Der Grünkraft Gottes trauen

Der Grünkraft Gottes trauen

Impulse zur Jahreslosung

Jesaja 43,19

von Maria Kaißling

Gott spricht:

Siehe, ich will ein Neues schaffen,

jetzt wächst es auf, erkennt ihr's denn nicht?

Jes. 43,19

Zum 9. Mal fand im "Haus der Stille" in Weitenhagen die Familienfreizeit zum Jahreswechsel mit rund 50 Freunden und Gästen samt Kindern von nah und fern statt. Vier Tage des gemeinsamen Rückblickens, Bibellesens, Austauschens und Feierns fanden ihren Abschluss in folgender geistlichen Ansprache zur Jahreslosung 2007.

365 frische Tage - ein ganzes Jahr liegt unverbraucht vor uns, unberührt wie ein Schneefeld, das noch von keinem Fuß betreten wurde. Ich persönlich liebe die Anfänge: ich schlage in meinem Gebetstagebuch eine ganz neue Seite auf, ein noch unbeschriebenes Blatt, in einer gewissen freudig gespannten Erwartung: womit werden die jetzt noch weißen Seiten gefüllt sein? Mit Dank? Mit Sorgen? Mit Fragen? Mit Ärger? Mit neuen Ideen? Erfahrungsgemäß wird später von allem etwas zu finden sein.

Unser ängstliches Herz mag immer wieder zweifeln: Müssten wir das Neue samt dem neuen Jahr nicht fürchten? Sieht die gesamte Weltsituation nicht eher zum Fürchten aus? Wird denn wirklich Neues wachsen, auf das wir uns freuen können?

Solche oder ähnliche Fragen werden auch das Volk Israel im babylonischen Exil umgetrieben haben, dem das Prophetenwort ja ursprünglich zugesprochen wurde. "Siehe", ruft Jesaja auch uns zu, macht die Augen auf! Die Saat ist längst ausgesät, keimt und wächst schon.

Dieses Aufwachsen von etwas Neuem in unserer Welt, in unserer Kirche, in unseren Beziehungen und in unserem Charakter in den Blick zu bekommen, darum geht es.

Das Gemälde "Sommerfeldhaus" von Sabine Waldmann-Brun, mit dem die Jahreslosung des Gebetskalenders gestaltet ist, zeigt uns eine leuchtend goldgelbe Sonne und ein grünes Feld, das von unten nach oben wächst und auf Entfaltung drängt. Hildegard von Bingen nennt es Grünkraft Gottes, wenn sie von dem schöpferischen Geist Gottes spricht. Jeder von uns darf hoffnungsvoll gespannt sein und erwartungsvoll fragen: wo und wie werde ich diese grüne, kraftvolle Spur der Hoffnung und des Neuwerdens im neuen Jahr entdecken? Wo und wie - in meinem Arbeitsalltag,

in der Familie, in meinen Freundschaften und im persönlichen Leben?

Eindeutig verspricht Gott durch den großen Propheten Israels: Ich schaffe auf jeden Fall Neues. Ich bin schon dabei!

Heute früh liefen meine Gedanken noch einmal zurück in den Jahresschluss-Gottesdienst. Dank wollte nicht aufkommen; stattdessen hatte ich eher Sorgen im Herzen: Verwandte, die im Griff von schweren Depressionen stecken, Bekannte, die auf einem Berg Schulden sitzen, Freunde in Trauer usw.

Nein, Jesus, so dachte ich, ich sehe in dieser Hinsicht nichts Neues wachsen. Ich fürchte, es bleibt weiterhin beim Alten. Wird sich wirklich etwas zum Besseren wenden? Ich bin skeptisch. Was könnte das Neue in diesen Lebenslagen sein? Ich kann mir nichts davon vorstellen. Doch das kann und will ich dir heute, in diesen ersten Stunden des neuen Jahres schon sagen: Dir und deinem Wort will ich auch im neuen Jahr eher glauben und mehr vertrauen als mir und meiner Skepsis.

Unser Landesbischof Dr. Abromeit schrieb in seinem Neujahrsbrief: "Wir hören mit der Jahreslosung Gottes mutmachende und lockende Stimme."

Wie macht Gott Mut?

Wenn er spricht wie durch das Wort unserer Jahreslosung und seinem Volk zusagt: "ich will ein Neues schaffen...", dann heißt das zuerst und vor allem: Die jetzige Situation ist nicht das Letzte und Endgültige. Weder im Persönlichen noch im Blick auf die angespannte Weltlage. Das Jetzt behält nicht das letzte Wort! Gott selbst bürgt dafür, denn er selber ist der Initiator des Neuen und der Garant unserer Hoffnung.

Bleiben wir einen Moment im persönlichen Bereich. Vor Ihnen liegt ein Bild, auf dem eine Skulptur von Ernst Barlach zu sehen ist. Zwei lesende Menschen, sie blättern gemeinsam in einem großen Buch. Einer der beiden ist Jesus, der andere sind Sie selber. Miteinander lesen Sie im aufgeschlagenen Buch Ihres Lebens.

Einerseits mag es sein, dass der eine oder andere unter uns doch noch einmal die letzten Seiten des Lebensbuches nachschlagen, durchblättern muss, ehe er eine neue Seite beschriften kann. Ermutigend ist, dass der, der mitliest, Jesus ist. Er ermutigt uns: Erzähl mir dein Leben! Zeig dich mir - mit deinen Wunden, Sorgen, Bindungen, Sünden, Ängsten, Hilflosigkeiten, Erwartungen und Wünschen... Wie du bist, so darfst du kommen - auch heute und an jedem neuen Tag im neuen Jahr. Ich bin dein Arzt und Heiland.

