Kampffeld Person

Von der Fremdbesetzung zur Menschwerdung.

Eine Hoffnungsgeschichte aus Lukas 8,26-39

von Reinhard Frische

Täglich müssen wir uns entscheiden, welchen Impulsen, Bildern und Einflüssen wir uns aussetzen. Welchem Geist oder welchen Geistern geben wir Macht über uns? Davon hängt es ab, ob wir in den Teufelskreis von Sucht und Selbstzerstörung geraten oder nicht. Freiheit liegt allein in der Macht Jesu.


Die sonderbare und erschütternde Geschichte von der Heilung des besessenen Geraseners gehört ins Zentrum des Evangeliums. Unter eu - angelion  der "guten, heilvollen Nachricht", verstand man in der Antike vor allem die Nachricht vom Regierungsantritt eines neuen Kaisers, die aus Rom in die fernen Provinzen drang und an der sich viele Hoffnungen auf eine Kurswende entzündeten. Dieser weltliche Gebrauch ist dem biblischen Sinn des Wortes durchaus vergleichbar. Das Evangelium, das Jesus in die Welt bringt, ist in erster Linie die Botschaft vom Anbrechen der Herrschaft Gottes, vom Ende der bisherigen Unordnung und dem Beginn einer neuen Epoche.

Dass dieses Reich bereits Realität ist, zugleich aber in der Welt noch eine umstrittene, eine umkämpfte Größe darstellt, wird deutlich, als Jesus am Anfang seines öffentlichen Wirkens versucht wird (Mt 4,8f). Im entscheidenden Augenblick der Versuchungsgeschichte bekräftigt er seine ungebrochene Treue zu dem einen, höchsten Gott, den er Vater nennt. Ihn allein will er anbeten und ausschließlich ihm will er dienen. Diese klare Haltung legitimiert von Anfang an seinen Weg und bildet die Mitte des Evangeliums. Die von ihm bezeugte  Wirklichkeit der Gottesherrschaft breitet sich unaufhaltsam aus, bricht die Macht des Bösen und löst einen Menschen nach dem anderen aus den Hörigkeiten - bis es einmal unwiderleglich offenbar werden wird: "Jetzt gehört die Herrschaft über die Erde unserem Gott und seinem Gesalbten und sie werden für immer und ewig regieren." (Offb 11,15; 12,10  GN).

Drama in Gerasa

Was an der Begegnung mit dem Besessenen in Gerasa als erstes ins Auge fällt, ist die hässliche Gestalt des Bösen im Menschen, die deformierende Kraft falscher Abhängigkeit. In unverhüllter Brutalität zwingt sich das Dämonische der Sphäre der Menschen auf. Kaum hat Jesus das Gebiet der griechischsprechenden Städte am Ostufer des Sees Genezareth betreten, springt ein wilder Amokläufer - eine stadtbekannte und allseits gefürchtete Erscheinung - brüllend auf ihn zu. Alle Maßnahmen, ihn in Verwahrung zu nehmen und mit Zwang zu disziplinieren, haben versagt; er war mit unbändiger Kraft immer wieder losgekommen und hatte das Weite gesucht. Seither mied er alle menschliche Behausung und irrte - abgeschnitten von menschenwürdigem Leben - in der Gegend und in abgelegenen Grabhöhlen umher. Fernab der Gemeinschaft, an Orten des Todes und der Destruktivität, trieb er sein Unwesen: ein Schreckbild des Getriebenen, Friedlosen, Verkommenen, des Terrors.

Jesus fürchtet und hasst diesen Menschen, der rasend auf ihn zukommt, nicht. Er erkennt ja die böse Macht, die sich seiner bemächtigt hat. Er erkennt, was ihn jagt, ihn einsam und todessüchtig macht. Er erkennt die Gewalten, die ihn von innen zerstören, ihm Geist und Seele zerrütten, ihm die Kontrolle über sich selbst rauben und ihn in den völligen Ruin treiben. Jesus merkt, was gespielt wird, er erkennt die Ursache dieser Wildheit: die Fremdbesetzung.

