Gemeinsam unterwegs

Ein Gang durch die Geschichte der evangelischen Kommunitäten in Deutschland

von Christian Zippert

Die Entstehung zahlreicher Kommunitäten im 20. Jahrhundert ist nicht zu verstehen ohne ihre Vorgeschichte.Die reformatorische Theologie hat zwar zur Auflösung zahlreicher mittelalterlicher Klöster und noch zahlreicherer Bruder und Schwesternschaften geführt, aber gewisse Ansätze zu neuen Formen geistlicher Gemeinschaften nicht verhindert. So hat Luther in seiner Schrift über die Deutsche Messe (1526) darauf hingewiesen, dass eine Vereinigung derer wünschenswert sei, "die mit Ernst Christen wollen sein und das Evangelium mit Hand und Munde bekennen". Sie müssten "mit Namen sich einzeichnen und etwa in einem Hause sich versammeln zum Gebet, zu lesen, zu taufen, das Sakrament zu empfangen und andere christliche Werke zu üben". Hier könnte man auch "ein gemeinsames Almosen den Christen auflegen", "auf eine kurze feine Weise" Gottesdienst gestalten und "einen guten kurzen Katechismus". Er fährt fort: "Kommt’s aber, dass ich’s tun muss, so will ich das meine gerne dazu tun und auf das beste helfen." Dazu ist es in Wittenberg nicht gekommen.

Entwicklungen im Pietismus

Erst im Pietismus können sich diese Ansätze zum Teil dauerhaft entfalten, vor allem in den von Philipp Jacob Spener eingeführten "collegia pietatis" (1670) und der durch den Grafen Zinzendorf begründeten "Brüder-Unität" (1727), aber auch anderen kurzlebigen Gemeinschaften wie der durch Gottfried Arnold angeregten "Philadelphischen Sozietät" (1694) oder den klosterartigen "Pilgerhütten" von Gerhard Tersteegen (1730).

Als erste evangelische Kommunitäten im weiteren Sinn können die von Johann Hinrich Wichern in Hamburg (1833), von Theodor Fliedner in Kaiserswerth (1836) und Wilhelm Löhe in Neuendettelsau (1853) ins Leben gerufenen, an die vorreformatorische Tradition anknüpfenden, ganz auf diakonische Aufgaben ausgerichteten Schwestern- und Bruderschaften gelten. Nach ihrem Vorbild sind bis zum Ende des 19. Jahrhunderts in Europa und Nordamerika zahlreiche Diakonissen- und Diakonenhäuser entstanden. Die gar nicht zu überschätzenden Dienste dieser diakonischen Gemeinschaften erwuchsen aus einer Spiritualität, die auf geistliche Gemeinschaft gegründet war und darauf bis heute erst recht angewiesen ist. Diese Spiritualität hat Wilhelm Löhe in seinem Diakonissenspruch klassisch zum Ausdruck gebracht: "Was ich will? Dienen will ich. Wem will ich dienen? Dem Herrn in Seinen Elenden und Armen. Und was ist mein Lohn? Ich diene weder um Lohn noch um Dank, sondern aus Dank und Liebe; mein Lohn ist, dass ich darf! Und wenn ich dabei umkomme? Komme ich um, so komme ich um, sprach Esther, die doch Ihn nicht kannte, dem zuliebe ich umkäme, und der mich nicht umkommen lässt. Und wenn ich dabei alt werde? So wird mein Herz grünen wie ein Palmbaum, und der Herr wird mich sättigen mit Gnade und Erbarmen. Ich gehe mit Frieden und sorge nichts!"

In diesen Zusammenhang gehört auch die von Friedrich Wilhelm IV. neu gegründete "Bally Brandenburg des Evangelischen Johanniter Ordens" (1852). Seine 1964 im heutigen Wortlaut beschlossene Regel legt die Tradition des Ordens aktuell im Geist der Reformation aus: "... will der Johanniter auch heute dem Herrn Jesus Christus dienen. Er lässt sich rufen, wo die Not des Nächsten auf seine tätige Liebe und der Unglaube der Angefochtenen auf das Zeugnis seines Glaubens warten. Sein Weg zu Gott ist nicht Weltflucht. Die Reformation hat ihm das Evangelium erschlossen und stellt ihn bei seinem Gottesdienst in die Welt mit Augen für die Not aller Kreatur, mit einem Herzen, das lieben kann, mit Händen, die zur Tat bereit sind, mit der Fürbitte für den Menschenbruder. Ihm wird auch der Alltag zur heiligen Zeit und der weltliche Beruf zum Gottesdienst..." Interessant ist die Schlussbemerkung einer Interpretationshilfe aus dem Jahr 1996: "Derjenige, der von einer Ordensregel eine detaillierte, formelle Vorschrift für sein tägliches Verhalten erwartet, mag enttäuscht sein. Es kann aber nicht Aufgabe des Ordens sein, diese ganz persönliche Verantwortung dem Einzelnen durch exakte Regeln abzunehmen. Daher will und kann die Ordensregel nur verpflichtender Rahmen sein."

