Ausdauern leben - schöpferisch handeln

Liebe Freunde!

Sommer - Urlaub - Tapetenwechsel - Auftanken! Es ist kostbar, mit der Familie oder mit Freunden ausgelassen in die "zweckfreie Zeit" einzutauchen, jenseits von Schreibtisch und Terminkalender. Diese Wochen helfen uns, die schöpferischen Kräfte in uns zu erneuern. Ja, einmal im Jahr richtig auftanken...
Kamele sind bekanntlich wandelnde Tankstellen. Sie können in nur 10 Minuten über 100 Liter Wasser aufnehmen, einlagern und bis zu zwei Wochen speichern. Ihre Höcker sind Energiereserven aus Fett, die sie extrem ausdauernd und wüstenbeständig machen. Sie sind Überlebenskünstler, die wochenlang in großer Hitze weite Entfernungen zurücklegen und dabei noch Lasten von mehreren hundert Kilo transportieren können.

Überforderte Seelen

Menschen sind anders. Wir brauchen die regelmäßigen Wasserstellen im Alltag, wollen wir nicht nur funktionieren, sondern schöpferisch bleiben. Das ist eine hohe Kunst in einer Zeit, in der die Beschleunigung des Lebens ständig zunimmt: Der Druck durch die Arbeit und die Anforderungen in Partnerschaft und Familie, die Flut der Informationen und Bilder, die wachsenden Aufgaben in Gemeinde und Vereinen - wer heute sein Leben ausdauernd gestalten und dabei kreativ bleiben will, dem reicht ein Jahresurlaub als "Generalinspektion" kaum. Und 100 Liter auf einen Zug schaffen wir auch beim besten Willen nicht. Darum: Mensch, sei doch kein Kamel! Achte auf deinen Rhythmus, wenn du lebendig bleiben willst!
Nicht aus einem Ideal heraus, sondern aus der Erfahrung schwerer Jahre mit schmerzhaften Grenzerfahrungen haben wir in der Gemeinschaft eine Anschauung entwickelt, wie man ausdauern kann ohne auszubrennen (S. 191). Dieses Kreuz der Wirklichkeit ernstzunehmen und in ein Ganz-Sein als Gotteskinder und Jesusjünger hineinzuwachsen, ist für uns eine Notwendigkeit geworden.
Ausdauernd bleiben und schöpferisch leben haben viel miteinander zu tun und bergen ein Geheimnis: das Geheimnis der nie versiegenden Quelle des Lebens. Psalm 8 nimmt dieses Thema in poetisch verdichteter Sprache auf, und Kommunitätenbischof Jürgen Johannesdotter, der am Himmelfahrtstag bei uns war, hat uns eindringlich auf das Staunen über die Herrlichkeit Gottes als schöpferischen Zündfunken für unser Dasein hingewiesen (S. 168).

Gemeinsam Kirche sein

Im Juni ist die Schrift "Verbindlich leben" als EKD-Texte 88 erschienen. Es ist das deutlichste und klarste Bekenntnis der Evangelischen Kirche in Deutschland zu Kommunitäten und geistlichen Gemeinschaften seit der Reformation und Frucht eines zweijährigen Gesprächs zwischen Vertretern von Kommunitäten und EKD. Das ist darum bemerkenswert, weil verbindliche Gemeinschaften in der protestantischen Tradition über Jahrhunderte kaum Befürworter fanden und die Kirchengemeinde vor Ort (Parochie) als die einzige und maßgebende soziale Gestalt von Kirche galt. Das hat sich geändert. Im Vorwort der EKD-Texte 88 schreibt der Ratsvorsitzende Wolfgang Huber, die Kommunitäten seien "ein Schatz der evangelischen Kirche, den es zu fördern und zu festigen gilt", weil "die evangelische Spiritualität auf Gemeinschaften angewiesen ist, die dem gemeinsamen geistlichen Leben gewidmet sind". Wir freuen uns über diese Wende, die kirchengeschichtlich auch deshalb spannend ist, weil die evangelische Amtskirche ihre ablehnende Haltung gegenüber klösterlichen Lebensformen erst 1979 grundlegend geändert hat. Wir hoffen, dass sich das Miteinander von Kirchengemeinde vor Ort und Kommunitäten in den kommenden Jahren in Deutschland segensreich entwickelt und ergänzt.

