und Mann) ist die notwendige Gabe, sich verwunden zu lassen, sich verletzlich zu zeigen. Das Geschenk des Weiblichen an andere ist es, ganz anwesend zu sein und zuhören zu können. Weiblichkeit bietet den Raum der Sicherheit, in dem andere sich öffnen können. Dadurch entstehen Vertrauen, Verbundenheit, Geborgenheit, Sicherheit - Grundvoraussetzungen für Beziehungen. Und nur durch Beziehungen können wir - Frau oder Mann - in unsere eigene volle Identität als Personen hineinwachsen. Das Weibliche ist also eine Grundvoraussetzung dafür, dass jeder Mensch in Beziehungen wachsen und dadurch in seine volle Identität hineinfinden kann.

Die Gabe und der Sündenfall

Das Weibliche ist auch zentral die Gabe, von Gott aufzunehmen, auf Ihn zu hören, von Ihm zu empfangen. Und das gilt wieder für jeden Menschen. In der Bibel wird die Menschheit oft mit weiblichen Metaphern, Ehefrau, Hure, Braut beschrieben. Der Dichter C.S. Lewis hat einmal gesagt: "Gott ist so männlich (d.h.: so initiierend), dass die ganze Menschheit ihm gegenüber weiblich ist." Gott gegenüber sind wir alle Empfangende, leben aus dem Hören auf Ihn und sind gefragt, Ihm mit unserem Leben eine Antwort zu geben.

Ausleger der biblischen Geschichte vom Sündenfall sagen deshalb, das sei der Grund, warum die Schlange gerade die Frau angreift (der Mann steht passiv daneben, er bekommt aber alles mit). Satan greift die Frau an, weil sie in besonderer Weise für die Gabe steht, von Gott empfangen zu können. Satan weiß, wenn er die Gabe des Weiblichen zerstören kann, hat er das Kostbarste im Menschen - in der Frau wie im Mann - zerstört: Die Fähigkeit, sich für Gott zu öffnen, von Ihm zu empfangen und Ihm mit unserem Leben zu antworten. Alles, was wir sind, müssen und dürfen wir von Ihm empfangen: Leben, Weisung, Identität, Liebe, Glück, alles. Verschlossenheit gegenüber Gott ist der Tod. Satan hat gezielt das Empfindlichste und Zarteste im Menschen, Frau wie Mann, angegriffen: Die Gabe, still auf Gott zu hören und Ihm zu antworten. Mit seinem Angriff auf die Frau hat er die ganze Menschheit mitten ins Herz getroffen.

Leben geben und freigeben

Am Anfang der Bibel nennt der Mann die Frau Eva, "Lebensspenderin". Gegenüber dem Mann besitzt sie die besondere Gabe, aufzunehmen, schwanger zu sein, neues Leben hervorzubringen, Säuglinge und Kleinkinder zu stillen und sie dann aus der Bindung zu entlassen (Abnabelung).

Auch im seelisch-geistigen Bereich steht das Weibliche dafür, Leben aufzunehmen und zu tragen, Leben zu nähren, so dass es wachsen kann und es dann loszulassen. Es braucht eine große Seins-Stärke (denken wir an die große ruhende Eizelle), um sich immer wieder den Vielschichtigkeiten anderer Menschenseelen zu öffnen, sie aufzunehmen und damit auch Verwundung in Kauf zu nehmen, Menschen in all ihren Schwierigkeiten beständig zu tragen, Nähe dauerhaft zu leben und gleichzeitig bereit zu sein, immer wieder loszulassen, selbst wieder leer zu werden. Auch ein Vater muss - auf seine Weise - seine Kinder unbedingt durch Zuwendung, Wertschätzung und Bestätigung ihrer Identität "ernähren".

