Power auf Dauer

Wie wir ausdauern und unserem Leben Rhythmus geben

von Dominik Klenk

Als der mehrfache Champion des längsten Hundeschlittenrennens Alaskas nach dem Geheimnis seines Erfolges gefragt wurde, war seine überraschende Antwort: "Je mehr Pausen ich meinen Hunden gönne, desto besser laufen sie."

Wir sind keine Schlittenhunde, aber die Frage des Rennens und der Beschleunigung unseres Lebens berührt jeden von uns, sie hat inzwischen das ganze Leben erfasst - die Arbeitswelt und die Welt der Freizeit. Die Fülle der Reize durch Informationen, Impulse und Anforderungen, die auf uns einströmen, ist immens.

Nun könnte man meinen: Warum nicht? Warum nicht schneller und effizienter leben und arbeiten, um mehr Aufgaben in kürzerer Zeit zu bewältigen?

Doch Geschwindigkeit ist nur ein Aspekt unseres Lebens. Wichtiger als die Geschwindigkeit ist die Frage nach der Richtung, in die wir unterwegs sind. Ich werde das Gefühl nicht los, dass wir die tiefe Verunsicherung in der Frage nach der Richtung oft mit dem Verweis auf Hochgeschwindigkeit und Effizienz unseres Unterwegsseins überspielen.

Doch wozu sind wir gerufen? Was ist der Horizont unseres Wirkens?

Salz sein

Jesus gab seinen Jüngern klare Weisung und zugleich Zuspruch für ihr Tun und Sein, als er ihnen in der Bergpredigt (Mt 5,13) zusprach:

"Ihr seid das Salz der Erde, wenn nun das Salz nicht mehr salzt, womit soll man salzen?"

Salz - das "weiße Gold", wie es früher genannt wurde - war als Gewürz und Heilmittel unglaublich kostbar. Salz war die Kühltruhe der Vormoderne. Die Jünger, zu denen Jesus in diesem Bild sprach, hatten sicher ihre Mütter vor Augen, die zu Hause Fleisch und Fisch in Salz einlegten, um diese Lebensmittel frisch und genießbar zu halten. Schließen wir für einen Moment die Augen und vergegenwärtigen uns, wie Salz schmeckt - es schmeckt eindeutig und erkennbar nach Salz!

"Seid Salz" heißt also: seid gehaltvoll und würzig, seid eindeutig und erkennbar, haltet das Leben lebendig und frisch!

Jesus sagte seinen Jüngern übrigens nicht: Ihr sollt Salz werden, strengt euch an, Salz zu werden! Sondern er sprach ihnen das Salz-Sein als ihre Identität zu.

Die Grenzen des Wachstums

Jesus nahm die "Fäulnis" in der Kultur, die ihn umgab, sehr wohl wahr: das gesetzlich erstarrte Judentum, das dekadente Römertum und ein verkopftes Griechentum. Jede dieser prägenden Kulturen hatte Anteil am Fäulnisprozess der einzelnen und der Gesellschaft.

Wie sieht die Situation aus, in die wir heute als Nachfolger Christi hineingestellt sind?

In den 70er Jahren gab es einen Bestseller, der hieß "Die Grenzen des Wachstums". Man hat versucht, aus den statistischen Mittelwerten der letzten Jahrhunderte und Jahrzehnte die Zukunft vorauszuberechnen: wie wird es mit der Bevölkerungsentwicklung weitergehen, wie mit den Bodenschätzen und den Ölressourcen? Wie viel Platz wird für die Menschen noch auf der Erde sein? Gott sei Dank ist nicht alles eingetroffen, was damals prognostiziert wurde. Doch dieses Buch hatte den Finger auf die Wunden der Zeit gelegt und ins Bewusstsein gebracht, dass jedes Wachstum Grenzen hat.

Die Grenzen der Beschleunigung

Die Grenzen der Beschleunigung
1. Die Speedkurve

Die kostbarste Ressource, um die heute am heftigsten gerungen und geworben wird, ist die Aufmerksamkeit, die emotionale und seelische Wahrnehmungskraft der Menschen. Aufmerksamkeitsbindung ist eines der Schlüsselwörter der neuen Ökonomie.

Nicht ohne Grund ist Google mit 103 Mrd. Euro (Stand März 07) eines der höchstdotierten Unternehmen an der Börse. Niemand sonst versteht es so perfekt, die Aufmerksamkeit von Millionen von Menschen zu binden wie diese mediale Informations-Plattform. Es geht also um das Binden unserer Zeit und seelischen Wahrnehmungskraft. Da ein Mehr von wahrgenommenen Inhalten sich ökonomisch niederschlägt, erhöht sich der "Speed" unseres Lebens.

