Leiden-schafft-Licht

von Dominik Klenk

Schafft Leiden Licht?

Johannes Maria Vianney war Pfarrer in dem kleinen französischen Dorf Ars. Mit 73 starb er buchstäblich an Entkräftung. Er hatte alles gegeben: seine Zeit, seine Kraft, sein Leben. Über Jahre hatte er täglich den Menschen und ihren Nöten sein Ohr geliehen und ihnen die Hoffnung und Liebe weitergegeben, die ihn selbst erfüllte. Gegen Ende seines Lebens sagte er einmal einem Ratsuchenden auf den Kopf zu: "Wenn Sie so weitermachen, werden Sie dem lieben Gott nichts als die entkräfteten Reste eines Herzens darbringen, das sich für Interessen verbraucht hat, die nicht die seinen sind."
Was für eine nüchterne Diagnose! Was für ein strenger Rat! Was für eine Anmaßung eines Menschen, der sich selbst "herrlich ruiniert" und eben dies einem anderen Menschen vorhält!
Diese seltsame Spannung macht unruhig. Darf man sich so ruinieren - und wenn ja auf welcher Basis? Und was sind die Interessen Gottes, für die ich mich "verbrauchen" darf?
Der Pfarrer von Ars war Jesus Christus so innig begegnet, dass er allen anderen Sicherheiten abgesagt und sich dem mit Haut und Haaren ausliefert hatte, der ihm alles bedeutete. Und Gott? Gott stärkte seinen Freund mit viel Gnade und Weisheit, so dass hunderte, ja tausende Menschen Trost fanden und frei wurden von schweren Bindungen und Belastungen.

Eu, eu, eu - gut, froh, überraschend

In diesen Tagen und Wochen, da die Tage kürzer und die Nächte länger werden, gehen wir auf das Ereignis zu, das allem Geschehen, auch allen Katastrophen aus allen Jahrhunderten, Halt gibt wie die Nadel der Zettelsammlung an einer Pinnwand: die Geburt Jesu von Nazareth. Gott, der Schöpfer des Universums, steigt zu uns herab und wird Mensch. Er kommt, um uns Halt zu geben, uns aufzuheben, um die Türe zum Vaterhaus für uns zu öffnen. Eu-Katastrophe nennt J.R. Tolkien, Erfinder des "Herrn der Ringe" und meistgelesener Autor der Welt, dieses Ereignis. Die griechische Silbe eu steht für gut, froh und überraschend. Die Geburt im Stall zu Bethlehem ist die beste Botschaft und größte Überraschung, die sich in unserer Geschichte ereignet hat! Festgehalten wurde sie im eu-angelion (griech.), der überlieferten Quelle dieser guten Nachricht. Nicht nur unsere Zeitrechnung, auch alle Chroniken und jeder Computer ist mit seiner "Zettelsammlung" auf diesen Fokus der Geschichte getaktet. Denn die Datierung in "vor" oder "nach" Christus regelt bis heute unsere Zeitzählung. Gottes Eintritt in die Geschichte ist die Nadel, die der Fülle der Zeit Sinn und Mitte gibt, von der her alles neu zu bewerten ist.

Preis der Hingabe

Weihnachten heißt, dass Gott uns in seinem Sohn nahekommt, um in unseren Krisen und Katastrophen bei uns zu sein, mit uns zu leiden, unsere Versuchungen zu erdulden, unsere Sorgen zu teilen, unsere Sünden zu tragen und unseren Tod zu sterben. Er hat die Immunität seines Himmels verlassen, um unser Freund und Gefährte zu werden.
Dieser Weg hat Jesus unendliche Schmerzen gekostet. Es hat ihm Spott eingebracht, Verrat und Einsamkeit. Es hat ihn ganz und gar abhängig gemacht von der Liebe und Treue seines Abba-Vaters, der ihn nicht vor dem Ausgeliefertwerden in die groben Hände der Machtgierigen rettete. Jesus ließ sich verstören und willigte ein, dass es sein Leben kosten wird. Er hat sich "herrlich ruinieren lassen" - er wusste, wer er war und wohin er gehörte (Joh 13,3). Und als sein Körper durch die Qualen seiner Peiniger kaum mehr Leben in sich trug, konnte er sagen: "Vater, in Deine Hände lege ich meinen Geist." Jesus gab alles. Alles für alle.

