Dem König auf der Spur

Aufbrüche und Durchbrüche auf Schloss Reichenberg

(von Ralf Nölling)

 Vor 16 Jahren erwarb die OJC den mittelalterlichen Teil von Schloss Reichenberg, den sog. "Krummen Bau", mit dem dazugehörigen Burggarten. Erst 2006, als die vorherige Eigentümerin, die dort lebenslanges Wohnrecht hatte, verstarb, konnten wir damit beginnen, das Areal zu erschließen. Auf dem Gelände der Oberen Burg, die von Grund auf saniert werden muss, entsteht das erlebnispädagogische Großprojekt "Wege zum Leben".

Die "Wege zum Leben" sind bereits begehbar: wir sind mit allen, die an ihrer Erschließung mitwirken, auf ihnen unterwegs! Seit dem ersten Spatenstich im Burggarten im Frühjahr 2006 gab es bereits gut ein Dutzend Baueinsätze mit Freunden, die auch immer eine intensive Zeit der Begegnung, des gemeinsamen Arbeitens und Betens waren.
Die Stationen, die auf den "Wegen zum Leben" entstehen, sollen Raum und Anregungen bieten, um Fragen und Nöte der Menschen mit den Weisungen und den heilsamen Bildern der Bibel in Verbindung zu bringen. Hier treffen Besucher auf Geschichte(n), Symbole und Menschen, die vom Werden unserer Kultur, von christlichem Leben und seinen jüdischen Wurzeln Zeugnis geben. Sie werden ermutigt, die Spuren Gottes im eigenen Leben und in der Schöpfung zu entdecken.
 
Unsere Geschichte, unsere Identität und unsere Zukunft bilden, wenn sie auf Christus gründen, einen tragenden Lebensbogen. Dasselbe gilt im weiten Horizont der (Heils)- Geschichte Gottes: Wir sind Erben einer Verheißung, die Gott in unzähligen Generationen bestätigt und erfüllt hat. Wir erben nicht irgend etwas, wir erben "das Königreich", wie Jesus uns in der Bergpredigt versichert. Es klingt wie ein Märchen, aber es ist die wahrhaftigste aller Geschichten: Wir haben einen König, dem Gott "alle Vollmacht in der sichtbaren und in der unsichtbaren Welt" gegeben hat.

Königsspuren in der Burg

Für die Verkündigung dieser frohen Botschaft haben wir jetzt eine richtige Königsburg - was für eine Chance, Menschen auf die Spur des Königs zu setzen! Ob im Palast, am Brunnen, im Kerker oder an der Mauer: überall können biblische Geschichten Gestalt gewinnen. Jeder Stein der Schlossanlage taugt zum Erzählen von wahren Geschichten. Sie werden hörbar, wenn sich die "lebendigen Steine", also die Bewohner und Besucher von Schloss Reichenberg, im Geist zusammenfügen lassen und dem der König Raum geben.

Die Burganlage lädt ein ...

... die Geschichte des Königs zu entdecken: In der Schönheit der Schöpfung liegt schon der Gottesbeweis, aber es gilt, ihn so anschaulich zu erbringen, dass er erlebbar wird. Wir möchten biblische Botschaften drinnen und draußen spielerisch nachvollziehbar machen. Dabei können wir bereits jetzt aus dem Vollen schöpfen: Der vom ChristusTreff in Marburg entwickelte Bibelparcours, der schon über 60.000 Besucher begeistert hat, wartet darauf, in den Räumen der Burganlage neu aufgebaut und erkundet zu werden. Die Stationen, die bisher in wechselnden Messezelten auf- und wieder abgebaut wurden, werden jetzt "sesshaft".
... dem König zu begegnen: Es braucht geschützte und belebte Orte der Einkehr und Besinnung, an denen Lebensfragen, Sehnsüchte oder Ängste angeschaut werden können. Andachtsräume, Brunnen, Lauben oder Heckenlabyrinth eignen sich besonders für die Stille, in der man Christus begegnen kann. Mit ihm gemeinsam finden sich Antworten, Wege und Lösungen.
... an der Hand des Königs weiterzugehen: Wer seine Herkunft und sein Dasein im Vater geborgen weiß, kann auch die Richtung erkennen, in die der Sohn ihn ruft. Gottes Verheißungen sind weiterhin gültig, wir dürfen uns nach ihnen ausstrecken. Dazu sollen die Besucher in Gesprächen, Vorführungen, mit Gebet und Segenswünschen ermutigt werden.