Globalisierungsforscher haben durch Untersuchungen und Querschnittanalysen festgestellt, dass sich der Speed, die Geschwindigkeit unseres Lebens, in den letzten 60 Jahren alle 20 Jahre verdoppelt hat (s. Skizze 1). Das können wir leicht nachvollziehen, wenn wir überlegen: Wie oft hat vor 40 Jahren die Oma den Wohnort verlassen, wie oft die Mutter vor 20 Jahren und wie oft verlassen wir ihn heute? Wie viele Telefonkontakte täglich hatten wir vor 40 bzw. vor 20 Jahren und wie viele haben wir heute?

Ein gutes Abbild der Wirklichkeit sind auch die Medien, die sogenannten "Schnitte", mit denen Filme produziert werden. Schauen Sie sich einmal einen "Tatort" von 1985 an, darin gibt es tatsächlich ungeschnittene Szenen, in denen jemand fünf Sekunden lang einen Gang entlangläuft. Das gilt heute als extrem langweilig. Heute würde an dieser Stelle spätestens nach 1,5 Sekunden der nächste Schnitt, die nächste bildliche Dynamisierung kommen.

Immer mehr Informationen und Aktionen strömen in unser Leben, überschwemmen uns. Diese Tatsache allein bräuchte uns noch nicht zu beunruhigen - warum nicht, solange wir mithalten können? Doch die Gefahr ist, dass sie uns überfluten, auslaugen, das Salz aus uns herausschwemmen, so dass wir kraft- und geschmacklos werden. Muskulär droht der Krampf.

Deshalb ist die große Herausforderung, in der wir heute stehen: Wie erhalten wir uns unsere Salzkraft? Wie bleiben wir ausdauernd, was hält uns schöpferisch? Wie halten wir die Hoffnung und den großen Horizont unserer Berufung frisch?

Zwischen Hochgeschwindigkeit und Maß

Zwischen Hochgeschwindigkeit und Maß
2. Speed- und Soulkurve mit Burnout-Linie

Der Mensch ist keine Maschine, die fortlaufend zu optimieren ist, denn seine Seele geht zu Fuß. In unserem Diagramm gibt es einen Punkt - und der kann individuell verschieden sein -, an dem die Seele nicht mehr mitkommt, an dem sie sich ausklinkt und wir uns nicht mehr wie ein Zahnrädchen dem Getriebe anpassen können (s. Skizze 2).

Das ist es, was wir ausbrennen nennen: wenn die Seele der Geschwindigkeit und den Anforderungen des Lebens nicht mehr Folge leisten kann.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie es sich anfühlt, immer am Limit zu leben und diesem neuralgischen Punkt immer wieder nahezukommen. Viele leben heute als Grenzgänger - immer hart an der Kante der Belastungsgrenze.

Fest steht: das einzige, was in unserem Leben von allein wächst, sind die Aufgaben, Anforderungen und Anfragen, die an uns herangetragen werden. Der Speed unseres Lebens erhöht sich, oft unmerklich, aber eindeutig spürbar. Fest steht darum auch: Wir brauchen eine innere Gestaltung unseres Lebens, damit wir nicht heißlaufen und ausbrennen, sondern ausdauernd bleiben.

Der Speed, der von außen kommt, ist eine Tatsache, mit der wir umgehen müssen, aber er kann nicht das Maß sein, an dem wir unser Leben ausrichten.

"Sei Salz" heißt deshalb nicht: verausgabe dich bis zum Letzten, sondern: lerne, dein Maß zu finden, lerne, ausdauernd zu leben, gestalte dein Leben.

Ich habe die bedrückende Beobachtung gemacht, dass viele Christen - gerade unter den Hauptamtlichen und besonders engagierten - kaum noch Kraft und Zeit für das persönliche Gebet haben. Wenn die Anforderungen mehr werden, die "Speed-Kurve" ansteigt, ist natürlich der Drang anzupacken und die Herausforderungen zu meistern, besonders groß - dadurch schwinden dann die Zeiten, in denen wir in die Stille, an die Kraftquelle gehen. Nur so können wir auf Dauer von innen nach außen leben, statt unter dem Diktat des Außen zu stehen.

