Auftrieb oder Abgesang?

Arm, keusch und gehorsam - wie attraktiv sind die Evangelischen Räte heute?

von Wolfgang Kubik

Die "Evangelischen Räte" Armut, Keuschheit und Gehorsam sind aus dem Evangelium abgeleitete Ratschläge für ein gemeinschaftliches Leben in entschiedener Christus-Nachfolge, wie sie in der klösterlichen Tradition der alten Kirche entstanden sind und seither als Fundament jeder monastisch-kommunitären Lebensordnung gelten. Den hier in Auszügen gedruckten herausfordernden Vortrag "Mit den Evangelischen Räten heute leben" hielt Dr. Wolfgang Kubik in Ottmaring beim "3. Treffen Geistlicher Gemeinschaften in der EKD (TGG)" im November 2005.

Zwei Nachfolgedimensionen

Christusnachfolge entwickelte sich nach der Auferweckung Christi in zwei Dimensionen. Sie ging sowohl in die Breite als auch in die Tiefe. Sie ging auf die Mehrheit zu und in die Minderheit hinein, zur Kompromissfähigkeit und zur Radikalität, als umfassende Weltkirche und als Gruppe derer, "die mit Ernst Christen wollen sein", wie Martin Luther es später nannte. Nachfolge bedeutet sowohl weithin sichtbare "Stadt auf dem Berge" bzw. "Licht der Welt" als auch Salz der Erde, das seine Breitenwirkung im Verborgenen hat. Das Licht der Welt kann nicht intensiv genug sein, eine Überdosierung von Salz aber macht die Suppe ungenießbar. Jesus hat beide Bilder mit Bedacht vor Augen gemalt. Obgleich sein eigener Weg in die radikale Intensität führte, hat er den anderen nicht verachtet! Beide Dimensionen von Nachfolge haben ihre eigene Würde. Aber jeder Christ muss sich Rechenschaft geben, in welche Richtung er sich in die Nachfolge gerufen weiß.
Wir gehen nicht hinter die zentrale evangelische Erkenntnis zurück, dass jeder Christ und nicht nur der besonders Disponierte zur Christusnachfolge gerufen ist. Aber die Formen der Nachfolge sind gabengemäß vielfältig.

Der Weg in die Krise

Heute ist die flächendeckende Form des Christentums in eine Krise gekommen. Es bröckelt überall. Die Volkskirche leidet an Selbstbanalisierung, wie Bischof Huber sagte. Doch etwas ist merkwürdig: Dies könnte doch gerade bei
denen, die mit Ernst Christen sein wollen, zu einer verstärkten Hinwendung zu intensiven, ja radikalen Lebensformen führen. So geschah es nach der konstantinischen Wende, nach der Pest am Ende des Mittelalters und in der Krise der Konfessionsspaltung! Dies könnten wir also auch heute in der Krise unserer Kirche nach allen Erfahrungen der Geschichte erwarten.
Aber nicht nur die Volkskirche ist in einer Krise. Auch intensive Gemeinschaften, die nach den drei Evangelischen Räten leben, durchgehen Krisenzeiten. Viele Gemeinschaften klagen über Nachwuchsmangel, Überalterung und Austrittsstimmung.

Diese Stimmungs-Verschlechterung müssen wir zu begreifen suchen. Es wundert nicht, dass die säkularisierte
Gesellschaft den Evangelischen Räten verständnislos gegenübersteht; sie sind kein Thema, über das man sich unterhält. Aber selbst Kirchengliedern ist der Sinn der Räte in bisher unbekanntem Maß fremd geworden. Wer sieht darin noch eigene Fragen angerührt? Über viele Jahrhunderte war der Lebensentwurf von Mönchen und Nonnen kulturell hochgradig anerkannt. Keineswegs wollte jeder so leben wie sie, aber alle wussten, was mit alldem gemeint war.
Und nicht nur das. Meist waren kommunitäre Bewegungen an der Spitze gesellschaftlicher Umbrüche zu finden. Sie prägten die sie umgebende Kultur mit Innovationen.

