Kannst du das auch?

Predigt über die Auferweckung des Lazarus (Johannes 11)

von Burkard Hotz

Die Losung des Kirchentags 2005 in Hannover Wenn dein Kind dich morgen fragt war ein eigentümlich verkürztes Bibelwort, was in seiner ursprünglichen Gestalt noch eine deutliche Antwort auf eine konkrete Frage gab. Es handelt sich um einen Vers aus dem zentralen Bekenntniskapitel des Alten Testaments:
Wenn dich nun dein Sohn morgen fragen wird, was sind das für Vermahnungen, Gebote und Rechte, die euch der HERR, unser Gott, geboten hat? So sollst du deinem Sohn sagen: Wir waren Knechte des Pharaos in Ägypten und der HERR führte uns aus Ägypten mit mächtiger Hand; und führte uns von dort weg, um uns hineinzubringen und uns das Land zu geben, das er unseren -Vätern geschworen hat. Und der HERR hat uns geboten nach all diesen Rechten zu tun, dass wir den HERRN unseren Gott fürchten, auf dass es uns wohl ergehe unser Leben lang. (5. Mose 6)

Die Kirchentags-Losung kann uns aber dazu herausfordern, eine klare Antwort auf die Frage nach dem Glauben - nach unserem Glauben - an Gott zu finden. Also: Wenn deine Kinder oder Enkel dich heute und morgen nach deinem Glauben an Gott fragen, was antwortest du?
Kinder können uns mit ihren unverstellten Fragen wirklich herausfordern. Ich möchte von einer persönlichen Erfahrung berichten; von einer unerwarteten Kinderfrage und davon, wie meine Antwort hätte aussehen können, wenn mir die Frage damals nicht die Sprache verschlagen hätte.

Sprachlos

In unserem Rimbacher Kindergarten erzähle ich immer wieder biblische Geschichten. Kinder sind wunderbare Zuhörer. Ich bin dabei ganz engagiert, erzähle gebärdenreich und bin nach zwanzig Minuten nass geschwitzt. Vor einiger Zeit erzählte ich die Geschichte von der Auferweckung des Lazarus, wie sie im Johannes-Evangelium (Kap 11) berichtet wird: Lazarus, der Bruder von Maria und Martha, war gestorben. Sein Leichnam war in Tücher gewickelt und in ein Felsengrab gelegt worden. Als Jesus, der herbeigerufen wurde, Tage später zu den beiden Schwestern kam, war Lazarus schon vier Tage tot. Jesus ließ das Grab öffnen, betete vorher zu Seinem himmlischen Vater und rief dann laut in das offene Höhlengrab hinein. An dieser Stelle der Erzählung rief ich selber laut: "Lazarus, komm heraus!"
Die Kinder lauschten gebannt und ich redete weiter: "Es war ganz still und dann hörte man etwas ganz langsam, Schritt für Schritt, nach vorne kommen und plötzlich stand Lazarus mit Leichtüchern umwickelt in der Öffnung des Felsengrabes. Erschrecken und Jubel erfasste die Menschen: Er lebt, Lazarus lebt! Unfassbar, er lebt! Jesus hat Lazarus vom Tod auferweckt!" Im Kindergarten war es auch ganz still. Da fragte ein kleiner Junge, der ganz vorne saß und aufmerksam zugehört hatte, in die Stille hinein: "Kannst du das auch?"

Das brachte mich völlig aus dem Konzept, ich war erstmal sprachlos. Diese schlichte aber entscheidende Frage zielt nämlich weit über all das hinaus, was heute in Theologie und kirchlicher Verkündigung als wichtig erachtet wird. "Normale" Theologie ist damit beschäftigt, das Wunder aus den biblischen Geschichten herauszunehmen, die Wundergeschichten zu glätten und rein symbolisch zu deuten, nach der Art: Jesus macht uns Mut zu leben.
Unsere Theologie setzt selbstverständlich voraus, dass die Leute heute nicht an Wunder glauben und alles rationalistisch gedeutet haben wollen - und bestärkt sie darin. Man könne aufgeklärten Menschen doch nicht mit solchen einfältigen Wundergeschichten kommen - lautet der Common Sense in der kirchlichen Verkündigung.

Wortgemäß

Da erwischt einen die Frage des Kindes von einer ganz anderen Seite. Es pfeift auf die Aufklärung und auf unsere "vernünftige" Theologie. Dass Jesus dieses Wunder getan hat, ist ihm ganz selbstverständlich. Natürlich, der Sohn Gottes kann das! Die spannende Frage für ihn lautet: "Und du, kannst du dieses Wunder auch tun?! Jetzt, heute, hier!?"
Was antwortet man darauf? Was antworte ich?
 Am einfachsten wäre es auszuweichen: "Ich habe es noch nicht probiert." Das ist aber wenig befriedigend und provoziert die nächste Frage: "Warum denn nicht?" Oder ins Positive gewendet: "Bist du denn bereit, es zu probieren?" Wenn wir nicht abwehrend mit einem "Nein, das kann kein Mensch!" antworten wollen, um die Frage in den Bereich absurder Unmöglichkeiten zu verweisen, werden wir in der Bibel nach einer sachgemäßen Antwort suchen müssen.

Im Wort Gottes erkennen wir zweierlei:

  1. Jesus hat das Wort Gottes verkündigt und ER hat viele Wunder getan. Er hat den Menschen die rettende Gnade Gottes offenbart, die er selber verkörpert, und er hat Menschen geheilt, er hat sie aus der Macht tyrannischer Dämonen befreit und er hat Tote auferweckt.
  2. Jesus hat seine Jünger beauftragt, dies auch zu tun. Die Wunder waren gerade nicht auf Jesus begrenzt. Jesus gab und gibt seinen Jüngern die Vollmacht, in seinem Namen das Wort Gottes zu verkündigen, und in seinem Namen zu heilen und Wunder zu tun. Darüber sind sich alle Berichte im Neuen Testament einig! 