Das ist das Infame der Kräfte, die uns nach unten ziehen, die unseren Glauben und unsere Hoffnung langsam aushöhlen und ersticken wollen: sie sind nicht offensichtlich böse, sondern sie korrumpieren das Gute. Unterschätzen wir die Intelligenz des Bösen nicht! "Was der Teufel nicht verhindern kann, das übertreibt er", hat Martin Luther einmal treffend formuliert. Und wer kennt das nicht: Wenn wir uns für ein Leben mit Jesus entscheiden und bereit sind, uns für sein Reich einzusetzen und Verantwortung zu übernehmen - dann knallt uns das Leben mit Aufgaben und Anforderungen, mit Gefragt- und Begehrt- und Unentbehrlich-Sein, ja vielleicht sogar mit großen Erfolgen so voll, dass wir in der Gefahr stehen, das Wesentlichste und Kostbarste zu verlieren - die Verbindung mit der Quelle, mit Christus. Und das ist es, was das Salz schleichend "stumpf" macht.

Das Kreuz der Wirklichkeit

Das Kreuz der Wirklichkeit
3. Das Kreuz der Wirklichkeit

Wie finden wir aber nun die richtigen Prioritäten? Wie geben wir den Anforderungen und Anfragen, die an unser Leben gestellt werden, den angemessenen Rahmen?

Das "Kreuz der Wirklichkeit" ist ein Bild, das uns helfen kann, das eigene Maß zu finden

(s. Skizze 3). Es hat vier Eckpunkte:

1. Aktion

Das ist der Bereich, in dem wir anpacken, die Herausforderungen annehmen und darauf reagieren. Hier sind wir mit Gaben, Tatkraft und Verantwortlichkeit gefragt. Hier geben wir aus, was wir zuvor eingenommen haben und können unsere Kreativität, Motivation und Energie einbringen.

Es ist kostbar, dass Gott uns mit dieser schöpferischen Tatkraft beschenkt hat, denn er will, dass wir in dieser Welt mit Hand anlegen, mitgestalten. Wir sollen uns investieren und uns nicht zu schade sein, uns die Hände schmutzig zu machen und auch die zweite Meile mitzugehen, wo es nötig ist.

Doch das Leben ist mehr als Aktion, ist mehr als immer nur reagieren und anpacken.

2. Kontemplation

"Der erste Schritt zu dir ist allein zu sein mit mir - den Kampf der Überwindung zu bestehn." Sehr treffend fasst der Liedermacher Martin Pepper hier zusammen, worauf es ankommt: Allein sein vor Gott, einfach sein, nichts tun - das ist vielleicht eine der schwersten Übungen heute.

Wir müssen verstehen, dass wir von unserem Wesen her Empfangende sind. Das heißt, dass wir das Wesentliche unseres Lebens nicht in uns selbst tragen, sondern darauf angewiesen sind, dass die wirkliche Kraft und Würde unseres Seins immer wieder neu in uns hineinfließt. Dag Hammarskjöld beschrieb es einmal so: "Jeden Morgen unsere Hände Gott wie eine leere Schale hinhalten."

Für mich ist es, als ob Gott manchmal zu mir sagt: "Halt doch endlich mal still, damit ich dich ganz in mein Licht stellen kann." "Geistliches Sonnenbaden" nannte ein Freund das einmal - da sein und sich von Gott anschauen lassen.

Die Welt wirbt um unsere Aufmerksamkeit, doch unsere Seele dürstet danach, angeschaut zu werden. Von diesen Augen-Blicken Gottes kommen Ruhe und Richtung in unser Leben. Wir müssen nichts dafür tun, einfach nur dasein. Gott wartet auf uns.

3. Konspiration

Con-spirare (lat.) heißt wörtlich "miteinander atmen". Das sind die Momente der Gemeinschaft in unserem Leben - zuallererst in der Familie, in der Ehe, mit Freunden, aber auch in unseren Teams, im Verein, in der Gemeinde.

Der Satz aus der Bergpredigt heißt "Ihr seid das Salz der Erde", nicht "Du bist das Salz der Erde." "Ihr seid", das meint einen Plural. Denn es liegt ein Geheimnis im "Miteinander atmen" - in den Zeiten der Gemeinschaft, wenn Menschen einander das Herz zeigen und sich aufeinander einlassen.

