Warum Abschied dazugehört

Fünf Berichte über das Aussteigen, Umsteigen und Wiedereinsteigen

Gott macht keine halben Sachen

Elf Jahre lang haben wir an der hessischen Bergstraße gewohnt - und das sehr gern. Deshalb war es für mich und auch für meinen Mann selbstverständlich, in unserem Zuhause wohnen zu bleiben, als er vor zwei Jahren von seinem Arbeitsplatz in Frankfurt nach Berlin wechselte. Er wollte pendeln, die Zeiten der Abwesenheit gut einteilen und relativ häufig zu Hause sein. Es ging recht lange recht gut, aber allmählich wurden die inneren Hürden, die wir nehmen mussten, immer höher. Es gab weniger gemeinsame Zeiten - auch mit gemeinsamen Freunden - und alter und neuer Wohnort traten immer deutlicher in Konkurrenz zueinander. Das Tabu "Umzug" begann aufzuweichen.

Nachdem wir die Entscheidung für einen Umzug getroffen hatten, entstanden Probleme auf anderem Terrain: Zum einen fand sich in Berlin erst sehr spät ein Haus, zum anderen wäre der Verkauf unseres alten Hauses fast nicht zustande gekommen. Unser Sorgenberg wuchs stetig an, und wir begannen uns zu fragen, ob diese Entscheidung überhaupt richtig war. Zu dem Zeitpunkt hat uns ein Zuspruch von Freunden sehr angesprochen: Gott macht doch keine halben Sachen! Er wird die Richtigkeit eurer Entscheidung bestätigen. Und das hat Er auch getan. Allerdings erst im letzten Augenblick. Dann aber lösten sich alle Probleme wie in Luft auf.

Jetzt leben wir seit drei Monaten im Süden Berlins. Wir hatten einen guten Start: die Kinder in der Schule, wir alle mit der Nachbarschaft und unserer neuen Gemeinde. Im Rückblick erkenne ich, dass es viele Dinge gab, auf die wir gar keinen Einfluss hatten und die sich trotzdem wunderbar fügten. Wir wurden auch in der Fürbitte von Verwandten und Freunden getragen. Ja, wir konnten erleben, dass wir nicht alleine sind, dass es Einen gibt, der Türen auftut und Wege erschließt, gerade dann, wenn wir in einer Sackgasse stecken. Das stärkt unser Vertrauen zu Christus ungemein, und es ermutigt uns, Neues zu wagen, auch wenn es einiges kostet, auch wenn die Risiken im Moment nicht kalkulierbar sind.

Ute Rastert leitet ihr Familienunternehmen mit drei Teens zwischen 11 und 16 und arbeitet in der Freundes- und Projektbetreuung der OJC.

Unternehmer erklärt Beziehungsbankrott

Im Namen des Volkes erkläre ich die Ehe für geschieden". Wer war dieser Mann überhaupt, zu dem wir uns an einem trüben Januarmorgen in den Saal 24 gesetzt hatten, um unsere Ehe zu beenden? Und was hatte das Volk mit unserer - zugegebenermaßen gescheiterten - Beziehung zu tun? Der Konkurs unserer Ehe war damit amtlich.

Nur 16 Jahre hatte unser Bund fürs Leben gehalten, die letzten getrennt, aber mit redlichem Bemühen um Wiederbelebung. Zwei Menschen, die einander geliebt und ewige Treue gelobt haben, hatten ihre Liebe vernachlässigt, sich verletzt und letztendlich verloren. Was war nur los? Kinderlos, lieblos, sprachlos, schonungslos, hilf- und hoffnungslos - wertlos. Wie betäubt kehrte ich noch am gleichen Tag zurück an meinen Schreibtisch.

Es dauerte ein halbes Jahr, bevor ich die ernüchternde Tatsache des "Abschieds für immer" an mich heranlassen konnte. Erst als in Paris die Prinzessin starb, die im gleichen Jahr geheiratet hatte wie wir, konnte ich innerlich meine Prinzessin loslassen, um den Verlust trauern. Mir blieb die bittere Gewissheit, dass nicht meine Ehe, sondern ich gescheitert war. Knapp 40 stand ich vor den Trümmern meines Lebens. Weder meine florierende Firma noch fromme Formeln konnten mich in meiner Melange aus Trauer, Wut und Selbstmitleid trösten.

Mitten in meiner Wüstenwanderung lud eine Cousine mich ein, die heilende Kraft des Gebetes zu entdecken und ich war so verzagt, dass ich mit ihr fuhr. Zwar war ich fest überzeugt, dass Gott mit mir nichts mehr zu tun haben wolle, aber ich hatte nichts mehr zu verlieren. In dieser Februarwoche in Dänemark lernte ich wieder, mit Gott zu reden und zu glauben, dass er trotz allem Hoffnung für mein Leben hat.

