Nicht im Neid versauern

Nicht im Neid versauern

Vom rechten Umgang mit bitteren Früchten und wie wir an die Vitamine kommen

Rebekka Havemann im Interview mit Hanne Baar

Hanne Baar nimmt mit psychologisch geschultem Blick und entwaffnender Ehrlichkeit bedrohliche Gefühle und scheinbar komplizierte innere Erlebniswelten unter die geistliche Lupe und zeigt Wege auf, wie Heilung und Befreiung geschehen kann.

Frau Baar, sind Sie manchmal neidisch?

Ja, natürlich, aber längst nicht mehr so arg wie früher. Ich habe eine lange "Schule" hinter mir. Ich erinnere mich noch gut daran, wie mir zum ersten Mal Neid in meinem eigenen Leben bewusst wurde: Ich war damals Leiterin einer Erziehungsberatungsstelle und hatte eine junge, elegante Mitarbeiterin. Die mochte ich einfach nicht. Ich wusste gar nicht warum, aber ich habe sie gepiesackt, vor anderen schlecht gemacht und ihr am Ende ein schlechtes Zeugnis geschrieben. Und fühlte mich dabei noch völlig im Recht. Erst als man mich auf mein Verhalten ansprach, wurde mir bewusst, dass ich sie beneidete. Ich war sehr betroffen. Später begriff ich: diese Frau war der Inbegriff dessen, was meiner Mutter als Tochterideal vorschwebte und was ich nicht war. Mein Verhalten tut mir heute noch leid, ich kann es nicht wiedergutmachen.

Woher kommt Neid und wohin führt er?

Der Neid "lauert vor der Tür" und bietet sich uns an, um innere Schmerzen nicht spüren zu müssen. Oft tragen wir Wunden, Enttäuschungen oder Kränkungen in uns, die uns zwar nicht unbedingt präsent sind, aber doch wehtun. In meinem Fall war es der nicht aufgearbeitete Schmerz, dass ich es meiner Mutter nicht recht machen konnte, so wie ich war. Weil die Kollegin all diese Qualitäten hatte, musste ich sie schlecht machen. Damit hatte ich ihr den  "schwarzen Peter" zugeschoben.
Die Schwierigkeit ist, dass es sich dabei um sehr flink ablaufende innere Prozesse handelt, deren man sich kaum bewusst ist - man reagiert und weiß gar nicht, worauf und warum.
Oft beginnt es damit, dass man den andern für das, was er uns voraushat, bewundert. Man will es auch haben und versucht, es durch eine enge Beziehung an sich zu ziehen, danach zu greifen, um das eigene Loch zu stopfen. Aber das geht natürlich nicht. Man nimmt es dem anderen übel, dass er diesen Schmerz in einem auslöst. So entwickelt man ganz ambivalente Gefühle von Haß und Bewunderung.
Bei all dem, das ist das Tückische daran, setzt uns der Neid seine Brille auf. Sie schränkt das Blickfeld und die Wahrnehmung der eigenen Wirklichkeit immer mehr ein, bis man nur noch sieht, was man nicht hat. Damit wird man unfähig, sich an dem zu freuen, was man hat und ist.

Sind manche Menschen dafür anfälliger als andere?

Mir ist aufgefallen, dass Menschen, in deren Kindheit eine Geschwisterrivalität geherrscht hat, anfälliger sind für Neid. Wahrscheinlich, weil diese Reaktionsmuster tief in ihnen "gespurt" sind.

Fast jeder kennt Neid und doch spricht man nicht darüber, warum?

Man schämt sich. Zum einen für den Neid selbst - wer will schon ein Neidhammel sein? Und außerdem schämt man sich, weil ein Gefälle vorhanden ist, bei dem man schlechter abschneidet als der andere. Scham und Peinlichkeitsgefühle haben übrigens eine ganz eigene Dynamik, die uns sehr manipulieren und zu einem Hauptmotiv für unser Leben und Verhalten werden kann. Wer das überwunden hat, kann sich gratulieren.