Missionarische Vision

Was sieben Jahrhunderte überdauert, muss entweder sehr lebendig oder besonders standhaft sein. Der "Krumme Bau" auf Schloss Reichenberg ist der älteste Teil der Feste, die die OJC vor über 25 Jahren erworben hat. Er stammt aus dem 13. Jahrhundert. Vor einigen Monaten haben wir mit der Renovierung begonnen. Lebendig ist hier vor allem der Pflanzenwuchs im Gelände und in den Mauerritzen und der Holzwurm im Gebälk. In Verbindung gebracht mit unserem Repertoire aus Kultur- und Heilsgeschichte und angereichert mit ein bisschen Phantasie erzählen die alten Gemäuer allerdings Geschichten, die Leben verändern können.
Darum haben wir als OJC-Gemeinschaft entschieden, den "Krummen Bau" zu sichern und wiederherzustellen, um auf Schloss Reichenberg ein kulturmissionarisches Projekt zu starten: die "Wege zum Leben". Es ist ein erlebnispädagogisches Erfahrungsfeld, das vor allem die junge Generation und die, die mit ihr zu tun haben, mit der besten Botschaft der Welt in Verbindung bringt. Wer sich zum Schloss aufmacht, der kommt dem König auf die Spur... (S. 196).

Vertrauen wagen

So wie in der Gründerzeit der OJC die Schüler- und Studententagungen eine zentrale Kontaktfläche für den Dialog mit der jungen Generation boten, so hoffen wir, dass Schloss Reichenberg sein Potential als "moderne Pilgerstätte" entfalten wird. Das stellt uns vor gewaltige Herausforderungen im Planen und im Vertrauen. Als Gemeinschaft haben wir nach einem fast dreijährigen inneren Bewegen dieser Idee am 22. März dieses Jahres ein gemeinsames "Ja" zu dem Groß-Projekt gesprochen, das jetzt Schritt für Schritt umgesetzt wird. Das bedeutet nicht nur, das pädagogische Konzept weiterzuentwickeln, sondern auch das finanzielle Risiko zu schultern und die Renovierung der oberen Burganlage anzugehen. 400 000 Euro werden wir in diesem Jahr zusätzlich zu unseren laufenden Kosten benötigen, um grundlegende Sanierungsarbeiten durchzuführen. Das ist sehr viel Geld und wir wissen, dass es eine Zumutung für unseren Glauben und für unsere Freunde ist. Aber wir wissen auch, dass Gott uns diesen Zukunftsentwurf ins Herz gegeben hat und es für Ihn ein leichtes ist, Himmels- und Herzenstore zu öffnen und die "Wege zum Leben" durch viele helfende Hände Wirklichkeit werden zu lassen.

Beschenkt werden I

Ohne Unterstützer und Paten allerdings werden wir dieses missionarische Projekt nicht ins Leben bringen. Wir haben gerechnet und festgestellt: Wenn 4000 unserer Freunde die Vision mit einem kleinen Verzicht mittragen (z.B. im Gegenwert von einmal gut essen gehen), könnte es gestemmt werden. Für 400 Freunde läge der Einsatz im Gegenwert einer Urlaubswoche. 40 bewegte Herzen bräuchten demnach die große Opferbereitschaft für je einen Kleinwagen. Wenn der Himmel nur 4 Herzen für die "Wege zum Leben" bewegen sollte, so müssten wohl die anvertrauten Pfunde einer Erbschaft in Bewegung geraten...
Wir wollen nicht vermessen sein, aber wir wollen glauben, dass Gott treu ist und die finanziellen Wege schon kennt, und wir wollten Ihnen daran Anteil geben.

Beschenkt werden II

"Das Beste an uns sind unsere Freunde" - sagt eine alte OJC-Weisheit. Der Blick zurück auf die letzten Wochen macht es leicht, in diesen Satz einzustimmen. Wir hatten die halbe Welt zu Gast:  Freunde aus St. Petersburg und aus den USA, aus England und Asien. Besonders eindrücklich war der Besuch einer jungen christlichen Gemeinschaft aus Südkorea, die ein Wohnprojekt mit behinderten Menschen begonnen hat. Die Ursprünglichkeit und Frische ihres Glaubens und ihr unermüdlich fröhlicher Gesang haben uns richtig angesteckt. Gemeinsam mit der evangelischen Gemeinde in Weitenhagen begleitet unsere Greifswalder Zelle im Moment eine Gruppe aus Israel, Eltern, deren Kinder bei Terroranschlägen getötet oder schwer verletzt wurden. Dieses schier unverwindbare Trauma macht es ihnen schwer, ihren Lebensweg fortzusetzen. Wir sind dankbar, dass wir am Schicksal der jüdischen Geschwister Anteil haben und ihnen zur Seite stehen können. Sie wiederum beschenken uns mit ihrer Offenheit und ihrem Besuch in dem Land, das ihren Eltern und Großeltern viel Leid und Unrecht zugefügt hat.