Gegenoffensive

Für uns, die diese tiefere Wirklichkeit nicht begreifen können, mag sich unwillkürlich die Frage stellen, ob eine so geschundene Kreatur überhaupt noch Mensch zu nennen ist oder ob man sich seiner besser schnellstens entledigen sollte.

Doch Jesus urteilt anders! Das Evangelium unterscheidet beharrlich den Menschen als Geschöpf Gottes von jener widergöttlichen Macht, die ihn knechtet, böse und krank macht und zerstört.

Jesus sieht in der hässlichen, zwanghaften Erniedrigung des Menschen die Ehre Gottes selbst geschändet und die Würde des Geschöpfes in den Schmutz getreten. Damit das Gottesreich auch diesen fremdbesetzten Menschen erreicht, geht er hier ausdrücklich und exemplarisch gegen das Böse vor. Der bleibt zwar unsichtbar, wird aber an den anarchischen Äußerungen wahrnehmbar. Jesus befiehlt dem destruktiven Geist, den Menschen zu verlassen. Indem er so gebietet, erweist er sich unmissverständlich als der Herr, als jemand, der den Geist Gottes hat und darum allen Ungeist erkennt. Aber es geht um mehr als nur um erkennen: Im Johannesbrief heißt es, dass Jesus durch seinen freiwilligen Gehorsam die Werke des Teufels zerstört hat (1. Joh 3,8) - nicht nur entlarvt, sondern zerstört, und damit die Menschen von der Tyrannei des Bösen befreit.

Der Angriff Jesu auf den Ungeist der Zeit zielt auf die Erlösung und Wiederherstellung des geschundenen Geschöpfes, wie der Prophet Jesaja (Jes 49,7b ff) es dem Volk Israel in alter Zeit angekündigt hatte: "Könige sollen es sehen und aufstehen und Fürsten sollen niederfallen um des Herrn willen ... So spricht der Herr: Ich habe dich erhört zur Zeit der Gnade und habe dir am Tage des Heils geholfen. Ich sage den Gefangenen: Geht heraus! und zu denen in der Finsternis: Kommt hervor! ... Aber kann man einem Starken den Raub wegnehmen? Kann man einem Gewaltigen seine Gefangenen entreißen? So aber spricht der Herr: Nun sollen die Gefangenen dem Starken weggenommen werden, und der Raub soll dem Gewaltigen entrissen werden. Ich selbst will deinen Gegnern entgegentreten und deinen Söhnen helfen ... Und alles Fleisch soll erfahren, dass ich, der Herr, dein Heiland bin und dein machtvoller Erlöser."

Personwerdung

Eben dies geschieht in der Begegnung mit dem Gerasener. Der Ungeist fühlt den Stärkeren, an dem seine Macht schon in der Wüste zerschellt ist. Ein Wort Jesu genügt, um ihn zur Kapitulation zu zwingen: "Was willst du denn von mir, Jesus, du Sohn des Allerhöchsten?" Er muss seine furchtbare Identität enthüllen: "Legion" ist sein Name. Ein ganzes Heer von Geistern, eine wogende Meute teuflischer und zerstörerischer Gewalten hat das Leben dieses Geplagten im Griff. Aber sie ist eine bereits geschlagene Legion, die ihre Deckung preisgeben muss und nach einem Fluchtweg sucht. Wenn Jesus kommt, ist Satans Macht gebrochen! Er, und nur er, der Sohn Gottes, besitzt die Vollmacht, Menschen aus der Spirale des Verderbens hinaus- und in die Kindschaft des himmlischen Vaters zurückzuführen. Indem er den Kampf um das Leben dieses Fremd¬besetzten und Fremdbestimmten aufnimmt, macht er ihn zum Kandidaten für das Reich Gottes, zu einer umgewandelten und für Gott geheiligten Person.