Heute sind evangelische und katholische Kommunitäten nicht mehr Vorreiter für neue Wege aus gesellschaftlichen und kirchlichen Krisen. Sie sind nicht nur nicht an der Spitze neuer Lebenskonzepte zu finden; oft gelingt es ihnen nicht einmal, ihre eigenen alten Lebensmodelle verständlich zu übersetzen. Das betrifft nun vor allem die Evangelischen Räte. So hart es klingen mag; die Ursachen für den "kommunitären Herbst" sind bei den Kommunitäten selbst zu suchen. Was hat sich da verändert?1

Schieflage in der Kultur

Im Bewusstsein der Gesellschaft ist das Bild eines monastisch-kommunitär lebenden Menschen meist von "früher" geprägt, von bereits veralteten historischen Formen: Ein monastisch Lebender lebt mit unverständlichen alten Bräuchen, Begriffen und mit vorwiegend alten Menschen. Er ordnet sich in unveränderbare vorgegebene Strukturen ein. Er verzichtet auf Privatleben und lebt unauffällig in einem abgeschirmten Bereich. Er fügt sich einer vorgegebenen Autorität und fragt nicht mehr, warum und wozu? Er verzichtet auf Luxus, der das Leben abwechslungsreich machen könnte. Er verzichtet auf die Freiheit, jederzeit irgendwelche Beziehungen einzugehen oder abzubrechen und niemandem darüber Rechenschaft zu schulden.

Der moderne Mensch dagegen - einerlei, ob Christ oder nicht - hat ein absolut ruhiges Gewissen, er hält Trendbewusstsein und Flexibilität für erstrebenswert und vermeidet es, sich unbefristet auf etwas festzulegen. Er sucht nach einiger Zeit seinen Arbeitsplatz zu verbessern, seine Wohnung und seine Beziehungen zu renovieren und vermeidet es, irgendwo allzu lange hängen zu bleiben. Er legt Wert darauf, seinen Marktwert ab und zu zu steigern. Deshalb sind Selbstdarstellung und Selbstinszenierung für ihn selbstverständliche, notwendige Übungen. Er hält sich für entscheidungsfreudig. Er hat ein entwickeltes Freizeitbewusstsein: Konsum, exotische Urlaubsziele, Wettlauf nach Neuem und neuen Beziehungen - das alles ist für ihn ein Muss. Vor allem sucht er die Geselligkeit in der eigenen Altersstufe.

Auf diese kulturelle Schieflage ist es wohl zurückzuführen, dass auf katholischer und auf evangelischer Seite seit kurzem der kommunitäre Nachwuchs versiegt. Jetzt sind die Gemeinschaften gefragt, in ihren Verbindlichkeiten die Herausforderungen der Zeit anzugehen. Speziell bei den Evangelischen Räten ist es zu prüfen, ob sie noch leisten, was sie einst leisteten, - mögen sie noch so klassisch sein!

Kommunitäten am Scheideweg

Die Kommunitätsbewegung hat nur eine Alternative: Wenn sie nicht das alte Leitbild des monastischen Lebens aus der Zeit vor der modernen Risikogesellschaft wiederbeleben will, muss sie sich an die Spitze der Risikogesellschaft stellen und in den Krisen der Gesellschaft und der Kirche heute ihre Herausforderungen erkennen. Will sie das, muss in ihr das Nachfolge-Charisma selbstbewusster strahlen und darf sich nicht in Belanglosigkeiten und Pedanterien verzetteln, wie die amerikanische Benediktinerin Joan Chittister kritisch anmerkt: "Wieviel Geld durfte ein Ordensmitglied angesichts der versprochenen Armut in einer Summe bei sich tragen? ... Gehörte die Befolgung der Klosterbräuche zum Wesen des religiösen Gehorsams oder nicht? Waren farbige Bettdecken im Schlafzimmer einer Ordensschwester tragbar? ... Durfte sich ein Ordensmitglied ohne die ausdrückliche Erlaubnis seines Oberen Zahnpasta besorgen?"2 Es sei sicher wichtig, den Ursprüngen treu zu bleiben. Aber wenn Kommunitäten neue Herausforderungen ignorieren oder wenn sie alle Energie nur darauf verwenden, alte Schemata zu rechtfertigen, werden sie ihren eigenen Prinzipien erst recht untreu.3