Neuanfänge zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Eine Gemeinschaft ganz eigener Art ist zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der an die spätmittelalterliche Tradition anknüpfenden "Brüderschaft vom gemeinsamen Leben" entstanden, die bald durch eine "Schwesternschaft", dann auch durch eine "Geschwisterschaft" ergänzt wurde. 1906 schlossen sich diese drei Zweige zusammen als "Körperschaft vom gemeinsamen Leben", aus der heraus 1908 der "Schweizerische Diakonieverein" gegründet wurde. Schon nach dem Ersten Weltkrieg begann die Ausbreitung dieser Gemeinschaften und nach dem Zweiten Weltkrieg ging von ihnen ein nicht unerheblicher Einfluss auf die neu entstehenden Kommunitäten aus. Ihren Dienst sahen sie als "Ökumenischen Christusdienst".

Von wenigen Vorläufern abgesehen, z.B. "Schwesternschaft im Missionshaus Malche" (1898), "Bahnauer Prediger-Bruderschaft" (1906), "Pastoren-Gebetsbund" (1913), beginnt die Gründung einer ersten Reihe von Bruderund Schwesternschaften nach dem Ende des Ersten Weltkriegs.

Aus der "Hochkirchlichen Vereinigung" erwuchsen die "Evangelische Franziskanerbruderschaft der Nachfolge Christi" (1927) und die "Evangelisch-Katholische Eucharistische Gemeinschaft" (1929), heute die "Hochkirchliche St. Johannes- Bruderschaft".

Aus christlichen Gruppen der Jugendbewegung erwuchs unter Führung von Karl Bernhard Ritter, Wilhelm Stählin und anderen die "Evangelische Michaelsbruderschaft" (1931) mit dem weiteren, aus Männern und Frauen bestehenden "Berneuchener Kreis", später "Berneuchener Dienst" genannt. Die Stiftungsurkunde (1926) beginnt mit den programmatischen Sätzen: "Wir stehen in der gleichen Not. Wir glauben daran, dass in dieser Not der Kirche Jesu Christi die Verheißung geschenkt ist. Wir glauben daran, dass alle Einzelkirchen Glieder sind der einen Kirche Christi und ihren Beruf im gegenseitigen Empfangen und Dienen erfüllen. Wir kämpfen darum, dass die Kirche in allen Bereichen des Lebens den Auftrag erfülle, der ihr im Evangelium gegeben ist. Wir können an der Kirche nur bauen, wenn wir selber Kirche sind. ... In allem, worin die Kirche erscheint, es sei ihre Verkündigung, ihr Gebet und Sakrament, ihr Liebeswerk oder ihre Verfassung, will Christus bezeugt werden. In einer Stunde, da die Kirche sich selbst an den Anspruch der Welt zu verlieren droht, kann sie das Wort der Entscheidung, das sie der Welt schuldet, nur sprechen, wenn sie den priesterlichen Dienst des Gebets erfüllt..." Das gemeinsame Leben der Brüder wurde in einer Regel (1937) entfaltet, ihre Auswirkungen sind nicht nur im Bereich der "Liturgischen Bewegung" erkennbar, sondern auch im Bereich des kommunitären Lebens - weit über die Jahre des Krieges hinaus.

Das gilt auch für die Anregungen, die Dietrich Bonhoeffer, hier und da in Anlehnung oder in Auseinandersetzung mit den "Berneuchenern", in seiner Schrift "Gemeinsames Leben" (1939) zusammengefasst hat, im Predigerseminar Finkenwalde jedoch nur wenige Jahre praktisch erproben konnte.