Die Gemeinschaft derer, die miteinander unterwegs sind, ist auch eine Quelle der Stärkung und Unterstützung und es ist wichtig, mich das immer wieder ehrlich zu fragen: Wo habe ich meine Weggefährten? Wo sind Orte der Gemeinschaft in meinem Leben - ob als Ehepartner oder als Lediger, ob mit oder ohne Kinder? Wir brauchen Gemeinschaft, die uns ermutigt und herausfordert. Das sind auch die Orte der Freude, des Feierns und des gemeinsamen Betens.

Gerade das gemeinsame Gebet hat noch einmal eine andere Ausrichtung und Tragkraft als das einsame Vor-Gott-sein in der Kontemplation.

Täglich beten wir um 12 Uhr im Mittagsgebet in den Häusern der OJC-Gemeinschaft die immer gleichen Anfangsworte miteinander: "Herr, unser Schöpfer! Auf der Höhe des Tages kommen wir zu dir. Wir gehören nicht der Arbeit, nicht den Menschen, nicht uns selbst - wir gehören dir."

Wo wir innehalten und das miteinander aussprechen, kann der Speed des Lebens für einen Augenblick an uns vorbeiziehen. Da erinnern wir uns an den maß-gebenden Rahmen für unser Sein. Das gibt uns die Chance, nicht nur Getriebene zu sein, sondern kraft- und richtungsvoll miteinander zu leben und zu wirken.

4. Rekreation

Und auch das brauchen wir: Zeit und Raum, um uns zu erholen, uns selbst wiederzugewinnen, uns etwas zu gönnen. Es braucht zweckfreie Zeiten der Muße. Denn wir sind ja nicht nur Kopf, sondern auch Herz und Hand. Mancher von uns muss das sicher erst (wieder) bewusst einüben, sich auch mal gehenzulassen und sich selbst - vielleicht mit etwas "Unvernünftigem" - Gutes zu tun. Rekreation bedeutet, die Bedürfnisse von Leib und Seele wahrzunehmen. Was tut mir gut?!

Sei ganz!

Sei ganz!
4. Kreuz der Wirklichkeit II

In den drei Bereichen Rekreation, Konspiration und Kontemplation geht es um die Frage der Richtung. Und nur in einem Bereich, in der Aktion, geht es um die Umsetzung und darin auch um die Geschwindigkeit.

Doch was ist Geschwindigkeit, wenn wir uns über die Richtung nicht genügend Gedanken gemacht haben? Lohnt es sich nicht, - gerade dann, wenn wir mit hoher Geschwindigkeit unterwegs sind und sein müssen -, die Richtungsentscheidungen und die inneren Anbindungen besonders zu pflegen?!

Jeder von uns ist auf dem Weg, jeder von uns berufen, Salz zu sein. Wir alle sind auf der Suche danach, wie wir mit Freude ausdauernd leben und schöpferisch bleiben können. So wie Abraham, der sich aufgemacht hat in das Land, das Gott ihm zeigen wollte. Gott sagte einst zu Abraham, seinem Freund: "Wandle vor mir und sei ganz" (1. Mose 17,1). Die vertraute Lutherübersetzung lautet: "Wandle vor mir und sei fromm", doch im Urtext heißt es tamim - das heißt vollständig, vollkommen, ganz.

Das bedeutet: Sei nicht nur ein Teil, sondern lebe in deiner Ganzheit vor mir. Nimm das Land ein, das ich dir zeigen möchte, damit du darin gut leben kannst. Nimm die Würde ein, zu der ich dich geschaffen habe.

Unsere Würde ist, zur Ebenbildlichkeit Gottes geschaffen zu sein. Gott ist kein Arbeitstier - und wir sind auch nicht als Arbeitstiere geschaffen.

Gott konnte ruhen, und der Ruhetag, der Schabbat, ist den Juden bis heute heilig. Gott selbst lebt in Gemeinschaft in der Drei-Einigkeit, dem Urbild aller Konspiration. In seine Ebenbildlichkeit dürfen wir hineinwachsen - ausdauernd leben und schöpferisch bleiben.

Es geht nicht um ein wohltemperiertes Christsein mit Wellnessfaktor. Es geht um unsere eigene Lebendigkeit, um Wachstum und Ausstrahlung.

Damit wir Salz sein und bleiben können. Nicht ausbrennen, sondern ausdauern. Nicht erschöpfen, sondern schöpferisch bleiben.

Damit Gott auch zu uns sagen kann:

Wandle vor mir und sei ganz - sei ganz du.     

Von

  • Dominik Klenk

    Journalist und Medienpädagoge; Leiter und Prior der OJC von 2002-2012; seitdem Leiter des fontis' Verlags (ehemals Brunnen Verlag), Basel

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