Ein junger Schweizer sprach und betete intensiv mit mir und versicherte mir, dass Beichte und Vergebung genau für meine ausweglose Situation gedacht waren. Nie zuvor war mir Jesu Opfertod für meine Schuld so anschaulich geworden. Erst nachdem ich den persönlichen Bankrott all meiner Anstrengungen akzeptiert hatte, konnte ich Gottes "Rettungspaket" annehmen. Vertrauen statt verzweifeln - vergeben und leben. Es gab kein Happy End für die zerbrochene Beziehung, aber einen nachhaltigen Neuanfang.

Sagte nicht der Däne Sören Kierkegaard, dass Gott in seiner unendlichen Liebe aus dem, was falsch war, etwas Besseres machen kann, als das, was richtig gewesen wäre? Dass ich 10 Jahre später wieder in einer glücklichen Ehe leben würde, konnte ich mir damals nicht vorstellen.

Carl G. Hamilton ist Marketingstratege undercover, seine bürgerliche Identität ist der Redaktion bekannt.  

Von Geburt an ein Loslassen

Im Zusammenhang mit dem Auszug der Kinder ist mir das Wort Abschied zu negativ, für mich ist es eher ein Umbruch - wie der Saum eines Kleides. Wo das Kleid unten zu Ende ist, wird der Stoff ja nicht einfach abgeschnitten, sondern nach innen geschlagen und als Saum vernäht. Etwas schließt ab, hört aber nicht auf, es geht nach innen - so erlebe ich meinen Umbruch.

Über das, was unsere Ältesten jetzt machen, dass sie ihrer eigenen Sehnsucht folgen können, freue ich mich sehr, so dass die Freude den Abschiedsschmerz überwiegt. Es ist ja auch nicht so, dass ich ganz ohne Kinder wäre, zwei sind ja noch zu Hause, auch die stehen vor neuen Herausforderungen. Als sie hörten, dass die zwei Ältesten gehen werden, sagten beide spontan: Dann gehen wir auch, dann ist das ja langweilig zu Hause. Sie empfinden den Verlust wohl noch stärker als wir Eltern und müssen ihren Platz neu finden.

Der Weg mit Kindern ist ja eigentlich von der Geburt an ein Loslassen. Als unsere Älteste 18 wurde, war das ein Einschnitt, vor dem ich mir viele Gedanken gemacht habe. Da war auch Angst: Schafft sie es? Natürlich hatte ich meinen Kindern so viel wie möglich mitgeben wollen, aber jetzt merkte ich, wie bruchstückhaft das war. Das zu akzeptieren, fiel mir nicht leicht. Am Schluss bleibt: Herr, erbarme dich - über mich und über die Kinder. Es bleibt das Loslassen und Gott anvertrauen.

Auch vieles, was wir in der Familie entwickelt haben, musste ich loslassen; Traditionen und Rituale, um die ich jahrelang gekämpft habe.

Dazu kommt mein eigener Umbruch durch die Wechseljahre: Ich spüre, wie mein Körper mich fordert und das normale Leben aus der Bahn wirft. Der heftige emotionale Umbruch, den das mit sich bringt, hat mich überrascht und viele Fragen ausgelöst: Was kommt in der nächsten Lebensphase? Warum tue ich eigentlich, was ich tue? Was möchte ich ohne die Kinder?

Ich spüre in mir eine Müdigkeit, die Sehnsucht nach Ruhe. Es fällt mir nicht leicht, diese Leere ohne neue Vision und neue Aufgabe auszuhalten. Und doch habe ich gemerkt, dass sie dazugehört, einfach weil es grad so ist. Eine neue Vision kann ich nicht machen, ich kann nur die leeren Hände hinhalten in der Hoffnung, dass Gott sie füllen und sich daraus etwas entwickeln wird.

Anne Schneider gestaltet das mediterrane Ambiente des Innenhofs im Jugendzentrum und die gastfreie Atmosphäre in ihrer Familie.

Gefestigt im Unruhestand

Ich habe gern beim Finanzamt gearbeitet. Der Beruf gewährte mir nicht nur einen Einblick in die wirtschaftlichen Zusammenhänge kleiner Betriebe, sondern auch in die der weltweit operierenden Unternehmen. Faszinierend war die Begegnung mit Menschen in den verschiedensten Positionen - vom Kioskbesitzer über den Baron, Minister oder Bordellbesitzer bis zum Konzernchef. Manche mühten sich, Arbeitsplätze zu erhalten, andere manövrierten ihr Unternehmen elegant in die Insolvenz. Meine Aufgabe schien mir sinnvoll, trug sie doch zur Einhaltung der Steuergerechtigkeit - einem unverzichtbaren Bestandteil unseres Rechtsstaates - bei. In den letzten Jahren reifte die Entscheidung, frühzeitig um die Pensionierung zu bitten. Mit meiner Aufgabe, eine Chronik des Finanzamtes zu erstellen, konnte ich auch meine 40 Dienstjahre Revue passieren lassen.

