Wir werden immer molekularer

Über das semantic web, Informationssnippets und den Bedarf an Informatikern mit Reich-Gottes-Horizont. Ein Blick in die Zukunft.

Gespräch mit Carsten Waldeck

Das World Wide Web hat seine ersten zwei Jahrzehnte auf dem Buckel. Was ist der Unterschied zwischen der ersten Generation des Internets und dem, was wir jetzt das Web 2.0 nennen?

Es gibt im Grunde zwei Unterschiede. Der eine: Das Web 2.0 ist so was wie "lessons learnt" von Web 1.0. Man hat ausprobiert und gelernt, was funktioniert und was nicht so gut funktioniert. Der andere: Web 1.0 war eher das "read web", das Leseweb, man hatte irgendwelche Webseiten, die man gelesen hat. Wogegen es im Web 2.0 eher ums "read and write web" geht - jeder wird zum Autor, der etwas veröffentlicht. Das ist ein ganz wichtiger Aspekt.

Das Schlagwort dazu heißt "user generated content". Was genau bedeutet das?

Wer anderen etwas mitteilen möchte, kann eine Plattform im Internet wählen und das tun. Das Lexikon Wikipedia zum Beispiel ist so eine Plattform. Die Benutzer des Lexikons sind zugleich auch die Mitautoren. Jeder, der meint, er sei ein Fachmann für irgendwas, kann sein Wissen mitteilen. Andere können das lesen, präzisieren oder auch korrigieren. Damit entsteht ein ganz neuer Zugang zu Dienstleistungen: Die Menschen stellen ihr Wissen umsonst zur Verfügung. Sie erzeugen Werte, die der Allgemeinheit zugänglich sind. Alles, was erzeugt wird, sind Werte.

Quantitativ mag ein Mehrwert entstehen, aber das sagt noch nichts über die Qualität der Beiträge aus.

Wichtig ist, dass die Menschen für das, was sie tun, Verantwortung übernehmen. Bei Wikipedia klappt das ganz gut. Da logge ich mich ein, bin eine identifizierbare Persönlichkeit und kann knallhart kommentiert und kritisiert werden. Ich muss geradestehen für das, was ich schreibe. Und jeder will gerne ein guter Autor sein und Qualität abliefern.

In vielen Systemen, in die man Inhalte einstellen kann, ist die Qualität bescheiden.

In der Tat ist die Frage der Werte noch nicht gelöst. Die Herausforderung dabei ist: Wie können wir es schaffen, Werte nachhaltig zu speichern und sie in Wohlstand umzusetzen? Dafür gibt es noch kein gutes Modell. Und natürlich ist das Open-Source-Prinzip in vielen Fällen auch ein Wertevernichter, weil die Qualität der Beiträge oft schlecht und die Werte sehr beliebig sind.

Die Technik entwickelt sich dynamisch. Was wartet nach dem Web 2.0 auf uns?

Der Trend geht zu einer immer hochgradigeren Vernetzung. Das Web 1.0 hat Verbindungen geschaffen, meistens Einwegverbindungen. Im Web 2.0 kam die Zweiwegverbindung dazu, es ging eher in Richtung Kommunikationsplattform. Nun wird es immer mehr Echtzeit. Web 3.0 wird das sogenannte "social semantic web" sein. Es kommt die Semantik dazu, das heißt, wir speichern nicht mehr Webseiten, sondern wir werden einen Grad molekularer - einen Grad kleiner. Es geht dann vor allem um Informationshäppchen, sog. Snippets. Da habe ich nicht mehr eine ganze Webseite, sondern lasse mir nur noch bestimmte Themen zuschicken. Damit löst sich dann der Inhalt von den Webseiten. Derzeit läuft die Entwicklung für eine gute Standardisierung für solche Informationshappen. 2009 wird das Jahr des "semantic web" werden, es wird den Markt erreichen.

Gib mir bitte ein praktisches Beispiel. Ich suche Informationen zum Thema Umweltschutz in Hessen. Was ist der Unterschied zwischen Web 2.0, wie wir es kennen, und dem semantic web?

Heute würde ich auf die Googleseite gehen und "Umweltschutz" und "Hessen" eingeben. Dann spuckt mir Google eine Liste aus von Webseiten. Da werden mit robots Webseiten indexiert. Auf diesen Index greift man zu und Webseiten werden gefunden. In Zukunft gibt es Ontologien, das sind logische Strukturen, in denen Informationen in molekularer Form mit abgespeichert werden können. Das Neue wird sein, dass der PC nicht nur Webseiten findet, sondern auch andere Dokumente und eben auch Informationssnippets.

Wow.

Es geht dann um standardisierte Metadaten. Der Computer wird immer besser verstehen, was wir suchen. Das ist der große Unterschied. Bisher war der Computer dumm, nur ein Bote. Er hat einfach Sachen von A nach B geschickt. Aber er hat es nicht verstanden. Da gab es eine URL, da habe ich draufgeklickt, dann hat der Server reagiert. In der Zukunft weiß der Computer, was der Sinn ist. Das ist das Große. Und das ist auch das Gefährliche.