Was sind diese dringenden Herausforderungen, auf die wir Antworten suchen und geben müssen? Der französische Philosoph André Glucksmann betonte in einem SPIEGEL-Interview (39/2005, S. 217): "Die Modernisierung, genauer die - brutale -Verwestlichung des Planeten hat drei Viertel der Menschheit aus dem Gleichgewicht geworfen. Alte, ewig scheinende Traditionen sind zerbrochen, Regeln, Normen, Institutionen und Anhaltspunkte verloren gegangen... Dieser radikale Bruch mit dem vergangenen Gültigen, diese Vorstellung, dass nunmehr alles erlaubt sei, hat den modernen Nihilismus hervorgebracht. ... Das ist mehr als das Gesetz des Stärkeren, es ist das Gesetz der Begierde: nach Macht, Reichtum, Frauen."

Oft wird darauf hingewiesen, dass sich die drei Räte auf diese drei fundamentalen Begierden beziehen. Das trifft auch zu, aber es wäre zu wenig, in diesen Begierden nur das willkommene Apropos der drei Evangelischen Räte zu sehen. Vielmehr sind die Kommunitäten gefragt, den Kampf mit diesen Begierden durch neue, zeitgemäße Formen der Verbindlichkeit aufzunehmen.

Das zieht folgende Fragen nach sich:

  • Welche Schlussfolgerung ziehen Kommunitäten aus der Erkenntnis, dass die Verelendung des Welt-Südens durch die Globalisierung kein göttliches Naturgesetz ist, wie uns weisgemacht wird, sondern menschliche Schuld?

  • Haben Kommunitäten ein Bild davon, was Arbeitslose und Pensionäre mit dem Übermaß an freier Zeit anfangen sollen; Zeit, die der Psalmist in Gottes Händen stehen sieht?

  • Der Graben zwischen Überforderung und Unterforderung wird in unserer Gesellschaft immer größer; was kann die Lebensform einer Kommunität zur Überwindung dieses Grabens tun?

  • Welche Botschaft haben Kommunitäten, wenn die Sinn-Ressourcen der altgewordenen Kultur versiegen und wenn der materielle Überfluss die Angst schürt, selber überflüssig zu sein?

  • Wie sprechen Kommunitäten mit jungen Zeitgenossen über die ideologischen Ursachen der Kinderlosigkeit und der Überalterung des nichtmuslimischen Teils unserer Gesellschaft?

Verbindlichkeit als Antwort

Im Folgenden versuche ich zu zeigen, wie neue Herausforderungen nach neuen Verbindlichkeiten rufen. Die Versprechen sind als Diskussionsvorschläge gedacht:

Die Herausforderung der Beliebigkeit und die Antwort der entschiedenen Hingabe

Postmodernes Leben leidet daran, dass ihm mehr Möglichkeiten geboten werden, als es verwirklichen kann. Das Wichtigste zu versäumen, ist das quälende Lebensgefühl geworden. Es gibt 26jährige, die bereits 12 Kommunitäten ausprobiert haben. Sie fürchten falsche Entscheidungen, aber ich vermute, vor allem fürchten sie, Entscheidungen an sich seien falsch! Doch nicht nur die Jungen suchen; oft sind es Menschen am Beginn der zweiten Lebenshälfte, die einen Neubeginn in einer Kommunität erwägen. Wer die endgültige Entscheidung wagt, macht die überraschende Erfahrung, dass der Zeitenlauf wieder ruhiger wird. Endgültige Entscheidungen bringen Zeitgewinn.