Gefährliche Wahrheit

Von Beginn an lebte die Schar seiner Nachfolger in dem Bewusstsein, dass ihr Leben in der Spur dieses Revolutionärs auch sie alles kosten konnte. Elf der zwölf Apostel starben eines gewaltsamen Todes. Und Stephanus, der erste Diakon der Gemeinde, war auch der erste Blutzeuge der Kirche. Von den Steinen seiner Mörder bereits in die Knie gezwungen, bekannte er laut, dass dieser Christus der Weg zum Leben ist. Die merkwürdige letzte Woche des Jahres (S. 282) nimmt den Faden der Märtyrer auf und zeigt uns, warum das tiefste Geheimnis der Hingabe Gottes an uns zwar weithin unbegriffen, dennoch tief ergreifend ist.
Nicht nur die Märtyrer lehren uns, dass es gefährlich sein kann, sich beherzt und öffentlich zu Jesus Christus zu bekennen. Wer die Botschaft von Krippe und Kreuz, von Liebe und Hoffnung, von Erlösung und Freiheit in die Welt trägt und dies zum Fundament der eigenen Entscheidungen macht, der wird unbequem, unbestechlich und unkontrollierbar und damit auch gefährlich. (S. 262) Wer innerlich fest verbunden ist mit der Quelle der Liebe und diese Beziehung pflegt, der kann sagen, was er denkt, und tun, was er sagt. Der muss sich nicht manipulieren lassen von der Meinung des Mainstream oder dem Erwartungsdruck anderer. Solche Menschen sind gefährlich. Sie können die Wahrheit aussprechen, weil sie die Folgen vielleicht fürchten, aber nicht scheuen. Sie können Räume der Freiheit schaffen in Systemen, die diese Freiheit einengen oder abschaffen wollen. Es kostet Kraft und Freimut, dem Zeitgeist zu widersprechen und sich von den ideologischen Zwängen der political correctness nicht einschüchtern zu lassen. Wir brauchen auch heute "gefährliche Menschen", Männer und Frauen, die bereit sind, der Barmherzigkeit und der Klarheit Gottes in ihrem Leben Stimme zu geben - im Wissen darum, dass das einen Preis hat.

Gefährten wider den Zerbruch

Was hindert uns daran, selbstlos und vollmächtig zu leben? Was macht unsere Leidenschaft und unsere Leidensbereitschaft so kurzatmig und unseren Mut so klein?
Vieles sitzt uns einfach in den Knochen: Angst zu versagen, abgelehnt zu werden, "nackt" dazustehen. Es ist die innere Gefangenschaft seit der zweiten Stunde der Menschheitsgeschichte, als die Beziehung zum Schöpfer zerbrach. Wir wissen, dass Jesus die Vertrauensbrücke wiederhergestellt hat, aber es fällt uns schwer, uns hinüberzuwagen. Misstrauen ist die Urwunde und die Ursünde in unseren Herzen gegen Gott und gegen unseren Nächsten. Sich loslassen und die Selbstbehauptung aufgeben kann man nur im Raum des Vertrauens. Diesen zu zerstören, das ist das Werk des Diabolos, des Durcheinanderbringers. Vertrauen zerstören und die ererbte Wunde der Menschen immer wieder aufreißen, das ist alles, was er kann.
Darum braucht ein Leben in gesunder Hingabe, in rückhaltloser Entschiedenheit für Jesus, eine Schar von Gefährten, mit denen Gemeinschaft in Christus gestaltet und gefeiert werden kann: "...damit keiner allein stehe wider den Teufel." (Martin Luther) Eben darin besteht ja das wunderbare Leben im Raum der Liebe Gottes, dass sie uns in der Leichtigkeit alles Lebendigen hält, und in die Bereitschaft führt, uns dieser Liebe ganz anzuvertrauen und ihr zu folgen, was immer das für Folgen hat. (S. 272-278)

