Editorial

Eine Christenheit, die in der Gemeinschaftsfrage versagt, wird schuldig am Menschen.
Helmut Claß (1913-1998) Landesbischof
und erster KD-Beauftragter für die Kommunitäten.

Liebe Freunde!

Klöster kennt man - wenigstens vom Hörensagen. Was eine Kommunität ist, wissen nur wenige. Die inneren Bilder, die damit verbunden werden, reichen von "Flower-Power-Kommune" bis zur "Sekte". Aber nicht selten ist verbindliches geistliches Leben von Männern und Frauen nicht nur exotisch, sondern auch ein Ärgernis. Entschiedenheit und Radikalität einer auf Gott ausgerichteten, freiwillig beschränkten und konzentrierten Lebenskultur korrespondiert nicht selbstverständlich mit den Idealen einer auf Luststeigerung ausgerichteten Konsumgesellschaft und wirkt schnell fremd und anstößig.

Nicht einmal in der Kirche hatten es Kommunitäten und geistliche Gemeinschaften in den vergangenen Jahrzehnten leicht, ihren Platz zu finden. Und die Kirche hatte es wohl auch nicht immer leicht, innerlich Zugang zur Gemeinschaft zu finden. Dabei ist sonnenklar: Kirche und verbindliche Gemeinschaft, das gehört untrennbar zusammen, wie uns die Apostelgeschichte eindrücklich zeigt. Nach Jahrzehnten des Gegen- und Nebeneinanders ist auch in der evangelischen Kirche in den vergangenen Jahren in vielerlei Hinsicht ein Umdenken eingekehrt: Die Komm-unitäten werden als Teil der Kirche wiederentdeckt - sozusagen als wiedergefundenes Glied am Leib. Ein Ausdruck dieser Entwicklungen ist die Ende 2004 einberufene "Arbeitsgruppe Evangelische Kommunitäten". Nach zwei Jahren intensiver Gespräche wird der erarbeitete Text "Verbindlich leben - ein Votum des Rates der EKD zur Stärkung evangelischer Spiritualität" in diesen Tagen verabschiedet.

Von der Verabschiedung von Bischof Zippert als Kommunitätenbischof haben wir berichtet. In diesem Heft stellen wir Ihnen seinen Nachfolger vor: Bischof Jürgen Johannesdotter, der uns sein erstes Interview im neuen Amt gab (S. 6).

Die Familie Gottes bezeugen

In einer Welt zunehmender Vereinsamung, Schnelllebigkeit und zunehmender Gleichgültigkeit wächst die Sehnsucht der Menschen nach Orten der Orientierung, der Ruhe und der Verbundenheit. Gegen diese Nöte sind Kommunitäten und geistliche Gemeinschaften gewiss kein Allheilmittel, aber sie sind Orte des Glaubens, an denen ein entschleunigtes und ausgesöhntes Miteinander erlebt werden kann, das die Existenz der "Familie Gottes im Alltag" glaubwürdig bezeugt. Das ist ein wesentlicher Dienst in unserer Kultur, in der Bürgergemeinde und Christengemeinde weithin auseinandergefallen sind und sonntägliche Verkündigung und gelebter Alltag kaum noch Berührungspunkte haben.

Eliminiert statt reformiert

Blickt man in die Geschichte, so lässt sich leicht feststellen, dass mit der Reformation im 16. Jahrhundert die aufbrechende protestantische Kirche mit der kirchlichen Sozialgestalt der Ordensgemeinschaften radikal gebrochen hat. Tatsächlich setzte Luthers Kirchenkritik wesentlich am weithin entarteten Klosterleben an. Was aber hätte aus der Kirche werden können, wenn die Klöster nicht eliminiert, sondern reformiert worden wären? Der Gang der Geschichte verlief anders und so wurden Ortsgemeinde und Familie zu den zentralen Tragkräften evangelischen Glaubens. Beide stehen ihrerseits heute in schweren Krisen. Da ist es tröstlich zu wissen, dass Christus seine Kirche zum Ziel bringen wird - durch alle Umwege der Geschichte hindurch.

Leuchtfeuer oder Lagerfeuer?

