Sie lauert vor der Tür

Sie lauert vor der Tür

Gott im Gespräch mit Kain

Eine seelsorgerliche Betrachtung

von Ruth Rau

Zwei Entdeckungen führt Ruth Rau in diesem Beitrag zusammen: das packende und lebendige Seelsorgegespräch Gottes mit Kain im 4. Kapitel der Genesis und die Darstellung dieser Szene auf der tausend Jahre alten "Bernwardstür" am Hildesheimer Dom. Die Konturen des Bronzereliefs schärfen die Sicht auf die biblische Erzählung, die uns über die Jahrtausende hinweg eine lebenswichtige Handreichung sein kann.

Abel wurde ein Schäfer, Kain aber wurde ein Ackermann. Es begab sich aber nach etlicher Zeit, dass Kain dem Herrn Opfer brachte von den Früchten des Feldes. Und auch Abel brachte von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Und der Herr sah gnädig an Abel und sein Opfer, aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an. Da ergrimmte Kain sehr und senkte finster seinen Blick. Da sprach der Herr zu Kain: Warum ergrimmst du? Und warum senkst du deinen Blick? Ist’s nicht also? Wenn du fromm bist, so kannst du frei deinen Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie.
Da sprach Kain zu seinem Bruder Abel: Lass uns aufs Feld gehen! Und es begab sich, als sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot. Da sprach der Herr zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er aber sprach: Ich weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein? Er aber sprach: Was hast du getan? Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde. Und nun: Verflucht seist du auf der Erde, die ihr Maul hat aufgetan und deines Bruders Blut von deinen Händen empfangen. Wenn du den Acker bebauen wirst, soll er dir hinfort seinen Ertrag nicht geben. Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden.
Kain aber sprach zu dem Herrn: Meine Strafe ist zu schwer, als dass ich sie tragen könnte. Siehe, du treibst mich heute vom Acker, und ich muss mich vor deinem Angesicht verbergen und muss unstet und flüchtig sein auf Erden. So wird mir’s gehen, dass mich totschlägt, wer mich findet. Aber der Herr sprach zu ihm: Nein, sondern wer Kain totschlägt, das soll siebenfältig gerächt werden. Und der Herr machte ein Zeichen an Kain, dass ihn niemand erschlüge, der ihn fände. So ging Kain hinweg von dem Angesicht des Herrn und wohnte im Land Nod, jenseits von Eden, gegen Osten.  (1. Mose 4, 2-16)

Da steht er, den Knüppel, mit dem er seinen Bruder erschlagen hat, noch in der Hand. Seine Füße sind noch in Bewegung. Er steht nicht fest auf der Erde, hat keinen festen Stand, keinen Standort. Den Knüppel hält er linkisch in der Linken. So wird er kaum zugeschlagen haben. Seine rechte Hand, die Täter-Hand, ist unter dem Gewand verborgen. Unsicher schaut er auf. Eine Stimme hat ihn erreicht. Und es sieht so aus, als finge er gerade erst an zu begreifen, was geschehen ist.
Die vorausgehenden Bilder der Tür zeigen Kain, wie er zuschlägt. Mit beiden Händen. Voll im Affekt. Sein Gewand, das hinter ihm wilde Falten schlägt, deutet die innere Erregung an. Und der zu Boden gestürzte Abel, fast noch im Fall, auch sein Gewand noch in Bewegung. Mit den Händen scheint er den Fall abfangen zu wollen. Seine Füße deuten an, dass er wohl zu fliehen versuchte, als er begriff, was sein Bruder vorhat.
Und nun, im dritten Motiv, das Innehalten: Was hast du getan? Ja, was habe ich getan?, scheint sich Kain zu fragen.

Vor der Tat ...

