Schatz im Acker der Kirchen

Schatz im Acker der Kirchen

Der Wandel in der Bedeutung der Ortsgemeinde und die Wiederentdeckung der kommunitären Lebensart

von Peter Zimmerling

Der aus dem Französischen und Englischen stammende Begriff "Kommunität" wird in einem engeren und einem weiteren Sinn verwendet. Im engeren Sinn bezeichnet er evangelische Gemeinschaften, die nach der - häufig modifizierten - Regel der drei monastischen Gelübde auf Dauer zusammenleben: des Gehorsams gegen eine Leitungsinstanz, des Verzichts auf Privatbesitz und auf die Ehe. Im weiteren Sinn findet er für Schwesternschaften, Bruderschaften und Gemeinschaften von Frauen und Männern Verwendung, deren Mitglieder ihr Christsein zwar nach einer verbindlichen Regel gestalten, ohne sich aber aus Familie und Beruf zu lösen. Es gibt auch Gemeinschaften, die beide Formen umfassen.

Mittlerweile gibt es in fast allen evangelischen Kirchen und den meisten europäischen und amerikanischen Ländern Kommunitäten, so dass man von einem weltweiten ökumenischen Phänomen sprechen kann. Dabei wurden die evangelischen Landeskirchen von der Entstehung zahlreicher Kommunitäten im 20. Jahrhundert mehr oder weniger überrascht. Erst 1979 vollzog die EKD mit ihrer Denkschrift "Evangelische Spiritualität" einen tiefgreifenden Paradigmenwechsel. Sie brach - vorbehaltlos - mit der aus der Reformationszeit herrührenden Ablehnung monastischer Lebensformen im Raum der evangelischen Kirchen. Seither geht man davon aus, dass Kommunitäten eine legitime Ausprägung biblisch-reformatorischen Christseins darstellen und würdigt sie als Orte spiritueller Übung und Erfahrung: "In neuerer Zeit sind Kommunitäten und Einkehrhäuser für viele zu ‚Gnadenorten‘ geworden. Diese Entwicklung sollte gefördert werden." Um den kommunitären Aufbruch verstehen und richtig einordnen zu können, ist es unerlässlich, einen Blick in die Geschichte der Kirche zu werfen.

Die vierfache Sozialgestalt der Kirche

Der evangelische Kirchenrechtler Hans Dombois1 hat überzeugend nachgewiesen, dass vier Sozialgestalten für die Kirche essentiell sind. Sie bildeten sich in den ersten vier Jahrhunderten des Christentums heraus: universale Kirche, partikulare Kirche*, Gemeinde und Orden bzw. Klöster. Ortsgemeinde und universale Kirche sind dabei gleich ursprünglich, was bereits an der Doppelbedeutung des neutestamentlichen Begriffs der ecclesia im Sinne von Gesamtgemeinde (1. Kor 15,9) und Einzelgemeinden (1. Kor 1,2) sichtbar wird. Sehr bald entwickelte sich auch die dritte Gestalt von Kirche, die Partikularkirche. Ansätze zu ihrer Entwicklung finden sich wiederum schon im Neuen Testament. Hier ist z.B. die durch die paulinische Mission entstandene griechisch geprägte Kirche zu nennen (vgl. auch 1. Kor 16,1, wo Paulus von "den Gemeinden in Galatien" spricht). An der Wende vom dritten zum vierten Jahrhundert entstand schließlich eine vierte Sozialgestalt von Kirche, die später unter der Bezeichnung Orden bzw. Klöster begrifflich zusammengefasst wurde. Unter Orden sind alle selbständigen Gruppen zu verstehen, "die auf Grund besonderer Berufung und freier Wahl ihrer Glieder in bewusster Korrelation zu der grundsätzlich jedem Christen zugänglichen 'Kirche' und 'Gemeinde' stehen, aber eben selbst nicht Kirche oder Gemeinde zu sein beanspruchen [...]. Aus dieser bewussten Begrenzung und bejahten Bezogenheit ergibt sich [...] der charakteristische Verbandstypus der 'besonderen Dienstgemeinschaft'[...]".

Orden bzw. Klöster sind nicht allein durch den Verweis auf außergewöhnliche Entstehungsbedingungen, wie z.B. eine verweltlichte oder reich gewordene Kirche und darauf reagierende besondere asketische Bestrebungen zu erklären. Vielmehr kommt ihnen eine für die drei anderen Gestalten der Kirche auf Dauer unverzichtbare spirituelle und institutionelle Prägekraft zu. Die vier Sozialformen der Kirchestellen keine isolierten Größen dar, sondern verweisen aufeinander und sind untereinander verbunden. Im Folgenden wird davon ausgegangen, dass evangelische Kommunitäten und geistliche Gemeinschaften zur vierten Sozialgestalt von Kirche gehören.