Wege zum Leben

Der zentrale Impuls dieser "modernen Pilger stätte" ist kulturmissionarisch.
Wir wollen jungen Leuten einen ersten Kontakt mit der Botschaft des Evangeliums ermöglichen, die noch nichts oder nichts Konkretes über den  biblischen Schöpfergott, seinen Weg mit den Vätern des Glaubens und sein Heilswerk in Christus wissen.
Jene, die sich nach einer tieferen und tragenden Beziehung mit Jesus sehnen oder sich neue Impulse für ihren Glauben wünschen, finden einen Raum zum Innehalten, bekommen Impulse für ihr Glaubensleben und Ideen für die eigene Arbeit im christlichen Umfeld.
Besonders liegen uns Menschen am Herzen, die sich enttäuscht, verbittert oder durch Erlebnisse des Scheiterns entmutigt von Gott abgewandt haben. Verfälschte Selbst- und Gottesbilder können den lebendigen Glauben mehr blockieren als der Mangel an biblischem Grundlagenwissen. Wir möchten helfen, Zerrbilder zu entmachten, und Menschen dazu ermutigen, einen Neuanfang mit Gott zu wagen.

Zacken in der Krone

Bei den Vorbereitungen und der Umsetzung dieser Vision hat sich in den vergangenen Monaten ungeheuer viel bewegt.
"Das sind ja regelrechte Zinnen!", staunte ein Reichelsheimer Gast während der Begehung des Burgareals. "Ich wohne seit über 60 Jahren unterhalb des Schlossberges, aber diese Scharten auf der Ringmauer habe ich noch nie gesehen!" Kein Wunder, denn die waren seit Jahrzehnten von Sträuchern, Bäumen und Efeuranken überwuchert. Erst im letzten Jahr befreite das Gartenteam den Wall um die "Obere Burg" vom urwaldähnlichen Dickicht. Danach begann ein Trupp von Maurern, die 94 verwitterten Zinnen in liebevoller Maßarbeit zu befestigen, mit historischem Mörtel zu verfugen und mit Kappen zu versehen. Filigran aber majestätisch ragen nun die Zacken über den grünen Baumkronenkranz.
Doch nicht nur die romantische Umfriedung des wegen seiner ungewöhnlichen Form auch "Krummer Bau" genannten Palais’ brachte die Ortsansässigen zum Staunen. Die eigentliche Sensation war eine baugeschichtlich weitaus bedeutendere Entdeckung: der Rittersaal.

Tafelrunde im Rittersaal

Während der Sanierung des Erdgeschosses im letzten Sommer entdeckten wir über der Deckenverkleidung wuchtige Balken aus Eichenholz, von denen einige nachweislich aus dem 16. Jh. stammen. Getragen wird die Konstruktion von zwei stattlichen Eichenpfeilern in der Mitte des Raumes - bislang verdeckt von Zwischenwänden neueren Datums - und rundherum von den bis zu 2,40 m dicken Wehrmauern. "Das ist einer der ältesten komplett erhaltenen Renaissance-Säle dieser Größe in Hessen", wurde uns vom Denkmalamt bescheinigt, "er darf auf keinen Fall zerteilt und zugebaut werden!" Hoppla! - das war bei aller Freude über den Fund zunächst ein Schock, denn die junge Familie, die in die hier zu errichtende Wohnung ziehen sollte, saß schon auf  gepackten Umzugskisten. Sie wurde kurzfristig in den bisherigen Seminarraum und den dahinter liegenden Wohnbereich des Schlosses "umgeleitet".
Das denkmalgeschützte Kleinod muss also Rittersaal bleiben, genauer: Es soll wieder einer werden, denn bis die "Tafelrunde" dort tagen kann, muss der entkernte Raum renoviert und der Boden neu aufgebaut werden. Die Mauern sind bereit für den fach- und denkmalgerechten Putz, die Balken harren der Grundrestaurierung, die maroden Fenster weichen bald neuen. Die Pfeiler, die den Mittelbalken entlang der Längsachse tragen, stehen unverankert auf dem Tonnengewölbe der Unterkellerung. Um die Last der beiden Stockwerke und des hohen Dachgeschosses zu sichern, werden als nächstes Stahlstützen vom Keller durch das Gewölbe bis zu den Säulenbasen eingezogen.

