Die leeren Hände hinhalten

Die leeren Hände hinhalten

Über die Gründung der Kommunität und den Paradigmenwechsel von Aufgabe zu Hingabe

Interview mit Dominik Klenk

In einer Zeit, in der die Kommunitäten in Deutschland im Großen und Ganzen ihren Zenit überschritten haben, habt ihr euch als Kommunität formiert. Was hat euch zu diesem Schritt bewogen?

Ich denke nicht, dass evangelisches kommunitäres Leben seinen Zenit überschritten hat, im Gegenteil - der große Aufbruch liegt noch vor uns! Wir sehen an der Geschichte der Klöster, dass es in den vergangenen 15 Jahrhunderten immer wieder düstere Zeiten gab, aber auch Reformen und Erneuerung. Evangelische Spiritualität in klosterähnlicher Gemeinschaft ist noch keine hundert Jahre alt, in der Dichte rund fünfzig Jahre.

Die Generation der Gründer ist gerade am Scheiden. Das macht eine Neuausrichtung notwendig und auch die Frage nach dem tragenden Boden für den Dienst. Für uns ist das die verbindliche Kerngemeinschaft, deren Glieder nicht nur auf Zeit zusammenleben und -arbeiten, sondern die mit ihrem ganzen Sein ein Ja zu ihrer Berufung und zum Auftrag unserer Gemeinschaft haben. Deshalb hat sich die OJC dieses Jahr von einer Lebensgemeinschaft auf Zeit zu einer Gemeinschaft auf Lebenszeit formiert.

Hat sich durch die Kommunitätsgründung euer Selbstverständnis verändert?

Eine Gefährtin hat das so ausgedrückt: Jahrelang hatte ich das Gefühl, in "wilder Ehe" mit dieser Gemeinschaft zu leben, jetzt ist die Verbindung unhinterfragbar. Das haben viele so empfunden. Der vor der sichtbaren und unsichtbaren Welt vollzogene Bundesschluss ist ein geistliches Geschehen, das eine neue Wirklichkeit schafft. Die getroffene Entscheidung gibt uns außerdem die innere Freiheit, Neues zu wagen und anzupacken.

Was macht diese neue Wirklichkeit aus?

Sie hat den Blick aufeinander verändert. Lange Jahre stand vor allem der gemeinsame Dienst im Zentrum, um den herum sich die Gemeinschaft formierte. Das war absolut richtig und notwendig in der Aufbauphase, aber mittelfristig ist es zu einseitig. Im Prozess der Verarbeitung unserer Geschichte, der guten und der schweren Jahre, ist uns bewusst geworden: Was uns zutiefst verbindet und bei Christus hält, ist nicht allein die Aufgabe, sondern insbesondere die gemeinsame Hingabe. Diese Hingabe ist im Kern die Liebesbeziehung zu Christus. Im Leben miteinander wird diese Liebe gefordert, geerdet und vermehrt. Aus dem Gefäß der verbindlichen Gemeinschaft kann und soll dann die Kraft in die Aufgabe und den Auftrag fließen.

Diesem Paradigmenwechsel haben wir mit der Kommunitätsgründung Ausdruck gegeben. Die Klarheit nach innen hat auch unsere Tragkraft und Bereitschaft wachsen lassen, wieder nach außen zu wirken.  

Wie hat man sich den Paradigmenwechsel von Aufgabe zu Hingabe vorzustellen?

Als Frucht eines langwierigen Prozesses.

Bevor wir bereit waren, miteinander nach vorne zu schauen und unseren Auftrag wieder neu zu fixieren, mussten wir einander ganz neu in den Blick bekommen. Wegweisend wurde das Jesuswort aus Johannes 13: "Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt."

Bei vielen von uns war die Luft nach Jahren des Dienstes raus und wir merkten, dass der Blickwechsel vom Tun zum Sein, zur Geschwisterlichkeit in Christus ein Weg ist, der nicht abgekürzt werden kann. Das Vertrauen zueinander, das viele mit ihrem Kommen gewagt hatten, war noch nicht ganz verbraucht, aber durch viele Enttäuschungen und Ernüchterungen brüchig geworden. Wir merkten, dass es etwas Neues zwischen uns brauchte, das wir nicht mitbrachten, sondern das nur wachsen konnte: Vertrautheit. Wir mussten uns einander wieder behutsam nähern, vorbehaltlos, neu zuhören, sehen und lieben lernen. Mit den Worten der Bibel: erkennen und erkannt werden. Das hat einige Jahre gedauert.

Wie hält man in einer solchen unplanbaren Phase den Kurs?

In Umbruchszeiten ist man versucht zu sagen: Jetzt kommt das Neue, wir machen etwas Neues, dann werden wir auch das Neue. Aber das ist kein wachstümlicher Weg. Es geht darum, den rechten Zeitpunkt, den Kairos abzuwarten, in dem Gott handelt. Kairologie - das wäre ein Fach, das ich in die Theologie einführen würde! Für mich als Leiter wurde in dieser Phase die Erfahrung der leeren Hände maßgeblich: Ich hatte keine neuen Leute, keine neuen Projekte und auch nicht die Kraft, einen schnellen Aufbruch zu initiieren. Gott die leeren Hände hinzuhalten ist ein Weg der Ausdauer und der Demut. Aber er hat uns stets den nächsten Schritt gezeigt, den richtigen Impuls geschenkt und auch die richtigen Ratgeber zugeführt, denn das helfende Wort kann man sich gewöhnlich nicht selber sagen.

Bei wem habt ihr euch Rat geholt?

Wir haben seelsorgerliche Wegweisung gebraucht, um die über Jahre entstandenen Verstrickungen und die mitgebrachten oder im engen Miteinander empfangenen Verletzungen ehrlich anzuschauen.

