Zwischen Sehnsucht und Verführung

Jugendliche in einer sexualisierten Welt. Eine Handreichung

von Konstantin Mascher

Sex sells - inzwischen auf allen Ebenen unseres Lebens.
Wir leben zweifelsohne in einer sexualisierten Welt mit immer mehr tabufreien Zonen. Die nackten Bilder, die über alle Kanäle auf uns einströmen, überfordern nicht nur den gestandenen Mann oder die erwachsene Frau, sondern gerade auch die junge Generation. Berichte über besorgniserregenden Pornografiekonsum unter Jugendlichen mehren sich. Sozialpädagogen, Psychologen, Hirnforscher und Sexualwissenschaftler, die diese Sorge teilen, weisen auf die fatalen Folgen ungehinderten Konsums von pornografischen Inhalten hin.

Die Sehnsucht Jugendlicher

Teenager haben eine Sehnsucht nach Liebe, Annahme, Anerkennung, Wertschätzung und dem Gefühl der Einzigartigkeit. Der Wunsch nach einer erfüllten Beziehung, nach Ehe und Familie hat unter Jungs und Mädchen einen hohen Stellenwert. Dabei werden mit der geschlechtlichen Reife auch sexuelle Gefühle wach. Jugendliche empfinden sehr deutlich, dass Sexualität etwas Besonderes ist, den ganzen Menschen betrifft und nicht auf den biologischen Akt (Sex) reduziert ist. Doch ihr Gespür für das Eigentliche, nämlich dafür, wie man eine erfüllte und sinnstiftende Beziehung gestalten kann, wird in unserer Kultur schnell überlagert. Medial geprägte Beziehungsschablonen ("eine tolle Beziehung fängt mit Sex an") prägen ihre Vorstellungen, die wiederum ganz unserer sexualisierten Gesellschaft entsprechen.

Mangelnde Unterscheidungsfähigkeit

Angesichts der Allgegenwart von sinnlichen Bildern wird es schwierig, auf die ursprüngliche Sehnsucht zu hören und ihr zu folgen. Wenn zudem noch eine "äußere" ethische Orientierung fehlt, kann die eigene Sehnsucht leicht mit schnellen Blicken und Aktionen, die die Medien vorgeben, abgespeist werden. So vermischen Jugendliche wie selbstverständlich die Kategorien Wertschätzung, Konsum, Liebe, Sexualität und Sex. Die Unterscheidungsfähigkeit, die ihnen helfen könnte, sich gegen Sätze wie "Wenn du mich liebst, dann schläfst du mit mir" angemessen zu wehren, ist ihnen abhanden gekommen bzw. nie vermittelt worden. Ein Beispiel: Es kommt ein Junge in die Klasse und ruft, "Hey Jungs, ich habe gestern eine flachgelegt!" Dabei ist gar nicht entscheidend, ob er das tatsächlich getan hat, sondern was er damit bezweckt. In Wirklichkeit geht es ihm um Anerkennung und Annahme unter Gleichaltrigen, nicht um Sex. Bei ihm und bei denen, die ihm Anerkennung zollen, haben sich die Kategorien vermischt. Obwohl Pornografiekonsum ein klassisch männliches Problemfeld zu sein scheint, gestehen immer mehr Mädchen, Pornos angeschaut zu haben, um bloß nicht als verklemmt aufzufallen. Auch hier eine Vermischung von gesunder Sehnsucht nach Annahme in der Clique und unangemessenem Mittel: Pornografie.

Unsere Aufgabe ist es, mit Jugendlichen diese Kategorien zu benennen und zu unterscheiden. Genauso notwendig ist es, mit ihnen über die Themen Beziehung und Sexualität aus ganzheitlicher Perspektive ins Gespräch zu kommen. Doch, woher Orientierung bekommen und wie weitergeben?

Orientierung - woher?

Die christliche Ethik legt einen Rahmen fest, in dem Sexualität ihr maximales und dauerhaftes Potential entfalten kann: die Ehe zwischen Mann und Frau. Auf ihr liegt eine Verheißung. Die Bibel weiß darum, wie kostbar und schutzbedürftig Sexualität ist und wie verletzlich der Mensch in diesem Bereich ist. Deshalb gibt sie den Rahmen der Ehe, der dem Menschen dienlich ist, vor. Dieser Horizont muss der nächsten Generation immer wieder vermittelt werden. So, wie der Sabbat um des Menschen willen da ist und nicht umgekehrt, sind ethische Normen notwendig, damit das Leben jedes Einzelnen gelingen kann. Wenn die Jugend das nicht versteht, wird auch für unsere Zeit gelten: "Nur selten mag eine Generation jeder theoretischen und programmatischen Ethik so uninteressiert gegenübergestanden haben wie die unsere." (Dietrich Bonhoeffer)

Eine christlichen Gemeinde, die auf die Sehnsüchte der Jungen mit dem rigiden Satz "Kein Sex vor der Ehe!" antwortet, begeht einen dreifachen Fehler. Sexualität wird erstens auf den Akt des Geschlechtsverkehrs reduziert. Von daher rühren die Fragen Jugendlicher, wie weit man denn kurz vor dem Geschlechtsverkehr gehen dürfe.