Aufbrüche am Ende des Zweiten Weltkriegs

Aus den Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges erwuchsen die ersten Kommunitäten im engeren Sinn - also mit dauerhaftem gemeinsamem Leben nach den evangelischen Räten aufgrund eines Gelübdes: die "Ökumenische Marienschwesternschaft" in Darmstadt (1947), später "Evangelische Marienschwesternschaft"; die "Christusbruderschaft Selbitz" (1949), seit 1984 "Communität Christusbruderschaft Selbitz" bzw. "Christusbruderschaft Falkenstein"; die Schwesternschaft "Casteller Ring" und die "Kommunität Imshausen" (1955). Die nahezu zeitgleich entstandenen Kommunitäten sind teilweise aus den gleichen, teilweise aus verschiedenen Wurzeln erwachsen, für fast alle war früher oder später das Vorbild der "Communauté de Taizé" (1949) wichtig, für manche - besonders für die Schwestern auf dem Schwanberg - die benediktinische Tradition, aber auch das Beispiel der Gemeinschaften im "Ökumenischen Christusdienst" und die Jugendbewegung.

Später folgten, vor allem aus pietistischen Wurzeln erwachsen, die "Schwesternschaft des Julius-Schniewind- Hauses", der Verein "Christusträger" (1961) aus dem später die "Christusträger- Bruderschaft" und die "Christusträger- Schwesternschaft" entstanden (1978), die " Jesus- Bruderschaft" (1961) mit zölibatär lebendenBrüdern, Schwestern und einem "Familienzweig", seit 1969 ansässig in Gnadenthal und in Hennersdorf/Sachsen und seit 1994 in Volkenroda/Thüringen, die "Kommunität Adelshofen" im Zusammenhang mit einer Bibelschule und andere.

Gleichzeitig entstanden weitere Schwesternschaften und Bruderschaften verschiedener Prägung wie die "Ahldener Bruderschaft" im "Geistlichen Rüstzentrum Krelingen" (1952), die Ev. Schwesternschaft "Ordo pacis" (1953), die "Bruderschaft vom Kreuz" (1958), der "Laurentiuskonvent" (1959), das "Ev.-Lutherische KlosterAmelungsborn" (1960), die "Ansverus- Bruderschaft" (1960) u.a.

Ordnungen, Regeln, Leitbilder

Die Spiritualität der "Evangelischen Marienschwesternschaft" ist an dem vielfältigen Schrifttum der Gründerin Mutter Basilea (Schlink) abzulesen, neben ihren zahlreichen Liedern besonders an dem täglich gehaltenen "Gebet zur Todesstunde Jesu im Gedenken an Sein Leiden": "Jesus, lass uns Dich im Leiden sehen und am Kreuze bei Dir stehen, danken Deiner bittren Pein." Und gegen Ende die Bitte:"Zum Dank für Deine Erlösungstat mach uns zu einem Liebesopfer durch Deine Gnade, auf dass Du mehr geliebt würdest und Liebe Dein Herz erfreue." In der Neufassung der "Satzung der Evangelischen Marienschwesternschaft e.V." (2000) heißt es: "Die Evangelische Marienschwesternschaft e.V. ist eine ordensmäßige Gemeinschaft, deren Glieder sich unter dem Ruf Gottes freiwillig zu einem Leben in Armut, Gehorsam, Keuschheit und Niedrigkeit entschlossen haben. Ihr Handeln ist bestimmt von der Ehrung und Verherrlichung des Dreieinigen Gottes ... auf dem Boden der ganzen Heiligen Schrift, die ihr in ihren einzelnen Aufgaben richtungweisend ist. Vereinszweck ist die Ausrichtung verschiedener Dienste auf geistlichem und praktischem Gebiet. Dazu gehören gottesdienstliche Veranstaltungen - Gebetsdienst -Hinführung der Menschen zu Heil und Rettung in Jesus Christus gemäß der Heiligen Schrift - Weiterführung im Glauben - weltweite religiöse Verkündigung und Vermittlung christlicher Werte durch Herstellung, Veröffentlichung und Verbreitung von Schrifttum, Lobpreistafeln, sowie Audio- und Videoprogrammen zu nichtkommerziellem Einsatz in allen Medienbereichen, z.B. Rundfunk, Fernsehen, Internet - Zusammenarbeit mit christlichen Gemeinden und Gemeinschaften nach biblischen Grundsätzen, sowohl im lokalen Bereich als auch auf internationaler Ebene - Sühnedienst in und an Israel - Unterstützung Notleidender, besonders in Krisen- und Katastrophengebieten..."

