Frauenpower in Herrnhut

Einem ungenormten Leben auf der Spur

Fragen an Erdmuthe von Zinzendorf

von Rebekka Havemann

Ohne Menschen, die sich aus Liebe zu Jesus für andere aufopfern, kommt der Segen Gottes nicht in die Welt. Wo aber aus Liebe um andere gerungen und für andere gelitten wird, dort erwachsen Hoffnung und Zukunft für viele.

Charles de Foucault

Erdmuthe Dorothea von Zinzendorf (1700-1756), die Ehefrau des Gründers der Herrnhuter Brüdergemeine, Nikolaus von Zinzendorf (1700-1760), war eine für ihre Zeit hochmoderne, gebildete und im besten Sinne des Wortes emanzipierte Frau. Ihre mutige Entscheidung, sich aus Liebe zu Jesus für andere und für den Bau seines Reiches zu opfern, hatte weitreichende Folgen und machte die Entstehung und Fortdauer der ersten evangelischen Gemeinschaft auf deutschem Boden wohl erst möglich.

Stellen wir uns vor, wir könnten ihr persönlich begegnen und sie fragen, wie es war, als Gott sie beim Wort und bei der Hand nahm und auf ihren Weg führte.

Erdmuthe, hat dein Elternhaus dich auf diesen besonderen Lebensweg vorbereitet?

In gewisser Weise schon. Ich bin in einem frommen, pietistisch geprägten Elternhaus groß geworden. Als mein Vater starb, übernahm meine Mutter zunächst die Regierung unseres kleinen Fürstentums im Vogtland. An unserem Hof entwickelte sich eine sogenannte "Schlossecclesiola", zu deutsch "kleine Schlossgemeinde". Unsere ganze Familie und alle Gäste, Angestellten und Bediensteten trafen sich - unabhängig von Stand und Konfession - zu regelmäßigen Andachten, Bibelstunden und Gebetsgemeinschaften.

Wie hast du Nikolaus von Zinzendorf kennengelernt?

Er war ein Studienfreund meines Bruders Heinrich. Sie hatten sich auf ihrer Kavaliersreise kennengelernt. Als er uns eines Tages besuchen kam, wollte er eigentlich nur kurz bleiben, aber die "Erbauungs- und Lebensgemeinschaft", die er bei uns kennenlernte, hat ihn so fasziniert, dass er viel länger blieb und auch oft wiederkam.

Und dann habt ihr euch verliebt?

Das ging nicht ganz so schnell. Wir führten viele Gespräche und merkten bald, dass wir das große gemeinsame Anliegen hatten, Jesus von ganzem Herzen zu lieben und ihm zu dienen. Als Nikolaus mich später bat, seine Frau zu werden, sagte er mir ganz ehrlich, was ihm vorschwebte: nämlich eine "Streiterehe". In ihr sollte es nicht in erster Linie um unser persönliches Glück gehen, sondern vor allem um die gemeinsame Arbeit für das Reich Gottes. Dabei sollte ich alle wirtschaftlichen und familiären Aufgaben übernehmen, um ihn für seinen Dienst freizustellen.

Ehrlich gesagt, das klingt für mich eher abschreckend...

Mich hat diese Radikalität gereizt. Ich wollte doch, dass mein Christsein das ganze Leben umfasst und sich auswirkt. Darum war ich grundsätzlich bereit, alles zu opfern und so arm zu werden wie Jesus selbst - auch wenn ich damals noch nicht wissen konnte, was genau das bedeuten würde. Und vergiss nicht: Wir haben uns wirklich von Herzen geliebt und diese Liebe ist unter den Herausforderungen unseres Lebens noch gewachsen.

Seid ihr euch denn ähnlich?

Nein, gar nicht, aber wir ergänzen uns wunderbar. Nikolaus ist spontan und begeisterungsfähig, übersprudelnd von genialen Ideen und großen Visionen, dabei allerdings auch ziemlich sprunghaft; ich dagegen bin eher zurückhaltend, nüchtern, ausgleichend und bodenständig.