Der Mensch ist heute mehr denn je in der Notwendigkeit zu wählen. Da die Mehrheitskirche immer noch in hohem Maße auf nicht hinterfragtem Brauchtum ruht, braucht sie Gemeinschaften, die zum Fragen und Wählen anregen. Nur so wird es dem Einzelnen möglich, sich für Gott zu entscheiden. Im Gespräch mit einem Suchenden wird es darauf ankommen, ihm aufzuzeigen, dass ihm eines fehlt: das Überwinden der Beliebigkeit. Gewisse Dinge können nicht im Möglichen steckenbleiben. Die nachhaltigsten Erfahrungen mit sich macht der, der an einer Stelle seines Lebens mit Gott aufs Ganze geht. Alles wagen - wie der Fallschirmspringer, der tatsächlich springt.

Deshalb ist die Antwort einer Kommunität auf die oft end- und ergebnislosen Suchbewegungen von Menschen in der Jesus-Nachfolge die Einladung zu endgültigen Entscheidungen. Durch die Entscheidung wird kommunitäres Leben aus dem Bereich der Möglichkeiten herausgelöst und als innere Notwendigkeit erkannt. Joan Chittister schreibt: "Religiöser Gehorsam, der Entscheidungen scheut, ist für die Welt völlig unerheblich; er ist kein Gehorsam. Er ist in einer Welt, die rebellische Heilige braucht, bestenfalls eine Übung in Kindischkeit"4.

Entscheidung, interpretiert als Versprechen, ersetzt das alte Gehorsamsversprechen. In der spirituellen Literatur wird ‚Gehorsam’ inzwischen mehr oder weniger ausdrücklich uminterpretiert: zu Mündigkeit, zum verantwortlichem Mitentscheiden oder zur Stärkung der Eigenverantwortung. Das, was mit Gehorsam letztendlich gemeint ist, gebührt ja Gott allein. Aller menschlicher Gehorsam steht unter diesem Vorbehalt.

Die Verbindlichkeit einer modernen Kommunität ist eine tägliche Einübung in einsichtige Begründungen, in Kompromissbereitschaft, in Entscheidungsfreude, in Zuhören sowie in die Bereitschaft, zwischen Ermessensfragen und Wahrheitsfragen unterscheiden zu lernen. Sie ist ein Bündnis von Verantwortlichen, die Gott mehr gehorchen wollen als Menschen und die einander darin bestärken. Sie ist eineEinübung in den Ungehorsam gegenüber Menschen, Mächten und Gewalten.

Ein Versprechen, das die Besonderheit einer solchen Kommunität zum Ausdruck bringt, könnte lauten:

Ich verspreche, mich ganz auf diese Kommunität und ihre Ordnung einzulassen und in ihr Christus allein nachzufolgen.

Die Herausforderung der maßlosen Begierde nach Macht und Reichtum und die geistliche Verpflichtung zu einfacher Konzentration

Die Schichten der Gesellschaft driften auseinander in maßlos Reiche und maßlos Arme. Während in Nobelboutiquen unserer Großstädte Kinderpuppen mit echtem Mädchenhaar für 17.000 € Absatz finden, stöbern immer mehr Absteiger in Mülleimern nach Essbarem und nach Pfandflaschen. Unsere Kultur entfernt sich zunehmend vom Beter des AT, der Gott bittet, ihn von Armut und von Reichtum zu verschonen, denn "ich könnte sonst, wenn ich zu satt würde, verleugnen und sagen: Wer ist Jahwe? Oder wenn ich zu arm würde, könnte ich stehlen und mich an dem Namen meines Gottesvergreifen." (Sprüche 30,8 f.)

Wie wäre es, wenn Kommunitäten in ihrem Inneren dem gerechtfertigten Verlangen der jungen Generation nach Fülle und nach Gerechtigkeit Raum gäben? Wenn sie junge Menschen nicht nur zur Linderung der Armut, sondern auch zur Bekämpfung maßlosen Reichtums in ihre Mitte holten? Werden wir im Innenraum der Gemeinschaft zu einem solchen Eintreten angefeuert, oder verzetteln wir uns zunehmend in Pedanterien?