Allem voraus geht eine vermeintliche Ungerechtigkeit. Solche Fragen kennen wir aus der Seelsorge: Warum habe ich keinen Mann? Alle anderen Frauen in der Gemeinde haben einen. Warum bin ich nicht gesund (wie die anderen)? Warum bleiben mir Kinder versagt, der Erfolg im Beruf? Warum bekommen andere mehr Anerkennung als ich? Und solche vermutete Ungerechtigkeit ist Anlass zur Auflehnung, dazu, dass der Mensch sich selber nimmt, was Gott ihm scheinbar nicht gönnt.
Es gibt Menschen, die so verbittert sind über etwas in ihrem Leben, das nicht nach ihren Wünschen ist, dass sie alles Gute, das Gott ihnen tut, nicht mehr wahrnehmen. So auch Kain: "Da ergrimmte Kain sehr und senkte finster seinen Blick." Ja, wir kennen solche finsteren Blicke von Menschen, die sich zu kurz gekommen fühlen. Manchmal nehmen wir solch einen Blick auch wahr, wenn wir morgens in den Spiegel schauen. Ja, es kommt auch in unserem Herzen vor, dass wir Gott für ungerecht halten.
Und Gott reagiert darauf: "Warum ergrimmst du?", fragt er. Warum kannst du mir nicht mehr in die Augen schauen? Und deinem Bruder auch nicht? "Siehst du scheel drein, weil ich so gütig bin?" - fragt der Weinbergbesitzer in der Parabel Jesu einen der Arbeiter im Weinberg (Mt 20,15). Gottes Seelsorge beginnt längst, bevor aus bösen Gedanken schlimme Taten werden.

... lauert die Sünde

Gott geht mit Kain einen Schritt in die Tiefe: "Ist es nicht so", sagt er, "wenn du fromm bist (Elberfelder Übersetzung: wenn du recht tust), kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm (tust du nicht recht), so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen." Es geht in diesem Gespräch ganz eindeutig um die Gedanken und Gefühle, die den Handlungen vorausgehen. Gott nimmt sie wahr. Er achtet auf die Gebärdensprache. So wie eine Mutter dem Kind sogleich ansieht, wenn es etwas angestellt hat, braucht Gott Kain nur anzuschauen und er sieht, was sich in ihm abspielt. Er sieht: die Gefahr der Sünde lauert vor der Tür - wie ein wildes Tier - und "nach dir hat sie Verlangen".
Gott sieht die Gefahr gleichsam von ihrer Innen- und Außenseite. "Warum ergrimmst du?" Das ist die Innenseite. Was hat dich so verletzt? Wenn wir das fragen, bekommen wir viel über Ungerechtigkeit zu hören. Aber Gott beschränkt sich nicht auf die Innenschau. Er sieht auch eine klare Bedrohung und Gefahr von außen. Heute sind das vielleicht Versuchungen, Verführungen, gesellschaftliche Einflüsse, die Medien, Werbung, die Clique.

Du aber herrsche über sie

Und nun bekommt Kain einen klaren Auftrag. Gott will ihm sagen: Lass dir doch nicht einreden, dass du machtlos bist. Du hast eine Wahl, du kannst dich entscheiden! Du bist verantwortlich. Du selbst. Gott traut Kain etwas zu, nimmt ihn ernst, stärkt sein Selbstbewußtsein. Du bist der Herr deines Lebens. Du kannst nein sagen, bist nicht Sklave deiner Gefühle und nicht Opfer der Verführungen von außen. Du bist eigenverantwortlich, du bist mir verantwortlich - und sonst keinem!
Von Kain hören wir kein Wort. Sieht er nur noch rot? Ist sein Grimm so eskaliert, dass er gar nicht mehr zurück kann? Zurück will? Emotionen können so ins Kraut schießen, dass sie nicht mehr beherrschbar sind. Aber vorher haben wir viele Warnsignale überhört, von innen und von außen.

Und er erhob sich über...

