Verzerrte Optik

Verzerrte Optik

Heilsame Lektionen in der Sehschule Gottes

von Rudi Böhm

Neid, das bezeugt auch die Bibel, ist ein urmenschliches Phänomen, das Gemeinschaft gefährdet und zerstört. Rudi Böhm beschreibt, wie der "scheele Blick" des Neides entsteht und wie die biblische Botschaft den Blick wieder auf das Wesentliche zu richten vermag.

Es gibt wohl keinen Menschen auf der Welt, dem das Gefühl des Neides ganz und gar fremd wäre. Haben Sie das auch schon einmal erlebt, dass Sie sich in Gedanken unentwegt mit einer bestimmten Person beschäftigen, grübelnd über ihre Eigenschaften und Vorzüge nachdenken? Sie beginnen zu vergleichen und malen sich aus, wie es wäre, wenn Sie selber...  Warum hat der das und ich nicht? Wie gut ginge es mir, wenn ich das auch könnte, wenn ich auch so begabt, gescheit und beredt wäre...

Nehmen Sie sich einmal für folgende Fragen Zeit:

- Vergleiche ich mich oft mit anderen?
- Bin ich mit mir unzufrieden? Nörgle ich gern an anderen herum?
- Habe ich oft das Gefühl, benachteiligt oder zu kurz gekommen zu sein?
- Das alles können Hinweise auf Neid sein.

Neid macht krank

Neid ist eine Form von Blindheit, die die eigenen Gaben missachtet und übergeht und die Wahrnehmung ausschließlich auf die Stärken anderer heftet. Friedrich Rückert bündelt die Neidproblematik in den treffenden Vers: "Der Blick des Neides sieht zu seiner eigenen Pein nur alles Fremde groß und alles Eigene klein."
Ein altes Wort für Neid ist "scheel sehen". Es bezeichnet das verborgene Schielen auf das, was man glaubt, haben zu müssen, aber nicht hat; sein zu müssen, aber nicht ist. Der scheele Blick verengt die Sichtweise und verursacht das bittere Gefühl, nicht bekommen zu haben, was man eigentlich brauchte und einem rechtmäßig zustünde. Als Folge macht sich eine Lähmung breit, die den Fluss der Lebenskraft ins Stocken bringt. Mehr und mehr verlieren wir dabei unsere innere Beweglichkeit und enden schließlich im Verließ bedrückender Gemütszustände.

Ein Mann mittleren Alters litt jahrzehntelang an einer chronischen Magenerkrankung, weil er sprichwörtlich "sauer" darüber war, nicht so angesehen und bedeutend zu sein wie jene Menschen, mit denen er sich verglich. Sich selber war er nie genug. Mit einem ungeheuren Ehrgeiz trieb er sich zu Hochleistungen an, um vor allem mit denen mithalten zu können, die mit ihm rangmäßig auf gleicher Stufe standen. Im Laufe der Jahre wurde sein Gesundheitszustand immer bedenklicher. Nach einem körperlichen Zusammenbruch am Ende eines öffentlichen Auftritts hielten die Ärzte eine Magenoperation für unumgänglich. In einer seelsorgerlichen Begleitung wurde ihm deutlich, wie sehr sein ehrgeiziges Streben nach Überlegenheit gegründet war in einem tiefsitzenden Hass gegen die eigene Begrenztheit. Schließlich war er soweit, dass er Gott dafür um Vergebung bitten und sich lossagen konnte von dem Anspruch, um jeden Preis überlegen, noch besser, bedeutender sein zu müssen. Er fand eine neue Identität in dem Zuspruch: "Schlichtheit und Geradheit mögen mich bewahren, denn ich hoffe auf dich" (Psalm 25, 21 nach der Übersetzung Martin Bubers). Von diesem Tag an trat Entkrampfung ein und sein Herz weitete sich und wurde empfänglicher für Gottes Liebe.