Wenn der kommunitäre Innenraum vom Geist des Gebets in Sprüche 30,8 durchdrungen ist, wird dort auch die seelsorgerliche Arbeit und das Noviziat vom Ringen ums rechte Maß bestimmt: Maßlos darf nämlich nur die Nachfolge als Liebe zu Gott sein, aber Reichtum und Armut müssen ihr Maß bekommen. Dann werden Gäste und Novizen die Erfahrungen machen, dass auch der Kampf gegen die eigene maßlose Oberflächlichkeit und Verzettelung erfrischend ist und dass das Ordensleben mit maßvoller Askese zu intensivem Leben für Gott befreit. Gästen und Novizen wird dann bewusst, welche Zeitvergeudung die Gier nach Macht, Reichtum und nach maßlosem Informationskonsum bedeutet. Sie werden sich danach sehnen, das Überangebot von oberflächlichen Gelegenheiten zu reduzieren. Das war wohl auch einst mit dem Armutsversprechen gemeint.

Der alte Begriff der Armut kann in einer entsolidarisierten Gesellschaft wie der unsrigen schnell zynisch wirken.

Daher sollten sich Kommunitäten um eine neue Sprache und um neue Bilder bemühen. Das neue Versprechen anstelle des Armutsgelübdes könnte lauten:

Ich verspreche, in Gemeinschaft ein konzentriertes und einfaches Leben für Gott zu führen.

Die Herausforderung des Individualismus und die Nachfolge als Selbstverpflichtung zur Gemeinschaft

Die Werbung führt uns tagtäglich die Ergebnisse einer vor 50 Jahren noch undenkbaren Enttabuisierung vor Augen. Das öffentliche Leben ist sexualisiert. Die Emanzipation versprach ungetrübte Freiheit und Beglückung. Die Wirklichkeit sieht jedoch anders aus: Ehen scheitern, Einsamkeit, Schuldgefühle und Vorwürfe grassieren. Lebensgeschichtlich wächst mitten im Jugendlichkeitskult die Angst vor dem Altern - bei Frauen als Angst, die Attraktivität zu verlieren, bei Männern als Angst vor Potenzverlust.

Der Zölibat war einst für junge Menschen zweifellos eine wichtige Antwort auf damalige Herausforderungen und eine Möglichkeit zur Emanzipation. Heute ist die emanzipatorische Selbstentfaltung zivilgesellschaftlich mehr oder weniger verbürgt. Die kulturellen Herausforderungen sehen anders aus. Welche Lebensform bietet zum Beispiel eine Alternative zur alles zersetzenden Vereinsamung und seelischen Verkümmerung in unseren Großstädten? Was meinen junge Menschen, wenn sie sagen: Ich suche Gott - aber nicht im Getto des Zölibats!

Es geht also darum, die Botschaft des klassischen "Keuschheitsgelübdes" in die heutige kulturelle Muttersprache zu übersetzen. Die amerikanische Nonne Chittister fragt: "Was wird aus den Vorstellungen von Jungfräulichkeit in einer Kultur, in der Menschen in eine religiöse Gemeinschaft eintreten, nachdem ihre Jungfräulichkeit schon längst nicht mehr gegeben ist?"5

Wenn ein Mensch - einerlei, in welchem Lebensalter - klären möchte, zu welcher Gestalt der Nachfolge er berufen ist, fragt er: In welcher Lebensform kann ich mehr lieben? Nachfolge darf nicht weniger, sondern muss mehr Freundschaft bedeuten, nicht vertrocknete Beziehungen, sondern vertiefte, nicht weniger Intimität, sondern mehr, nicht weniger Gemeinschaft, sondern mehr Gemeinschaft. Er wird feststellen, dass die Frage, ob er dies durch den Zölibat oder durch Familiengründung beantwortet, zweitrangig ist. Er stellt sich vor Augen: Beim kommunitären Leben gibt es weder eine Pflicht zum Zölibat noch eine Pflicht zur Ehe (von der lutherische Ethiker des 20. Jahrhunderts oft noch ausgingen).