Von ebenfalls fürstlichen Ausmaßen ist das Obergeschoss. In beherzten Einsätzen haben die Teilnehmer der Bauwochen, OJC-Mitarbeiter und das FSJ-Team mit einer Delegation aus Reichelsheimer Bürgern mehrere Tonnen Bauschutt aus dem Raum geschafft. Die Fenster nach Osten, Süden und Westen machen ihn hell und eröffnen die Sicht auf ein herrliches Odenwald-Panorama.
Noch flimmert die Luft vom feinen Staub der abgebrochenen Wände und Kacheln. Der unerwartet großzügige Raumeindruck gibt schon eine Ahnung von dem Sagen-haften Ambiente, das dieser Stock - zusammen mit dem hohen Dachstuhl - einst bieten wird.

Paradiesgärtlein im Burghof

Parallel zu den Einsätzen in der Burg läuft die Arbeit auf dem weitläufigen Gelände innerhalb der oberen Ringmauer, wo sich außer dem kürzlich befestigten und überdachten Gefängnisturm auch die ehemaligen Wirtschaftsgebäude aus dem 13./14. Jh. befinden. Unter dem gerodeten Geflecht der Efeuranken kam der Ruinen-Komplex wieder zum Vorschein. Er bildet mit der Zisterne und dem Ziehbrunnen ein anmutiges, einladendes Ensemble.

Burg und Burggarten erweisen sich als ein idealer Rahmen für die zahlreichen Stationen des geplanten Projekts. Das Gelände, durch das sich die "Wege zum Leben" ziehen sollen, ist jedoch keine "grüne Wiese", aus deren Boden sich im Handumdrehen ein erlebnispädagogisches Erfahrungsfeld stampfen ließe; im wörtlichen Sinne müssen Schutthaufen bewegt, Mauern befestigt, Hügel und Täler geebnet werden - alles unter Aufsicht des Archäologischen Landesamtes.
Wieder ist es ein "alter Bau", den die OJC  saniert, ganz im Sinne unseres Kernauftrages, der sich auf "lebendige Steine" ebenso bezieht wie auf die Steine im Gemäuer: das Fundament der eigenen Identität schätzen lernen und das, was in uns verschüttet oder versehrt ist, heilen und erneuern lassen.

Bewegung im Königstross

Um das großartige Potential des Burgareals in diesem Sinne nutzen zu können, braucht es Ideen und Visionen, Kraft, Zeit und Finanzen und noch viele kreative Mitarbeiter im Team. Zuerst jedoch brauchte es vor allem das entschiedene "Ja" unserer Kommunität, die Herausforderung ganz konkret anzunehmen und dieses Großprojekt zu verwirklichen. Dieses "Ja" haben wir in unserer Kommunitätswoche im März 2007 miteinander im Vertrauen auf Gottes Beistand bekräftigt und alle unsere Hoffnungen und Sorgen mitsamt den Pfunden, die jeder einzelne bereit ist einzusetzen, auf bunte Blätter notiert. Wie Petitionen beim "König" hingen diese dann am Holzkreuz - wir sind gewiss, dass Er sie alle gelesen hat. Jetzt suchen wir Verbündete, die bereit sind, mit zur "Aventiure", zum Ritterabenteuer aufzubrechen. Wir brauchen Paten und Gefährten, Mitarbeiter und Unterstützer, Arbeitsurlauber und Dauerbeter, um die "Wege zum Leben" zu ebnen und die Spur des Königs freizulegen. Das Abenteuer lockt - lassen Sie sich rufen?

Von

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