Unser kleiner Frager im Kindergarten ist ganz auf der biblischen Spur. Er fordert nicht nur mich heraus, diese Predigt zu halten, er fordert uns, die christliche Gemeinde, heraus, ganz praktisch über die Vollmacht nachzudenken, die uns Jesus durch den Heiligen Geist verleiht. Die Frage des Jungen ist eine Frage nach unserer Vollmacht!

Vollmächtig

Befragen wir dazu die biblischen Zeugnisse, werden wir am ehesten in der Apostelgeschichte fündig. Sie zeigt ganz deutlich, dass Jesus, der mit der Himmelfahrt in die Herrlichkeit des Vaters gegangen ist, an Pfingsten seinen Jüngern seinen Heiligen Geist gibt.
Der Heilige Geist verleiht nun den Jüngern die Vollmacht, im Namen Jesu zu predigen und Wunder zu tun, also zu heilen, Dämonen auszutreiben und auch Tote aufzuwecken, denn der Heilige Geist bindet sie ganz eng an Jesus. Der Heilige Geist macht die Jünger zu Zeugen Jesu. Die Gemeinde in Jerusalem wächst, denn die Menschen erleben göttliche Worte, die ihr Herz verändern, und sie erleben, dass diese kraftvollen Worte und Gebete auch Menschen an Seele und Leib gesund machen.
So macht der Heilige Geist aus Menschen, die zuvor geglaubt haben, wie es ihnen grad in den Sinn kam, etwas besonderes, nämlich Zeugen Jesu Christi. Sie erzählen weiter, was sie mit Jesus erlebt haben. Das ist das Erste! Aber ein Zeuge ist weitaus mehr als nur Berichterstatter! Indem er von Jesus als machtvoller Realität seines Lebens berichtet, hat er Anteil an Jesus im doppelten Sinne:

  1. Der Zeuge Jesu Christi hat Anteil an seiner Auferstehung, an seinem Sieg über den Tod. Darin liegt eben die Kraft, in seinem Namen Wunder zu tun. Hierbei kommt dem Gebet um Heilung und sogar um Totenauferweckung besondere Bedeutung zu. Die Apostelgeschichte nennt zwei vom Tod erweckte Personen ausdrücklich mit Namen. Die Zeugen des Auferstandenen kämpfen gemeinsam mit ihrem auferstandenen HERRN und in seinem Namen gegen den Tod.
  2. Der Zeuge des auferstandenen Jesus Christus ist auch Zeuge des gekreuzigten Jesus Christus, darum hat er immer auch Anteil an dessen Leiden, Verfolgung und Sterben. Die Apostelgeschichte macht deutlich, dass diese beiden Seiten oft sogar unmittelbar zusammengehören: In dem Maße, wie die Gemeinde wächst und Menschen durch die kraftvolle und vollmächtige, durch Zeichen und Wunder bestätigte Verkündigung der Apostel zum Glauben kommen, nimmt auch die Verfolgung zu. Die Apostel werden verhaftet und misshandelt, vertrieben, ausgegrenzt und sogar getötet.

So ist das mit den Zeugen von Jesus Christus! Sie sind durch den Heiligen Geist ganz eng mit ihrem HERRN verbunden und haben Anteil an beidem: am Leiden Seines Kreuzes und am Sieg Seiner Auferstehung.

Radikal

Diese biblische Erkenntnis stellt uns vor die Entscheidung: Wollen wir die Zeugen des HERRN Jesus sein? Wollen wir durch den Heiligen Geist so eng mit ihm verbunden sein, dass er uns wirklich als seine Werkzeuge gebrauchen kann? Dazu gehört doppelter Mut, nämlich im Namen Jesu zu siegen und im Namen Jesu zu leiden. Selbst wenn es widersprüchlich oder grotesk erscheinen mag; bei den Zeugen Jesu gehört beides untrennbar zusammen. Und - um ehrlich zu sein - von beidem ist unsere gegenwärtige Christenheit in Deutschland meilenweit entfernt.

Doch die hemmungslos radikale Frage unseres Kindergartenkindes anlässlich der Geschichte reißt uns heraus aus dem selbstzufriedenen und gemütlichen Christsein und ruft uns hinein in die Radikalität der Zeugen, die siegend und leidend bezeugen: Jesus Christus hat dem Tod die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium!

Ich bin überzeugt, dass es um genau diese Radikalität geht. Nur ein Christsein, das sich so radikal herausfordern lässt, hat Zukunft.

Also, was werden wir antworten, wenn uns unsere Kinder fragen? Haben wir den Mut, ihnen von Jesus Christus zu erzählen?

Ich für meinen Teil werde auf die Frage "Kannst du das auch?" antworten: Nein, ich kann das nicht, das kann kein Mensch von sich aus tun. Aber Jesus kann es, und wenn er will, dass ich es in seinem Namen tue, dann werde ich mein Hasenherz dransetzen und in Jesu Namen in die Grabhöhle des Todes hineinrufen: Lazarus, komm heraus!  Amen.       

Predigt zum 16. Sonntag nach Trinitatis in der Jesu-Ruf-Kapelle der Evangelischen Marienschwestern in Darmstadt am 23. September 2007.

Von

  • Burkard Hotz

    über 30 Jahre Pfarrer in Rimbach, einer Reichelsheimer Nachbargemeinde. Seit 2012 ist er im Ruhestand – aber weiterhin engagiert in der Seelsorge.

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