Kurz zuvor hat die "Communität Christusbruderschaft Selbitz" nach Überwindung einer durch den Tod der Stifter Walter und Hanna Hümmer ausgelösten Krise eine "Regel" veröffentlicht (1999), nach der sie lebt. "Die Regel betont, dass alle Menschen Geschöpfe Gottes sind, von dem sie ihre einmalige Würde erhalten. Sie lädt ein, dem Dreieinigen Gott zu vertrauen und seinem Wort zu gehorchen. Aus Selbstmacht, Selbstgenuß und Selbstbestimmung ruft sie auf den Weg der Nachfolge Christi in Armut, Keuschheit und Gehorsam. Im Glauben an ihn, Jesus Christus, werden wir Menschen, durch die Gott seine Sendung der Barmherzigkeit weitergestalten kann in dieser Welt. Das ist unsere Berufung." (Sr. Anna-Maria aus der Wiesche, Priorin).

In einer Jubiläumsschrift zum 50jährigen Bestehen hat die "Communität Casteller Ring" unter der Überschrift "Herkunft ist Zukunft" ihren Werdegang dargestellt - von den Anfängen im "Bund Christlicher Pfadfinderinnen" (1942) bis hin zum Schritt in die Öffentlichkeit durch die Anmietung des Schlosses auf dem Schwanberg (1957). Nach dem Tod der Stifterin Mater Christl Schmid begann eine Phase der "Neuorientierung" bis hin zum Bau eines Ordenshauses und der St. Michaelskirche auf dem Schwanberg. 1998 entstand ein zeitgemäßes Leitbild, in dem unter den Stichworten "Grundlagen", "Berufung", "Gemeinschaft", "Aufgaben" und "Vernetzung" der Standort der Communität beschrieben wird, die "in der Evangelisch-Lutherischen Kirche als Ordensgemeinschaft im Geist der Regel des hl. Benedikt lebt

"Auch unter den in den 50er und 60er Jahren entstandenen Schwesternschaften und Bruderschaften haben einige ihr Leben förmlich geregelt wie das "Ev.-luth. Kloster Amelungsborn (1960/65) und die "Evangelische Schwesternschaft ordo pacis". Nach mehr als 40 Jahren gemeinsamen Lebens hat die "Christusträger- Bruderschaft" formuliert, wie sie ihre Berufung und Sendung versteht: "Wir glauben, dass Jesus Christus als der Lebendige in uns gegenwärtig ist. Ihn wollen wir unter die Menschen tragen. Je länger wir mit ihm leben, desto tiefer erfassen wir: Er trägt uns. In Jesus begegnet Gott uns Menschen als Bruder. - Unser Blick wurde auf die Not der Armen gelenkt. Daraus erwuchs unser brüderlicher Dienst an Kranken und Armen in den Ländern besonderer Bedürftigkeit. Das Engagement für die Armen ist uns bleibend wichtig, ebenso die Frage, was dies für unser Leben in Europa bedeutet. - Wo wir können, teilen wir unser Leben und unseren Glauben mit anderen Menschen. In vielfältiger Weise geschieht dies bei der alltäglichen Berufsarbeit, mit evangelisierenden Einsätzen in Gemeinden und durch das Öffnen unserer Gemeinschaft für Gäste und Mitlebende. Bei all unserer Aktivität als Christusträger gilt: Aktiv ist Christus. Im Wachstum und Gelingen wie auch in Erfahrungen des Misslingens und Zerbruchs ist er uns nahe. Er lebt in uns und wir sind von ihm getragen, von innen getragen - Christusträger."

Die 68er

In den 70er Jahren entstanden weitere Kommunitäten im engeren Sinn und Kommunitäten im weiteren Sinn, z.B. die "Ev. Geschwisterschaft Kleine Brüder vom Kreuz" (1977), aber auch Familiengemeinschaften bzw. Familienkommunitäten neuerer Art wie die "Offensive Junger Christen" (1968), das "Lebenszentrum für die Einheit der Christen Schloss Craheim" (1968), das "Ökumenische Lebenszentrum Ottmaring" (1968) mit Mitgliedern der katholischen Focolarbewegung und der evangelischen Bruderund Schwesternschaften "vom gemeinsamen Leben" bzw. "vom Kreuz" (1968), die "Basisgemeinde Kornwestheim" (1973), später "Wulfhagenerhütten" (1983), die "Ev. Communität Koinonia" in Hermannsburg (1976) mit Konventen in Südafrika, Göttingen und Heidelberg, die "Jesusgemeinschaft mit Christustreff" (1981/82), eine "Familiengemeinschaft mit gemeindeähnlichen Strukturen" in Marburg, die "Familienkommunität Siloah" in Neufrankenrode/Thüringen (1990) und andere.