Wie kann der Computer das erkennen?

Die Logikstruktur ist ihm bekannt. Er weiß z.B.: das ist eine Person, das ist eine Adresse, das ist ein Auto und das ist ein Preis. Dann kann ich sagen, das ist mir preislich zu hoch. Egal, welche Website, völlig egal welcher Anbieter, es gibt Standards dafür. Das kann ich dann über diese standardisierten semantischen Technologien aufrufen.

Die Software wird also semantische Fähigkeiten bekommen.

Was wiederum eine Gefahr in sich birgt: die Dinger werden einfach intelligenter und zwar schlagartig sehr viel intelligenter. Wir kennen die Science-Fiction-Szenarios aus Filmen wie Matrix und Terminator. Unsere Computer werden sicher keine Roboter sein, die herumlaufen und uns abschießen wollen, aber es wird Software sein, die sauintelligent ist und auf die sich die Menschen verlassen. Menschen werden dann oft den Hinweisen intelligenter Software mehr vertrauen als anderen Menschen. Da liegt ein großes Problem. Wir sind jetzt schon auf dem Weg dahin, dass Computerindexen ggf. mehr Vertrauen entgegengebracht wird als einem Menschen, der mir sagt, wie es ist. Was der Computer berechnet hat, das werden wir glauben.

Klingt ziemlich düster. Warum werden die Ratschläge aus dem Computer immer mehr Raum einnehmen?

Unsere Welt und die Vernetzungen werden immer komplexer. Vieles kann man kaum mehr überblicken. Zudem sind Menschen gerne faul und delegieren das Suchen und Nachdenken. In manchen Bereichen ist das auch okay. Aber es besteht die Gefahr, immer mehr an den PC zu delegieren, weil die Welt immer schneller wird und wir immer schneller Entscheidungen treffen und Informationen generieren müssen.

Wie können wir darauf reagieren? Sind christliche Werte in diesem Kontext von Belang?

Wir steuern auf eine Totalvernetzung in Echtzeit zu. Die Computer der Zukunft werden das leisten können. Das beste, was wir machen können, ist zu versuchen, möglichst gute Mechanismen zu entwickeln, die Sicherheit garantieren, Privatsphäre, Werte und Rechte gewährleisten. Darauf kommt es an, das sind wichtige Dinge. Um das gut zu machen, braucht es Menschen in der Entwicklung dieser Dinge, die im Reich-Gottes-Horizont denken. Wenn alles in rein kommerziellen Händen bleibt, wird es anders ausgehen.

Oder wir ertrinken im Strudel einer beschleunigten Belanglosigkeit.

Darum braucht es eine Art Wertesystem im Netz. Letztendlich sehnen wir uns nach Werten. Wir kommen mit dem ganzen Zeug nicht mehr klar, wenn wir unsere Werte nicht darin wiederfinden. Das zu entwickeln, ist "the next big thing".

Es gilt also, eine Architektur im Netz aufzubauen, die Werte erkennt und hilft, dass sie erhalten werden und dass neue dazukommen?

Genau. Und deswegen ist es wichtig, dass das Menschen machen, die mit Gott und seiner schöpferischen Ordnung in Verbindung stehen. Denn wir machen hier so etwas wie Gesetze, wir machen gewissermaßen sogar Rechtsprechung. Das ist eine völlig neue Welt, die hier entstehen wird und zwar am Staat vorbei.

Ein Beispiel?

Ich stelle einen Service im Netz zur Verfügung. Ich bestimme dann, wie der läuft. Das heißt, ich habe die Rechtsprechung gemacht. Wer hat gesagt, wie privater Kleinhandel funktioniert? Das waren die eBay-Gründer, nicht das Bundesministerium für irgendwas. Klar, wenn es Probleme gibt, kommt das Ganze vor Gericht und dann wird da natürlich nochmal entschieden, aber ansonsten bleiben die Regeln erst einmal so bestehen. Da gibt es eine Menge Spielraum, in dem viel möglich ist.

Was entwickelst du aktuell mit deiner Firma?

Ganz einfach gesagt - "liquid browsing".

Das bedeutet?

Kann man bezeichnen als den Nachfolger der Listenstruktur der Browser.

Du meinst die Liste nach erfolgter Google-Suche?

Bei Google und überall sonst. Man bedenke, wo man heute eine Liste sieht: E-Mails, File-Systeme, meine ganzen Dateien auf dem Rechner, eBay, Amazon, alle möglichen Portale.

80-90 % aller PC-Nutzer auf der gesamten Welt sind davon betroffen, wir leben im Listenzeitalter. Die Liste ist das User-Interface, also die Benutzeroberfläche Nr. 1. Wir bauen den Nachfolger.

Vielen Dank, Carsten, für diesen Blick in die Zukunft!

Das Gespräch führte Dominik Klenk.

Von

  • Dominik Klenk

    Journalist und Medienpädagoge; Leiter und Prior der OJC von 2002-2012; seitdem Leiter des fontis' Verlags (ehemals Brunnen Verlag), Basel

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