Was sind die Symptome, woran erkenne ich, wenn meine Gedanken und Handlungen untergründig von Neid motiviert sind?

Man sagt, "Neid sticht" und hat einen bitteren Geschmack. Das nimmt man schneller wahr, wenn man dem einmal im eigenen Wesen begegnet ist und sich damit auseinandersetzen musste. Bald kann man das Muster wiedererkennen. Wenn ich mich z.B. dabei ertappe, dass ich Gutes schlecht mache oder übermäßig streng bin mit anderen, dann frage ich mich - steckt da nicht Neid dahinter?
Bei jeder Art von Empörung empfiehlt es sich nachzuspüren, ob nicht Neid dahintersteht, vor allem bei unangemessenen Überreaktionen.

Stimmt es, dass man sich von dem Reichtum, den man am oder im anderen beneidet, abschneidet?

Ja, denn was ich dem anderen nicht gönne, kann ich auch mir nicht mit gutem Gewissen gönnen. Ich kann es mir nur mit schlechtem Gewissen herausnehmen, also unter Schuldgefühlen - und das ist kein Genuss.
Außerdem ist uns der Nächste mit seinen Gaben und Fähigkeiten von Gott an die Seite gestellt worden, damit wir uns gegenseitig bereichern und ergänzen. Dieser Bereicherung beraube ich mich, wenn ich den anderen beneide, das macht mich ärmer.

Was raten Sie jemandem, der erkannt hat, dass er in der Neidfalle sitzt und herauskommen möchte?

Als erstes den Neid als Neid identifizieren, ihn nicht kleinreden oder salonfähig machen.  Befreiung setzt voraus, dass ich mich diesem Gefühl nicht überlasse, sondern die konkrete Entscheidung treffe, es vor mir und evt. jemand anderem als Sünde zu bekennen. Neid bedeutet immer: nicht gönnen. Mir hilft es, vor Gott auszusprechen: "Dieser Person gönne ich ... nicht. Ich will das nicht, aber es ist so und ich kann mich selbst nicht davon erlösen. Jetzt bist du dran, Gott, ich höre."
Es ist auf Dauer wesentlich hilfreicher, den Neid zuzugeben, als sich zu "trainieren", niemals neidisch zu sein. Das läuft meist nur auf Verdrängung hinaus - Neidgefühle und Bitterkeit stauen sich an, und die Wunde darunter wird nicht geheilt.  

Aber wenn ich diese Wunde gar nicht kenne!

Der Neid kann uns helfen, uns besser kennenzulernen. Auslöser für Neid ist ja eine innere Unzufriedenheit, die Diskrepanz zwischen meinen Ansprüchen, wie etwas sein sollte, und der Realität, wie sie leider ist. Das alles erscheint vor meinem inneren Auge als eine Bildfolge. Wenn ich mir die genau anschaue und aushalte, kann ich Unzufriedenheit und Neidgefühle besser zuordnen und entdecke vielleicht, dass sie ihren Ursprung in der Kindheit haben. Indem ich wahrnehme, was genau es ist, was ich vergleiche, wenn ich neidisch bin, nähere ich mich dem zugrundeliegenden Schmerz, der Wunde, die dahinter steckt. Das kann am Anfang sehr schwer auszuhalten sein. Aber wenn ich das aushalte, wenn ich dem Schmerz nicht ausweiche, sondern ihn wahr sein lasse und durchlebe, wird er mit der Zeit schwächer. Das wird leichter, je öfter ich das vollziehe, und irgendwann ist die Enttäuschung "ver-schmerzt". Wenn ich dann wieder an solche Wunden stoße, zucke ich nur noch mit den Schultern und denke: "Aha, du bist es schon wieder. Dich kenne ich doch." Dann brauche ich Neid als Schmerzabwehrmechanismus nicht mehr; er hat seine Macht verloren.

Das klingt, als könnte man sich den Neid zunutze machen.