Sein und Akt

Fordert man Mädchen und Jungen auf, z. B. einen Ball zu beschreiben, geben die Mädchen oft zur Antwort: Er ist rund, bunt, aus Gummi, mit Luft gefüllt usw. Sie beschreiben den Ball, wie er ist. Die Jungen dagegen meinen: Er rollt, hüpft, mit ihm kann man Fußball spielen und Fenster einwerfen. Sie beschreiben, was der Ball tut. Hier zeigen sich zwei Denkweisen: seinsverhaftetes Denken und aktionsorientiertes, prozesshaftes Denken.3

Wenn wir Eizelle und Samenzellen miteinander vergleichen, können wir übertragend sagen: Weiblichkeit ist ruhiges Sein, auch Da-Sein, Mit-Sein, So-Sein. Männlichkeit ist Aktion, stoßweise Bewegung, Akt.

Die weibliche Eizelle reift im Normalfall in einem festen vierwöchentlichen Rhythmus heran, fruchtbare und unfruchtbare Zeiten wechseln einander rhythmisch ab, die Schwangerschaft dauert neun Monate, man kann sie nicht beschleunigen. Schwanger-Sein ist eben ein Sein. Zum Weiblichen gehört somit auch das Wartenkönnen, das Wachsen- und Reifenlassen.  

Im Vergleich zur Eizelle haben die männlichen Samenzellen eine Torpedoform; sie sind viel kleiner und zahlreicher als die Eizellen, außerordentlich beweglich und schnell. Auf dem Weg zur Eizelle rennen sie in Konkurrenz miteinander. Diejenige Samenzelle, die sich am besten durchsetzen kann, gewinnt; sie dringt in die Eizelle ein. Kennzeichen des männlichen Prinzips sind also (bei Mann und Frau): Bewegung, Schnelligkeit, Leistung, Konkurrenz, Durchdringungs- und Durchsetzungsvermögen.

Die männliche Entwicklung ist immer wieder von zielgerichteter Bewegung geprägt. Bis zur 7. Schwangerschaftswoche haben weibliche und männliche Embryonen denselben Entwicklungsweg. Dann kommt es beim Jungen zu einer zusätzlichen "Bewegung", die weg von der allgemeinen (weiblichen) Entwicklung führt: Es kommt zum Einschießen der männlichen Hormone. Fehlt dieses "Extra", geht die Entwicklung einfach weiblich weiter. Auch in der nachgeburtlichen Entwicklung gibt es beim Jungen diese zusätzliche Bewegung. Er muss sich aktiv von der Mutter weg und auf den Vater zu bewegen, um seine geschlechtliche Identität zu finden. Die "typischen" Verben in der männlichen Entwicklung sind: sich bewegen, initiieren, ein Ziel anstreben.

Der vorgeburtliche Weg des Mädchens dagegen geht sozusagen unauffällig in derselben Richtung weiter. Das "Extra" fehlt. Die weiblichen Hormone spielen vorgeburtlich noch keine Rolle. Auch nachgeburtlich ist die Entwicklung des Mädchens durch "Gleichbleibendes" charakterisiert, durch die Verben ruhen, bleiben, verbunden sein. "Frauen bleiben, bauen auf und entwickeln sich in einer Umgebung, die von Verbindung zu anderen Menschen gekennzeichnet ist. In der Tat entsteht das Gefühl einer Frau für ihr eigenes Selbst in hohem Maß durch die Fähigkeit, Beziehungen aufzubauen und diese aufrechtzuerhalten."4

Was die geschlechtliche Identitätsfindung des kleinen Mädchens angeht: Es "bleibt" in der Verbindung zur Mutter. Der Vater muss aktiv (Bewegung) auf das Mädchen zukommen, ihm Wertschätzung, Zuwendung und Bestätigung seiner weiblichen Identität entgegenbringen. Das Mädchen "empfängt" sie.

Das Weibliche als das Gleichmäßigere

Studentinnen lernen oft gleichmäßig während des gesamten Semesters. Studenten bewältigen die Prüfungen eher durch stoßweises Arbeiten und finale Spannungsphasen.