Einwilligen, vertrauen, loslassen

Radikale Nachfolge beginnt im Kleinen. Hingabe übt sich als Lebenshaltung im Alltag. "Dein Wille geschehe", beten wir täglich im Vaterunser. "Mein Leben steht in Deinen Händen", beten wir mit dem 31. Psalm in jedem Mittagsgebet.
Gerade hatten wir eine Tagung hier bei uns. Unsere "Gästemutter", stolz, dass wir ausgebucht waren, musste weiteren Interessierten schweren Herzens absagen. Dann, am Tag vor Tagungsbeginn, sagten binnen einer Stunde vier fest angemeldete Teilnehmer ab. Da fühlt man sich verraten, ist enttäuscht und kann sich darüber einen ganzen Tag lang ärgern. Aber man kann sich auch entscheiden, in diese Störung einzuwilligen; etwas vom Leiden Gottes an dieser Welt im Kleinen mitzutragen und die eigene Vorstellung, wie es "richtig" gewesen wäre, loszulassen - ohne sich dabei leidzutun und bitter zu werden. Wo das gelingt, geschieht Hingabe im Format des Alltäglichen.

Auf "Wegen zum Leben"

Gott hat Wohnung genommen in unseren Herzen (Joh 14,23), aber Glaube braucht auch Orte, an denen man ihm begegnen, ihn feiern kann. Seit fast 30 Jahren ist unser Schloss mit der Michaelskapelle auf dem Reichenberg ein solcher Ort. Das Erfahrungsfeld "Wege zum Leben" rund um die neu erschlossene Obere Burg wird diesen Grundauftrag erweitern und vertiefen und zugleich das Schloss einer größeren Öffentlichkeit zugänglich machen. Darum bauen wir kräftig um und konzipieren eine missionarische Pilgerstätte für die junge Generation: Mauern und Fundamente müssen erneuert werden. Zuletzt haben wir 8 Kubikmeter Felsenkies mit 1500 Eimerladungen in den Rittersaal getragen, um den Fußboden auf ein einheitliches Niveau zu bringen. Wer dabei war, erinnert sich genau... Beflügelt hat uns auch Ihr Einsatz: seit dem 31. Juli bekamen wir 143.000 € zweckgebunde Spenden für dieses missionarische Projekt.

Auf dem Weg zur Kommunität

Vor 39 Jahren begann der Weg der OJC mit Studententagungen in Darmstadt. Niemand hätte damals gedacht, was daraus werden würde: zuerst eine Kolonie von "frommen Wilden" in Bensheim. Später eine geistliche Gemeinschaft in Reichelsheim. Der Weg der vergangenen Jahre hat uns zunehmend in eine äußere Weite und innere Dichte geführt. So sind wir nun an der Schwelle, eine verbindliche Kommunität zu werden. Wir haben in den vergangenen Monaten den Auftrag der OJC neu miteinander formuliert, wir haben unsere Strukturen den wachstümlichen Prozessen der letzten 2 Jahrzehnte angepasst und wir arbeiten im Moment an einer inneren Ordnung der Gemeinschaft. Alle drei Schritte sind notwendig, aber nicht unumfochten. Wir sind dankbar für alle Fürbitte. Was aus den wilden Frommen oder frommen Wilden inzwischen geworden ist und wie der Nachwuchs aussieht, erzählen die Bilderbögen besser als alle Worte.

Advent ist die Zeit der Erwartung. Zeit, uns dem Kommenden entgegenzusehnen. Christfest in unseren Häusern und Herzen. Gott gibt sich selbst. Wir erinnern uns, dass wir in Jesus Christus alles von ihm empfangen haben.In diesem Geiste der Hingabe wollen wir auch in diesem Jahr mit jenen teilen, die weniger haben, Hunger leiden und Hoffnung suchen. Mit unserer beiliegenden Weihnachtsaktion können Sie Anteil nehmen am Schmerz der Armen und von dem weitergeben, was Sie an Gutem empfangen haben.

Mit der ganzen "bunten Truppe" aus Reichelsheim, Greifswald und anderswo grüßt Sie herzlich, Ihr Dominik Klenk

Von

  • Dominik Klenk

    Journalist und Medienpädagoge; Leiter und Prior der OJC von 2002-2012; seitdem Leiter des fontis' Verlags (ehemals Brunnen Verlag), Basel

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