Endlich dazugehören

Endlich dazugehören

Wie eine Gemeinde zum Zuhause wurde

von Renate Böhm

Frau B. ist 70 Jahre alt. Im Dorf redet man über sie und ihre Familie und macht um ihr Haus einen weiten Bogen. Den Kindern des Dorfes war es verboten, diesem Haus zu nahe zu kommen und mit den Kindern dieser Familie zu spielen, denn, "die sind Assis", Asoziale - der Mann Alkoholiker, ein Sohn im Gefängnis, die Tochter lebt als Prostituierte, ein Sohn ist behindert und der letzte ertrank vor vielen Jahren. Sie können nicht lesen und schreiben und waschen sich nicht ordentlich. Dafür betranken sie sich regelmäßig, machten Krach und zettelten Schlägereien an.

Doch in letzter Zeit hat sich etwas geändert. Alles begann damit, dass Schwester Ursula, eine schweizer Chrischona-Diakonisse, die für einige Monate in der OJC in Reichelsheim mitlebte, am Grundkurs Seelsorge in Weitenhagen teilnahm und deshalb regelmäßig Zeit im "Haus der Stille" in Weitenhagen verbrachte.

Auf einem Spaziergang kam S. Ursula einmal am Haus von Frau B. vorbei und grüßte sie freundlich. Auch beim nächsten Spaziergang traf sie Frau B. wieder an, die anscheinend gewartet hatte und sie gleich in ein Gespräch verwickelte. S. Ursula erzählte von sich und was sie arbeitet und auch davon, dass sie an Jesus glaubt und zur Kirche gehört. Am nächsten Wochenende, das S. Ursula in Weitenhagen verbrachte, ging sie wieder am Haus von Frau B. vorbei. Die hatte ganz offensichtlich schon sehr auf S. Ursula gewartet, denn sie stürzte aus dem Haus und bat sie, doch zu ihr hereinzukommen. Sie redeten über alles Mögliche und dann schenkte S. Ursula ihr eine Bibel, die sie mitgebracht hatte und fragte, ob sie mit ihr beten dürfe.

Von diesen Gebeten erzählt Frau B. heute noch, die sind ihr ganz tief ins Herz gefallen. Auch die Bibel hütet sie wie einen Schatz, obwohl sie sie nicht lesen kann.

Alles meine Freunde

Einige Zeit später - ihr Mann war inzwischen gestorben - erschien Frau B. zum ersten Mal in der Kirche. Zuerst war sie ein wenig enttäuscht, dass Schwester Ursula nicht da war, aber sie freute sich, hier so viele freundliche Menschen zu treffen, begrüßt zu werden und dabei sein zu dürfen. Zwar hielt sie das Gesangbuch verkehrt herum, aber sie hörte bei der Predigt sehr aufmerksam zu. Seitdem kommt Frau B. jeden Sonntag in den Gottesdienst. Immer macht sie sich schick und zieht ihr bestes Kleid an und freut sich die ganze Woche auf den Sonntag. Sie liebt es, wenn die jungen Leute moderne Anbetungslieder zur Gitarre singen und auch den "Kirchenkaffee" hinterher. Wie ein trockener Schwamm saugt sie jedes freundliche Wort und jedes Zeichen von Dazugehören auf.

Als sie einige Wochen später das erste Mal ihren behinderten Sohn Peter mitbrachte und mit ihm nachher zum "Kirchenkaffee" blieb, wies sie stolz auf die Anwesenden und sagte:

"Das sind alles meine Freunde."

Seitdem kommt auch Peter ab und zu in die Gottesdienste - immer im besten Anzug. Auch er hört sehr aufmerksam zu und hat Fragen über Gott und den Glauben.

Normalerweise lungerte Peter den ganzen Tag zu Hause herum, er hatte noch nie gearbeitet. Aber jetzt ist er wie verwandelt. Die berüchtigten Trinkgelage haben ganz aufgehört. Seit neuestem hat er eine Betreuerin und Arbeit in einer Behinderteneinrichtung. Jeden Morgen wird er mit dem Bus abgeholt und abends wiedergebracht.

Es gibt jetzt eine Ordnung in seinem Leben. Er hat es auch geschafft, die zugigen Fenster und Türen am Haus zu reparieren und genug Holz für den Winter heranzuschaffen. Das wäre früher undenkbar gewesen. Es ist, als ob es hell geworden wäre über diesem Haus und in diesem Haus, das so verrufen war - auch wenn sie immer noch ziemlich arm sind und viele Probleme haben.

Im September hatte Frau B. Geburtstag. Zusammen mit einer anderen Frau aus der Gemeinde wollte ich sie besuchen. Da merkte ich erst, wie groß die Angst und das Unbehagen der jungen Frau, die in Weitenhagen aufgewachsen war, vor "diesen Asozialen" immer noch waren. Aber dann packten wir doch Kaffee und Kuchen ein und verbrachten ganz vergnügte Stunden im Garten von Frau B.. Peter sagte nicht viel, ihm liefen während der ganzen Zeit die Tränen über das Gesicht. So etwas hatte er noch nie erlebt, dass jemand sie besuchen kommt... Meine junge Begleiterin bedankte sich später bei mir, dass sie diesen Besuch mit mir hatte machen können, denn diese Begegnung hatte sie selbst sehr berührt.

Am letzten Sonntag war in unserer Dorfkirche Abendmahl. Wir standen im Chorraum im Kreis um den Altar. Als wir unserem linken und rechten Nachbarn die Hand zum Friedensgruß reichen sollten, machte sich Frau B. auf, ging zu jedem hin, schüttelte ihm die Hand und wünschte Frieden. Jedem einzelnen. Sie ließ sich nicht dadurch stören, dass sie viel länger brauchte als alle anderen, sondern strahlte über das ganze Gesicht und war ganz selig vor Freude.Als ich sie so sah, mußte ich an den Satz aus der Bibel denken: "Was verachtet ist vor der Welt, das hat Gott erwählt."

Wieviel Frau B. von Glaubensfragen versteht, weiß ich nicht. Was ich weiß, ist, dass sie in der Gemeinde Freunde und Zugehörigkeit gefunden hat und dass ihre schlichte, aufrichtige Freude ansteckend ist.

Von

  • Renate Böhm

    Gemeindepädagogin, ist seit 1991 Mitarbeiterin in der OJC. Sie lebt mit ihrem Mann Rudi im Haus der Hoffnung in Greifswald.

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