Es hat allerdings einige hundert Jahre gedauert, bis in der evangelischen Kirche die Gemeinschaften wieder aufgetaucht sind, genau genommen erst im 20. Jahrhundert (S. 18). Bis dahin war die Ortsgemeinde, die Parochie, das absolute Maß evangelischer Spiritualität. Das ändert sich zunehmend. Das Bewusstsein wächst, dass Kirche sich darin nicht erschöpfen darf. In einem streitbaren Impulspapier hat die EKD vor einigen Wochen ihre Zukunftsvision, einen "Leuchtfeuerplan" für 2030 vorgelegt. Interessant, dass davon ausgegangen wird, dass zu diesem Zeitpunkt nur noch 50 Prozent der Kirchgänger in der klassischen Ortsgemeinde angesiedelt sein werden. Die andere Hälfte vermutet man in anderen, neuen Gemeindeformen, in Netzwerkgemeinden oder auch in Kommunitäten. Strukturell durchaus mutig gedacht, bleibt das Impulspapier in geistlicher Perspektive leider blass. Die zentrale Frage, wie das "missing link" gemeinschaftlichen Lebens in der Kirche wiedererweckt und gestaltet werden kann, bleibt unbeantwortet. Die größte Not und damit auch das größte Potential für die Erneuerung der Kirche ist die Gemeinschaftsarmut im Kern der Gemeinden. Ein Pfarrer ohne mittragende Geschwister, ohne verbindliche Beter und geistliche Mitstreiter an seiner Seite, steht langfristig auf verlorenem Posten. Es könnte sich lohnen, hier wieder bei Martin Luther anzuknüpfen, der sich zu seiner Zeit schon nach einem Kreis verbindlicher Mitstreiter im Kern der Gemeinde sehnte und Ausschau hielt nach jenen, "die mit Ernst Christen wollen sein".

Es sind weniger die großen Leuchtfeuer struktureller Neuausrichtung, die der Kirche wieder Leben einhauchen werden, als vielmehr die kleinen verbindlichen Zellen von Menschen, die die Glut des Glaubens hüten und um die Zündkraft des Heiligen Geistes bitten. Nicht buntes Feuerwerk, sondern wärmendes Lagerfeuer wird die Kirche anziehend machen. Darum braucht es mehr beherzte Pfadfinder als professionelle Pyrotechniker.

Vom 25. -27. 1. 2007 wird es eine erste öffentliche Aussprache zum Impulspapier Kirche 2030 der EKD in Wittenberg geben. Es lohnt sich, dafür zu beten, dass der Prozess, der hier beginnt, zu einem echten Umdenken und Umlenken in der Kirche führt - und zu einer Erneuerung von Christus her und auf Christus hin.

Auftrieb oder Abgesang?

Es steht außer Frage, dass die Klöster in der Geschichte der abendländischen Kultur Bahnbrechendes für die Gesellschaft geleistet haben. Die Frage an die Kommunitäten und geistlichen Gemeinschaften heute ist, ob sie die geistliche Klarheit, Schwerkraft und Ausstrahlung besitzen, auch eine postmoderne, nach-christliche Gesellschaft zu prägen und die frohe Botschaft lebendig und offensiv weiterzutragen. Was macht sie zum innovativen Impulsgeber heute? (S. 40)

Natürlich stehen geistliche Gemeinschaften immer auch in der Gefahr der Einseitigkeit und Absolutsetzung ihres Auftrags. Hier ist es wichtig, in den Blick zu bekommen, dass ein geschenktes Charisma kein Selbstzweck einer Gruppe, sondern immer zum Wohl der ganzen Kirche gegeben ist. Ergänzung und Dialogbereitschaft und das immer wieder bewusste Wahrnehmen der Kirche als Leib Christi, an dem die geistlichen Gemeinschaften und Kommunitäten ein Glied sind, sind da Korrekturhilfen.

So droht von der Frische und der Totalität des Aufbruchs der Gemeinschaften her fast unausweichlich immer wieder auch der Zusammenstoß mit der örtlichen Gemeinde, bei der es Schuld auf beiden Seiten geben kann und bei dem daher beide Seiten geistlich gefordert sind. - Geschrieben hat das ein katholischer Vordenker über die neuen Bewegungen, aber es gilt auch für die Gemeinschaften evangelischer Konfessionen. Einander als Ergänzung und nicht als Bedrohung zu sehen, ist von zentraler Bedeutung für die Wirksamkeit und Ausstrahlungskraft vor Ort. Viel Unheil und Zerstörung geschieht da, wo sich Glieder am Leib der Kirche gegenseitig blockieren und bekämpfen.

Junge, Junge - gar kein Junge!

