Sie sind unvergleichlich!

Meine Kinder neu aus Gottes Händen empfangen

von Heidi Kemmer

Wenn Eltern sich mit anderen Eltern vergleichen - und ihre Kinder mit deren Kindern -, geraten sie leicht in einen komplizierten Gewissenskonflikt. Einerseits wünschen sie ihren Kindern bessere und vorteilhaftere Lebensumstände, andererseits spüren sie, dass durch ihre Ansprüche und den ständigen Vergleich nicht nur sie selbst, sondern vor allem die Kinder unter unheilvollen Druck geraten.

Heidi Kemmer, vierfache Mutter, beschreibt das innere Ringen mit den Gespenstern des Vergleichens und die überraschende Freiheit, wenn diese im Licht Gottes ihre Macht verlieren.

Wenn ich wieder einmal schlaflos im Bett liege und meine Gedanken um die Frage: Warum gerade ich? kreisen, wenn ich voller Neid auf andere blicke und mir die Wunden, die längst hätten heilen sollen, wieder aufreiße, dann - ja dann geht es ganz oft um meine Kinder.

Dabei habe ich alles, was man sich als Mutter mitten im Leben wünschen kann: Ich bin verheiratet mit einem hervorragenden Mann, beschenkt mit drei Töchtern und einem Sohn zwischen vierzehn und sechs. Alle wunderbar geraten! Oder etwa nicht...?

Eine Mischung von Zweifel und Selbstvorwürfen nagt an mir. Irgendetwas muss ich falsch gemacht haben: Warum haben unsere Älteste und Jüngste Epilepsie? Warum leidet unser Sohn an Asthma und warum haben alle vier Schwierigkeiten in der Schule? Eine braucht die Lernhilfe, die andere hat die Klasse wiederholt, unser Sohn ist eine "faule Socke", der gerade für den Hauptschulzweig vorgeschlagen worden ist, und die Jüngste wird noch in diesem Jahr eine Schule für Kranke und Körperbehinderte besuchen. Ich muss einfach mehr tun, unsere Kinder mehr fördern, Nachhilfe reinholen und und und. Aber was ich auch tue, es reicht nicht.

Ja - unsere Freunde, die haben es viel besser! Sie haben Vorzeigekinder, allesamt Musterschüler. Ich kann es kaum ertragen, wenn sie schon wegen einer "2" meckern. Was wollen die eigentlich?! Ich bin hier die, die wirklich Grund zum Meckern hat. Dabei sehne ich mich nach Anerkennung, gerade dann, wenn ich - um Mitgefühl heischend - anderen meinen Kummer erzähle und in ihrem Mitleid bade. Oft ein billiger Trost.

Mir ist die Sinn- und Ausweglosigkeit des ständigen Vergleichens bewusst. Ja, es beginnt, mich zu zerreißen. Etwas gerät hier ganz und gar aus den Fugen und bedroht nicht nur mich, es bedroht auch unsere Kinder! Mir wird klar, wer und was hier das Wundervolle zerstören will: Es ist der alte Aufwiegler, der Ankläger, der Durcheinanderbringer!

Hilfe!

War da nicht dieser Vers, dieses Angebot Gottes: "Rufe mich an in der Not"?

Ich rufe, aber mein Herz ist zu voll mit dem Ballast des Vergleichens und - will ich die Sorge wirklich abgeben, Ruhe und Hilfe finden? Ich bin oft enttäuscht über mich selbst, dass ich so blind bin für das Schöne und Einzigartige, das Gott in unsere Kinder gelegt hat, was schon jetzt und auch später noch zur Entfaltung kommen wird.

"Ja, ich will! Hilf mir, Vater im Himmel, meine Kinder mit deinen Augen zu sehen! Und hilf mir vor allem, mich selbst mit deinen Augen zu sehen. Du hast mir diese wunderbaren Kinder anvertraut. Du hast mir zugetraut, dass ich für sie sorgen kann, dass ich ihnen eine gute und liebende Mutter sein kann. Hilf mir, darauf zu vertrauen, dass, wenn du uns zu einer Familie zusammengestellt hast, alle ihren Platz finden und - mit deiner Hilfe - auch ausfüllen können."