Nach Quellen und Zielen lassen sich diese neueren Gemeinschaften ebenso schwer gruppieren wie die älteren, z.B. in den "mehr pietistischen Typ" und dem "stärker ekklesial orientierten Typ" (Johannes Halkenhäuser) oder auch in "Gemeinschaften mehr kontemplativer", "mehr diakonisch-sozialer", "mehr missionarisch- evangelistischer" und "anderer Aufgabenstellung" (Gerhard Hage).

Kontakte und Vernetzungen

Unter den Kommunitäten und geistlichen Gemeinschaften gibt es vielfältige Kontakte und Vernetzungen, vor allem die alle zwei Jahre zusammenkommende "Konferenz evangelischer Kommunitäten" (seit 1978), das alljährliche "Treffen der Verantwortlichen geistlicher Gemeinschaften" (seit 1969) sowie das "Treffen geistlicher Gemeinschaften" (seit 2003), aber auch interkonfessionelle Zusammenkünfte wie die "Ökumenische Weggemeinschaft Spiritualität und Ökumene" im Kloster Neresheim, das "Kontaktnetz Christophorus" (seit 2004) und der internationale und interkonfessionelle "Kongress für Ordensleute" (seit 1979).

Kirche und Kommunitäten - gemeinsam unterwegs?

Einer weiteren Klärung und Verbesserung bedarf das Verhältnis der Kommunitäten zu den Landeskirchen und zur EKD. In den Landeskirchen haben sich verschiedene und tragfähige Formen regelmäßiger Kontakte und Begegnungen mit den Kommunitäten entwickelt. Die EKD benennt seit 1979 einen "Beauftragten für Kommunitäten, Schwestern- und Bruderschaften", der sich durch Einzelbesuche und durch Teilnahme an Konferenzen und Treffen um die Förderung von Erfahrungsaustausch und Zusammenarbeit, nötigenfalls auch um Vermittlung in Streitigkeiten bemühen soll.

Eine erste offizielle Stellungnahme zu den Kommunitäten unter der Überschrift "Gelebter Glaube" hat die Bischofskonferenz der VELKD 1976 veröffentlicht. 1979 erschien die EKDStudie" Evangelische Spiritualität" und 1990 befasste sich die EKD-Synode mit den evangelischen Kommunitäten: "... Die Synode richtet ihren Dank auch an die kommunitären Gemeinschaften für den Dienst, den sie zeichenhaft für die ganze Kirche tun. Sie verbindet damit die Bitte, die Kommunitäten mögen sich weiterhin als Teil der größeren kirchlichen Gemeinschaft betrachten, den Austausch mit Gemeinden und Gruppen pflegen, interessierten, suchenden und beladenen Menschen einen Ort zum Aufatmen gewähren, den Dienst der Fürbitte für Kirche und Welt in Treue wahrnehmen und die Erinnerungan die ökumenische Weite der christlichen Berufung wachhalten. Die Synode bittet die Gliedkirchen, auch künftig den kommunitären Gemeinschaften ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden."

Zur Zeit befasst sich eine Arbeitsgruppe des Rates der EKD mit der Weiterentwicklung des Verhältnisses zwischen Kirche, Kommunitäten und geistlichen Gemeinschaften. In diesem Zusammenhang gibt es eine Reihe von theologischen, zum Teil auch kirchenrechtlichen Fragen, die der Klärung bedürfen, vor allem das Verhältnis der Kommunitäten zu den Kirchengemeinden und zu den Landeskirchen betreffend. Dabei geht es unter anderem um die Frage einer kirchlichen Anerkennung einerseits und des nötigen Freiraums der Kommunitäten andererseits, um die theologische Verortung und auch um die Rechtsform der Gemeinschaften sowie um Zusammenarbeit und Arbeitsteilung, um die über Besuche und Kontakte hinausgehende formelle Visitation, nicht zuletzt um die Ordination bzw. Beauftragung von leitenden Mitgliedern zur öffentlichen Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung.

Ein spezielles Problem, freilich auch eine besondere Chance für die wachsende Einheit der Kirche, bilden die katholischen Mitglieder in evangelischen Gemeinschaften wie auch die evangelischen Mitglieder in katholischen Gemeinschaften.

 

Wir danken dem Konfessionskundlichen Institut in Bensheim für die Abdruckerlaubnis des (hier gekürzten) Textes aus ihrem Materialdienst 2005, 56. Jg.

Von

  • Christian Zippert

    Prof. Dr., Kassel, war Landesbischof der Ev. Kirche in Kurhessen-Waldeck und von 2000 bis 2006 Beauftragter des Rates der EKD für geistliche Gemeinschaften und Kommunitäten.

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