Editorial

Jesus wusste, dass sie ihn aus Neid überantwortet haben.

Matthäus  27,18

Neid lässt sich nie befriedigen. Neid nachzugeben, ist wie Durst mit Salzwasser löschen.

John Ortberg

Liebe Freunde!

Neid ist ein starkes Gefühl. Wir werden blass, manchmal auch gelb vor Neid - auf jeden Fall geht er bisweilen mächtig unter die Haut. Vor einigen hundert Jahren noch galt der Neid als anerkannte Krankheit und war ähnlich gefürchtet wie die Pest. Ärzte erkannten ihn "an der gelben Einfärbung der Augen, an der Blässe der Wangen, oder am fahlen Hinterteil des Patienten". Die vormodernen Diagnosemerkmale dürfen wir medizinisch als überholt betrachten. Der Neid aber ist es nicht. Er lauert überall und treibt bis zum heutigen Tag erstaunliche Blüten.

Aus Neid und Missgunst hat eine französische Pharma-Assistentin mehr als 20 Kollegen und Kolleginnen jahrelang Beruhigungsmittel in den Kaffee geschüttet, so die Tageszeitungen im Januar dieses Jahres. Nur selten tritt der Neid und seine zerstörerischen Folgen so offensichtlich zutage. Am wirksamsten tut er sein Vergiftungswerk, wenn er unerkannt bleibt. Der Neid tritt am liebsten inkognito auf. Leise, aber drängend setzt er uns ins Verhältnis zu unseren Mitmenschen. Verdeckt, aber zielgerichtet vergleichen wir diese mit uns, mit unserem Sein und unserer "Ausstattung" und erleben uns allzu oft im Soll.

Leidvoller Nahkampf

Gedeihen kann der Neid vor allem im nahen Umfeld: da zerstört er Freundschaften und macht Nachbarn zu Feinden, er spaltet Familien, nicht nur bei Erbschaftsfragen, und wirkt bis tief ins Herz unserer christlichen Gemeinden und Gemeinschaften hinein.

In diesem Salzkorn wollen wir Ihnen Anteil geben an dem, was uns aus der reflektierten Erfahrung des gemeinsamen Lebens wichtig und wertvoll geworden ist. Die Dichte unseres Lebens schafft ausreichend Möglichkeiten, um eigenem und fremdem Neid zu begegnen. Im Innehalten vor Gott und im Einüben des offenen Gesprächs miteinander und durch seelsorgerliche Begleitung haben wir immer wieder erlebt, dass die zerstörerischen Kräfte des Neides aufgedeckt und im Licht Gottes entkräftet werden können. Das schließt schamvolle und manchmal lange Leidenszeiten für Neider und Beneidete mit ein.

Aufsteigen durch Runterziehen

Auch in unserer Gemeinschaft gab es Zeiten, die von der Atmosphäre des Neides und der Missgunst getränkt waren - ja beides wurde geradezu gepflegt, um ja diesen oder jenen "nicht groß werden zu lassen". Solche Entwicklungen sind schmerzhaft und das Gegenteil von der angestrebten "Win-Win-Situation", wo beide Partner einander stärken und voneinander profitieren. Der Wurzelgrund für den Neid ist so tragisch wie menschlich: Er wächst auf dem Boden des eigenen Defizitgefühls, des Gefühls zu kurz gekommen, ungerecht behandelt und nicht genügend beachtet zu sein. Man mag es hier und da mit eigener Anstrengung  versuchen, aber da wir beim Blick durch die Neid-Brille gewöhnlich nicht an den anderen heranreichen, kann das eigene Mangelgefühl seelisch nur ausgeglichen werden, indem wir den anderen nach unten ziehen. Im Herunterziehen und im Schlechtreden "steigert" und stabilisiert sich das eigene Selbstwertgefühl. Das kann sich zu einer richtiggehenden Kultur auswachsen.