Konzentration auf Ortsgemeinde und Landeskirche

Die Reformation setzt gegenüber dem Mittelalter in ekklesiologischer Hinsicht neu ein. Ihre Konzentration auf Ortsgemeinde und Partikularkirche stellte eine notwendige Gegenbewegung zu deren Vernachlässigung und Abwertung durch die mittelalterliche Kirche dar. Im Rekurs auf das Neue Testament entdeckte die reformatorische Theologie die Ortsgemeinde neu. Die - parochial verfasste - Ortsgemeinde wurde zum ekklesiologischen Modell. Die Konzentration auf die Ortsgemeinde wird sichtbar in Art. 7 der Confessio Augustana (Augsburger Bekenntnis): "Es wird auch gelehrt, dass alle Zeit eine heilige, christliche Kirche sein und bleiben muss, die die Versammlung aller Gläubigen ist, bei denen das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente laut dem Evangelium gereicht werden." Diese Definition beinhaltet, dass Kirche im eigentlichen Sinn nur dort zu finden ist, wo Christen sich konkret um Wort und Sakrament versammeln. Es war konsequent, dass dadurch die überragende Bedeutung der Universalkirche in Frage gestellt wurde. Die Wiederentdeckung des allgemeinen Priestertums (1. Petr 2,9) durch die Reformatoren trug zusätzlich zur Konzentration auf die Ortsgemeinde bei. Martin Luthers Schrift "Dass eine christliche Versammlung oder Gemeine Recht oder Macht habe, alle Lehre zu urteilen und Lehrer zu berufen, ein und abzusetzen; Grund und Ursach aus der Schrift" (1523) zeigt exemplarisch die Aufwertung der Ortsgemeinde aufgrund des Gedankens vom allgemeinen Priestertum.2

Auch die reformatorische Spiritualität orientierte sich ausschließlich an der Ortsgemeinde und trug so ihrerseits maßgeblich zu deren Zentralstellung bei. War im Mittelalter das Kloster das herausragende spirituelle Handlungsfeld, wies Martin Luther der reformatorischen Spiritualität Familie, Beruf und Gesellschaft als primäre Verwirklichungsfelder zu. Er verlegte damit das Zentrum der christlichen Frömmigkeit vom Kloster in die Familie und schuf auf diese Weise die Hauskirche. Gleichzeitig machte er den weltlichen Beruf und damit die Gesellschaf zum Bewährungsfeld des Glaubens.

Reformatorische Spiritualität war eine Spiritualität für jedermann und zeichnete sich durch Alltagsverträglichkeit aus. Familie, Beruf und Gesellschaft haben sich in den folgenden Jahrhunderten als bevorzugter Raum reformatorischer Spiritualität bewährt. Luthers eigene Ehe und Familie wurde zum Prototyp der neuzeitlichen protestantischen Familie. Im Rahmen der Familie gelang durch den Katechismus mit Unterstützung der parochialen Kirchengemeinde die Weitergabe des Evangeliums an die nächste Generation. Indem der weltliche Beruf von Luther zum Bewährungsfeld des Glaubens gemacht wurde, erhielt die weltliche Arbeit religiöse Orientierung. Jeder Christ war dazu befreit, in seinem weltlichen "Beruf" zur Ehre Gottes und zum Wohl der Mitmenschen zu wirken. Dadurch wurden im neuzeitlichen Europa ungeahnte schöpferische Kräfte im Menschen freigesetzt.

Die Reformation breitete sich zunächst primär im Rahmen der Städte aus. Das hier ansässige emanzipierte Bürgertum aber drängte bereits vor der Reformation nach mehr Partizipation und Mitsprache in den Kirchengemeinden. Die Konsequenz war "eine Kommunalisierung von Kirche" als Integration von Kirche in die politische Gemeinde. In der Folge siegte im Protestantismus das Ortsgemeindenprinzip. Das hatte ekklesiologische und soziologische Folgen. Eine zeigte sich in der Spiritualisierung der Vorstellung von der Universalkirche. Mit dem Wegfall des Papsttums im Protestantismus erhielt die jeweilige Landeskirche als Partikularkirche maßgebliche Bedeutung. Die sichtbare Universalkirche wurde zur unsichtbaren Kirche, zu der allein im Modus des Glaubens existierenden Kirche des dritten Glaubensartikels.