Und nun nehmen die Ereignisse ihren Lauf. Anstatt Gott zu antworten, sagt Kain zu seinem Bruder: "Lass uns aufs Feld gehen." Ein Befehl, dem sich der jüngere Bruder nicht widersetzt. "Und es begab sich, als sie auf dem Feld waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder..." Beginnt so nicht immer das Unrecht, das wir anderen zufügen, dass wir uns erheben, dass wir ihn nicht mehr auf gleicher Stufe neben uns stehen lassen, ihn nicht mehr von Gott neben uns gestellt sehen? "...und schlug ihn tot."
Nun, wir schlagen einander nicht gleich tot. Aber wenn Blicke töten könnten oder Worte... Wir verletzen, kränken den anderen. Damit beeinträchtigen wir seine Würde und Lebenskraft. Oft geschieht das, weil wir unseren Grimm nicht beherrschen. Weil wir Gott als ungerecht empfinden und unser Recht selbst in die Hand nehmen. Gott aber hat Kain dafür verantwortlich gemacht, zieht ihn zur Verantwortung: "Wo ist dein Bruder Abel?"

Soll ich meines Bruders Hüter sein?

So fragt Gott uns immer wieder: Wo ist dein Kollege? Wo ist deine Schwester? Wo ist ...?  - und wir wissen schon, wen er meint. Denjenigen, der am Boden zerstört ist wegen etwas, das wir gesagt oder getan haben, obwohl wir doch meinten, es wäre unser gutes Recht.
"Weiß ich doch nicht!" antwortet Kain. Kann ich doch nichts dafür, wenn’s dem schlecht geht, sein Problem!, denken wir. Da kann ich mich doch nicht auch noch darum kümmern. Ich habe schon genug am Hals. Soll ich meines Bruders Hüter sein? Offenbar meint Gott genau das. Und um uns zu zeigen, wie er sich diesen "Hüter" vorstellt, sendet er den guten Hüter, den Hirten, der seinen Schafen nachgeht, gerade wenn sie unter die Dornen oder die wilden Tiere geraten. Er sendet den, der uns zum Bruder wird, und der sich verantwortlich fühlt für uns, seine Brüder und Schwestern, damit keiner verlorengehe.
Aber hier ist kein Jesus, sondern ein Kain, der trotzig sagt: "Soll ich meines Bruders Hüter sein?" Und nun wird Gott ganz direkt: "Was hast du getan? Das Blut deines Bruders schreit zu mir von der Erde."

Ich wollte es verschweigen

Nun geht es um die Konsequenzen der unrechten Taten. Da muss Gott Kain sagen: Es liegt kein Segen auf dem, was du getan hast, sondern ein Fluch. Die Erde verweigert sich dir. Sie nährt dich nicht mehr, schützt dich nicht mehr.
Mich erinnert dieser Dialog an manches, was heute in Familientherapien auf biblischer Basis geschieht. Da muss das, was in der Geschichte einer Familie zum Himmel schreit, vor Gott ans Licht gebracht werden, weil es die Familie nicht zur Ruhe kommen lässt. Unrecht, das geschehen ist, Verletzungen, Ausgrenzungen, Benachteiligungen, Vertrauensbrüche, Beschädigungen von Leben und von Seelen. Es kommt nicht zur Ruhe, wenn man es verschweigen will oder leugnet.

Vor Gott gibt es da kein "Schwamm drüber".

"Denn als ich es wollte verschweigen, verschmachteten meine Gebeine." (Psalm 32, 3) Das gilt bis heute. Das erleben wir in der Seelsorge, das erleben wir auch bei uns selbst, wenn wir versuchen, etwas zu verharmlosen, anstatt es vor Gott zu bekennen. Dann können wir nicht mehr den Blick erheben. Unsere Verbindung zu Gott ist gestört. Und die zu anderen auch. Sogar die zur Erde, die uns trägt, wie das Beispiel Kains zeigt: "Der Acker soll dir seinen Ertrag nicht mehr geben." Das Leben wird nicht mehr fruchtbar sein, wenn die Dinge, die zum Himmel schreien, vor Gott nicht in Ordnung gebracht werden.