"Person" kommt vom lateinischen per-sonare, hindurchtönen. Darin liegt das Geheimnis des Menschseins: der Mensch ist immer auch Sprachrohr für eine größere Wirklichkeit, die hinter ihm steht. Er ist, ob er es weiß oder nicht, Träger von Inspiration, Übermittler von Botschaft. Die Urbestimmung des Menschen ist es, als persona Gottes, als ebenbildliches Gegenüber des Schöpfers "Membran" für Gottes Reden in der Welt zu sein. Wahre Menschwerdung hängt daher am Anruf Gottes. Die Gott entfremdete Person wird leicht zur "Membran" des Zeitgeistes und mancherlei Ungeister, die ihn knechten und deformieren, zuweilen bis das destruktiv Dämonische unverhüllt aus ihm zu sprechen beginnt. Wovon der Mensch sich ansprechen und beanspruchen lässt, das tönt durch ihn hindurch: der Heilige Geist ebenso wie der heillose Geist.

Das Entscheidende der guten Botschaft ist dies: Wo Jesu Anruf falsche Loyalitäten und heillose Abhängigkeiten entlarvt, da geschieht Befreiung, da wird der Zerstörungsvorgang beendet und gewendet - von der Fremdbesetzung hin zur Menschwerdung! Jesus selbst ist ja persona Dei, Ebenbild des Vaters in vollkommener Weise. Darum ertönt in seinem Ruf unverfälscht und glasklar die Stimme Gottes, die den gefangenen, gepeinigten Menschen aus der Verfälschung löst und zum Gegenüber Gottes, zur geheilten persona Dei formt.

Befreit vom Beziehungstod

Jesus ist Sieger! Das bedeutet, er ist der souverän Handelnde, der mit Vollmacht in die Herrschaftsgebiete der Finsternis einbricht und Menschen für das Reich Gottes gewinnt. Er hat den Kampf aus Liebe zu uns und zu allen Menschen gekämpft, die durch die vorwärtsfressende Macht des Bösen lebensunfähig und einsam, krank, hoffnungslos und friedlos geworden waren. Aus Liebe hat er am eigenen Leib die Anarchie der Menschen erduldet und die Zerstörungswut des "Mörders von Anfang" (Joh 8,44) am Kreuz erlitten und überwunden. Jeder, der die Macht seiner Liebe erkennt und dem siegreich Auferstandenen vertraut, ist durch Gottes Macht erlöst und wird zu einem neuen Menschen.  

Als die aufgeregten Städter an den See herauskommen, finden sie einen veränderten Menschen vor und verstehen die Welt nicht mehr. Der eben noch Getriebene ist ruhig, der Heruntergekommene ordentlich bekleidet und umgänglich. Der bislang vom Beziehungstod Gezeichnete befindet sich in Gemeinschaft mit Jesus und lässt sich von ihm ansprechen, befrieden. Den geheilten und den erlösten Menschen findet man bei Jesus! Sein Leben beginnt in Freiheit und Frieden und in einer tiefen Freude ganz neu. Ja, wenn Christus in ein Leben kommt, dann schafft er tatsächlich etwas Neues. Nicht nur für den Betroffenen, sondern für alle, die den alten Zustand kannten und darunter gelitten haben. Diese Erfahrung kann jeder nachvollziehen, der in seinem Umfeld oder gar in der Familie einen Menschen hat, der von der Herrschaft und den Verwüstungen einer Sucht befreit wurde. Wo vorher unreine Geister hausten, wohnt nun ein neuer Geist: der Heilige Geist. Die Veränderung, die er bewirkt, ist ebenso real und wahrnehmbar wie die Veränderungen waren, die der "Geist dieser Welt" in den "Kindern des Ungehorsams" bewirkt hatte.