Wie fandet ihr eure Berufung?

Nikolaus und ich lebten die ersten Jahre unserer Ehe in Dresden, wo er ein Staatsamt als Justizrat ausübte. Doch es zog uns beide sehr nach Berthelsdorf, dem Landgut, das er inzwischen gekauft hatte. Dort erschienen 1722 die ersten Glaubensflüchtlinge. Sie kamen aus Mähren, wo sie wegen ihres evangelischen Bekenntnisses verfolgt wurden. Nikolaus gewährte ihnen die Ansiedlung, nach fünf Jahren waren es schon 220 Siedler. So entstand Herrnhut. Nikolaus war sich ganz sicher, dass Gott selbst ihm diese glaubensstarken, standhaften Leute geschickt hatte, um eine "kleine Kirche in der großen" aufbauen zu können, die zur Erneuerung der bestehenden Kirche beitragen sollte.

War das die "Erbauungs- und Lebensgemeinschaft", von der er träumte?

Zunächst noch nicht. Es kam bald zu heftigen Streitereien, denn außer aus Mähren waren inzwischen aus ganz Deutschland Anhänger verschiedenster Konfessionen zugezogen. Sie konnten sich aber über Glaubensfragen nicht einigen, einer sprach dem andern das Heil und den rechten Glauben ab - es hätte nicht viel gefehlt und die ganze Siedlung wäre bald wieder zerfallen. Das gab letztlich den Ausschlag, dass wir Dresden endgültig verließen, um nach Berthelsdorf zu ziehen. Nikolaus versuchte, die zerstrittenen Gemüter zu einigen, doch den Durchbruch, den konnte nur Gott selbst schaffen. Der geschah in der denkwürdigen Abendmahlsfeier am 13. August 1727. Das war unser Pfingsten, der Geburtstag der Brüdergemeine.

Kurze Zeit später bekam die Gemeine eine Struktur und innere Ordnung. Wo war dein Platz darin?

Natürlich habe ich als Nikolaus-Vertraute an allen Auseinandersetzungen und Plänen lebhaft Anteil genommen. Als dann nach dem Vorbild der christlichen Urgemeinde die Laienämter eingeführt wurden, gab es diese Ämter auch für Frauen. Wir Frauen waren von Anfang an mit einbezogen, hatten die gleichen Rechte wie die Männer und konnten uns aktiv am Gemeindeleben beteiligen. Ich zum Beispiel war Vorsteherin der Schwestern und leitete eine Bande.

Was ist denn das?

Eine Bande ist eine Gruppe von drei bis fünf Menschen, die sich regelmäßig treffen, miteinander beten und sich rückhaltlos über alles austauschen, was sie auf dem Herzen haben. Es hat sich gezeigt, dass das eine wichtige Voraussetzung ist, damit echte Gemeinschaft entsteht.

Aber du hattest auch noch andere Aufgaben?

Ich war für alle Geldangelegenheiten zuständig, denn damit konnte Nikolaus gar nicht umgehen. Wir waren immer knapp bei Kasse, aber das hinderte ihn nicht, großartige Baupläne für eine neue Siedlung zu entwerfen. Dafür musste ich Kredite aufnehmen und Schulden machen. Das wiederum hat er gehasst und gefürchtet, aber anders hätten wir diese Projekte nicht verwirklichen können. Zudem habe ich unsere Güter und die verschiedenen Wirtschaftszweige verwaltet. Das war, vor allem in den "Pilgerjahren", als wir nicht in Berthelsdorf wohnen durften, eine riesige Herausforderung.

Bitte, erzähle uns noch von deiner Familie!