Kein Salzkorn hat in den vergangenen Monaten so eingeschlagen wie unser Heft über Gender-Mainstreaming (5/2006). Immer noch erhalten wir täglich Nachbestellungen. Und so langsam wachen auch die Medien auf! Damit beginnt hoffentlich auch der öffentliche Diskurs über ein Thema, das seit 1999 politisch durch die Institutionen bis hinunter in die Kindergärten marschiert, dessen brisante Inhalte aber bis heute kaum jemand kennt. Vordergündig wird Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern gefordert - da stehn wir voll dahinter. Hintergründig jedoch transportiert Gender-Mainstreaming eine Ideologie, die die Auflösung der Geschlechterpolarität, ja der Geschlechter von Mann und Frau zum Ziel hat. In seiner ersten Nummer des Jahres hat der SPIEGEL sich des Themas unter der Überschrift "Der neue Mensch" kritisch angenommen und die Absurdität dieses ideologischen Konzepts aufgezeigt. In einem sehr bezeichnenden Beispiel berichtet er von der "pädagogischen" Arbeit von "Dissens e. V.", einem von der Bundesregierung geförderten Gender-Projekt mit dem Schwerpunkt Jungenarbeit. Ziel dieser gendergerechten Jungenarbeit sei die "Zerstörung von Identitäten", so der SPIEGEL. Das Ziel einer "nichtidentitären Jungenarbeit" sei "nicht der andere Junge, sondern gar kein Junge."*

Ideologie statt Philologie

Die theologische Umsetzung der Gender-Ideologie findet in der "Bibel in gerechter Sprache" ihre Entsprechung. Der Züricher Theologieprofessor Ingolf U. Dalferth legt dar, was herauskommt, wenn Übersetzer Ideologie statt Philologie betreiben. (S. 48) Nicht aus dem Text heraus wird hier die Wahrheit des Gotteswortes verstanden, sondern die erwünschte Bedeutung wird ihm als Profil von außen verpasst. Genau das nennt man wohl Ideologisierung. Dass die EKD-Synode beschlossen hat, in ihren Gottesdiensten und in ihren Veröffentlichungen nicht auf diese Übersetzung sondern die Lutherbibel zurückzugreifen, macht dankbar.

Dass wir uns zwar leidenschaftlich gegen diese Art von Gender-Manipulation stark machen, aber durchaus eine Schwäche für starke Frauen haben, zeigt auch das "Interview" mit der streitbaren und zugleich überaus sympathischen Erdmuthe von Zinzendorf. Sie berichtet über die erste evangelische Kommunität in Herrnhut und ihre Rolle in den Gründerjahren (S. 44).

Die Wanne ist voll!

Mit Staunen und Dankbarkeit haben wir im Dezember erlebt, was Glaube, Hoffnung und die Treue guter Freunde vollbringen können. Mehr als 185.000 Euro betrug unser Finanzdefizit Anfang November. Bis 31.12.06 konnte das gesamte Defizit durch die Spenden unserer Freunde ausgeglichen werden! Zusätzlich haben wir mehr als 130.000 Euro für unsere Weihnachtsaktionsprojekte gesammelt. Wir danken Gott und allen Gebern und Unterstützern von Herzen für diese unglaubliche Ermutigung, Bestätigung und Wertschätzung unserer Arbeit. So können wir in diesem Jahr getrost unser kulturmissionarisches Projekt "Wege zum Leben" auf Schloss Reichenberg weiter vorantreiben. Es gibt noch viel zu tun, bis diese moderne Pilgerstätte ihre neue Gestalt bekommen haben wird. Wir freuen uns, wenn Sie das weiter im Herzen und im Gebet mittragen - vielleicht auch ganz praktisch Hand mit anlegen und in einer unserer Bauwochen Leben und Arbeit mit uns teilen. Noch sind einige Plätze frei (S. 54)!

Wir blicken dankbar zurück auf 2006 und geben Ihnen mit unserem Bilderbogen gerne noch einmal Anteil an Schönem und Originellem des vergangenen Jahres (S. 14). Dazu zählt vor allem auch die Bereicherung durch unsere Gäste. So haben sich in unseren Gästehäusern die Mitarbeiter von

Amnesty International ebenso wohlgefühlt wie der Alpha-Kurs des Christlichen Zentrums.

Herzlich und mit dem Wunsch, dass im kommenden Jahr auch für Sie Gottes Grünkraft in Ihrem Leben spürbar und sichtbar wird (S. 11), grüße ich Sie mit der ganzen OJC und unserem Neujahrsmotto: Wir freuen uns auf 007 - ein Jahr mit der "Lizenz zum Lieben".

Ihr

Dr. Dominik Klenk

abgeschlossen am 19. 1. 2007

Von

  • Dominik Klenk

    Journalist und Medienpädagoge; Leiter und Prior der OJC von 2002-2012; seitdem Leiter des fontis' Verlags (ehemals Brunnen Verlag), Basel

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