Die Entstehung von Kommunitäten

Schon die Reformationszeit zeigt, dass Minderheitsbildungen im Raum der Großkirche anscheinend notwendig zu ihrer Existenz dazugehören. Es sieht so aus, als bildeten die freikirchlichen Gemeinschaften - der sog. "linke Flügel" der Reformation - eine Art Ersatz für das verdrängte Ordenswesen. Entsprechend hatten es Sondergemeinschaften und alternative Bewegungen schwer in den entstandenen Landeskirchen. Dennoch kam es spätestens seit dem 18. Jahrhundert im Raum der evangelischen Landeskirchen zur Bildung von geistlichen Gemeinschaften, die die Rolle der Orden bzw. Klöster übernahmen. Dabei hätte es während der Reformationszeit nicht zwangsläufig zur Auflösung fast aller Orden und Bruder- und Schwesternschaften kommen müssen. Es gibt durchaus positive Aussagen der Reformatoren zum Ordenswesen, aus denen hervorgeht, dass sie nur die Missbräuche abgeschafft wissen wollten, nicht aber die Sache selbst. So hat Luther in seiner Schrift über die Deutsche Messe (1526) darauf hingewiesen, dass eine Vereinigung derer wünschenswert sei, "die mit Ernst Christen wollen sein und das Evangelium mit Hand und Munde bekennen." Sie müssten "mit Namen sich einzeichnen und etwa in einem Hause alleine sich versammeln zum Gebet, zu lesen, zu taufen, das Sakrament zu empfangen und anderechristliche Werke zu üben."

Erst im Pietismus konnten sich erste Ansätze kommunitären Lebens dauerhaft entfalten. Eineerste dauerhafte Neubildung kommunitärer Lebensgemeinschaft stellte die Herrnhuter Brüdergemeine dar (1727), die nach dem Willen ihres Gründers Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf Teil der Landeskirche bleiben sollte.

Einen weiteren Ansatzpunkt kommunitären Lebens in der evangelischen Kirche stellten im 19. Jahrhundert die an vorreformatorische Tradition anknüpfenden, ganz auf diakonische Aufgaben ausgerichteten Schwestern- und Bruderschaften dar. Nach ihrem Vorbild sind bis zum Ende des 19. Jahrhunderts in Europa und Nordamerika zahlreiche lutherische und reformierte Diakonissen- und Diakonenhäuser entstanden.

Im 20. Jahrhundert schließlich gab es drei Entstehungswellen gemeinschaftlichen Lebens sowohl in der lutherischen wie in der reformierten Tradition. Zunächst schlossen sich vor und nach dem Ersten Weltkrieg im Zusammenhang mit der Gemeinschaftsbewegung und dem Protest der Jugendbewegung gegen das wilhelminische Deutschland, angesichts der Erschütterungen des Ersten Weltkriegs, der Neuordnung des kirchlichen Lebens in der Weimarer Republik und der Neuorientierung der Theologie in den Zwanzigerjahren einzelne Bruderschaften ohne vita communis zusammen. Die ersten Kommunitäten mit gemeinsamem Leben entstanden unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. Schließlich formierten sich in den 1960er Jahren Familiengemeinschaften als Möglichkeiten der Erneuerung in einer Zeit tiefgreifender gesellschaftlicher Umbrüche.

Gründe für ihre Entstehung im 20. Jahrhundert

Für die verstärkte Entstehung evangelischer Kommunitäten und geistlicher Gemeinschaften im 20. Jahrhundert waren einerseits soziologische Gründe verantwortlich. Seit der industriellen Revolution wandelte sich die mittelalterliche und frühneuzeitliche Großfamilie über die Kleinfamilie zur Kleinstfamilie. Ihre religiöse Grundierung ging verloren. Mit der fortschreitenden Säkularisierung der Gesellschaft verlor auch der lutherische Berufsgedanke seine religiöse Prägung. Inzwischen wird der Beruf kaum noch als Bewährungsfeld des Glaubens verstanden. Neben Familie und Beruf trat in den vergangenen Jahrzehnten schließlich die Ortsgemeinde in ihrer Bedeutung für die Spiritualität des einzelnen evangelischen Kirchenmitglieds zurück. Die Bewohner einer Großstadt wählen längst unter den verschiedenen Angeboten den Gottesdienst aus, der ihnen zusagt. Das zunehmende Auseinanderdriften in unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen und verschiedene ästhetische Milieus, die kaum eine gemeinsame Kommunikationsebene haben, macht es notwendig, das herkömmliche parochiale System durch zusätzliche Sozialgestalten von Gemeinde zu erweitern.

