Einfach nur treu sein

Ein Toba-Indianer folgt seinem „Häuptling“

von Ute Paul

Ute Paul lebt mit ihrem Mann Frank und ihren Kindern seit 11 Jahren bei den Toba-Indianern im Chaco/Nord-Argentinien. Die Gemeinden der Toba sind klein und ihr Einfluss ist gering, aber ihr Vertrauen und ihre Bereitschaft zur Hingabe beeindruckend groß. Lassen wir uns von ihnen anstecken!

Vor Jahren war sein Haar blauschwarz, heute ist es schlohweiß und hebt sich leuchtend von der dunklen Haut und den freundlichen schwarzen Augen ab.
Als Hugo ein junger Mann war, fand er nach vielen Umwegen den Weg, "ins Evangelium hineinzugehen". So sagt man in seiner Sprache, dem Toba, wenn man zum Glauben an Jesus kommt. Mit dem Beginn des neuen Jesus-Wegs begann zugleich seine Zugehörigkeit zu einer Tobakirche vor Ort.
Es gibt im argentinischen Chaco, dem Lebensraum der Toba, seit vielen Jahrzehnten unabhängige Kirchen mit eigenen Ausdrucks- und Gottesdienstformen. Ihre Pastoren sind Männer oder Frauen, die sich in den eigenen Gemeinden bewährt haben und von ihnen zum Hirten ernannt wurden. Das Kriterium dafür ist nicht eine theologische Ausbildung, – auch nicht, ob sie lesen und schreiben können - sondern vielmehr menschliche und geistliche Qualitäten.

Kraft zur Entbehrung

Hugo wurde Schüler eines alten, erfahrenen Toba-Pastors, der ihm durch sein Lebensbeispiel beibrachte, sich fürsorglich um andere Menschen zu kümmern und ihnen den Weg zum Glauben zu zeigen. In der Frömmigkeit der Tobas ist es ausschlaggebend, auf Gottes weisende Stimme zu achten und ihr zu folgen. Dafür ist ihnen kein Weg zu weit, kein Tag zu heiß, keine Nacht zu kalt, kein Mangel zu groß. Es ist eine Eigenheit der Tobas, Herausforderungen und Schwierigkeiten mit wachsender Widerstandskraft zu begegnen. Ja, schon ihre Söhne und Töchter mussten lernen, mit Entbehrungen umzugehen.
Das Abhärtetraining konnte darin bestehen, im eiskalten winterlichen Flusswasser zu fischen oder ihre Väter im Sommer durch die endlosen dornigen Buschwälder zur Jagd zu begleiten. Junge Toba-Mädchen gehen auch heute noch Wasser und Holz holen, hüten stundenlang Ziegen und können ebenso lang darauf warten, dass es vielleicht etwas aus dem gemeinsamen großen Topf zu essen gibt. Daher warnte ein nordamerikanischer Missionar, der 40 Jahre lang bei den Tobas lebte, westliche Kollegen davor, aus eigener Leidensscheu und falschem Mitleid heraus die Tobas leichtfertig mit materiellen Annehmlichkeiten zu unterstützen: „Für die Indianer war das Erleiden von Hunger oder Durst, Kälte oder Hitze oder auch großer Müdigkeit immer eine Gelegenheit, ihre Charakterstärke zu beweisen. Der Missionar, der mit viel Gepäck ankommt, kann sie dazu verführen, diese Werte ihrer Väter gering zu schätzen und die Kraft des Evangeliums zu mindern, das gerade durch die klaren und einfachen Lehren das Empfinden der Indianer berührt.“

Apostel im Toba-Land

Hugo, der schon als Kind Mangel und Hunger erlebt hatte, hörte nun von den mutigen Männern und Frauen der Apostelgeschichte, die loszogen, um anderen von Gottes Liebe weiterzusagen. Dass sie dabei auch Mangel erlitten, war für ihn überhaupt nicht verwunderlich, es bestätigte vielmehr, was er von den guten Gewohnheiten seines Volkes schon wusste: Wer bei den Tobas Autorität und Verantwortung hatte, konnte der erste sein, der alles verteilte, was er hatte, selbst wenn für ihn nichts mehr übrig blieb. Auch entbehrungsreiche weite Wege konnten zu einem verantwortungsvollen Leben gehören.

Hugos geistlicher Vater erzählte ihm zusammen mit den Geschichten aus der Bibel auch von den ersten Christen in seinem Volk, die ebenfalls losgezogen waren, um ihren Leuten von dem "Gott, der Worte für uns hat und uns heilt" zu erzählen. Sie taten es in Versammlungen unter großen Bäumen, da wurden Menschen gesund, wieder froh, kamen vom Alkohol los, versöhnten sich mit ihren Angehörigen, Gemeinden entstanden, Kirchen wurden errichtet. Manche dieser Tobachristen - „unsere Missionare“, wie man sie nennt, - wagten es auch, zu Angehörigen benachbarter, ja sogar verfeindeter Völker zu gehen, obwohl sie um ihr Leben fürchten mussten. Auch dort entstanden unabhängige kleine indianische Kirchen.

