Ins rechte Licht gerückt

Gottes Handreichung erkennen. Anregungen für die Stille

von Írisz Sipos

Während der Januar-Retraite der OJC-Mitarbeiter im Karmelitenkloster Birkenwerder gab uns Pater Reinhard Körner in Impulsreferaten zum Thema Vergleich, Selbstannahme und Gottesbeziehung wertvolle Anregungen für die Stille Zeit. Auftakt bildete die Betrachtung einer Schöpfungsdarstellung des Malerpriesters Sieger Köder. Ausgehend von diesem Bild zeichnet Írisz Sipos einen inneren Weg der geistlichen Übungen nach.

Und Gott sah alles an, was er gemacht hatte, und es war sehr gut.

Alles - das ist der Ertrag von sechs ergiebigen Schöpfungstagen, hier vom ¬Maler in einem Bild versammelt: Tag und Nacht, die Gestirne, Meer und Feste mit Pflanzen, Tieren und den Vögeln des Himmels. Im Zenit das Menschenpaar inmitten des üppigen Gartens. Und mehr noch, am siebenten Tag sieht Gott auch die Zukunft seiner Schöpfung mit allem, was sich durch sie hindurchschlängeln wird: die Entfremdung der Menschen, Verödung des Bodens zum steinigen Acker, der nur dort, wo er von den Wasserquellen Edens bewässert wird, Frucht zu bringen vermag.
Das hebräische Wort für Anfang re’schit, mit dem die Schöpfungsgeschichte anhebt, und das griechische en arché meinen mehr als die graue Vorzeit; er ist zugleich der Erst-Grund, Ur-Grund, die Ur-Sache der Schöpfung. Diese umfassende Bedeutung versucht das Gemälde zu bebildern: Im Urgrund allen Seins wirkt Gott unablässig Neues. Wie ein Feuerball schwebt sein Atem über den Wassern: ein "Urknall" der Liebe, in der die Geschichte ihren Ursprung hat und in die sie endlich auch münden wird.
Der Herr des Lebens überlässt die Schöpfung nicht sich selbst; er ist in ihr gegenwärtig, nimmt Anteil an ihrem Geschick und hält sie in seinen guten Händen.
Wir können, wenn wir in uns hineinlauschen, hören, wie das Schöpferwort in uns widerhallt und auf den Urgrund unserer Existenz pocht, auf die liebende Zusicherung: "Ich will dich, ich will dich." Und: "Ich halte dich, ich sehe dich an und freue mich an dir. Sieh her, ICH BIN DA."

Im Zwielicht des Zweifels

Gott hält sich nicht verborgen.
Das Versteckspiel haben wir Menschen eingeführt. Jäh kann sich der grünende Hain, der das Menschenpaar bergend umrankt, in einen Irrgarten verwandeln.
"Sollte Gott gesagt haben ...?" - lispelt es auch in meinen Zweifeln und Befürchtungen. Sollte Gott mir nicht gönnen...? Sollte Gott vergessen haben...? Sollte es Gott gleichgültig sein...? Sollte ich mein Glück nicht selbst in die Hand nehmen?!
Und schon beginnt das Versteckspiel im Labyrinth von Hecken und Sträuchern, hinter denen ich jederzeit verschwinden kann: Im Dickicht der Geschäftigkeit, der tagtäglichen Forderungen, die mich zunehmend überwuchern. Im Zwielicht versäumter Gelegenheiten, halbherziger Zusagen, frommer Verblendung oder unfrommer Selbstrechtfertigung. An Barrikaden der Unsicherheit und der Angst, die meinen Blick versperren. In Gruben von Irrtümern und Enttäuschungen, die mir den Boden unter den Füßen wegziehen - und immer wieder unter dem unentwirrbaren Dornengestrüpp der Verletzungen, die ich erlitt und die ich zufügte.Die zwei tätigen Schöpferhände sind geöffnet,  ausgestreckt nach mir. Er ruft: "Ich bin da. Wo bist du?" Nun ist’s an mir, aus dem Versteck zu treten und Gott das Dickicht meiner Sorgen lichten zu lassen.