Zukunft für Hoffnungslose

Seit Jahren sind wir mit der Onesimo-Gemeinschaft in Manila verbunden. Christian und Christine Schneider, unsere Schweizer Freunde, haben den Aufbau der Straßenkinderarbeit wesentlich mitverantwortet. Inzwischen ist das Projekt ganz in die Verantwortung der Mitarbeiter vor Ort übergegangen. Das Straßenkinderprojekt hat sich dynamisch weiterentwickelt und bietet jetzt auch eine Ausbildungsstelle für ihre Schützlinge, die dem Kindesalter entwachsen sind. Wir staunen über das, was mit Menschen geschieht, die statt eines Lebens im Müll Wertschätzung und Zuwendung erfahren (S. 202).

OJC-Auftrag zum Nachlesen

"Was ist der Auftrag der OJC und nach welchen Maßstäben arbeitet ihr?" werden wir oft gefragt. Es ist keine ganz einfache Aufgabe, das "unregelmäßige Verb", das wir als Lebensgemeinschaft sind, zu erklären. Trotzdem haben wir es gewagt, den Kernauftrag der OJC und ihrer Wirkungsfelder zu formulieren. Das Heft im Heft (S. 179-190) soll eine Hilfe sein, den Rahmen und die Ziele unseres Tuns besser zu verstehen, inniger aufs Herz zu nehmen und weiterzugeben.

Aufs Herz genommen haben wir uns das Leben und Denken der nächsten Generation. Darum ist es unser Auftrag, insbesondere jungen Menschen in Jesus Christus Heimat, Freundschaft und Richtung zu geben. Dieser Auftrag braucht Mitarbeiter und Mitträger. Dass nach einer ersten Generation von Mitarbeitern eine zweite nachwächst, bleibt immer ein Wunder besonderer Art. Im Juni hat die OJC ihren ersten dreijährigen Assoziierten-Kurs (Noviziat) mit sieben jungen Mitarbeitern (zwei Ehepaaren und drei ledigen Mitarbeiterinnen) beendet. Wir sind dankbar für diese intensive Weggemeinschaft und freuen uns, dass junge Menschen aufrichtig darum ringen, sich mit ihrem ganzen Sein in die Berufung der Gemeinschaft hineinzustellen. Im Frühjahr 2008 wollen wir mit den ersten ihre Entscheidung im würdigen Rahmen feiern. Im Herbst 2007 wird ein zweiter Kurs beginnen.

Staunend und dankbar grüße ich Sie mit dem Wunsch, dass Sie den Himmel immer wieder in den Wasserstellen Ihres Alltags finden mögen.
Eine gesegnete Urlaubszeit,


Ihr Dominik Klenk, OJC - Reichelsheim, de 07.07.2007

Von

  • Dominik Klenk

    Journalist und Medienpädagoge; Leiter und Prior der OJC von 2002-2012; seitdem Leiter des fontis' Verlags (ehemals Brunnen Verlag), Basel

    Alle Artikel von Dominik Klenk

Das Salzkorn im Abonnement

Jede Ausgabe dieser Zeitschrift können Sie kostenfrei bestellen »

Auch künftige Ausgaben vom Salzkorn (erscheint vier Mal im Jahr) senden wir Ihnen gerne zu. Hier können Sie das Salzkorn abonnieren »

Unsere Veröffentlichungen unterstützen

Helfen Sie uns mit Ihrer Spende, christliche Werte und eine kritisch-konstruktive Auseinandersetzung mit Strömungen der Zeit auf der Grundlage des Evangeliums an nachfolgende Generation zu vermitteln.

So können Sie spenden:

» Bankverbindung
» Spendenformular
» PayPal