Inzwischen überraschen moderne spirituelle Autoren den Leser mit mutigen Ausführungen zur "Intimität" im Gemeinschaftsleben, auch dem geistlichen. Joan Chittister schreibt: "Zölibatär zu leben heißt nicht, ohne Liebe zu sein, sondern grenzenlos zu lieben; heißt, mein Leben im liebenden Einsatz für mehr Menschen hinzugeben als nur für die, die mich lieben." "Gemeinschaften, die im Namen der religiösen Formung Gefühle abtöten, engen den Geist der Gemeinschaft selbst ein."6 Dann wird es "wichtiger, pünktlich zu essen, als den Gast an der Tür willkommen zu heißen, dringender zu beten, als ans Telefon zu gehen, notwendiger, früh zu Bett zu gehen als mit Menschen in ihrem Schmerz zusammenzusitzen, ihre Freuden mitzufeiern und ihre Geschichten anzuhören."7 Der Psychologe Peter Schellenbaum würdigt den Zölibat als legitime Form der Liebe: "Auch im Eros gibt es viele Berufungen. Waren Jesus, Franz von Assisi und Buddha bedauernswerte, verklemmte und neurotische Menschen, weil sie keine sexuellen Bindungen hatten?" Wichtig für unseren Zusammenhang ist aber vor allem sein anschließender Gedanke: "Bei besonderen Berufungen des Eros ist es allerdings wichtig, den Kontakt mit anderen Menschen zu pflegen, die ihren Eros in anderen Bindungen, zum Beispiel in einer Familie, leben." Sodann sollten Menschen, die in Leidenschaft für eine große Aufgabe leben, nicht gedankenlos in die Ehe stolpern, "es sei denn, sie können zusammen mit dem Ehepartner diese Leidenschaft leben. ... Die Ehe ist für sie Verstärkung ihrer gemeinsamen Hingabe an ein Ziel außerhalb ihrer selbst."8

Das hieße z.B., dass Eheleute gegenüber Zölibatären nicht automatisch zu nur halbierter Hingabe an etwas Großes fähig wären; es könnte unter den beschriebenen Bedingungen vielmehr eine verdoppelte Hingabe sein! Die Verfügbarkeit ist ohne Zweifel im Zölibat größer als in Ehe und Familie. Aber Hingabefähigkeit ist umfassender als Verfügbarkeit! Die Radikalisierung von Liebe, Freundschaft und Gemeinschaft lässt sich also ebenso gut in die Gestalt der Ehe übersetzen. Die Antwort der Kommunitäten auf die Herausforderung von verabsolutiertem Individualismus und seelischer Verkümmerung hieße daher zunächst Gemeinschaft. Sie kann in einer gestaltvollen Eigenkultur9 Freundschaft, Intimität und viel Geborgenheit schenken. Ob die einzelnen Mitglieder dies als Eheleute oder als Zölibatäre oder einfach als Ledige leben möchten, ist zunächst ihre private Entscheidung. Selbstverständlich müssen Eheleute das größere "Dritte" der Kommunität gemeinsam teilen.

Begründungen für den Zölibat einer Ehelosengemeinschaft sind in erster Linie in der Tradition zu finden, wenngleich sie sich durchaus auch biblisch begründen lassen. Zölibat ist ein Charisma, eine Berufung, allerdings nicht mehr als die Ehe, nur eben seltener. Der Zölibat ist ein Zeichen. Die Ehe aber inzwischen auch!

Die große Herausforderung beruht für Kommunitäten heute darin, dass Berufungen sowohl zum Zölibat als auch zur Ehe in eine Krise geraten sind. Die Begegnung mit einer modernen Kommunität soll Gästen und Novizen zu beiden Berufungen Mut machen.