Schritte in die Freiheit

In der Bibel wird Neid klar verurteilt (siehe Jak  4,1; 1. Kor 3,3;  2. Kor 12,20 u.a.). "So legt nun ab alle Bosheit und allen Neid." (1. Petr 2, 1) Wo nämlich Neid und Ehrgeiz herrschen, da gibt es Unordnung und böse Taten jeder Art." (Jak 3,13-18) Neid und Missgunst gehören zu den Sünden, von denen die Heilige Schrift sagt, dass sie uns vom Reich Gottes ausschließen (vgl. Gal 5, 20-21). Diese Unfähigkeit, anderen Menschen ein Mehr zu gönnen, ist Ausdruck von Lieblosigkeit und steht in krassem Gegensatz zu christlichen Tugenden wie Großmut und Demut. "Neid ist wie Eiter in den Gebeinen", heißt es in Sprüche 14,30. Wie Eiter den ganzen Körper in Gefahr bringt, so auch der Neid. Er muss heraus aus dem Herzen, wenn Gott segnen soll. Wie werden wir frei vom Neid?

Wahrnehmen

Gute Ratschläge helfen da wenig oder wenn man sich selbst mit dem Argument beschwichtigt: "Sieh doch einmal, was du selber hast und alles kannst."  Neid - wie die anderen Leidenschaften auch - lässt sich weder unterdrücken noch ausreden. Tief im Innern halte ich hartnäckig daran fest: "Wenn ich das oder das auch hätte, wäre ich liebenswerter, käme ich bei anderen besser an, hätte ich mehr Erfolg." Weder einsichtige Gründe noch gute Vorsätze, weder heroische Willensanstrengungen noch krampfhafte Selbstbeherrschung sind dem Kampf mit der Sünde gewachsen.

Wie also ist dem Neid wirksam beizukommen?

Einmal kam ein junger Mönch ganz verzweifelt zu Abbas Antonius und klagte: "Ich bin wie ein Läufer in der Nacht, wie ein Kämpfer im Dunkeln, vom Widersacher umschlichen, den Lastern ausgesetzt, von Sünden geschwächt - lehre mich den Kampf gegen die bösen Leidenschaften." Der gab ihm den Rat: "Benenne das Böse, dann endet in dir der Verrat am Guten, und du erkennst die Gewöhnung und überwindest die Trägheit des Herzens."
Veränderung, die das sündige Wesen des Menschen betrifft, ist nicht aus eigener Kraft zu schaffen. Sie beginnt zunächst ganz schlicht mit der Wahrnehmung der Dinge, wie sie sind - in einer herben, nüchternen Selbsteinschätzung -, die den Tatsachen ins Auge schaut und erkennt, wie etwas wirklich ist. Romano Guardini schreibt an einer Stelle: "Das wichtigste Gebet besteht darin, sich innerlich vor Gott zu stellen, sich dem heiligen Geheimnis Gottes zu öffnen und immer wieder zu sprechen: ‚Ich will die Wahrheit. Ich bin zu ihr bereit; auch zu dieser, die mir zu schaffen macht, wenn sie wirklich Wahrheit ist. Gib mir Licht, dass ich erkenne, wie es mit ihr - und mit mir selbst zu ihr steht.’"

Bekennen

In einer sehr verfahrenen Angelegenheit, in der ich keinen Ausweg mehr sehen konnte und mit meinen Möglichkeiten am Ende war, meine Ohnmacht und mein Unvermögen unausweichlich spürte, ging ich zur Beichte. Die einzige Möglichkeit, die mir noch blieb, war die Wahrheit zu bekennen im Vertrauen: Jesus, zu dir kann ich so kommen, wie ich bin, ich muss nicht mehr als ehrlich sein vor dir.  Dabei sagte mir damals mein geistlicher Begleiter: Nimm das, was du selbst nicht ändern kannst, und leg es bei der Gabenbereitung in die Hostienschale und lass es von Jesus verwandeln! Ich tat, was mir gesagt wurde, und durfte erfahren, dass im Sakrament wirklich die verwandelnde Kraft des Auferstandenen wirksam ist! Sie ist eine lebenschaffende Wirklichkeit!
In der Eucharistie bekommen wir Anteil an der göttlichen Natur Jesu. Ich brauche dieses Brot, damit ich mit den Mühen und der Erschöpfung auf meiner Reise durch dieses Leben fertig werden kann. Die Eucharistie ist die immer wiederkehrende große Gelegenheit, um von ihm, dem Herrn des Lebens, Kraft zu schöpfen, um auf dem Weg, der noch vor mir liegt, gegen die Anläufe des Bösen gewappnet zu sein. Der Herr lässt mich auf dieser Reise nicht allein. Er ist bei mir. Er möchte mein Los teilen, indem er mich in sich aufnimmt und ich ihn in mir. Im Evangelium sagt er: "Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir, und ich bleibe in ihm" (Joh 6,56). Wie sollte ich eine solche Gelegenheit ausschlagen? So oft es geht, möchte ich davon Gebrauch machen, dass Gott mir so nahe, so "verfügbar" ist und dass er in allen meinen Angelegenheiten gegenwärtig ist.