Während ich mich bewusst dem Vater im Himmel anvertraue, komme ich mir und meinen Mütter-Ängsten auf die Schliche. Ich habe meine eigenen Versagensängste auf meine Kinder projiziert und kann ihnen nicht zutrauen, dass sie ihr Leben meistern. Weil ich mich als zu kurz gekommen erlebe, glaube ich, meine Kinder könnten auch zu kurz kommen.

Und dabei sind sie so reich beschenkt! Wie oft staune ich über die Schönheit und Anmut unserer Ältesten, über ihre Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, über ihre Freude am Kochen und ihr Talent beim Klavierspiel. Oder unser Sohn: Er ist ein anmutiges, ausgeglichenes Kind voller Neugier auf die Welt, engagiert beim Fußball und beim Trompetenspiel. Und dann unsere zweite wundervolle Tochter - ein herzliches Wesen, hilfsbereit und immer bemüht um eine harmonische Atmosphäre. Sie singt und tanzt gern für sich allein, sie liebt Jesus, führt ein Tagebuch und liest uns zuweilen daraus vor. Die Jüngste gar ist unser quirliger Sonnenschein, sie wickelt uns alle mit ihrem Liebreiz und ihrer verschmusten Art um die Finger. Sie meint es von Herzen, wenn sie mich die beste Mama der Welt nennt. Warum sollte ich ihr nicht glauben?

Ich merke, wie sich mein Blick klärt und die Zuversicht in mir wächst: Ja, wir werden es miteinander schaffen, weil Gott es uns zutraut! Gott hat mir, hat uns zugetraut, einander zu geben, was wir zu einem erfüllten Leben brauchen.

Er selbst steht für die Lücken ein, er selbst füllt unsere Mängel mit seinem Reichtum aus!

Plötzlich kann ich nur staunen und bin überwältigt - und ich merke, dass ich das, was Gott selbst in unsere Kinder hineingelegt hat und was wirklich zählt, mit meinem Willen, aus ihnen perfekte, wohlerzogene und supergute Kinder und Schüler zu machen, zugedeckelt habe.

Mit dieser Erkenntnis und dem neu erwachenden Vertrauen kann ich dem nagenden Neidgefühl entgegentreten und muss nicht in Frust und Angst befangen bleiben. Gottes Verheißung, dass mir nichts mangeln wird, gilt auch mir und gilt auch den Meinen. Ich empfinde eine neue Dankbarkeit für all das, was ich oft als selbstverständlich hinnehme, was aber keinesfalls selbstverständlich ist.

Im Licht der Dankbarkeit erscheinen auch die Schwierigkeiten in einem anderen Licht: die beängstigenden Krankheiten, die erschwerten Lernbedingungen meiner Kinder werden meinen Blick immer wieder auf die Realität lenken, dass ich eben auf Gott angewiesen bin und bleiben werde. Ich lerne, mich von meinem Verunsicherungsschmerz zu lösen und mich der Liebe Gottes neu zu versichern. Eine Übung, die wohl bis ans Ende meines Erdenlebens dauern wird ...

Sie lauern noch auf mich, die düsteren Gedanken und unruhigen Nächte, in denen ich mich kraft- und hilflos fühle. Ich weiß aber, dass ich ihnen keinen Raum in meinem Herzen geben muss. Meine Ängste, Fehler und Kränkungen, diese unheimlichen Gefährten, sind aus der Heimlichkeit ans Licht gekommen.

Ich will und kann sie benennen, ich darf sie zugeben und kann mich so wie ich bin, Gott, meinem Vater, anvertrauen. Weil ich ihm wichtig bin und weil er mich liebt, wird in meinem Herzen, wird in meiner Familie Neues und Wertvolles entstehen. Das wage ich zu hoffen - ja, dessen bin ich mir gewiss.

Von

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