Vertrauen grundieren

In einem größeren geistlichen Horizont können wir die Sucht, uns zu vergleichen, und die daraus resultierenden Neidimpulse als eine korrumpierte und fehlgeleitete Sehnsucht verstehen. Jeder Mensch hat die Sehnsucht, seinen Platz und Wertschätzung zu finden und über sich selbst hinauszureichen. Das kann in einem Klima feindseligen Gegeneinanders nicht gelingen, nur auf einem Weg des Vertrauens und gegenseitiger Ergänzung. In der Regel tun wir uns aber schwer mit dem vorbehaltlosen Vertrauen zueinander und der Bereitschaft, die Vorzüge und Gaben des anderen als willkommene Ergänzung zu sehen. Wir haben eher Angst, der andere nimmt uns etwas weg oder verdunkelt mit seinem Schatten unseren Beitrag. Wenn aber in uns der Urgrund des Vertrauens zu Gott wächst, die innere Gewissheit, sein einzigartiges, geliebtes Kind zu sein und wir auch im Anderen das einzigartige, geliebte Geschöpf Gottes sehen lernen, dann kommen wir aus dem Teufelskreis des Vergleichens heraus. Dann verblasst selbst der Neid und es kommt wieder Farbe in "Wangen und Hinterteil des Patienten".

Was Neid ist, mit welchen Methoden er arbeitet, vor allem aber auch, wie wir ihn erkennen, entschärfen und begrenzen können, das wollen die verschiedenen Beiträge in diesem Salzkorn anschaulich machen.

Verschwinden der Schutzräume

Nicht nur angesichts unserer Neid-Gesellschaft bleibt es eine Herausforderung, in dieser sich rasant wandelnden Zeit innerlich auf Kurs zu bleiben. Es deutet manches darauf hin, dass der politische Angriff auf Ehe und Familie und auf die Grundordnungen des Lebens sich erneut verschärft. Dabei sind es die medial eher als Nebenschauplätze eingestuften Entwicklungen, die Anlass zur Sorge geben. Soeben hat das Bundesverfassungsgericht die Klage gegen das Inzestverbot angenommen, wird also ernsthaft über eine Lockerung bzw. Aufhebung dieses Verbotes beraten. Wir müssen uns klarmachen, was dies bedeuten würde: Wenn das Inzestverbot fallen sollte oder zumindest aufgeweicht würde, würde der Schutzraum der Familie weiter geschwächt, denn die Sexualisierung würde nun auch in den traditionell geschützten Familienraum Einzug halten. Das Verschwinden der Kindheit und die Auflösung des Generationengefüges bekämen weiteren Auftrieb.

Geschlecht reklamieren

Neben der Auflösung des Generationenschutzraumes schreiten auch die Auflösungsbestrebungen der Geschlechtergrenzen weiter voran. Im Januar 2007 hat die Grüne Bundestagsfraktion einen Gesetzesentwurf zur Änderung des Transsexuellengesetzes in den Bundestag eingebracht. Kern des Gesetzesentwurfes ist es, für die rechtliche Bestimmung des Geschlechts künftig nicht mehr die äußeren Geschlechtsmerkmale einer Person als ausschlaggebend für seine Geschlechtsbestimmung zu betrachten, sondern allein sein subjektives Empfinden. Zudem sollen die Altersgrenzen für die Namens- oder Personenstandsänderungen aufgehoben werden. So könnten dann ggf. schon Jugendliche, die möglicherweise mit ihrer geschlechtlichen Identität als Mädchen oder Junge hadern, ihr Geschlecht auf kurzem Wege umändern lassen. Identität würde dann zum subjektiv-beliebigen Wahlmodus mit rechtsverbindlichen Folgen.

Es lohnt sich, in den kommenden Wochen besonders um Weisheit für die Bundesrichter und Parlamentarier zu beten.

Beherzter Patriot

Angesichts dieser unguten Entwicklungen und der zu tragenden Spannungen hilft der Blick auf Menschen, die sich in schweren Zeiten beherzt und mit Haut und Haaren für eine Kultur des Lebens eingesetzt haben. Am 11. März 2007 wäre Helmuth James Graf von Moltke 100 Jahre alt geworden. Von Moltke war evangelischer Christ und Kopf des Kreisauer Kreises, der den intensivsten innerdeutschen Widerstand gegen Hitler organisierte. Auf von Moltkes Hofgut im schlesischen Kreisau wurde schöpferisch vorgedacht, wie eine Nach-Hitler-Ära in Europa gestaltet werden könnte. Mitten in den Kriegsjahren sah Moltke schon voraus, worauf es vor allem ankommen würde: "Europa ist weniger eine Frage von Grenzen und Soldaten, von komplizierten Organisationen und großen Plänen. Europa nach dem Krieg ist die Frage: Wie kann das Bild des Menschen in den Herzen unserer Mitbürger wieder aufgebaut werden?"