Das weist bereits auf ein gespaltenes Verständnis von Sexualität hin, die nicht im ganzheitlichen Sinne verstanden wird. Zweitens haben wir es mit einem negativen Ansatz, einem Verbot, zu tun, der keinen positiven Zugang bzw. Umgang mit der erwachenden Sexualität bietet. Drittens: Moralische Appelle allein stellen eine Überforderung für Jugendliche dar, weil sie "in der Welt" leben, die auf schnelle sexuelle Erfahrung drängt. Jugendzeitschriften berichten in großer Ausführlichkeit und Schamlosigkeit von intimen Details. Um bloß nicht "out" zu sein oder um den Freund/die Freundin nicht zu verlieren, folgen sie den vermeintlich guten Ratschlägen der Medien und merken häufig erst im Nachhinein, dass es nicht hätte sein müssen. Sie unterliegen einem medial erzeugten Druck ("Alle haben schon, nur ich nicht!"), von dem sie sich sehr schwer abgrenzen können. Hinzu kommen ihre eigenen Gefühle und Sehnsüchte. Überwältigt vom Verliebtsein, der Faszination des anderen Geschlechts und der steten "Sehnsucht nach mehr Intimität" lassen sich Jugendliche unvorbereitet und ungeplant auf das "erste Mal" ein.

Was meint der ganzheitliche Aspekt?

Die gängige Sexualaufklärung beschränkt ihr Anliegen häufig auf die Vermittlung von Verhütungswissen. Jugendliche sollen verstehen, wie die Pille oder das Kondom anzuwenden ist - und das mitunter schon als 12- bis 14jährige. Für sie bedeutet dieses Wissen im Umkehrschluss: "Für Geschlechtsverkehr bin ich reif, wenn ich ein Kondom verwenden kann." Um in ihrem Umfeld konstruktiv und selbstbestimmt als junge Männer und Frauen ihre Sexualität gestalten zu können, brauchen sie eine Aufklärung, die sich nicht nur um Körper und Gefühle dreht, sondern auch den Verstand, Beziehungsfragen sowie Glauben und Lebenskultur einschließt. Erst eine solche ganzheitliche Betrachtung ermöglicht die positive Integration der Sexualität in die Persönlichkeitsentwicklung und hilft, die Gründe für ethische Maßstäbe in Bezug auf Sexualität zu verstehen.

Vom Schock zum Dialog

Wie können Erzieher reagieren, wenn herauskommt, dass Jugendliche pornografisches Material herumreichen oder Pornoclips auf ihrem Handy zeigen? Für viele Eltern und Lehrer ist es erst einmal ein Schock, sie sind oft zu verunsichert, um das Thema konstruktiv anzupacken. Es ist eine legitime Forderung von Eltern und Pädagogen, die Verbreitung und Darstellung pornografischen Materials zu verbieten. Grenzen sind gut und müssen auch eingefordert werden. Die Maßnahme mag kurzfristig und oberflächlich Erfolg haben, kann aber auf Dauer für beide Seiten nicht befriedigend sein. Das "Problem" ist vom Tisch, findet aber andere Kanäle im Heimlichen.

Deswegen ist es notwendig, einen Schritt weiterzugehen und zum selbständigen, mündigen Denken und Handeln anzuregen. Dies geschieht, wenn Erziehung bzw. Pädagogik auf die Stärkung der ursprünglichen, positiven Sehnsucht nach Annahme, Wertschätzung, Nähe, Liebe, Ehe und Familie zielt und darauf aufbaut. Speziell im Bereich der Pornografie geht es darum, das eigene heile Schamempfinden zu aktivieren, denn - im Gegensatz zur Beschämung - schützt es das Intime und stärkt als persönlicher Schutzwall die eigentliche, gesunde Sehnsucht. Jeder Erzieher möchte nachhaltig und wirksam handeln. Daher ist es wichtig, sich bewusst zu machen, warum man das Anschauen von Pornografie nicht möchte. Warum rät man dem Kind davon ab? Aus moralischem Anspruch, weil das etwas ist, was man nicht machen soll, was in christlichen Kreisen nicht sein darf? Geht es vor allem um die Sache oder geht es um die Person? Die Grundlage für einen Dialog zwischen dem Erzieher und dem Jugendlichen ist das authentische Interesse am Wohlergehen des Jugendlichen. Es muss unbedingt erkennbar sein und im Vordergrund stehen.