Eifernd - aber anders

Gott ist ein eifernder Gott. "Der Herr entbrannte in eifersüchtiger Liebe zu dir." Das heißt, er will für dich einziger Herr, einzige Liebe sein (vgl. Ex 20, 5; Dtn 5, 9). Er ist in eifersüchtiger Liebe darauf aus, dass wir alles bekommen, was unser Leben fördert und zur Entfaltung bringt. Im Ausdruck‚ eifersüchtige Liebe ist die ganze Tiefe der Liebe Gottes enthalten, denn diese Liebe ist nicht für sich, sondern für mich eifersüchtig: dafür, dass ich mich nicht im Dienst falscher Götter und falscher Leidenschaften verliere. Gott lieben heißt, Seine Liebe annehmen, Seine um mich eifernde und grenzenlose Liebe, die mich vor allem schützen will, was zur Bedrohung für meine Freiheit und meinen Glauben werden kann.
Wenn ich mich von dieser Liebe berühren lasse, kann ich mich erkennen als einen, für den Gott überreichlich sorgt, der frei ist, sich über die Gaben und Vorzüge, der anderen zu freuen. Ich kann dann sogar mit meinen Möglichkeiten dazu beitragen, dass sich diese Gaben noch mehr entfalten.

Trauern und mich annehmen

Ich bin Gottes geliebtes Kind. Er liebt mich so wie ich bin. Ich nehme das, was ich bin und habe, an und bleibe offen für das, womit Gott mich noch überraschen wird. Er sorgt ja wie ein liebender Vater für mich, so dass ich keine Angst haben muss, zu kurz zu kommen.  Das, was ich habe, ist das, was ich wirklich brauche. Etwas anderes brauche ich nicht. Woran sich meine Augen neidvoll geheftet haben, lasse ich los und nehme wahr, dass Gott mich genau so ausgestattet hat, wie es mir angemessen ist.
Es ist meistens ein langer Weg, bis ich annehmen kann, dass Verzicht und Mangelerfahrungen Teil jeden Lebens - auch meines - sind. Es kommt darauf an, der echten Trauer und dem Schmerz darüber Raum zu geben. Neid verhindert Trauerarbeit. Wer neidisch ist, kann den Mangel nicht betrauern und sich von dem unerfüllten Begehren lösen. Er lässt die Verlustgefühle an sich nagen. Dadurch wird er unfähig, sich auf das zu konzentrieren, was er selbst kann, was er bereits empfangen hat oder auch neu in Angriff nehmen könnte. Es geht darum, mich mit der jetzigen Situation auszusöhnen und den Blick freizubekommen für neue Lichtstreifen am Horizont, die ich bisher nicht wahrgenommen hat.

Danken

Der Blick für das, was ich von Gott bekommen habe, weitet sich im Maß meines Dankenkönnens für das, was ich geworden bin und bekommen habe. Dankbarkeit ist ein Merkmal des von Gott erneuerten Menschen.

Der Arzt und Seelsorger Heinrich Spaemann schreibt: "Dank bewahrt vor den Gedanken: Ich bin mehr, ich tue mehr, ich verdiene mehr, ich brauche mehr. Danken ist die unwillkürlichste, ungezwungenste, freieste, eben darum auch unerlässlichste Grundübung unseres christlichen Daseins. Sie kommt aus der Freiheit und führt in die Freiheit."

Von

  • Rudolf M. J. Böhm

    Sozialpädagoge, gehört mit seiner Frau Renate zur OJC-Auspflanzung in Greifswald, wo er u.a. als Seelsorger aktiv ist.

    Alle Artikel von Rudolf M. J. Böhm

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