Entscheidend ist, wie dicht wir an den Fragen der suchenden Jugend dran sind! Ich empfehle, statt von Zölibat, von der Verpflichtung zum gemeinsamen Leben zu sprechen. Das neue Versprechen anstelle des Zölibatgelübdes könnte lauten:

Ich verspreche, aus Liebe zu Gott ein gemeinsames, kommunitäres Leben zu führen.

Zwei neue Evangelische Räte

Kommunitäten und Orden brauchen zweifellos Verbindlichkeiten. Meine Sorge ist, dass eine sture Orientierung an den sog. klassischen Evangelischen Räten zu einer Haltung führt, die die Philosophie ein "unglückliches Bewusstsein" nennt. Angesichts der offensichtlichen Krise der Orden, die sich in Nachwuchsmangel, Überalterung, Austrittsstimmung äußert, halte ich eine gewisse Skepsis gegenüner dieser Sturheit für angebracht. Echte Verbindlichkeit - dessen bin ich gewiss - ist stets eine Antwort auf Umbrüche, Krisen und Sehnsüchte einer Epoche. Jeder Gast oder Novizemuss sich darauf verlassen können, dass die Fragen, die ihn in den Krisen der westlichen Welt an die Tür einer Kommunität getrieben haben, im Innenraum dieser Kommunität erst recht leidenschaftlich vorangetrieben werden.

Wenn evangelische Kommunitäten sich durch das Festhalten an den drei Evangelischen Räten ihre Zugehörigkeit zum Kreis "richtiger" katholischer Orden erwerben wollen, laufen sie Gefahr, den Dialog mit der geistlich suchenden unruhigen Jugend zu verscherzen. Es gibt zu denken, dass Stefan Kiechle darauf bezogen unbekümmert zwei weitere "Evangelische Räte" aufzählt: die Gemeinschaft und die Hingabe10; offenbar sieht er gerade in ihnen eine dringliche Ergänzung angesichts der akuten Herausforderungen unserer Zeit.

Ich behaupte, dass mehr Menschen, als unsere Kommunitäten es zur Zeit widerspiegeln, auf der Suche nach intensivem Leben, nach Gemeinschaft sind und nach etwas, das lohnt. Das bedeutet noch nicht, dass eine Massenbewegung zu Orden und Kommunitäten zu erwarten wäre. Aber ich bin gewiss, dass weitaus mehr junge Menschen, als die wenigen Postulanten und Novizen, zu einem neuen Aufbruch berufen sind. Was die Kommunitäten zur Krise von Individualismus und gesellschaftlicher Auflösung zu sagen haben, hat Bedeutung weit über die Mauern ihrer Klausur hinaus. Es wartet darauf, entdeckt zu werden.

Anmerkungen

1 Stefan Kiechle SJ: Mutige Lebenshingabe - Zur Situation des Ordensnachwuchses. Ordenskorrespondenz 4/2004, S. 388f.

2 Joan Chittister OSB: Unter der Asche ein heimliches Feuer, 2. Aufl. München 2004, S. 150f.

3 Ebd. S. 136f.

4 Ebd. S. 212

5 Ebd. S. 184

6 Ebd. S. 51

7 Ebd. S. 190 + 191.

8 Peter Schellenbaum: Das Nein in der Liebe - Abgrenzung und Hingabe in der erotischen Beziehung. 19. Aufl.. München 2004, S. 101+10.

9 Medard Kehl SJ: Kirche und Orden in der Kultur der Moderne. Geist und Leben 3/2001, S. 187

10 Stefan Kiechle SJ: Evangelische Räte und Einsatz für Gerechtigkeit. Ordenskorrespondenz 2/2005, S. 146

Von

  • Wolfgang Kubik

    Pastor Dr., ehem. Dozent am Missionsseminar Hermannsburg und Landeskirchenrat in Nückenburg, ist Mitgründer und Leiter der Evangelischen Communität Koinonia (1976).

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