Hartnäckig hält sich die Auffassung, dass Jungen in der Entwicklung mehr Aufmerksamkeit als Mädchen erhalten. Möglicherweise liegt das daran, dass Jungen häufiger durch motorische Unruhe und die Unfähigkeit, störendes, auffallendes Verhalten zu unterlassen, hervorstechen. Mädchen sind in ihrem Verhalten "unauffälliger". Wie wir es schon bei der vorgeburtlichen Entwicklung gesehen haben, gilt auch hier: Das Weibliche ist das Unspektakuläre gegenüber dem Männlichen.

In unserer Gesellschaft zählen Aktion, Leistung, Immer-schneller, Immer-besser, Bewegung. Vielleicht ist das einer der Gründe dafür, dass heute zwar viel über die Frau geredet wird: Darüber, wie es ihr noch besser gelingen kann, traditionell "männliche" Domänen in der Berufswelt zu erobern. Das Weibliche aber, das Beständige, das "Unauffällige", das, was Leben erst ermöglicht, das unabhängig von Leistung ist, das Raum für andere schafft, trägt, ernährt und wachsen lässt, wird weiterhin schnell übersehen und gering geachtet.

Das Weibliche ist unspektakulärer, das Männliche, das vom "Extra" der "Bewegung" lebt, dafür notwendigerweise störanfälliger.

Das Weibliche ist das Grundlegende, das Männliche kann sich erst auf dieser Grundlage (nicht ohne sie) durch größere "Bewegung" vom Weiblichen abheben.

Auch das folgende Beispiel aus der neuen Forschung zeigt dies: Für zweijährige Mädchen und Jungen ist die Mutter die primäre Sicherheitsquelle. In einer experimentellen Spielsituation befinden sich Mutter und Kinder in einem großen, langgezogenen Korridor, in dem eine "Explorationslandschaft" zu unbekannten, spannenden aktionsorientierten Spielen einlädt. Die Mutter bleibt ganz am Anfang des Korridors. Solange sie dort anwesend ist, bewegen sich die Jungen räumlich weiter weg von ihr und sind mehr in die Spielobjekte vertieft. Die Mädchen dagegen interagieren in den Spielen mehr mit der Mutter, sind mehr am persönlichen Kontakt mit ihr interessiert und suchen zwischendurch immer wieder den Blickkontakt mit ihr. Verschwindet die Mutter aber aus dem Raum, zeigen sich die Mädchen deutlich gelassener, spielen z.T. weiter; die Jungen fangen überdurchschnittlich häufig an zu weinen und können nicht mehr spielen. Man hat das so interpretiert: Solange die Grundlage der Sicherheit (Mutter) da ist, haben die Jungen ein größeres Erkundungsbedürfnis, einen größeren Drang, Neues, Erregendes auszuprobieren. Fällt aber die Sicherheitsbasis weg (die Mutter geht aus dem Raum), haben die Mädchen ein größeres Sicherheitsreservoir in sich selbst gespeichert und brechen seltener emotional zusammen als die Jungen.5

Wissen aus Verbundenheit

Mädchen und Jungen haben unterschiedliche Denkweisen. In der neuen Forschung wird weibliches Denken meist mit den Begriffen sprachliches oder einfühlsames oder auch "statisches" (seins-mäßiges) oder "pro-soziales" Denken belegt. Männliches Denken ist systematisches, analytisches, räumliches und prozesshaftes Denken. Es soll hier nicht darum gehen, in welcher Weise diese beiden Denkformen auf Frauen und Männer verteilt sind, das ist ein komplexes Thema. In einigen Bereichen ist der Unterschied jedoch deutlich; z. B. ist das raumgebundene Denken nach wie vor eine eindeutige Domäne der Männer.

Der jüdisch-christliche Denker Karl Stern6 nannte weibliches Denken (bei Frau und Mann) "poetisches Denken" - ein Wissen, das etwas in seiner Ganzheit und Einmaligkeit erfasst. Ein anderer Begriff von ihm dafür ist "Wissen aus Verbundenheit". Männliches Denken nannte er "wissenschaftlich-analytisches Denken"; es führt ein Ganzes auf bereits bekannte Teile zurück.