Ich habe für mich beschlossen, dass mir der Neid - in einem ganz positiven Sinne - dienen soll. Er zeigt auf, wo ich mich an etwas Fremdem, nämlich an dem, was ich im andern so sehr beneide, festhalte, und mich dadurch daran hindere, ich selbst zu werden. Die Freiheit, ich zu sein, wächst, wenn ich das Fremde loslasse. Damit bin ich ganz bei mir, mit der beneideten Person hat das gar nichts mehr zu tun. Das läßt sich üben, das ist das Gute daran.

Gibt es eine Faustregel für den akuten Fall?

Ja, dass ich mir vor Augen halte: Der Neid ist mein Feind, nicht der Mensch, den ich beneide! Dabei hilft mir, ganz bewusst das Schöne und Gute im anderen zu segnen. Ich kann üben, ihm im Gebet Gutes zu wünschen; dass Gott ihn in einen immer größeren Reichtum seiner Gaben führt.

Die Ungleichheit der Gaben ist manchmal schwer auszuhalten. Gibt es denn nicht doch berechtigten Neid?

Verständlichen Neid vielleicht, nicht berechtigten. Die Ungleichheit zwischen mir und dem anderen auszuhalten, ist wirklich nicht einfach, gehört aber zum Menschsein dazu. Mir hat dabei schon oft geholfen, dass Gott mich gefragt hat: Willst du denn mit dem anderen tauschen? Und meine spontane Reaktion war: Nein, niemals! Auch mit der Kollegin, die ich damals so um ihre Eleganz beneidet habe, hätte ich nicht tauschen wollen. Wenn ich mir das bewusst mache, kann ich wieder die Gaben sehen, die Gott in mein Leben gelegt hat. Das weitet die enge Sicht des Neides und hilft mir, mich mit meiner ganzen Wirklichkeit wahrzunehmen. Dann kann ich aufatmen und manchmal auch über mich lachen.

Die Schmerzen, die aus nichterfüllten Wünschen und Enttäuschungen kommen, können wir immer wieder zu Gott bringen, vor ihm aussprechen, weinen, klagen. Mich berührt, wie freundlich Gott zum neidischen Kain spricht (1. Mose 4). Auch zu dem älteren Sohn in Lukas 15, der neidisch auf den wiedergefundenen jüngeren Bruder ist, und zu den Arbeitern im Weinberg, die sich beschweren, dass sie auch nur einen Dinar bekommen haben (Matthäus 20), spricht Gott freundlich. Er verurteilt uns nicht für unsere Schmerzen und Enttäuschungen, sondern will uns helfen, zu überwinden und zu wachsen.

Es gibt Leute, die Neid als eine soziale Triebkraft nutzen, um weiterzukommen...

Das würde ich für mich nicht so sehen. Natürlich kämpfe ich auch für meine Ziele, aber ich will dabei nicht bitter sein. Die Mittel, die ich einsetze, um mein Leben zu gestalten und etwas zu erreichen, haben viel mehr Chance, ans Ziel zu kommen, wenn sie nicht vom Neid motiviert sind.

Nun gibt es ja auch noch das Opfer, den Beneideten. Was macht der Neid mit ihm?

Neidopfer in der Bibel sind u.a. Abel, Josef und auch Jesus. Abel bezahlte den Neid seines Bruders mit dem Leben. Josef, der von seinen Brüdern in den Brunnen geworfen wurde, übte sich in der Feindesliebe, er ist daran gewachsen und hat letztlich absoluten Gewinn aus der Geschichte gezogen. Und von Jesus heißt es: "Sie überantworteten ihn aus Neid." Ihn hat der Neid ans Kreuz gebracht. Die Gefahr ist, dass ich mich als Neidopfer in einer Weise wehre, die auf die giftige Spur einsteigt und selbst böse wird. Es sind Prüfungen.

Aber oft weiß ich gar nicht, dass der andere aus Neid unfair zu mir ist.