Glaube verändert Gesellschaft

In der Geschichte heißt es eindrücklich: "Der Mann, der von den Dämonen geheilt war, saß bekleidet und vernünftig bei Jesus." Jeder verantwortlich Denkende, für den das Wohl der Kirche oder Gesellschaft an erster Stelle steht und nicht irgendein Vorurteil, muss es sich immer wieder vor Augen halten: das Evangelium erneuert zwar den einzelnen Menschen, aber es erneuert ihn zu einem sozialen, gemeinschaftsfähigen Wesen. Wer auf Jesus hört, wird zum Frieden fähig. Wenn wir den gesellschaftlichen Aspekt der Vollmacht Jesu ausblenden, müssen wir uns vorwerfen lassen, dass der christliche Glaube die Menschen vereinzele - ein Vorwurf, den u.a. der Marxismus formuliert hatte. Nun, gewiss werden die Menschen nicht einfach kollektiv in das Reich Gottes hineingeschwemmt, aber der geheilte und mit einer neuen Identität beschenkte Einzelne wird durch den Geist umso kräftiger in die Gemeinschaft und zu seinem Nächsten zurückgeführt. Wichtig ist die Reihenfolge: Es gibt keine familia Dei ohne die persona Dei. Nur wer sich von Gott anreden lässt und sich der Herrschaft seines Geistes öffnet, kann Gott als seinen Vater und seine Mitmenschen als seine Geschwister erkennen.

Biographien sind Botschaften

Werfen wir zum Schluss einen Blick auf das Ende der Geschichte. Der Geheilte möchte - nachdem die Bewohner jener Gegend Jesus förmlich zum Fortgehen drängen - das Land ebenfalls verlassen, um mit ihm zu ziehen. Doch Jesus sendet ihn aus mit einem deutlichen Auftrag: "Geh du wieder heim und sage, welch große Dinge Gott dir getan hat!" Mit der Heilung empfängt der Christ auch den Sendungsauftrag Jesu. Er, dessen Wort Leben und Heilung bringt, will durch jedes geheilte Leben weiter wirken und gestalten. "Geh wieder heim!" -  Darin erklingt auch die Ermutigung, dass das neue Leben auch in der alten Umgebung, wo ihm vielleicht Argwohn und Anfeindung entgegenschlagen, unter dem Schutz Jesu steht. Der Mann braucht nicht zu befürchten, dem Bösen wieder ausgeliefert zu sein. Der Sieg Jesu ist ja an ihm geschehen und der Geist Jesu, der nun in ihm wohnt, wird ihn auch bei seinen Leuten, die vielleicht gar nichts begreifen wollen, schützen. Gott ist den Seinen nahe, auch dort, wo ihnen Argwohn und Anfeindung entgegenschlagen, und er gibt jedem den Auftrag zum Zeugnis. Die rettende Erfahrung darf keine bloß innerliche Erfahrung bleiben. Die Bezeugung der Heilsbotschaft kann auch nicht durch unsere guten Taten ersetzt werden. Jesus muss durch uns, die wir seine befreiende Kraft erfahren haben, öffentlich bezeugt und in jeder Generation verkündet werden.

Für diesen Auftrag brauchen wir mehr als alles andere frische Erfahrungen der befreienden, zurechtbringenden und befriedenden Gegenwart Jesu - in unserem eigenen Leben und Zusammenleben. Wir dürfen konkret darum bitten. "Herr, lass uns deine Wirklichkeit erfahren, damit sie für andere Menschen sichtbar wird."

Von

  • Reinhard Frische

    Pfarrer, arbeitete u.a. am Institut für Sozialethik in Zürich und war Rektor des Theologischen Seminars St. Chrischona/Basel.

    Alle Artikel von Reinhard Frische

Das Salzkorn im Abonnement

Jede Ausgabe dieser Zeitschrift können Sie kostenfrei bestellen »

Auch künftige Ausgaben vom Salzkorn (erscheint vier Mal im Jahr) senden wir Ihnen gerne zu. Hier können Sie das Salzkorn abonnieren »

Unsere Veröffentlichungen unterstützen

Helfen Sie uns mit Ihrer Spende, christliche Werte und eine kritisch-konstruktive Auseinandersetzung mit Strömungen der Zeit auf der Grundlage des Evangeliums an nachfolgende Generation zu vermitteln.

So können Sie spenden:

» Bankverbindung
» Spendenformular
» PayPal