Alles auf eine (Fahr-)Karte

Diese Erzählungen aus der Bibel und aus der Geschichte seines Volkes prägten Hugos Denken, Fühlen und Planen. Er heiratete eine Tobafrau und sie bekamen insgesamt neun Kinder. Gemeinsam wurden sie verantwortlich für eine kleine Kirche.

Dann hatte Hugo eines Nachts einen Traum. Träume werden bei den Tobas als Botschaft verstanden, die oft den Beginn eines Weges ankündigen. Hugo sah sich in dem Traum in einem Gottesdienst und er erkannte auch den Ort. Auf einer seiner Reisen hatte er ihn besucht. Hugo verstand: der Traum zeigte ihm, dass Gott ihn nun dorthin rief, um bei den Leuten zu leben. Die kleine Gemeinschaft an diesem Ort bestand nicht aus Tobas, sondern aus Mocovies, einem Nachbarvolk.
Als er am nächsten Morgen mit seiner Frau darüber sprach, war diese einverstanden, mit der ganzen großen Familie dorthin umzuziehen. Wenn Tobas umziehen, ziehen sie mit leichtem Gepäck. Der wenige Hausrat passt in einige Taschen. Zu den eigenen vielen Kindern waren über die Jahre auch noch einige Enkel hinzugekommen, die wegen der Lebensumstände der erwachsenen Töchter bei den Großeltern aufwuchsen. Hugo und seine Frau warteten den Zahltag ihrer winzigen staatlichen Familienunterstützung ab, gaben alles für die Fahrkarten aus und stiegen mit Mann und Maus in den Bus, um die zweihundert Kilometer nach Süden an den neuen Wohnort zu reisen.
Dort angekommen, wies ihnen die kleine Gemeinschaft ein Stückchen Land zu und Hugo begann wieder einmal, ein Haus zu bauen: der nahe Wald bot Holz für die Struktur, mit dünneren Ästen und Lehm wurden die Wände verkleidet. Zwanzig Quadratmeter für zehn Personen. Gleich neben dem Haus legte die Familie einen Gemüsegarten an.

Ein hoher Einsatz

Dem Traum folgend begann Hugo, die Christen vor Ort zu unterstützen. Nicht als Pastor, denn das war ihm im Traum nicht gezeigt worden und auch nicht als Gründer einer neuen Gemeinde. Statt dessen diente er in der bestehenden Gemeinde, wo immer sein Dienst gebraucht wurde: er besuchte die Glaubensgeschwister, lehrte die Bibel, beteiligte sich an den Gottesdiensten und betete für die Kranken.

Die ersten Monate waren schwer: Hugo und seine Familie waren auf die Versorgung durch die wenigen Christen, die ihnen hin und wieder Essen schenkten, angewiesen. Doch auch die hatten keine Vorräte und verdienten ihr weniges Geld als Tagelöhner. Der Gemüsegarten brachte erst nach einem halben Jahr die ersten Erträge. Sie hatten viel Hunger. Die Kinder hatten Hunger. Hugo und seine Frau aber blieben und gaben nicht auf. Sie lebten weiter aus Vertrauen.

Um die zehn Kilometer weiter gab es eine andere Gemeinde. Hugo besuchte sie jede Woche mit dem Fahrrad. Die Arbeit war mühsam. Obwohl die Gemeinde nicht stark anwuchs und auch keine besonderen Wunder geschahen, zweifelte Hugo nicht an Gottes Ruf und machte geduldig weiter. Er wollte einfach nur treu sein.

Als ein schmerzhafter Abszess ihm nach zwei Jahren das Radfahren unmöglich machte, willigte Hugo nach langem Zögern in eine medizinische Behandlung in der Provinzhauptstadt ein. Das machte einen erneuten Umzug der ganzen Familie nötig. Sie taten es mit Gelassenheit und Vertrauen.

Hugo wurde wieder gesund, aber anstatt die begonnene Arbeit weiterzuführen und den Ertrag seiner jahrelangen Bemühungen zu genießen, nahm er herzlich Abschied von den kleinen Kirchen bei den Mocovies und zog an einen neuen Ort, den Gott ihm und seiner Frau gewiesen hatte. Die Beziehungen blieben auch über die Entfernung bestehen.

Hugos eindrückliches Leben steht beispielhaft für viele andere hier im Chaco. Tobachristen verbinden großen Mut mit großer Geduld. Widerstandskraft mit Herzensweiche und Mitleid. Leidensfähigkeit mit Dankbarkeit.

Wir haben viel von ihnen zu lernen.

Von

  • Ute Paul

    Pädagogin und pädagogische Leiterin des ­Erfahrungsfeldes „Wege zum Leben“ auf Schloss Reichenberg.

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