Wir haben schon gesehen, dass zur Weiblichkeit das Verbundensein dazugehört. Das hängt wesentlich mit dem Muttersein bzw. der frühen Mutter-Kind Beziehung zusammen. Es gibt keine intimere Verbindung als die zwischen Mutter und Kind, vorgeburtlich und dann noch lange Zeit nach der Geburt. Was der Säugling in dieser Zeit an innerem "Wissen" sammelt, geht allem bewussten, rationalen Wissenserwerb voraus. Und doch prägt es sein Leben stärker als alles spätere Wissen. Stern nennt dieses frühe Wissen, "Wissen aus Verbundenheit", weil es seinen Ursprung nicht in einem autonomen Bewusstsein, nicht in der Subjekt-Objekt-Trennung hat, sondern umgekehrt: Es kommt aus einer Erfahrung zu einer Zeit, in der der Säugling alles Wissen mit seinem ganzen Leib aufnimmt (ganzheitlich) und dieser Leib in seinen Empfindungen noch ohne klare Grenze zur Mutter hinüberreicht. Das grundlegende Wissen um Ur-Vertrauen und Ur-Misstrauen ist solches "Wissen aus Verbundenheit". Es ist gleichzeitig Liebes-Wissen, weil es aus der ersten (geglückten oder missglückten) Liebesbeziehung jedes Menschen kommt, der Mutter-Kind-Beziehung. Diese erste Beziehung ist immer auch Matrize für alle spätere Liebesgeschichte. Auf dieses Wissen trifft zu, was Blaise Pascal einmal sagte: "Das Herz hat Gründe, die der Verstand nicht kennt."

Zum Weiblichen gehört die Gabe der schöpferischen Antwort. Sie kommt - wie das weibliche Wissen auch - nicht zuerst aus der rationalen Überlegung, der Subjekt-Objekt-Trennung, sondern aus dem Verbundensein mit anderen und aus der Mitte des eigenen Seins. Es ist die ganzheitliche Antwort, die andere ernährt. Wir brauchen sie heute mehr denn je.

Ausblick

Wir haben versucht zu deuten, was das Weibliche im Menschen ist. Es ist aber nochmals zu betonen: Weibliches und Männliches, Frau und Mann müssen in einer Balance zueinander stehen, sonst wird alles schief. Und das andere: Alles hat seine Entsprechung, sein "Darüberhinaus". Weiblichkeit und Männlichkeit sind Teil einer fundamentalen Dualität allen Seins und spiegeln eine im Absoluten gegründete Wirklichkeit wider. "Der Himmel spiegelt sich in der Erde."7 Und umgekehrt - das Geschöpfliche weist über sich hinaus auf den Schöpfer hin.

In der geistlichen Dimension steht das Weibliche für die antwortende Liebe.  

 Anmerkungen

 1     Erickson, E., Kindheit und Gesellschaft, Stuttgart 1968, S. 96 f.

 2     Zum spannenden Weiterlesen: Eldredge, S. u. J., Weißt du nicht, wie schön du bist?, Gießen 2006.

 3     Beispiel aus: Bischof-Köhler, D., Von Natur aus anders, Stuttgart 2006, S. 213.

 4     Miller, J.B., Toward a New Psychology of Women, Boston 1976, S. 83. (dt: Die Stärke weiblicher Schwäche, Frankfurt 1979) Zitat aus dem Englischen übersetzt.

5     Bischof-Köhler, D., a.a.O., S. 262 f.

6     Stern, K., The Flight from Woman, New York 1985.

7     Illich, I., In den Flüssen nördlich der Zukunft, München 2006, S. 158.

Von

  • Christl Ruth Vonholdt

    Dr. med., Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin, Leiterin des Deutschen Instituts für Jugend und Gesellschaft. Arbeitsschwerpunkte: Identität, Identitätsentwicklung, Bindungstheorien, Sexualität, Auseinandersetzung mit den Gender-Theorien und christliche Anthropologie.

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