Das Gespräch öffnen

Jugendliche sind Beziehungswesen, auch wenn sie manchmal stachelig sind wie ein Kaktus. Selbst wenn sie provozieren und auf Abstand gehen, wollen sie ernstgenommen und gefragt werden! Wenn ein Erzieher die richtige Frage stellt, merken sie, dass ihre Meinung wirklich zählt. Eine passende Frage öffnet den Raum für ein Gespräch, sie lässt Widerspruch zu und nimmt dem Gegenüber die Waffen aus der Hand. Außerdem helfen gute Fragen dem jungen Menschen, die eigene Position neu zu überdenken und sich eine eigene Meinung zu bilden. Das fördert selbständiges Denken. Folgende Fragen können dabei hilfreich sein. (Es bietet sich an, ein thematisch passendes Bild, z.B. eine unbekleidete Frau aus einer Hautcremewerbung zu präsentieren. Die Übertragung auf pornografisches Material geschieht automatisch):

* Würdest du dich als Junge/Mädchen so darstellen lassen?
*
Was würdest du sagen, wenn das deine Schwester oder Mutter wäre?
* Fändest du es auch toll, wenn sich deine Freundin so darstellen würde?

Bilder aus Medien sind meistens entpersonalisiert, sie stellen Menschen als Objekte dar. Die eben genannten Fragen "personalisieren" die Bilder, indem sie ihnen einen zwischenmenschlichen Bezugspunkt geben ("dahinter stecken Menschen wie du und ich"). Diese Fragen rücken die dargestellte Person in einen Rahmen, der sich vom Beziehungsgefüge des Jugendlichen womöglich kaum unterscheidet.

In der Regel werden Jugendliche die Fragen mit einem klaren "Nein" beantworten. Um der Nachhaltigkeit willen hilft es, wenn sie aufgefordert werden, auch das Warum zu beantworten. Wir helfen ihnen, wenn sie die Antworten selbst formulieren und artikulieren müssen. Außerdem befreit es die Erziehungsperson davon, als "moralische Instanz" auftreten zu müssen. Ein "Und warum nicht?" öffnet den Raum und ermutigt Jugendliche, das zu sagen, was gute Erzieher selbst sagen würden. Dabei ist es wichtig, dass der/die Jugendliche merkt, dass es um ihn/sie geht. Dass er/sie eines Tages eine erfüllte Beziehung leben kann. Er/sie muss sich entscheiden: "Welchen Weg und welche Mittel wende ich an, um dahin zu kommen? Von welchen Bildern lasse ich mich, meinen Partner bzw. meine Partnerin und unsere erotischen Vorstellungen prägen?"

Es ist von Vorteil, diese Fragen in einer Gruppe von Jugendlichen durchzugehen, denn die "Verteidigung" der ethischen Position durch Gleichaltrige ist wesentlich wirksamer als die bloße Vorgabe durch Erwachsene. Außerdem wird die Stimme derer gestärkt, die sich sonst nicht trauen, etwas zu sagen.

Weiterführende Fragen können lauten:

* Was machen diese Bilder mit dir?
* Wie würde es dir gehen, wenn dich jemand heimlich beobachtet, wenn du nackt bist?
* Angenommen du hast eine Freundin. Was denkst du, was sie davon halten würde, wenn sie wüsste, dass du dir Pornos reinziehst?

Jugendliche stärken

Man wird schnell feststellen, dass das, was Jugendliche wollen und was die Bibel mit ihren Geboten bewirken möchte, eine sehr große Schnittmenge bilden. Diese Erkenntnis wird anschaulich nachvollziehbar, wenn Kindern und Jugendliche ethische Forderungen mit ihrer Erlebnis- und Erfahrungswelt verknüpfen können. So verstehen sie auf einer tieferen Ebene, warum dieses oder jenes von ihnen gefordert wird.

Die Jugendzeit ist eine Umbruchsphase, verbunden mit vielen Verunsicherungen und Veränderungen. Helfen wir unseren Jugendlichen, sich selbst zu verstehen. Helfen wir ihnen, mit den medialen Anforderungen und dem sozialen Druck umzugehen, ihre Wünsche zu formulieren und adäquate Mittel zu ihrer Erfüllung zu finden. Stärken wir ihre positive Sehnsucht nach Ehe und Familie und zeigen wir ihnen Wege auf, diese in Verantwortung zu gestalten und zu leben. Diese Würde steht ihnen zu.

Zwischen Sehnsucht und Verführung

Sie suchen ein Programm, das die im Artikel genannten Forderungen konstruktiv umsetzt? TeenSTAR bietet Ausbildungs­seminare für Eltern, Gruppenleiter, Lehrer und alle Interessierten, die mit Jugendlichen leben und mit ­ihnen arbeiten.

TeenSTAR ist ein sexualpädago­gisches Programm für Jugendliche und junge Erwachsene, das folgendes möchte :

* jungen Menschen im Bereich von Freundschaft, Liebe, Fruchtbarkeit und Sexualität ganzheitliche Orientierung bieten

* die Integration der sich entwickelnden Sexualität in die Gesamtpersönlichkeit erleichtern

* Jugendliche zu Verantwortung und Reife im Umgang mit ihrer ­Sexualität führen

* die Persönlichkeitsentwicklung junger Menschen fördern

* die Eltern bewusst in die Be­gleitung ihrer Söhne und Töchter in diesem sensiblen Bereich einbe­ziehen und sie in ihrer Erziehungsverantwortung stärken.

Weitere Informationen:

Deutschland: www.teen-star.de

Österreich: www.teenstar.at

Schweiz: www.teenstar.ch

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