Je besser man den Neid und seine Strukturen aus eigener Erfahrung kennt, umso eher kommt man darauf, den Schmerz des Neides auch beim anderen zu erkennen. Wer aber damit im eigenen Leben noch keine Erfahrungen gemacht hat, wundert sich oft nur und kann das Verhalten des anderen nicht einordnen. Man fühlt sich abgelehnt und weiß nicht warum. Man will seine Sache gut machen und strengt sich an und je besser man es macht, desto größer werden Neid und Ablehnung auf der anderen Seite. Dabei liebt man den anderen vielleicht und will eine gute Beziehung zu ihm. Das kann dann sehr tragisch sein. So etwas passiert auch zwischen Kindern und Eltern: vom Vater auf den Sohn bzw. von der Mutter auf die Tochter. Das gibt es nicht selten, dass ein Elternteil neidisch ist auf die Schönheit oder die Beliebtheit des Kindes oder ihm unbewusst übelnimmt, dass es ein leichteres Leben führen kann als die Eltern das seinerzeit konnten usw. Je mehr das Kind sich anstrengt, desto mehr wird es abgelehnt, dabei ist es auf die Liebe seiner Eltern, die ihm sein eigenes Leben gönnt und ermöglicht, so sehr angewiesen.

Der Neid eines anderen kitzelt doch auch mein Selbstwertgefühl, nicht wahr?

Ja, ich habe mich selbst schon beim Angeben ertappt, weil ich andere neidisch machen wollte. Das hat mich schon erschreckt. Eigentlich wollte ich, dass der andere mich bewundert, weil er das nicht tat, sollte er wenigsten auf mich neidisch sein. Die Bibel sagt dazu in Galater 5, 26: Laßt uns nicht nach eitlem Ruhm gierig sein, einander nicht reizen noch beneiden. Neidisch sein und Neid herausfordern - da kann das Opfer zum Täter werden.

Was raten Sie jemandem, der unter dem Neid eines anderen leidet?

Vor allem Gott um Weisheit zu bitten, ob es möglich ist, das Gespräch mit dem anderen zu suchen, oder ob man damit gegen Wände rennt und alles nur noch schlimmer wird.

Die Gegenbewegung ist, den Feind zu segnen, das gibt mir großen Schutz gegen ihn. Ich sage "Feind", obwohl es ja oft ganz nahe Menschen sind, mit denen ich das erlebe, aber die Dynamik ist eben doch zerstörerisch. Deshalb ist es wichtig, gesunde Grenzen zu setzen. Dafür braucht es auch die Entscheidung, das Problem des Neides beim anderen zu lassen, denn in erster Linie ist es ja sein Problem, nicht meines.

Ist die Beziehung damit nicht belastet?

Doch, sehr. Damit diese Verletzung nicht Ursache für neues Unheil wird, muss sich auch das Neidopfer auf einen Heilungsweg begeben. Dazu gehört, seine Gefühle über das Verhalten des anderen an angemessener Stelle ehrlich beim Namen zu nennen und der Wut Luft zu machen. Wenn man die Traurigkeit über die gestörte Beziehung zulassen kann, ist die Heilung schon fortgeschritten. Und dann können wir uns entscheiden, die akute Situation als Anlass zu nehmen, "Feindesliebe" zu üben. Wenn uns das gelingt, werden wir achtsam bleiben, den passenden Moment für eine ehrliche Aussprache zu nutzen. Das Zeichen, dass eine Situation vom Neid entgiftet ist, ist, dass man am Ende miteinander darüber lachen kann. Das braucht Zeit, aber die Hoffnung darauf ist sehr realistisch.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Von

  • Rebekka Havemann

    Krankenschwester, lebt seit 1999 in der OJC. Seit Sommer 2014 verstärkt sie das Team vom Haus der Hoffnung in Greifswald. Seit 2016 gibt sie die Zeitschrift Brennpunkt Seelsorge heraus.

    Alle Artikel von Rebekka Havemann

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