1. Übung: Mich Gott hinhalten

  • Gott, ich bitte dich hinein in die Verfinsterungen meines Seins und hinter den Schutzwall vor meiner Lebensnot.
  • Ich spreche dir mein Vertrauen aus, dass du Auswege weißt, wo ich keine mehr sehe.
  • Ich lege meinen Schmerz und die Last, die mich drückt, in deine offenen Hände.

Gott hält mich und hält zu mir. Der mich ins Leben rief und immer neu ins Leben ruft, bleibt sich treu, bleibt mir treu, er nimmt seine Zusage "Ich will dich" nicht zurück. Der rote Feuerball seiner Liebe erhellt meine Finsternisse und ich höre sein Angebot zu einem wunderbaren Tausch: Lege deine Wirklichkeit in meine Hände, und ich führe dein Leben in die Wahrheit!

Im Fokus der (Selbst-)Anklage

Auf unserem Bild gibt es viele Lichtquellen: Im Hintergrund überfluten von links die Strahlen der aufgehenden Sonne das Himmelsgewölbe, während im rechten oberen Bildteil Mond und Sterne die Nacht erleuchten. Durch sie verfärbt sich im Wechsel der Tagzeiten auch der grüne Saum des Gartens. Doch woher das Licht, das auf das Menschenpaar fällt? Woher der Goldschimmer auf dem Kornfeld? Und was macht den unwegsamen und abschüssigen Steinboden noch hell und überschaubar? Wären die Himmelskörper die einzigen Leuchter, wäre der Kosmos hier von seinem eigenen Schlagschatten verdunkelt.
Es gibt außerhalb der Szenerie eine Lichtquelle, die ursprünglicher und durchdringender ist, zugleich aber belebend und sanft: der strahlend zugewandte Blick des Schöpfers auf den Kosmos. An diesem Blick hängt alles, von ihm lebt alles.

Mein eigenes Leben wird für mich durch Blicke, mit denen ich bedacht werde, erkennbar.

Es sind zunächst die Blicke der anderen: Sind sie liebend, weiß ich mich geliebt. Sind sie wohlwollend, erlebe ich mich gewollt. Sind sie wertschätzend, fühle ich mich wertvoll. Wenn man mich keines Blickes würdigt, dann ist meine Würde bedroht, und wenn ich abfällig betrachtet werde, dann fürchte ich, zum Abfall gezählt zu werden. Böse, hämische, hasserfüllte Blicke gar wecken in mir Grauen oder nackte Angst. Die Blicke, die mich treffen, lassen mich in ¬jeweils unterschiedlichem Licht erscheinen.

Irgendwann - recht früh im Leben - hat jeder begonnen, sich zu erkennen und zu betrachten. Für den Blick auf mich selbst stehen mir im Spiegelkabinett des Lebens viele "Spieglein an der Wand" zur Verfügung: Werte, zu denen ich mich bekenne, Ideale, die ich pflege, Ziele die ich verfolge, Gefühle, denen ich mich hingebe, oder auch Gewohnheiten, in denen ich mich einrichte - sie alle dienen mir als Spiegelflächen unterschiedlicher Klarheit, Tönung und Wölbung.
Solche Spiegel können als Sichtschutz dienen, Realitäten und Details aus meinem Leben filtern, deren Anblick ich lieber meide oder die ich gar nicht ertragen könnte. Aber je verbissener ich auf die Illusion fokussiere, mich stark dünke oder rechtfertige, desto krasser wird das damit überblendete Bild hervorspringen und das andere Lügen strafen. Ist das Bild einmal um¬gesprungen, legt sich ein Mantel der Scham - brennend, aber nicht schützend - über meine entblößte Wirklichkeit.
Kein Blick ist so erbarmungslos wie der Blick der Selbstkritik. "Wer hat dir eigentlich gesagt, dass du nackt bist?" Gott jedenfalls war es nicht. Mein eigener Blick hat den Mangel ausgemacht: Ich bin nicht genug. Ich bin nicht stark genug, nicht klug, nicht heil, nicht gut genug. Ich bin komplett ungenügend! Und schon schaue ich mich um nach den Sträuchern, die meine Blöße kaschieren.
Allzu schnell hat sie mich wieder am Wickel, die alte Schlange! Sie mäandert, Halbwahrheiten über mich zischelnd, durch den Staub und zieht mich runter vom üppigen Garten auf den steinigen Acker der Mühsal. Ich habe nicht genug, mir mangelt an allem!