Meine Familie, ja das war natürlich meine wichtigste Aufgabe. Nikolaus und ich bekamen zwölf Kinder, doch die meisten von ihnen starben schon als Säuglinge oder Kleinkinder. Nur vier von ihnen wurden erwachsen. Diese Kinder so früh wieder loszulassen, gehört zum Schwersten meines Lebens und hat mich tief getroffen. Ich habe oft mit Gott gerungen, um seinen Willen annehmen zu können. Das fiel mir unglaublich schwer, doch ich habe erlebt, dass er mich darin getröstet und die nötige Kraft geschenkt hat. Und die brauchte ich dringend, denn neben der eigenen Familie habe ich ja täglich bis zu zwanzig Personen mitversorgt, dazu noch das Waisenhaus und die Armen und Kranken der Gemeinde.

 Das heißt, du warst eine Mutter für sehr viele Menschen?

Ja, das stimmt wohl. Viele Mitglieder der Gemeine lebten einige Zeit in unserer Familie, wir arbeiteten, beteten und feierten miteinander. Nikolaus und ich waren Vorbilder für sie. Man muss bedenken, dass damals die wenigsten der Bauern, Handwerker und der ledigen Frauen die Möglichkeit zu einer so weitreichenden geistigen, religiösen und gesellschaftlichen Bildung gehabt haben, wie sie durch den täglichen Umgang mit uns und die intensiven Gespräche möglich wurde. Für viele der Frauen war ich Seelsorgerin, mütterliche Freundin und Ratgeberin. Ich denke, dass das auch meiner Begabung entsprach.

Aber nicht deiner gesellschaftlichen Stellung als Frau aus hohem Adel, oder?

Nein, das nicht. Der Wunsch meines Mannes, dass wir ohne Beachtung der Standesunterschiede miteinander leben und umgehen sollten, ist mir auch lange sehr schwer gefallen. Vor allem gegen das Ritual der Fußwaschung habe ich mich sehr gesträubt, das erschien mir als Demutsbeweis nun wirklich zu viel verlangt. Ich habe oft mit Gott darüber geredet und sehr an mir gearbeitet, um Schwester unter Schwestern werden zu können. Und dann war ich irgendwann so weit, dass ich den Dienst des Füße-waschens übernehmen und den anderen das "Du" anbieten konnte. Jemand sagte, dass ich an diesem Tag wirklich zur "Gemein-Mama" geworden sei.

Du hast vorhin die "Pilgerjahre" erwähnt. Kannst du erklären, was es damit auf sich hat?

Immer mehr Exulanten kamen nach Herrnhut, bis der Kaiser in Wien sich am kurfürstlichen Hof in Dresden beschwerte wegen "Auslockung der kaiserlichen Untertanen aus Böhmen und Mähren". Daraufhin wurde Nikolaus 1736 aus Sachsen ausgewiesen, übrigens schon zum zweiten Mal. Diesmal erfolgte die Begnadigung allerdings nicht so schnell, 11 Jahre dauerte die Verbannung. Ich war damals sehr erschrocken, aber Nikolaus verstand das als Aufforderung zur Pilgerschaft, um überall den Heiland verkünden zu können. Nun folgte eine unruhige Zeit. Bald sammelte sich um Nikolaus eine "Pilgergemeinde". Zuerst machten sie auf der Ronneburg, einer verfallenen Burganlage in der Wetterau, Station, dann in Frankfurt und später auf Schloss Marienborn. Außerdem unternahm Nikolaus in dieser Zeit viele ausgedehnte Reisen durch ganz Europa und sogar in die Karibik und nach Nordamerika.

Wo warst du in dieser Zeit?