Wir haben Theologen aus der Nach-Gründergeneration hinzugezogen, die uns halfen, die Begriffe von geistlicher Mündigkeit, Leitung und Autorität neu zu deklinieren. Die Zeit der "Väter" und "Mütter" ging zu Ende, für mündige Gotteskinder gibt es nur einen Vater, den Vater im Himmel. Der Leiter ist Bruder unter Brüdern und Schwestern, sein Amt ist eines unter vielen. Jeder muss mutig und mündig "Ich" sagen können, bevor er sich geistlich in ein "Wir" hineinfügen kann.

Wir haben uns auch strukturell und betriebswirtschaftlich beraten lassen. Für die Formulierung unserer Lebensordnung haben wir uns mit den Regeln anderer Kommunitäten auseinandergesetzt, dann aber eigenständig eine innere Ordnung, die "Grammatik der Gemeinschaft", formuliert.

Wie gestaltet sich euer Leben im Sinne dieser Grammatik?  

Es ist ein komplexes Geschehen. Wir bemühen uns um eine Ausgewogenheit zwischen geregelten Abläufen und einer lebendigen Atmosphäre der Offenheit und des Willkommens. Wir haben uns auf liturgische Elemente geeinigt, die wir ernstnehmen, wie etwa das gemeinsame wöchentliche Abendmahl, unser Mittagsgebet in den verschiedenen Zentren, die Feste des Kirchenjahres und auch unsere Familiengottesdienste. Dazu gehört aber auch die Achtsamkeit im Umgang miteinander, die Bereitschaft, sich ergänzen zu lassen, Konflikte auszutragen und miteinander unterwegs zu bleiben. Spiritualität muss aus der Sphäre des Liturgischen in die Sphäre des Existentiellen hineinreichen, theologisch ausgedrückt: sie muss inkarnieren. Alles, was dem Leiblichen Ausdruck verleiht, trägt dazu bei: feiern, spielen, tanzen, einander erleben.

Ledige Frauen und Männer sind oft treue Mitarbeiter ihrer Gemeinden, werden aber in ihrer besonderen Lebensweise kaum wahrgenommen. Was bedeutet euch das Miteinander von Familien und Ledigen?

Der Ledigenstand ist ein weißer Fleck im Protestantismus, sicher auch, weil die Betonung der Familie als Zentrum christlichen Lebens das Erbe der Reformation prägt. Dabei hat es bereits in der Urgemeinde unter den Mitarbeitern der ersten Stunde beide Stände gegeben, die einander gleichwertig ergänzten. Dies gilt es, wieder in den Blick zu bekommen. Im Ergänzungspotential der Stände liegt ein großer Schatz für unsere Kirche. Damit es kein Nebeneinander bleibt, sondern ein Miteinander wird, braucht es Räume der Begegnung, verbindliche Absprachen und Rücksichtnahmen und immer wieder auf beiden Seiten die Bereitschaft, Opfer zu bringen.

Ein anderer Grund für die Ignoranz gegenüber dem Ledigsein ist wohl die Überbewertung sexueller Attraktion für ein erfülltes Leben - selbst unter Christen. Der von Beziehung losgelöste Sex überlagert wie Rußpartikel die Atemluft, unsere gesamte Atmosphäre. Gerade da kann Keuschheit im Zölibat als Kontrapunkt zur ehelichen Treue eine überzeugende Botschaft dafür sein, dass sich Liebe nicht im erotischen Begehren erschöpft.

Es gibt im evangelischen Raum Familienkommunitäten und zölibatär lebende Bruderschaften und Schwesternschaften. Bei euch bilden Verheiratete und Ledige gemeinsam die Kommunität. Ist das nicht eine Überforderung für beide Seiten?

Wir sehen es als eine Herausforderung. Im Miteinander der beiden Geschlechter und im Miteinander der unterschiedlichen Generationen und Stände findet  die Vollzahl des Leibes Christi exemplarisch Ausdruck. Die Spannung der Verschiedenartigkeit soll nicht umgangen, sondern miteinander gestaltet werden. Von Christus her und auf Christus hin ist versöhntes Leben möglich. Das Leben in dieser Dichte stellt eine hohe Anforderung an alle Mitlebenden, aber es schafft auch ein andauerndes und anregendes Reizklima für ein Wachsen und Reifen.

Die Frage nach Verbindlichkeit gewinnt angesichts der zunehmenden Vereinzelung an Brisanz. Sind Kommunitäten eine Antwort auf diese gesellschaftliche Not?

Die Qualität des Gemeinschaftlichen kommt in unserer auf das Individuum fokussierten Kultur meist zu kurz. Aber Kultur wird nicht von Einzelnen gemacht! Sie entsteht in sinnhaften Zusammenhängen und Absprachen, die über die Generationen weitergegeben werden. Nur so wird Identität gestiftet und nur so überdauern Werte.

Die Kirche Christi bleibt lebendig, wenn sie ihre Herkunft kennt und von ihrer Zukunft weiß. Ihr Profil bildet sich in der Gegenwart immer daran, wie sie die frohe Botschaft von einer Generation an die nächste weitergibt. Kommunität als neue soziale Form kann ein Klima des Vertrauens und der Verständigung schaffen, weil sie auf Verbindlichkeit und Kontinuität setzt. Damit fördert sie eine Kultur des Lebens, die quer zum gesellschaftlichen Mainstream steht. Damit ermöglicht sie die Entwicklung von glaubwürdigen Antworten auf brennende Fragen unserer Zeit.

Von

  • Dominik Klenk

    Journalist und Medienpädagoge; Leiter und Prior der OJC von 2002-2012; seitdem Leiter des fontis' Verlags (ehemals Brunnen Verlag), Basel

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