Die Strafe ist mir zu schwer

Und der Mensch bricht darunter zusammen. "Meine Strafe ist zu schwer, als dass ich sie tragen könnte." Was ich hier lese, begegnet mir in vielen Familientragödien. Ein Mensch ist so verstrickt in Geschehnisse oder Beziehungen, dass er keine Lebensmöglichkeiten mehr für sich sieht. "Das kann ich nicht mehr ertragen", ist der beherrschende Gedanke, der dann sogar zu einer Selbsttötung führen kann.
Und wenn diese Gefahr gebannt ist, kommt die Angst zum Vorschein: Wie soll ich damit weiterleben? Vor dir, Gott, muss ich mich verbergen. Wo kann ich eigentlich noch bleiben? Dazu kommt die Angst vor Ablehnung und Rache. Wie werden die Menschen mit mir umgehen, denen ich das angetan habe? Werden die Opfer (oder ihre Nachkommen, ihre Familien) mich nicht bis ans Ende der Erde verfolgen?

Das rettende Wort

Aber es kommt ein klares, rettendes Nein von Gott: "Nein, wer Kain totschlägt, soll siebenfältig gerächt werden." Das ist ein Nein Gottes zu Blutrache und Blutfehde und allen Versuchen der Menschen, die Rache selbst in die Hand zu nehmen. "Die Rache ist mein", sagt Gott (5. Mo 32, 35).
Und Gott versieht den Kain mit einem Zeichen. Er schützt den Mörder vor anderen Mördern. Gott will nicht, dass die Rache eskaliert. Er hat ihr ein Ende gesetzt. Aus meiner Sicht möchte ich sagen: Das Kainszeichen muss ein Kreuzzeichen gewesen sein. Denn das Kreuz Christi ist der Ort, an dem Vergebung gewährt werden kann für jede Schuld. An dem jeder Hass und jede Rache zu ihrem Ende kommen kann, an dem noch Ruhe zu finden ist für die, die unstet und flüchtig über die Erde eilen. Gott will nicht, dass auf die alte Schuld noch neue Schuld gehäuft wird. Darum gilt sein Schutz Opfern und Tätern. Für beide gilt: Das Blut Christi schreit lauter als das Blut Abels. Und es schreit nicht nach Rache, sondern nach Versöhnung.

Kain geht weg vom Angesicht Gottes und lebt "jenseits von Eden" (V. 16). Aber das muss heute - nach dem Leben, Sterben und der Auferstehung Jesu - keiner mehr! Gott schaut gnädig auf uns, wenn wir unsere Schuld bekennen, wie groß sie auch sei, und uns versöhnen lassen. Und sein Angesicht hält Ausschau nach allen, die noch unstet umherirren.
Das ist der Weg, den Gott mit Kain geht: Er spricht ihn an - er warnt ihn - er gibt ihm die Würde der Verantwortung - er lässt ihn als Sünder nicht fallen - er liefert ihn der Rache nicht aus. Er stellt ihn unter das Zeichen, unter dem es Versöhnung für jede Schuld gibt.

Sich an Gott halten

Hätte Kain eine andere Wahl gehabt? Haben Menschen, die sich heute ungerecht behandelt fühlen, eine andere Wahl?Ich möchte "Kain" ermutigen, sich mit seinen Fragen, seinen Gefühlen, seinem Grimm, seinem Eindruck, ungerecht behandelt worden zu sein, an Gott zu wenden. Er könnte Gott fragen: Warum hast du mein Opfer nicht gnädig angesehen? Warum ziehst du meinen Bruder vor? Er könnte vor Gott klagen: Ich fühle mich von dir ungerecht behandelt. Er könnte Gott gestehen: Ich fühle mich nicht stark genug, der Sünde zu widerstehen.Er könnte Gott bitten: Hilf mir. Ich schaffe es aus eigener Kraft nicht. Hilf mir, mit meinen gekränkten Gefühlen anders umzugehen. Sei die Tür zwischen mir und meinem Bruder, ¬meiner Schwester, schützend und verbindend zugleich. Dann könnte auf der Erde Raum genug sein - für Kain und Abel.

Von

  • Ruth Rau

    (Jg. 1944) ist Autorin zahlreicher Foto-Text-Bücher, Zeitschriftenbeiträge und Karten und lebt in Sexau bei Freiburg. Sie ist Prädikantin in der Badischen Landeskirche und engagiert sich in der Gemeinde.

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