Zusammen mit meiner Frau wollte ich einige Pläne verwirklichen: reisen, aber auch der Gemeinde und unserer Familie, zu der sieben Kinder und zwanzig Enkel zählen, zur Verfügung stehen. Ich machte einen Plan für die "Zeit danach." Erst war eine Renovierung am Haus dran - das gewährleistete weiterhin geregelte Arbeitszeiten. Aber die Freiräume wurden größer. Ich las mich ein in die globalen Fragen unserer Zeit, engagierte mich bei Amnesty International und studiere nun auch intensiver das Salzkorn!

Die meiste Zeit nimmt mein Ehrenamt in der Gemeinde in Anspruch, die Begleitung unserer 22 Missionare. Ich sammle ihre Gebetsanliegen in einem Missionsgebetsbrief, stehe ihnen als Gesprächspartner zur Verfügung und organisiere informative Veranstaltungen über ihre Arbeit. Der Kontakt ist auch für mich sehr kostbar, denn ich erfahre so aus erster Hand, wie das Leben an jenen fernen Orten wirklich ist. Besondere Höhepunkte sind die Treffen, bei denen mehrere Missionare ihre Erfahrungen austauschen.

Bei allem Engagement genieße ich es, freier über meine Zeit zu verfügen. Zu den Sternstunden unseres Rentnerdaseins gehören die "Enkel-Camps", wenn die Jungen im Garten zelten oder im Gartenhäuschen übernachten, bei Sport und am Lagerfeuer miteinander spielen, reden, feiern. Dieses Jahr waren es fünfzehn! Die Entscheidung, zeitig aus dem Berufsleben auszuscheiden, war goldrichtig. Ich genieße den neuen Abschnitt und empfinde, dass er sich harmonisch zum vorigen fügt - ganz nach der Maxime: Alles hat seine Zeit.

Dieter Allendörfer engagiert sich als Pensionär im Ehrenamt und ist begeisterter Großvater.

Wenn passiert, was nicht passieren darf

Scheidung war nie eine Option für mich. Ich hatte mit 27 - für lateinamerikanische Verhältnisse schon spät - meinem Mann ein Eheversprechen gegeben und war gewillt, mit ihm gemeinsam alle Herausforderungen des Lebens zu meistern. Als er von Trennung sprach, war ich wie vernichtet. Wie konnte er so etwas erwägen? Und, viel schlimmer, wie konnten wir unserem Achtjährigen den Schmerz der Scheidung zumuten? Ich war einsam, überfordert und fühlte mich von Gott verlassen. "Alleinerziehende" - das lief all meinen Wertvorstellungen zuwider. War das wirklich ich, der das passierte?

Am meisten schmerzte es, dass mein Mann den Entschluss ohne mich gefällt hatte. Bis zuletzt hoffte ich, dass unsere Ehe gerettet werden könnte. Während wir darum rangen, unser Leben zusammenzuhalten, wurden wir einander immer fremder. Freunde aus der OJC hatten mir offen von ihren überwundenen Ehekrisen berichtet - das ließ mich hoffen. Aber unsere Krise war nicht zu überwinden - mein Mann hatte sich dagegen entschieden.

Die Unterstützung treuer Freunde, die mich mit meinem Sohn herzlich aufnahmen, hielt mich aufrecht. Mehr als alles andere aber stärkte mich die Gewissheit, dass Christus, der unsere Leben in jungen Jahren mit Sinn erfüllt hatte, uns auch heute liebevoll zur Seite steht. Und das, obwohl wir versagt hatten und obwohl mein Sohn nun ohne einen Vater aufwachsen musste, der ihn zur Schule begleiten oder mit ihm Fußball spielen würde. Ich musste akzeptieren, dass ich ihm den Vater nicht ersetzen kann. Umso kostbarer war die Zuwendung und Ermutigung, die er von Männern aus meinem Freundeskreis erfuhr. Auch das hat Gott geschenkt.

Meine wichtigste Lektion: Mit der Scheidung ist das Leben nicht vorbei. Es ist oft mühevoll, denn wir sind nicht dazu geschaffen, es alleine zu meistern. Aber es ist dennoch ein gutes Leben, auch wenn die Last oft schwer wiegt und ich "mehrere Hüte tragen" muss. Ich versuche, mir regelmäßig Rechenschaft zu geben über meinen Glauben und über den Wert meiner Beziehungen, die mir und anderen nur Freude bringen, wenn sie gepflegt werden. Und schließlich habe ich gelernt, selbst in der eigenen Zerbrochenheit gastfrei und anderen zugewandt zu sein, um die Barmherzigkeit und Freundlichkeit, die ich erfahren habe und in der Gott mir begegnet ist, weiterzugeben.

Moira Rogers trainiert in Harrisonbourg, Virginia/USA ihre Studenten in Intercultural Studies.

Von

  • Moira Rogers

    Dr., Professorin an der Eastern Mennonite University in Harrisonburg, USA. Seit 2002 begleitet sie verschiedene Internationale Baucamps der OJC. Ziel ihres Engagements ist es, unsere Arbeit wissenschaftlich zu reflektieren und Lehreinheiten zu interkultureller Kompetenz durchzuführen.

    Alle Artikel von Moira Rogers

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