Andererseits gibt es das auch, dass jemand sagt: Ach, ich möchte gar nicht mehr zurückschauen. Zeige du, Jesus, doch meiner aufgeschreckten Seele das Heil, das du bereithältst - für mich und für andere, vielleicht auch für unsere Welt!

Für diejenigen unter uns könnte das Neue erst einmal bedeuten, jeden kommenden Tag mindestens 30 Minuten mit ihm gemeinsam vor dem Buch des Lebens zu sitzen und zu bitten:

Jesus, zeige mir dein Leben. Erzähl mir, wer du heute für mich bist. Was kann mich heute aus deinem Wort ansprechen? Kann ich heute meinem Mitmenschen in Greifswald und anderswo auch so begegnen, wie du deinem Zeitgenossen begegnet bist? Und wie?

"Mitten im Leben mit Gott täglich ein neues Leben mit Ihm beginnen zu dürfen, das ist das Geschenk, das Gott uns mit jedem neuen Morgen macht!" (Dietrich Bonhoeffer)

Bei mir persönlich findet sich morgens auf der Seite meines Lebensbuches ein Lied und ein Psalm, meistens der Wochenpsalm. Damit beginne ich. Sie öffnen mir die Tür für Gott und in den Tag hinein.

Die tägliche Schriftlesung ist DAS Wort Gottes an mich für den Tag, damit Zweifel, Kummer, Ängste, Unruhe eben wirklich nicht das letzte und gewichtigste Wort behalten. Außerdem empfange ich von dem Wort Richtung für mein Tun und Lassen. Dieses Wort soll den inneren Menschen nähren, seinem Wachsen und Reifen in die Lieben helfen, von der so oft so wenig zu sehen ist. Da hilft mir das Gebet von Jeremias Gotthelf:

Herr, unser Gott, du hast unzählige Wege, auf denen du möglich machst, was uns unmöglich scheint. Gestern war noch nichts sichtbar, heute nicht viel, aber morgen steht es vollendet da. Und nun erst gewahren wir, rückblickend, wie du unmerklich schufst, was wir unter großem Lärm nicht zustande gebracht haben.

Dieses Gebet weitet meine Sicht und meine Möglichkeiten über mich hinaus, es stärkt mein Vertrauen in Gott und in sein Schaffen - und lässt mich teilhaben an seinem schöpferischen Leben.

Was erhoffen und erbitten Sie sich an Neuem? Was soll neu werden? Schreiben Sie es in Ihr Lebensbuch und kommen Sie darüber mit Jesus ins Gespräch und bitten Sie ihn, dass Sie seine Spuren, seine "Grünkraft" in Ihrem Leben erkennen können.

Gott spricht: "...das Neue wächst schon auf. Erkennt ihr‘s denn nicht?" In diesem Werden und Aufwachsen stecken wir mittendrin. Nur wenige Zeilen vor unserem Losungsvers steht, dass Gott sein Volk sammelt und heimführt aus dem Exil - vom Osten und vom Westen, vom Norden und vom Süden.

Diese Wirklichkeit erleben wir mit dem neuen Staat Israel seit 58 Jahren mit - nach 2000 Jahren in der Zerstreuung!

Wir können als Christen nicht das Wort des Propheten des alten Israel hören, in Anspruch nehmen, uns von ihm begleiten lassen, ohne die Bewohner Israels heute in unser Denken, Mitsorgen und Beten einzubeziehen. Seit alters her ist ein Symbol für das Volk Israel der blühende Mandelzweig, ein Zeichen der Ermutigung! In einem Gedicht von Schalom ben Chorin, das sich in einigen Regionalteilen des Evangelischen Gesangbuchs findet, wird der blühende Zweig zum Inbegriff für das Aufwachsen des Neuen nach den Verwüstungen der Shoah und des Krieges:

Freunde, dass der Mandelzweig

wieder blüht und treibt,

ist das nicht ein Fingerzeig,

dass die Liebe bleibt?

Dass das Leben nicht verging,

so viel Blut auch schreit,

achtet dieses nicht gering in der trübsten Zeit.

Tausende zerstampft der Krieg,

eine Welt vergeht.

Doch des Lebens Blütensieg

leicht im Winde weht.

Freunde, dass der Mandelzweig

sich in Blüten wiegt,

bleibe uns ein Fingerzeig, wie das Leben siegt!

Israel, der im Sturm der Geschichte und der Politik geschüttelte und dennoch blühende Mandelzweig, bleibe auch uns ein Fingerzeig dafür, dass Gottes Leben, seine schöpferische Liebe siegt. Nicht Tod, nicht Vernichtung haben das letzte Wort, sondern das Leben. Die Liebe bleibt! Das hat Gott in der Geschichte immer wieder gezeigt. Das verspricht er auch uns im Blick auf das, was auf uns zukommt.

Was immer das neue Jahr für unsere Erde und für uns persönlich in sich trägt: Wir beginnen das erste Blatt des Kapitels 2007 im Buch unseres Lebens mit der Zusage und der Herausforderung des einzigartigen und wunderbaren Gottes Israels, der in Jesus Christus auch unser Vater geworden ist: Siehe, schau her - ich lasse mitten in der alten Welt Neues entstehen. Siehst du es? Dafür öffne er uns täglich neu die Augen!

Amen.

Von

  • Maria Kaißling

    Religionspädagogin. Sie lebt in der OJC-Auspflanzung in Greifswald und ist vorwiegend als Seelsorgerin tätig.

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