Bezeichnenderweise wirken in der Bildebene mit dem felsigen Grund und den Disteln auch die haltenden Hände leblos und versteinert. Wenn ich nur den Mangel wahrnehme und auf unerfüllte Bedürfnisse und Sehnsüchte fixiert bin, senkt und verengt sich mein Blick. Selbst Gottes Hände erscheinen mir dann hart, abweisend und bedrückend.
Aus dieser Abwärtsspirale gäbe es kein Entrinnen, pulsierte da, am Boden des eigenen Abgrundes, nicht eben jener Feuerball der "arché" meines Daseins, der unverbrüchliche Zuspruch: "Ich habe dich je und je geliebt, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte." Sobald ich meine "Spieglein" vor diese Lichtquelle halte, kann ich durch den metallischen Reflex, der mich nur auf mich selbst zurückwirft, hindurchschauen und meinen Blick von der falschen ¬Fokussierung lösen. So kann ich bitten: 

2. Übung: Mich neu sehen

  • Vater, deine Wertschätzung und dein Wohlwollen sind die tiefste Wahrheit über meinem Leben. Ich will vor deinem liebenden Blick verweilen.
  • Ideale und Selbstideale, an denen ich nur scheitern kann, lege ich in deine Hand und lasse zu, dass der Feuerball deiner Liebe sie verzehrt. Was du für gut befunden hast, dem will ich vertrauensvoll zustimmen und es als Geschenk annehmen.
  • Öffne meine Augen für das Wertvolle und Beständige in meinem Leben.
  • Zeige mir, wo ich in Gefühlen und Gewohn¬heiten verstrickt bin, die mich von dir und anderen isolieren.
  • Schenke mir ein wachsendes Bewusstsein für deine Gegenwart und ein echtes Gespür für mich selbst.

Im Schwarzlicht des Taxierens

Nach jedem Schöpfungstag heißt es in den Genesisberichten: "Und siehe, es war gut." Ein einziges Mal hält Gott inne und konstatiert ein Ungenügen: "Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei." Vollendetes Geschöpf mit dem Gütesiegel "sehr gut" ist er erst in Gemeinschaft. Das Grund-legende Bildmotiv der haltenden Hände wiederholt sich in der Darstellung des Menschenpaares: berührend und haltend werden sie einander zum Gegenüber.

Genau so wünsche ich mir meine Beziehungen: als Begegnung, in der ich im "Ur-Grund" meines Daseins bestätigt und darin bestärkt werde, "gut" zu sein. Umso schmerzhafter trifft es mich, wenn ich mich durch einen anderen hinterfragt oder gar angegriffen erlebe. Er ist dann nicht der Garant für meine Integrität, sondern eine Bedrohung.
Ja, die tückische Linie des Verrats setzt bereits bei der innigen Umarmung der ersten Menschen an, um ihr Zersetzungswerk zu beginnen. Und sie setzt sich fort in jeder Verletzung und Zurückweisung, die ich erfahre, in jedem Unrecht, das ich erleide. Sie verselbständigt sich in meinem Argwohn, übervorteilt zu werden und in der Angst, zu kurz zu kommen. Schließlich kann ich nicht mehr anders, als im Gegenüber den Gegner zu sehen, ihn mit unguten Gedanken zu verfolgen, zu verurteilen, ihm das, was er mir voraus hat, zu missgönnen oder ihm das, was er nicht hat, vorzuwerfen. Der taxierende Blick wirkt wie das "Schwarzlicht" in abgedunkelten Räumen, das nur einzelne aufgehellte Gegenstände unverbunden, irreal und gespenstisch aufblitzen lässt.
 
