Ganz der Andere?

Worauf wir schielen und die Sicht, die uns das 10. Gebot eröffnet

von Dominik Klenk

Die Kirschen aus Nachbars Garten schmecken bekanntlich besser, als die im eigenen. Besonders die Herzkirschen. Gott weiß warum... Dem Kind bereitet der süße Raub eine schelmische Freude und führt - zumindest vorübergehend - zur Sättigung. Mit zunehmendem Alter wächst allerdings nicht nur das Hungergefühl, sondern auch die Kraft der Begierde im Anlauf auf "Nachbars Kirschen".

Die Bibel weiß darum. Gott schenkt seinem Volk - und so auch uns - Weisung: Worte der Weisheit, um der Grundkraft der Begierde und des Neides zu begegnen. So im 9. und 10. Gebot, in denen es heißt: Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus, Weib, Knecht, Magd, Vieh noch alles, was sein ist (2. Mose 20,17).

Fünf Dinge werden aufgezählt, die wir nicht begehren, auf die wir nicht schielen sollen. Wir sollen nicht "ausspannen, abwerben oder abspenstig machen", legt Luther hier aus. Aber das ist noch nicht alles. Denn nach dem "Vieh" heißt es weiter: "noch alles, was sein ist" - hier scheinen auch die Kirschen ihren Platz zu finden.

Warum erst die detaillierte fünffache Aufzählung und dann der allgemeine Schlusssatz, der alles andere umfasst? Die Struktur des Gebotes scheint auf den ersten Blick nicht besonders stringent.

Gott sieht uns anders

In der Aufzählung der einzelnen Güter zieht Gott gleichsam einen schützenden Zaun um all das, was er dem anderen zur Entfaltung seines Lebens geschenkt hat. Mit dem Gebot, diese Umgrenzung zu achten, bürgt der Schöpfer selbst für die befriedete Grenze zwischen mir und meinem Nachbarn. Das würde eigentlich als Anschauung reichen, wozu die Verallgemeinerung? - fragt man sich unwillkürlich.

Aber die Hebräer denken anders. Ganzheitlicher. Im Schlussakkord des noch alles, was sein ist, steht im hebräischen Toratext für "alles" das Wort "kól". Kól bedeutet "alles", aber auch "das Ganze" sogar "das vollkommene Ganze". Martin Buber übersetzt an dieser Stelle "allirgend". Wenn wir den Klang des 9. und 10. Gebotes mit diesen Ohren hören, dann heißt es etwa: Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus, Weib, Knecht, Magd, Vieh - noch das vollkommene Ganze, was sein ist. Hier klingt etwas an von der umfassenden Art, wie Gott uns Menschen sieht. Bei uns geht es um Haus und Hof, um Mann und Frau, um Kirsche und Kohle. Wir begehren dieses und beneiden einander um jenes. Aber Gott sieht uns ganz anders. Und er will uns lehren, einander ebenso zu sehen. Es ist leicht und naheliegend, einander um Dinge zu beneiden, die der andere besitzt. Aber die Frage, die wir uns stellen sollen, lautet: Willst du das vollkommene Ganze des anderen haben? Nicht nur die Frau, auch die Schwiegermutter; nicht nur das Geld, auch die Last der Verantwortung; nicht nur die Kirschen, auch die Pflege des Gartens und alles was allirgend zu ihm gehört? Willst du sein Leben haben? Wärest du bereit, ganz in seiner Haut zu leben? Um dieses "allirgend" zieht Gott keinen Zaun; er stellt sich selber schützend davor.

Gott sieht das Ganze

Unser Leben ist kein willkürliches Experiment. Kein optionales Baukastensystem. Keine Konsumrallye. Darauf weist das 9. und 10. Gebot hin. Gott sieht uns in einem größeren Zusammenhang. Wir haben oft nur die Einzelteile im Blick: den Besitz, den Erfolg. Gott sieht das Ganze, unsere Einzigartigkeit, unsere Geschichte, unsere verbürgte, leibliche Person. Er durchmisst das Abenteuer jedes einzelnen Lebens. Er kennt uns von Geburt an. Er begleitet uns auf der Hochebene und geht mit uns durchs finstere Tal. Unser Leben wächst wie ein Baum, und jeder Jahresring ist Teil unserer Lebensgeschichte. In Gottes Augen ist unser Leben - sind wir - ein vollkommenes Ganzes. Ein Original. Es ist uns darum geboten, uns und einander in dieser Ganzheit sehen zu lernen. Des anderen Sein oder Habe zu begehren hieße, etwas aus seinem gewachsenen Leben herauszubrechen.

Sei ganz

Es ist folgerichtig, dass wir neidisch werden, wenn wir nur einzelne Aspekte aus dem Leben des Anderen herausisolieren und "nur die Kirschen sehen". Wenn wir aber lernen, ihn als "das vollkommene Ganze, was sein ist" zu sehen und als jemanden, der unter Gottes Begleitung geworden ist, kann sich unsere Wahrnehmung verändern. Liebe macht blind, sagen wir. Aber der Neid macht es umso mehr, indem er eine Sache, eine Tugend, einen Besitz des Anderen isoliert und das Gewordensein ignoriert. Neid spaltet ab.

"Wandle vor mir und sei ganz" (1. Mose 17,1) spricht Gott zu Abraham, im Begriff, seinen Bund mit ihm zu schließen. Wandle vor mir und sei ganz; sei ganz DU und lass den Anderen ganz ER oder SIE sein. Das ist der Weg der Freiheit, den uns die letzten Verse des Dekalogs weisen. Wir ahnen warum.

Von

  • Dominik Klenk

    Journalist und Medienpädagoge; Leiter und Prior der OJC von 2002-2012; seitdem Leiter des fontis' Verlags (ehemals Brunnen Verlag), Basel

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