Der Widerstandskämpfer wurde wenige Tage vor Kriegsende 1945 vom Nazirichter Freisler zum Tode verurteilt und hingerichtet. Vor einigen Jahren hat seine Witwe, Freya von Moltke, uns hier in Reichelsheim besucht. Sie lebt - inzwischen 96jährig - heute in Vermont, USA.

Besuch in Israel

Es ist ein Geschenk, wenn man um Namen wie von Moltke weiß, die einem den inneren Zugang zur eigenen Geschichte und Nation erleichtern. Auf ihren Schultern stehend, können wir selber heute beherzte Schritte des Widerstandes, aber auch der Versöhnung wagen. In den vergangenen Jahren haben wir regelmäßige Besuche und Gegenbesuche zwischen jungen Israelis und jungen Deutschen organisiert und durchgeführt. Dieser Tage ist ein junges Team von uns unter der Leitung von Monika und Michael Wolf in Israel, um die Vertrauensbrücke weiter zu stärken, Freundschaften zu erneuern und neue zu schließen. Auch dieses Mal ist der Schwerpunkt der Begegnungen das Treffen mit jungen Israelis, die durch Terrorattentate verletzt und schwer behindert wurden. Wir sind gespannt, was unsere Rückkehrer an Eindrücken mitbringen werden.

Wege zum Leben

Intensiv arbeiten wir derzeit an der Renovierung von Schloss Reichenberg und der Konzeption des Erfahrungsfeldes "Wege zum Leben". Stück um Stück wollen wir in den kommenden Monaten und Jahren die Schlossanlage sanieren und eine "moderne Pilgerstätte" aufbauen, die biblische Erzählungen, tragende jüdisch-christliche Symbole und Kulturgeschichte spannend und interaktiv aufbereitet und für junge Menschen zugänglich macht. Ein erster sichtbarer Zwischenschritt war der Wiederaufbau des Verliesturmes aus dem 13. Jahrhundert, dessen Seitenwände eingestürzt waren. Zur Sicherung des alten Gemäuers wurde zudem der Turm von unserem Zimmerermeister Thomas Wagner und seinem FSJ-Team überdacht. Damit ist ein erster Außenraum so erneuert, dass er für die "Wege zum Leben" genutzt werden kann.

Gerne laden wir Sie ein, beim OJC-Festival an Christi Himmelfahrt in Reichelsheim mehr über dieses neue missionarische Projekt zu hören. Wir freuen uns, wenn Sie dabei sein und den Tag mit uns und dem Kommunitätenbischof Jürgen Johannesdotter feiern können. Ihre Anmeldung mit der beiliegenden Postkarte hilft uns bei den Vorplanungen.

Wir wünschen Ihnen eine besinnliche Passionszeit und eine immer wieder fruchtbare Gestaltung ihres Lebens im Spannungsfeld zwischen Neid und Dankbarkeit, zwischen Hiobsnachricht und Hoffnungsbotschaft, zwischen Kreuz und Auferstehung. Die Osterbotschaft ist unvergleichlich und die beste Nachricht unseres Lebens (S. 98). Sie gilt für alle - wir brauchen sie einander nicht zu neiden! Wir können sie nicht "besitzen", aber wir können unser Herz davon Besitz ergreifen lassen.

Herzlich verbunden in Seiner Auferstehungsfreude,

Ihr

Dr. Dominik Klenk,       

abgeschlossen am 10.3.07

Von

  • Dominik Klenk

    Journalist und Medienpädagoge; Leiter und Prior der OJC von 2002-2012; seitdem Leiter des fontis' Verlags (ehemals Brunnen Verlag), Basel

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