Andererseits waren theologische Gründe für die Entstehung von Kommunitäten im 20. Jahrhundert maßgeblich. Diese reichen bis in das 19. Jahrhundert zurück. Damals bildete sich im Protestantismus ein Frömmigkeitstypus heraus, der von Individualismus, Subjektivismus und Innerlichkeit bestimmt war.

Mehr und mehr ging der evangelischen Spiritualität der Gemeindehorizont verloren. Eine gewisse Unverbindlichkeit und Profillosigkeit waren die Konsequenz. Gleichzeitig wurde die Bedeutung von Symbol und Ritual für den Glauben unterschätzt. Auf diesem Hintergrund wird verständlich, warum Menschen auf der Suche nach einer gemeinsam gelebten verbindlichen Glaubenspraxis auf vorreformatorische, monastische Lebensformen zurückgreifen. Die Mitglieder von Kommunitäten leben in weitgehender Freiheit von bürgerlichen Familien und Berufspflichten und bilden meist eine Art Sondergemeinde. Dadurch gewinnen sie Freiräume für das gemeinsame geistliche Leben, das von regelmäßigen Gottesdiensten und Stundengebeten geprägt ist. Auch die Möglichkeit der Kommunitäten, als "evangelische Gnadenorte" zu fungieren, rührt daher. Diese Funktion wird konkret im Angebot von Gastfreundschaft, von spirituellen Tagungen und von Seelsorge. Schließlich sind Kommunitäten in der Lage, auch sozial-diakonische Hilfsaktionen spontan und unbürokratisch durchzuführen.

Alle diese Gesichtspunkte führen dazu, dass die evangelischen Kommunitäten und geistlichen Gemeinschaften heute oftmals eine überregionale geistliche Ausstrahlungskraft entwickeln können, die Menschen im Glauben beheimatet.

Chancen und Risiken

Dass die Kirche sich gegenwärtig in einem tiefgreifenden Strukturwandel befindet, wird längst auch außerhalb der Kirche wahrgenommen. Evangelische Kommunitäten und geistliche Gemeinschaften können in diesem Prozess einen Beitrag leisten, der nicht länger übersehen werden sollte. Entsprechend heißt es in der letzten offiziellen Würdigung der evangelischen Kommunitäten und geistlichen Gemeinschaften, nämlich in dem 2006 erschienenen Impulspapier des Rates der EKD "Kirche der Freiheit. Perspektiven für die Evangelische Kirche im 21. Jahrhundert":

"Ein ganz neues Gewicht gewinnen Kommunitäten und klosterähnliche Gemeinschaften an besonderen kirchlichen Orten. Die Zahl evangelischer Gemeinschaften mit einer verbindlichen geistlichen Lebensform wächst; oftmals erfüllen sie herausgehobene geistliche Räume mit ihrem spirituellen Leben. Sie wollen und sollen den Dienst der Ortsgemeinden ergänzen. An solche Orte kommen Menschen, die Zeiten der Stille und des gemeinsamen geistlichen Lebens, also ein ‚Kloster auf Zeit’ suchen. Soweit ihre Gottesdienste und Gebetszeiten öffentlich sind und sie sich im Rahmen der kirchlichen Glaubens- und Lebensordnungen bewegen, sind diese Kommunitäten ein Schatz der evangelischen Kirche."

Zu den Voraussetzungen für eine Hebung dieses "Schatzes" gehört, dass evangelisches Christsein nicht länger allein mit dem traditionellen bürgerlichen Leben in Familie und Beruf identifiziert wird und die Ortsgemeinde nicht länger die einzig anerkannte Sozialgestalt von Kirche im Protestantismus bleibt. Evangelische Kommunitäten und geistliche Gemeinschaften bilden eine eigene Sozialgestalt von Kirche oder eine besonders profilierte Form von Gemeinde innerhalb der Vielfalt von Gemeindeformen in den Landeskirchen. Nur von einer solchen eigenständigen Position aus sind Kommunitäten und geistliche Gemeinschaften am ehesten in der Lage, ihre "Schätze" in das geistliche Leben der evangelischen Kirchen einzutragen und zu einer Erneuerung der Landeskirchen insgesamt beizutragen.