Die Schlangenlinie der Spaltung durchzieht das Schöpfungsbild - aber sie muss dort enden, wo der Feuerball der Verheißung pulsiert und leuchtet. Dessen wärmendes Rot ist kraftvoller als jede andere Welle! Lasse ich es in den Dunkelraum meiner Beziehungen hineinstrahlen, wird es mir die Menschen, die mir schwerfallen, in einem neuen Licht zeigen. Der Schöpfer hat auch sie ersonnen und sein liebender Blick ruht auch auf ihnen.
In der Sehschule Gottes kann ich lernen, den anderen als den zu erkennen, als den ihn Gott mir offenbaren möchte. Ich kann ihn oder sie in Gedanken vor Gott bringen und in meinem Herzen mit ihm reden - in aller Offenheit:

3. Übung: Mit dem anderen vor Gott treten

  • Du, es bereitet mir Unbehagen, wie du ...
  • Weißt du, wie es mich verletzt, wie es an mir nagt, dass ... ?
  • Ich kann dir nicht mehr Liebe, Verständnis, Wohlwollen entgegenbringen, weil ...
  • Ich wünsche mir von dir, dass ....

An diesem geschützten Ort horche ich auf das, was mir der andere wohl erwidern könnte. Vielleicht gehen mir im inneren Zwiegespräch einige Lichter auf. Vielleicht werde ich ermutigt, das tatsächliche Gespräch zu suchen.

Im Licht vor Gottes Angesicht

Die wichtigste Lektion ist jedoch die Bitte um die Erneuerung meiner Sicht.

4. Übung: Den anderen neu sehen

  • Gott, wie du mich ansiehst, so liebevoll und wohlwollend blickst du auch auf den Menschen, der mir schwerfällt. Ich möchte deiner Liebe nachspüren.
  • Lass mich erkennen, was du dir gedacht hast, als du ihn mir zur Seite stelltest.
  • Zeige mir den Zugewinn, den ich für sein Leben bedeuten kann.
  • Mache mich empfänglich für den Reichtum, der mir durch ihn zufließt.

Es ist ein großes Vorrecht, sich mit allem, was das Leben ausmacht, in den großen Händen des Schöpfers geborgen zu wissen. Zu wissen, dass im roten Feuerball - dem lebendigen Wort, das im Anfang bei Gott war - der Ausweg aus aller Verlorenheit schon erschlossen war, bevor der erste Tag des Kosmos anbrach. Er, Christus, hat das Antlitz des Vaters sichtbar gemacht und den ewigen Namen Gottes geheiligt und offenbart.

Es ist kaum zu fassen - aber in seinem Namen schenkt uns Gott sich selbst! Seit vielen tausend Jahren legen die Söhne Aarons den heiligen Namen JHWH=ICH BIN DA segnend auf das Volk, um so gleichsam Gottes Gegenwart auf die Kinder Israels herabzuziehen. Uns wurde dieser kostbare Schatz im neuen Bund zugänglich, wir dürfen einander das Allerbeste zusprechen: Gottes Nähe, seinen gütigen Blick, in dem wir unverbrüchlichen Frieden finden, sein "Schalom", das Heil. Das ist das rechte Licht, in das Gott mich und meinen Nächsten rücken will!

5. Übung: Miteinander den Segen empfangen

Ich stelle meine Weggefährten und mich, Vater, in das strahlende Licht deiner Gegenwart und spreche über ihrem und meinem Leben aus:

JHWH sei dir Segen und Obdach deines Lebens.

JHWH betrachte dein Leben freudestrahlend und umfange dich mit Barmherzigkeit.

JHWH wende dir sein Antlitz zu und beschenke dich mit seinem Heil.

Von

  • Írisz Sipos

    ist stellvertretende Chefredakteurin des Salzkorns und mitverantwortlich für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der OJC-Kommunität.

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