Zunächst in Herrnhut, wo ich als Ortsherrin verantwortlich war für die Verwaltung unserer Güter. Doch Nikolaus bat mich inständig, zu ihnen auf die Ronneburg zu kommen, um dort Hausmutter zu sein. So bin ich mit meinen jüngeren Kindern nachgereist und übernahm die Leitung der Gemeinschaft dort, während er unterwegs war. Seitdem pendelte ich - innerlich und äußerlich - zwischen Herrnhut und der Pilgergemeinde. Diese Doppelbelastung war enorm und hat mich in den Jahren fast zerrissen. Die Wochen auf der Ronneburg gehören zu den schlimmsten meines Lebens. Die Zustände dort waren wirklich unzumutbar. Mein kleiner Sohn Christian Ludwig erkrankte an der Ruhr und starb bald darauf, und auch Agnes, erst 11 Monate alt, wurde sehr krank.

Was hat dich durch solche Zeiten getragen?

Dass ich alles mit Jesus besprechen und mich seiner Liebe immer wieder vergewissern konnte, auch wenn ich ihn nicht verstand. In mein Tagebuch schrieb ich damals "... wenngleich das Mutterherz tief verwundet ist, so kennt es doch den, der die Wunde gemacht, als Liebe." Der Austausch mit den Geschwistern und das gemeinsame Gebet haben mich auch sehr getröstet.

Die Brüdergemeine hat in den folgenden Jahren viele Veränderungen und Krisen erlebt. Was war für dich persönlich besonders prägend?

Die vielen Reisen, die ich im Auftrag der Gemeine unternommen habe, dann das Leben in der neu entstandenen Gemeine Herrenhag in der Wetterau. Als Herrenhag von der Regierung aufgelöst wurde, bin ich zurück nach Herrnhut gezogen. Damals hatte ich mich schon von allen offiziellen Ämtern zurückgezogen und war hauptsächlich für die vielen Gäste und als Seelsorgerin da. Von früh bis spät gingen die Geschwister und alle, die Kummer oder Sorgen hatten, bei mir ein und aus. Prägend und auch schmerzlich war, dass Nikolaus und ich in diesen Jahren fast völlig getrennt lebten. Er in London, wo er neue Gemeinen aufbaute, ich in Herrnhut, wo mich die bestehende dringend brauchte. Das einschneidende Ereignis war allerdings der Tod meines Sohnes Christian Renatus, der mit 25 Jahren in London starb. Er war mir als einziger meiner sechs Söhne geblieben und ich habe ihn sehr geliebt. Das habe ich fast nicht verkraftet.

Erdmuthe, viele deiner Erfahrungen hast du in Liedern verarbeitet. Möchtest du uns eines mit auf unseren Weg der Hingabe geben?

Ja, eines davon fasst gut zusammen, wie ich Jesus erlebt habe und was ich mit meinem ganzen Leben, durch alle Höhen und Tiefen hindurch, bezeugen kann:

Wir gehen getrost an deiner Hand, Herr Jesus, die uns führet. Wir haben dich getreu erkannt und haben wohl gespüret, dass, wenn du etwas auf uns legst, gibst du auch Kraft zum Tragen, und was du zuzumuten pflegst, das ist getrost zu wagen.

Von

  • Rebekka Havemann

    Krankenschwester, lebt seit 1999 in der OJC. Seit Sommer 2014 verstärkt sie das Team vom Haus der Hoffnung in Greifswald. Seit 2016 gibt sie die Zeitschrift Brennpunkt Seelsorge heraus.

    Alle Artikel von Rebekka Havemann

Das Salzkorn im Abonnement

Jede Ausgabe dieser Zeitschrift können Sie kostenfrei bestellen »

Auch künftige Ausgaben vom Salzkorn (erscheint vier Mal im Jahr) senden wir Ihnen gerne zu. Hier können Sie das Salzkorn abonnieren »

Unsere Veröffentlichungen unterstützen

Helfen Sie uns mit Ihrer Spende, christliche Werte und eine kritisch-konstruktive Auseinandersetzung mit Strömungen der Zeit auf der Grundlage des Evangeliums an nachfolgende Generation zu vermitteln.

So können Sie spenden:

» Bankverbindung
» Spendenformular
» PayPal