Gefährdungen und Grenzen

Allerdings sollte auch nicht verschwiegen werden, dass kommunitärem Christsein neben den besonderen Chancen auch besondere Risiken innewohnen. Das mag zuerst daran liegen, dass kommunitäres Leben - von Außenstehenden und von Beteiligten gleichermaßen - leicht missverstanden werden kann als Hochform evangelischer Spiritualität, die von einigen wenigen religiösen Virtuosen stellvertretend für alle anderen gelebt werde. Eine solche Interpretation bedeutete faktisch einen Rückfall in ein vorreformatorisches Zwei-Stufen-Christsein - in Christen erster Klasse, die kommunitär leben, und in Christen zweiter Klasse, die in Familie, Beruf und Kirchengemeinde verbleiben. Auf diese Weise ginge die Ausrichtung reformatorischer Spiritualität auf die Welt und das damit verbundene immer neue Ringen um ihre Alltagsverträglichkeit verloren.

Ein weiteres geistliches Risiko kommunitären Christseins besteht darin, dass es in eine Abhängigkeit von dem Leiter oder der Leiterin der Gemeinschaft geraten kann - eine Gefährdung, die es natürlich auch in Ortsgemeinden oder anderen Sozialformen des gemeinschaftlichen Glaubens gibt.

Zuletzt kann es zu einer Überbetonung der Gemeinschaft kommen. Der Glaube der Gemeinschaft könnte zum Ersatz für den eigenen Glauben werden; persönliche Zweifel und Meinungsunterschiede könnten nicht den Raum bekommen, den sie brauchen und verdienen.

Heilende und prophetische Impulse

Im Wissen um diese drei geistlichen Risiken ist es für jede christliche Gemeinschaft wichtig, dass ihren Mitgliedern ein möglichst hohes Maß an Selbstbestimmung, Partizipation und Initiative in Fragen des gemeinsamen Lebens und Glaubens eingeräumt wird.

Unsere pluralistische Gesellschaft ist auf der Suche nach neuen Gestaltungsformen des Zusammenlebens. Kommunitäten und geistliche Gemeinschaften wollen "brüderlich offen sein für die Menschen", wie es in der Regel von Taizé heißt. Sie stellen damit ein Kontrastprogramm zur "metaphysischen Einsamkeit" (Heinrich Vogel) des nachmodernen Menschen dar. Indem sie die Welt bejahen, ohne sich ihren Mechanismen anzugleichen, gehen von ihnen belebende und heilende Impulse in ihre Umgebung aus.

Viele der Kommunitäten und geistlichen Gemeinschaften sind zu Begegnungszentren sowohl zwischen den Konfessionen als auch zwischen den verschiedenen Völkern geworden. Indem die Einheit auf dem Weg der Versöhnung getrennter Positionen gesucht wird, wachsen Einstellungen, die für das Leben in pluralistisch verfassten Gesellschaften von großem Wert sind. Darüber hinaus geht der katholische Theologe Johann Baptist Metz davon aus, dass Kommunitäten auch eine prophetische Aufgabe für Kirche und Gesellschaft haben. Als Gemeinschaften mit verbindlichem geistlichem Leben stellen sie eine unübersehbare Herausforderung gegenüber der Selbstsäkularisierung weiter Teile der westlichen Christenheit dar. In jedem Fall sollte die Einsicht, dass Kommunitäten und geistliche Gemeinschaften eine eigenständige Sozialgestalt von Kirche darstellen, in den kommenden Jahren zu verbindlichen Regelungen im Hinblick auf das strukturelle Miteinander von Kommunitäten, Ortsgemeinden und Landeskirchen bzw. EKD führen.

Anmerkungen

1 Vgl. hier und im Folgenden Hans Dombois, Das Recht der Gnade. Ökumenisches Kirchenrecht II, Grundlagen und Grundfragen der Kirchenverfassung in ihrer Geschichte, Bielefeld 1974, 35-51.

2 Im Hinblick auf Martin Luthers Standpunkt vgl. bes. Johannes Halkenhäuser, Kirche und Kommunität. Ein Beitrag zur Geschichte und zum Auftrag der kommunitären Bewegung in den Kirchen der Reformation (Konfessionskundliche und kontroverstheologische Studien, Bd. 42), 2. Auflage, Paderborn 1985, 13-81.

Von

  • Peter Zimmerling

    Univ.-Prof. Dr. Peter Zimmerling ist evang. Theologe und Professor für Praktische Theologie mit Schwerpunkt Seelsorge an der Theol. Fakultät der Universität Leipzig.

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